ffr. LSS
Marburg, Freitag, 17. December 1875.
x. Jahrgang.
Inuigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Eo. in Jteflel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leio- aig, 6öln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
WcrhcUchr Inlung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Matte«, sowie d,e Annoncen-Bureaux von (3 L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.' Jägec'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalideudauk, A. Siete- rneyer in Berlin; Carl Schliß- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
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Tagesbericht
Die neueste „Provinzial -Korrespondenz" reprvducirt den Trinkspruch de« Kaiser« Alexander bei dem GeorgS- Ritterfest und bemerkt dazu: Diese Worte werden in ihrer hohen Bedeutung überall gewürdigt, um so mehr, als die Drei-Äaiser-Politik unter dem Zutritt mächtiger Staaten ihre gewaltige «rast zur friedlichen Lösung großer Fragen thatsächltch bewährt.
In der Debatte über die Strasgesetznovelle sprach der Reichskanzler über die mancherlei Unannehmlichkeiten, welche durch die so kurz bemessene Zeit für den Reichstag entstehe. Er wie« darauf hin, daß die BerathungSzeit vor Weihnachten regelmäßig Klagen herbeiführen würde, und daß erst dann alle Uebelstände beseitigt werden könnten, wenn sich der Reichstag entschlösse, das Budget süe % Jahre zu berathen. — Nach den Erörterungen deS Reichskanzlers ist anzunehmen, daß die Sesstonszeit für den Reichstag in Zukunft auf da« Quartal von Neujahr bis Ost-rn verlegt werden soll. Indessen mutz die« durch ein eigenes Gesetz geschehen, in welchem zugleich angeordnet wird, daß alle anderen legislatorischen Versammlungen in Deutschland, die Landtage sowohl al« die Provinziallandtage auf den Zeitpunkt vor Weihnachten verlegt werden.
Während der Anwesenheit deS russischen Kanzler«, Fürsten Gortschakoff, in Berlin ist in der Conserenz zwischen ihm und dem Fürsten Bismarck sehr eingehend über den Ankauf der Suezkanal Aktien verhandelt worden. Man hätte gern zu dieser Conferenz auch den französischen Botschafter Gontaut- Biron herangezogen, indessen war die« unmöglich, weil sich derselbe in Pari« aushielt. Wenigsten« hätte man annehmen können, daß der französische Botschafter, der jedenfalls von der Anwesenheit de« russischen Kanzlers unterrichtet war, und auch die Bedeutung der Berliner Conferenzen zu schätzen im Stande sein konnte, eS so eingerichtet hätte, daß er wenigstens für einige Tage nach Berlin zurückgekehrt wäre.
Graf Ann» hat » der „Boss. Zig." ein Schreiben veröffentlicht, in welchem er gegen die Beschuldigungen de« Fürsten Bismarck in besten erster Rede über die Strafgesetznovelle polemisirt, und in seiner bekannten Att und Weise stch ole vollständig unschuldig hinstellt. Indessen wird die publicistische Stylübung de« Exbotschafters schwerlich im Stande sein, Eindruck auf die öffentliche Meinung zu machen.
Den Handelskammern ist ein Gesetzentwurf, betreffend die gesetzliche Regelung deS FeingehaUS der Silbermünzen (Silberwaaren) zur Begutachtung vorgelegt. Derselbe begreift allerdings die Festsetzung gewisser Normen, für die Angabe de« Feingehalts in sich, deren Anwendung jedoch nicht obligatorisch, sondern nur fakultativ sein soll.
Dee preußische Landtag tritt am 16. Januar zusammen. ES wird demselben sofort das Budget vorgelegt, und im Uebrigen darauf Bedacht genommen werben, beide Häuser nach den einleitenden Geschäften bis zum Schluffe des Reichstage« zu vertagen. Während dieser Zeit sollen einzelne Lanotaz-eommissionen da« Material für oaS Pteauin vor bereiten. In der Zwischenzeit wird e« auch jenen Mit
gliedern, welche in den Provinziallandtagen thätig sind, möglich werden, ihre Obliegenheiten in diesen zu erfüllen. Im Großen und Ganzen glaubt man, daß die Parlaments- Campagne im nächsten Jahre früher als sonst schließen, da her aber auch erheblich frühzeitiger im Herbst wieder beginnen wird, da mit dem Ende deS JahreS die Legislaturperiode deS Reichstages oblauft, und vor dieser Zeit die Justizge- setze noch fertig zu stellen sind.
