Nr. 302.
Marburg, Sonnabend, 25. December 1875.
X Z-hkMg.
Xmetgen nimmt entgegen: He »xpebitiex b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co in Raffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein L Vogler in Frantfurt a. M, Berlin, Leipzig, Evin rc; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Wcrhcffislhe Jätung.
Anzeigen nimmt entgegen: die EÄedttton d. Blatte», sowie die Ännoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäaer'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, Ä. Rete» weher in Berlin; Earl Schußler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Orftbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,J»Uftrirte» 6anetag»»lett durch bte ®^ebihon (R o 4 f<be ** Buchdruckerei) bezogen 2i Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pf«. (eil. Bestellgebühr). — Jnsertton^ebühr für bte gespaltene Zeile 10 Pf».
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Der »taub de- kirchen-politischen Kampfes.
Schon bei Beginn der Verhandlungen des deutschen Reichstage» brach sich die Ueberzeugung Bahn, daß der Culturkampf an Schärfe verloren habe und die Verhandlungen so gut wie gar nicht berühren werde. ES hat sich diese Auffassung während der diesjährigen Session als durchaus richtig erwiesen, denn die Ultramontanen zeigten eine Mäßigung, wie man e» bei ihnen schon lange nicht gewöhnt war. Die Frage ist daher nicht unberechtigt: wie steht e« jetzt mit dem kirchen politischen Kampfe? hat die Regierung Frieden mit der Kirche gemacht und ist ein modus vivendi eingetreten oder steht uns gar eine Reaktion bevor, wie vielfach behauptet wird. Bei genauer Betrachtung der Sachlage erweist sich beide« al« durchaus unbegründet. Die Regierung hat von ihrer Stellung bisher keinen Fußbreit aufgegeben. Es ist ihr niemals in btn Sinn gekommen, die katholische Kirche zu unterdrücken, die Katholiken ihre« Glaubens wegen zu verfolgen und sie mit Gewalt zum Protestantismus zu bekehren. Toleranz, Gewisiensfreiheik und Parität der Confefsionen waren von jeher da« Palladium de« preußischen Staates, wodurch er R* bine Stellung in der Geschichte erworben, und sich uim Vorkämpfer der GeisteSfreiheit gemacht hat. Aber ebenso war auch von Anbeginn an, wie es die Geschichte
KkMllNgkN £ vberhesfische« Zeitung mit Illustrirtem Sonntagsvlatt, bitten wir vor Ablauf dieses Monats gef. bei der Post machen zu wollen, um im Stande zu sein vollständige Exemplare zu liefern.
Im unterhaltenden Theil der Oberhessischen Zeitung erscheint demnächst Der blaue Reiter, Criminal-Novelle von Julie Düngern, und in Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes: Unter dem Bannstrahl, Novelle von F. Klink.
Es empfiehlt fich diesesmal ganz besonders die Bestellung vor dem 30. December zu machen, da die Nr. 1 des Jllustrirten Sonntagsblattes mit der Nr. 1 der Zeitung versandt werden muß. Außerdem aber beabsichtigt die Expedition unseren verehrten Abonnenten mit Nr. 1 ein niedliches Neujahrs-Geschenk zu überreichen, wer das nun rechtzeitig haben will, muß vor allen Dingen recht- zeitia bestellen!
5 B Die Exp. d. Oberh. Zeit.
des Großen Kurfürsten und Friedrich deS Großen nach- weist, die Souveränetät des Staates, das Prinzip, welches nicht minder in Preußen zur Entwickelung gelangte. Niemals ist die Gleichberechtigung der Kirche mit dem Staate, oder gar die Oberherrschaft derselben in Preußen anerkannt worden. Immer galt als Grundsatz, daß alle kitch- ichen Gemeinschaften die Autorität der Staatsgesetze anerkennen muffen.