Die Linke trägt in Frankreich bei der Senatorenwahl entschiedene und sich fortwährend wiederholende Siege über die Regierung davon, so daß eS vorauszusehen ist, daß ihr Einfluß in dem künftigen Senate der vorherrschende sein wird; das Ministerium will jedoch diese Niederlage nicht als einen hinreichenden Grund für seinen Rücktritt ansehen, sondern bis zur Debatte über den Belagerungszustand warten, um ein Vertrauensvotum zu verlangen.
Man schreibt aus Rom: Die deutschen Bischöfe haben im Vatican angefragt, ob es unter den anderen Vergleichsversuchen, um zu einem modus vivendi mit der Regierung zu gelangen, auch einen Vorschlag betreffs der Kirchenge setze machen zu dürfen, sind aber abschläglich beschieden worden, weil jene Kirchengesetze, sowohl dem Geiste wie dem Buchstaben nach gegen die Satzungen der Kirche verstoßen.
Deutsche- Reich.
** Berlin, 15. Dec. Aus Veranlassung des Besuches des deutschen Kaiser« in Italien hatten die deutsche und die italienische Telegraphen - Verwaltung mit Zustimmung der schweizerischen eine direkte Telegraphen - Verbindung zwischen Berlin und Mailand hergestellt. ES wurden aus derselben vom 16. bis 23. Oktober incl. 848 Depeschen befördert, von denen viele 100 bis 200 Wörter umfaßten. Die größte Zahl der Depeschen wurde am Tage nach der Ankunft des Kaiser«, am 19. Oktober, nämlich 162, expe- dirt, demnächst kam der 18. mit 148 und der 20. mit 400 Depeschen. — Neuerding« sind Eisenbahnen in Deutschland eröffnet worden: zwischen Neumünster in Holstein und OldeSloe, zwischen Großbother und Rochlitz und zwischen Posen und Creutzberg. Sie werden simmtlich zur Beförderung von Postsendungen benutzt, was auch jetzt mit der bereits am 1. November eröffneten Eisenbahn zwischen Freiberg in Sachsen und Mulda geschieht. — In den nächsten Wochen steht die Betriebseröffnung einer ferneren Zahl von Eisenbahnen in Aussicht, welche ebenfalls zur Beförderung von Postsendungen verwendet werden. — Lei Der großen Fischarmuth, welche durch die rücksichtslose Befischung unserer Gewässer herbeigeführt worden ist, und bei den be- wundernSwerthen Erfolgen, welche die künstliche Fischzucht erzielt, ist in einer nicht unbedeutenden Zahl von land wirihschastlichen Vereinen die Frage wegen Neubevölkerung unserer Ströme, Flüsse, Teiche und Seen mit Fischen den eingehendsten Besprechungen unterworfen worden. Es wurde überall die Nothwendigkeil erkannt, Maßregeln zur Hebung der Fischzucht, zur Schonung der noch vorhandenen Fische rc. zu treffen. Es ist zu erwarten, daß stch an vielen Stellen
Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke.
(Schluß.«
Sie sagte e«; und in der Thai schien ihnen ein Unglück nachzukommen. Sie hörten hinter sich die raschen Fußtritte eint» Menschen, bald näher seinen fliegenden Odem. Er nahm, da er ihrer in der Finsterniß gewahr ward, die Richtung gegen sie. Wilmson, als er dies bemerkte, blieb stehen. Er erkannte den Mann nicht, der nur einen Augenblick verweilte, und mit kurzathmiger, hastiger, ängstlicher Stimme sagte: „Um Gotteswillen, machen Sie sich fort! fort! Sie werden arretin! Eilen Sie davon, so schnell Sie können!" — Damit rannte der Mensch hinweg. Wilmson stand bestürzt neben Clementinen und sagte: „WaS ist da«? Hat der König den Sinn geändert? Bereut er, mein Glück gemacht zu haben? Hat er vielleicht erfahren, daß er mit wider seinen Willen Dich gab, Du höchstes Ziel meiner Wünsche? Laß uns eilen l Die Warnung kommt von meinem guten Obersten!*
»Meine Glieder aber sind vom Schrecken wie gebrochen !N seuszte Clementine: „Meine Ahnung, o meine Ahnung! Ich kann nicht weiter. Laß mich Odem schöpfen."
Sie sank mit diesen Worten kraftlos. Er hielt sie im Fallen. Er hob sie auf seinen Arm und trug sie schnellen Schrittes fort. Nicht lange war « gegangen, bemerkte er in der Finstcrniß unter den «Bäumen einen wartenden Wagen. Er näherte sich demselben. Ein breitschulteriger Mann saß auf dem Kutschenbock; ein Anderer riß den «utschenschlag auf und tief mit gedämpfter Stimme: „Ge
schwind hinein! geschwind! wir dürsen keinen Augenblick verlieren." Man hob die entkräftete Clementine in den Reisewagen; schnell folgte Wilmfon. Der Dimer fprang auf den Kutschensitz. Im Trab ging'S davon.
Clemmtine schien in einer Ohnmacht. Wilmson gerieth in Angst. Er wollte halten lassen, in der Hoffnung, frische« Waffer in der Nähe zu finden. Er lehnte sich zum Kutschenschlag hinaus und rief: „Krabb, Ärabb!"
„Teufel, was soll da«, Herr Wilmfon, find Sie toll und besessen?" erwiderte die Stimme de« barschen Invaliden durch die Finsterniß und der Wagen flog unaufhalt- sam weiter. Zum Glück erholte sich Clementine. Sie that einen tiefen Seufzer. Sie hob an zu sprechen und fragte: „Wo sind wir?"
Es gelang ihm, liebkosend die Furchtsame zu beruhigen. Was ihn selber aber am meisten beruhigte, war eine Flasche Malaga und einige Eßwaare, die er beim Suchen und Umhertappen in den Wagentaschen fand. Der edle, bittersüße Feuertrank auS den hesperischen Gärten stellte Cle mentinens Kräfte her und erquickte auch ihn, daß er zur frohen Laune zurückkehrte. Welch eine himmlische Rächt, wenn schon kein Stern herniederfunkelte! Sein junges Weib an der Brust, schien e«, als werd' er in einem Wol- kenwagen durch die Lüste getragen.
Bald aber hatten die Glücklichen neue Ursache zur Unruhe. Man hörte in einiger Entfernung hinten Pferde- getrappel, Menschenstimmen. Offenbar wurden sie von Nachsetzenden verfolgt. 66 scholl deutlich au« der Ferne das schreckliche „Halt! Halt!" und die auf dem Bocke vorn riefen: „Vorwärts!" Die Peitsche pfiff; die Pferde spreng-
Fischzucht-Vereine bilden werden und daß zur weiteren Anlage von Fifchbrut-Anstalten geschritten werden wird.
Wetzlar, 12. Dec. Der Landtags Abgeordnete de« Kreises Wetzlar, Herr Kreisgerichtsdirektor Steltzer von hier, erstattete heute Nachmittag auf mehrfachen Wunsch seiner Wähler im Saale deS „Römischen Kaiser«" Bericht über feine, resp. des Landtages Thätigkeit in der letzten Sitzungsperiode. Nachdem'jdie Versammlung den Gymnastal- Direklor Herrn Peertz hierselbst zum Vorsitzenden gewählt hatte, begann der Herr Abgeordnete seinen Vortrag, den er der besseren Ueberstcht wegen in zwei Haupitheile schied. In dem ersten Theile erörterte er hauptsächlich die Gründe, welche ihn bewogen hatten, sich bis jetzt keiner der größeren Fraktionen des Abgeordnetenhauses anzuschließen, in dem zweiten größeren Theile besprach der Redner theil« in kürzerer, theils in längerer AuSlaffung die au« der letzten Sitzungsperiode de» Landtages hervorgegangenen Gesetze und seine persönliche Stellung jedem einzelnen derselben gegenüber Hieraus ergab sich, daß der Herr Abgeordnete immer wenigsiens in Bezug auf jedes Gesetz im Ganzen — mit der Majorität des Hause» gestimmt hatte, wenn auch einzelne Paragraphen derselben hin und wieder seine Sympathie nicht fanden. Bezüglich der Lahncorrection, welche gleichfalls in dem Vorträge zur Sprache kam, erklärte der Redner, daß er gegebenen Falls zwar zu Gunsten derselben stimmen werde, daß er sich aber persönlich keine großen Vortheile davon verspreche, da die Abgaben, welche die Regierung auf den Transport legen werde, um wieder zu ihren Auslagen zu gelangen, möglicherweise so hoch fein würden, daß an Gewinn nicht zu denken fein möchte; eine Ansicht, welche dem Redner am Schluffe außer einigen anderen Punkten Seitens dcs Abgeordneten für den Ärei» Biedenkopf, des Herrn Schulz, eine Interpellation zuzog. Der recht klar gehaltene, inteteffante Vortrag dauerte, ohne sein projektirtes Ende zu erreichen, circa 3 Stunden. Aus Wunsch der Versammlung wird der Herr Abgeordnete wahr- sckeinlich Anfangs nächsten Jahres einen zweiten Vortrag halten, dem wir einen zahlreicheren Hörerkreis wünschen, als der heutige leider gefunden hat.