Wenn zu einer Zeit der Schwäche den kirchlichen Anmaßungen nachgegeben, und dadurch das Ansehen der StaatSautorität geschädigt wurde, so ist nun diesem Hebel- tanbe vollständig abgeholfen; die Grenzen der staatlichen Hoheit sind gezogen und die Kirche auf das rein kirchliche Gebiet zurückgewiesen, in welches sich der preußische Staat niemals eindrängen wird. Die Gesetze, welche in den letzten Jahren zur Regelung der kirchen-politischen Lage erlassen worden sind, stehen in voller Kraft. Alles geht seinen regelmäßigen Gang und eö zeigt sich, daß alle Drohungen und alle Lamentationen deS CleruS und der ultramontanen Partei nicht im Stande gewesen sind auch nur eine einzige Bestimmung zu entkräften, oder gar das katholische Volk zu einer revolutionären Erhebung auszustacheln. Die katholischen Gemeinden haben sich nicht einmal bereit gefunden, die Ausfälle in den Einnahmen des CleruS zu decken, die durch die Einbehaltung seiner Dotationen von Seiten des Staates entstanden sind.
Innerhalb der ultramontanen Partei bricht sich immer mehr die Erkenntniß Bahn, daß sie den Kampf ohne richtige Schätzung ihrer Macht angefangen hat. Es war allerdings ein kühnes Unterfangen, dem deutschen Kaiser und seinem Kanzler den Fehdehandschuh Hinzuwersen, weil diese nicht bereit waren, zu Gunsten deS Papstes einen Kreuzzug zu unternehmen und den Kirchenstaat wieder het- zustellen. In den altromontanen Kreisen hat sich der Feuereifer deS Wiederstandes gewaltig abgekühlt: man er kennt allrnälig den großen Fehler, den man begangen hat, als man den Kampf gegen die Regierung anfing, und gewinnt die Ueberzeugung, daß eS besser sei, Frieden be Zeiten zu machen, als einen aussichtslosen Kampf weiter fortzusetzen.
So ist augenblicklich der Stand des kirchen-politischen Kampfe»: vollständiger Sieg auf Seiten des Staates und totale Niederlage auf Seiten der Kirche. Der Kampf ruht in Folge dessen; der Staat ist bis auf die äußerste Grenze vorgedrungen, das Gebiet, was er zurückfordern mußte, ist vollständig in feinen Händen, die Kirche hat kein Mitte des Widerstandes mehr, alle Waffen sind ihr entrungen, und es bleibt ihr nichts weiter übrig, als um Frieden zu bitten und di- Autorität de« Staates anzuerkennen. Ader auch allein auf dieser Basis kann der Frieden zu Stande kommen, und e« ist eine vollständig verkehrte Auffassung
der Situation, wenn man hin und wieder verbreitet, die Regierung fei bereit, da« eroberte Terrain wieder herauszugeben, und die Kirche in ihre frühere Machtbefugniß zu restituiren.
Xage»beri$t.
In der letzten Sitzung de« BundeSrathe« wurde der Entwurf eine» Gesetzes wegen der Vernehmung de» Reichskanzler«, der Minister u. s. w. al« Zeugen ober Sachver- tändige dem Justizausschuß überwiesen. Da« Gesetz belebt aus drei Paragraphen. In dem ersten wird feftge- etzt, daß der Reichskanzler, die Minister, die Mitglieder des Bundesrathes und der obersten Reichsbehörden, sowie die Mitglieder der Ministerien nur an ihrem A-ntSsttze, und die Mitglieder einer gesetzgebenden Versammlung — während der Sitzungsperiode nur am Orte der Versammlung als Zeugen ober Sachverständige vernommen werden dürfen. Nach Parapraph 2 soll nur auf Genehmigung des Kaisers, der Landesherren, de« Bundesrathes, der gesetzgebenden Versammlungen von der ersten Bestimmung abgegangen werden können. Nach Paragraph 3 soll an Stelle der mündlichen Aussage die schriftliche Erstattung treten.