Breme», 15. Dec. Die polizeiliche Untersuchung hat festgestellt, daß Thomas (richtiger Thomasten) eingestandm hat, der Verfertiger des Explosions-Werkes zu fein, welches er mit einem in bestimmter Frist ablaufenben Uhrwerk versehen habe, das er auSwärt» hatte anfertigen lassen. Welcher Art der Sprengstoff war und ob daS Faß außer demselben noch Geschoßmaterial enthielt, scheint noch nicht festgestellt zu sein. ES bestätigt sich ferner, daß Thomas die Zu- fommenfteBung de« Explosions Werke« in einer Remise in dem belebtesten Staditheile Bremen« innerhalb 14 Zagen bewirkte. Die Remise ist polizeilich untersucht, jedoch kein Sprengstoff, sondern nur Verpackungsmaterial darin gefunden worden. Zur Katastrophe in Bremerhaven berichtet die „Wes.-Ztg.": „Wie es heißt, soll e« gelungen fein, für die Vermulhung, daß sich in dem Fasse ein Uhrwerk befunden habe, welche« nach einer bestimmten Zeit die Zün-
ten mit dem Wagen über Stock und Stein, bi« stch hinterwärts jede Spur der Verfolgenden verlor.
So ging e« durch Dorf und Wald und Feld; bald schneller, bald langsamer, bis der Weg durch tiefen Flugsand führte. ES mochte Mitternacht schon vorüber fein. Man ließ die erschöpften Roste sich im Schritt erholen. Aber nicht lange, so hörte man wieder hinterwärts Roste wiehern. „Vorwärts!" schrien die vorn auf dem Bocke; die Peitsche pfiff. Rasch flog der Wagen über den Sand hin. „Halt! halt!" schrien schon ziemlich nahe die Verfolger. ES fielen einige Schüsse. Eine Äugel schlug durch den Wagen. Clementine bebte in Todesangst an Wilm- sons Brust.
Auch diesmal noch rettete die Kraft der vortrefflichen Roste. Die Nachsetzenden blieben weit im Sande zurück. Nur wenige Minuten hielt der Wagen vor einem einsamen Hof an. ES stand Vorspann bereit. Der wackere Ärabb hatte meisterhaft gesorgt. Mit frischen Rosten ging’« im Trab weiter. Nach und nach verlor stch die Furcht der Flüchtlinge wieder. Clementine sank übermüde an die Brust ihres Freundes und entschlummerte. Der Wagen zog weich durch den sandigen Weg hin. Die Stille uno Einförmigkeit der Bewegung lockte auch in WilmsonS Augen erquickenden Schlaf, gegen dessen Gewalt er stch vergeben« sträubte, Beide erwachten erst, al« schon da« Tageslicht begann und schon durch die aufgezogenen Äutschenfenster schimmerte. Sie fühlten, der Wagen halte. Sie hörten draußen heftigen Wortwechsel. Der alte Ärabb ließ sich mit seiner Donnerstimme in lästerlichen Schwüren und Flüchen vernehmen.