Die Ergebnisse der Berathungen der außerordentlichen Generalsynode finden in dem größten Theile der deutschm Presse eine sehr günstige Beurtheilung. Auch da« Hauptorgan der Fortschrittspartei, die „Vossische Ztg.", spricht sich entschieden günstig über das Resultat au» und findet in demselben einen wesentlichen Fortschritt. Rur die beiden extremen Richtungen, die hyper-orthodoxe, sowie die radikale, welche ihren Ausgang in den freien Gemeinden hat, findet sich nicht befriedigt von dem VersassungSentwurf der Generalsynode.
Nachdem sich die Kaisermächte über den Reformentwmf, welchen sie der Pforte zur Annahme empfehlen wollen, geeinigt haben, ist derselbe jetzt den übrigen Mächten übersandt worben, damit dieselben sich ihrem Schritte anschließen. WaS den Inhalt diese« Entwürfe« anbetrifft, so ist er dadurch wesentlich abweichend von dem Reform-Ferman de« Sultan«, daß er sich nur mit den infurgirten Provinzen beschäftigt und den übrigen Theil der Türkei ganz außer Augen läßt, während umgekehrt der Ferman de« Sultans nur Conresstonen für feine treuen Untertanen enthält, die Insurgenten also damit von den Wohlthaten, die er in Aussicht stellt, ausschließt. Die Mächte haben also fich vorzugsweise der infurgirten Provinzen angenommen und legen ein Hauptgewicht auf die Herbeiführung geordneter Zustände in denselben, ohne den Sultan zu verhindern, seine Reformen auch in den übrigen Provinzen herbeizu- jühren.
Zu Wer ReujahrSuacht.
Driginal-Grjäblung von Ernst Streben.
/ ; (Fortsetzung.)
Jetzt stand der Vorangegangene am Fuße de« ThurmeS bei der Pforte still, deren Arabesken und phantastische Schnörkeleien, theilweise beleuchtet, wie unheimlich aus- schauende Zerrbilder hervortraten, indem er die Leuchte ewporhob, den schweren Schlüssel in da« Schloß steckte und ausschloß. Knarrend in ihren Angeln ging die Thür aus und ließ wie in einen weiten, schwarzen Schlund hinein- sehen. Er wendete sich um und man erkannte die stattliche Figur, die scharsgeschnittenen GestchtSzüge, von dem krausen Bart umrahmt, und da« lange, schwarze Haar deS tollen MattheS.
„Wo nur, zum WetterI der Kriwitz stecken mag!" rief er den beiden Ankommenden entgegen. „Dachte unterwegs auf ihn zu stoßen, da er vom verabredeten Orte schon fort war. Am Ende wird er noch zu spät kommen uni» die paar hundert Stusen bis oben hinauf sind ein jaure« Stück Arbeit für feine kurzen Beine. Doch einerlei, mag er selber zusehen l Wir können hier unten nicht stehen bleiben und unS nach ihm aufhalten 1"
„Ich glaube, daß er eben daher kommt!" meinte Friedrich, »ach der entgegengesetzten Richtung auSfchauend, von wo sich allerdings die Gestalt eine« Menschen mit kurzen, aber hastigen Schritten näherte.
„Warten Sie doch, meine Herren, um’« Himmel« willen warten Siel* rief dieser ihnen schon von Weitem entgegen. „Rehmen Sie mich doch gleich mit fich auf den Thurm!"
Er kam trappelnd midschnanfinb näher hinzu.
„©inen Augenblicks sagte er, „ich bin so gelaufen. Uf, wie da» einen angreift, und nun all' die Stiegen l Um Alle« in der Welt möchte ich nicht allein da hinauf; aber
wa« thut man nicht, um einige Groschen mehr zu verdienen, wenn man Familienvater ist und eine Frau, dazu vier unmündige Kinder zu Hause hat!"
Kriwitz war ein untersetzter, strammer, kleiner Mann von mittleren Jahren, mit einem runden, vollwangigen Gesicht, au« dem eie Aeuglein pfiffig he-vorblickten. Er trug, wie seine Genossen auch, ein sorgsam eingehüüte« Blasinstrument unter dem Arm. Kinn und Hals waren in einen wollenen Shawl gewickelt.
„Brr l" machte er, sich die Fingerspitzen, mit dicken Fausthandschuhen bekleidet, an einander reibend. „Unangenehme Geschichte das, bei Nacht und Nebel auf den alten, zugigen Thurm zu klettern; all die baufälligen Treppen hinauf, um Denen hier unten was vorzublasen, die bei ihrem Punsch und Wein nicht einmal groß darauf hören! Mir ist ordentlich flau zu Muthe. — Hab' ohnedies vor Kurzem einen garstigen Schreck gehabt — und nun der alte, düstere Thurm, wo es schon am Tage nicht geheuer ist. — Ach, Gott steh' uns bei, ich bin wirklich angegriffen! Säß' auch wahrhaftig lieber zu Haufe hinter einem rechtschaffenen Glase, als hier da» Mordsende hinaufzuktaspern!"
„Habe einen guten Tropfen bei mir!" warf MattheS dazwischen, auf seine Flasche schlagend, „und ihr sollt ihn nawher auch verkosten. Doch jetzt, den besten Fuß vorgesetzt! Stellt Euch vor, eS wäre die Himmelsleiter, die ja auch steil und beschwerlich sein soll. Vorwärts und laßt das Lamento unterwegs!"
Die Schritte der Wandelnden wiederhallten hart auf {bem steinernen Fußboden. Streiflichter fielen auf hohen Säulen mit gewundenem Schaft und zierlichem Knauf geschmückt, zwischen denen sich die düstern Gänge endlo« zu strecken schienen; flogen die Wände hinan wo vor Alter geschwärzte Bildnisse «und Gitterwerk von durchbrochener Schnitzarbeit fich befanden. Hoch und höher schien fich
die Wölbung über ihren Häuptern zu erheben, indem sie die freischwebende Wendeltreppe, die zum Chor führte, hinaufstiegen; Kriwitz prustend und furchtsame Blicke um sich werfend, MattheS augenscheinlich ernsthaft gestimmt, und Heinrich, von der vorausgegangenen WirthShauSscene, dem genossenen Getränk und der eigentümlichen Umgebung aufgeregt, gleichwie in einem wachen, wüsten Traum. Et war ihm wunderlich und feltfam zu Sinn, al« müsse ei nun und immerbar steigen, steigen ohne Ende, immer höhei und höher, bi« jeder wirre Laut, jeder Lärm wie jedei Schmerz der Erde versunken und vergessen unter ihm läge daß er ihn nimmermehr verfolgen und erreichen könne uni tief auf bem Grunbe bleiben müsse bi« in alle Ewigkeit „Vorgesehen!" sagte bet Förster, halb sich umbrehenb unb ließ ba« volle Licht seiner Laterne auf einige klaffend Stellen bet Thurmtreppe fallen, welche sie feit einiger Zei schon erklimmten, unb beten Sprossen unter ihren Tritte, ächzten unb knarrten.
„Ach, bu grunbgütigfte Barmherzigkeit," stöhnte Kriwif mit einem bänglichen Seufzer. „Angst unb Gefahr voll auf, unb baju bet kalte Zug, bet Einem bi« auf bie Ge deine durchholt! Wenn wir hier heruntetfieleu in bi fchaubethafte Tiefe, unb bie verwünschte Treppe ist so bau fällig, baß mit angst unb bange wirb! Daß Gol erbarm’!"
„So runde, korpulente Leutchen wie unser Kriwü sollten freilich keine Thutmstiegen hinaufklettetn!" spottet Matthes. „Aber Courage, Freundchen, wir find gleit zur Stelle!"
Sie hatten eine kleine Plattform erreicht und beträte eine Art von viereckigem Gemach, wo e» wüst und ungaf lich genug au«sah. Kahle, getünchte Winde mit Nische unb Vorsprüngen in der Mauer, wo da» Alter und d Einflüsse der Witterung mannigfaltige Riffe und Sprüns