Mr. LS2»
Marburg, Dienstag, 14. December 1875.
x. Jahrgang.
Lnitlgen nimmt entgegen: Mt Sxpedttto« d. Blatte», sowie die Lnnoncen-Bureanr eon Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a M ; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. R. Berlin, Leipzig Eöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
WtrheWlhe Jätung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Aimoncen-Bureaux von 0. L- Daube & Co. in Sranlfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Stete- menet in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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Tage-bericht.
Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Der Kaiser muß sich wegm Heiserkeit schonen, hat aber die regelmäßigen Vorträge entgegen genommen.
Der Kaiser hat sich bestimmt und bedingungslos für dm Ankauf de» Kroll'schen Etablissement« zum Zweck der Errichtung de» ReichStagsgebäudes entschieden.
Der Bunde-rath hat die EinlSsungsfrist für die süd- dmtschen Gulden, welche mit Einführung der Reichswährung aufhSrm, legales Zahlungsmittel zu fein, auf vier Monate vom 1. Januar festgesetzt.
Das Gerücht, wonach die Thaler-Noten der Preußischen, künstigen ReichS-Bank in Kurzem aufgerufen und präcludirt werden sollen, wird aus bester Quelle als unbegründet bezeichnet. Von der Präcluston der betreffenden Noten kann überhaupt nicht die Rede sein, da eine solche die Bank- Ordnung vom 5. October 1846 nicht vorgesehen hat. Auch der Aufruf ist in ben nächsten Monaten nicht zu erwarten, weil die Fabrication der neuen Noten nicht hinreichend vor- geschritten ist. Die Zurückhaltung dieser Noten in den Händen der Besitzer wird als im Jntereffe des Handels standeS und al« wünscheuSwerth bezeichnet, da die in die vankkaffe geflossenen Noten nicht wieder ausgegeben werden, währmd im Verkehre alte und neue Noten verwendbar sind.
Der Abgeordnete Kapp hat in Gemeinschaft von 86 Genoffen eine Interpellation an ben Reichskanzler bahin eingebracht: 1) Welche Schritte gedenkt bie Reichsregierung zu chun, um bie Jntereffen bet beutschen Schifffahrt bei bet Unterfuchung bet Strandung des norddeutschen Lloyd- dampfer« „Deutschland" zu wahren, welcher am 6. d. M. bei «entisch - Knock vor der Themsemündung auffuhr. 2) Wann wird dem Reichstag ein Gesetzentwurf betreffend bie Untnffuchnng deutscher Schiffe vorgelegt werden? 3) Wie kommt e«, daß derartige, in einer Entfernung von etwa 17 Seemeilen von der mglischen Küste sich eteignenbe Un glückSfälle ausschließlich von den englischen Behörden unter- sucht werden. Diese Interpellation wird Montag auf die X Tagesordnung kommen.
Nachdem der Fürst Leopold von Lippe-Detmold gestorben ist, hat sein Bruder, Prinz Woldemar, bie Regierung am getreten und bereits eine Proklamation an seine Untertanen erlaffm, in welcher er verspricht, baß eS sein ernstes Bestreben sein würde, geordnete und friedliche Zustände herzustellen, und et gibt sich der Hoffnung hin, daß ihm der lippische VolkSstamm dabei mit Vertrauen mtgegenkommen wird.
Der MobilifirungSplan für das englische Heer macht mehr und mehr von sich reden, und werden schon Einzeln- heiten über denselbm bekannt. Neben ben allgemeinen Aufstellungen über bie zur LanbeSvertheidigung unter gewissen
, Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke.
(Fortschung.)
11.
Der Stachel der Ferse, der Schrecken des Rufs Verdoppeln den Donnergaloppschlag des Hufs-
Sie wntdm in ihrem Zuge zum ziemlich entfernten Schlosse auf eine sehr unerwartete Weise unterbrochen. Kaum hundert Schritte mochten sie gegangen sein, als ihnen fluchend und brummend mit großer Hast ein Stelzfuß entgegenkam. Wilmson erkannte sogleich den getreuen Krabb, unb streckte ihm durch die Dunkelheit die Hand entgegen. Er wat'«. Wilmson gebot ihm Schweigen und deutete auf den Officier. „Ist Alles bereit? Wo sind die Wagen und Pferde?" flüsterte er ihm zu.
„Kreuzbataillon, draußen an der Havelbrücke!' murrte der Alte, und noch ein paar Flüche dazu.
„Geh', und erwarte mich!"
Mehr sprachen sie nicht. Clementine zitierte an allen Gliedern. Wilmson tröstete sie, aber verrieth durch seine eigene Bewegung unb ben ungewissen Ton seiner Stimme, in welche Unruhe ba« Zusammentreffen aller dieser Umstände ihn gestürzt hatte.
Me kamen zum Schlöffe. ES herrschte TodeSstille dann. Von Zeit zu Zeit hörte man auS entfernten Zimmern eine harte Stimme donnern. ES war bie Stimme beS Königs.
In einem Saale, wo sonst die königlichen Bedienten sich auszuhalten pflegten, befand sich der Garbeoberst. Als er Wilmson gewahr ward, trat er ihm näher und sagte: „Du bist brav, mein Sohn. Dein Schicksal ist aber nicht mehr zu ändern. Der König ist gegen den Kommandanten ergrimmt. Dir war ein sehr großes, langes Mädchen zur Fran bestimmt, dem der König diesen Morgen aus einem
Umständen zu treffenden Maßregeln, welche daS Hauptgebäude des Planes bilden, sind »eitere eingehende Dispositionen für bie Möglichkeit ausgearbeitet, daß England ein Heer in’« Ausland zu senden hätte. ES scheint, baß sich in England die Stimmen Derjenigen, welche lieber die allgemeine Wchrpflicht nicht erst in Folge bitlerer Erfahrungen, als ein trauriges Ergcbniß des heutigen Weht- systems, fondern al« das einzige jenen traurigen Folgen eben vorbeugende System empfangen möchten.
Die Königin Isabella hat den Papst in einem eigenhändigen Briefe gebeten, daß er selbst an Don Alfonso schreibe, um ihn zu bestimmen, seine zu liberale Politik auszugeben und seine zu liberalen Minister zu entfernen. Der Papst hat ihr jedoch als Antwort nur einfach seinen Segen gesandt.
Deutsches «eich.
— Berlin, 11. Dec. Der Reichstag arbeitet gegen roärtig mit aller Macht, um die Vorlagen bis Weihnachten noch zu Ende zu bringen. Der Präsident hat deshalb zu dem Nothmittel der Abendsitzungen gegriffen, aber es scheint, daß die Reichstagsmitglieder sehr wenig davon erfreut sind, da sie an einem Tage nicht blos eine sechsstündige TagcS- sitzung, sondern noch eine dreistündige Abendsitzung abhalten müffen. Dazu kommt, daß die Sitzungen verhältnißmäßig wenig interessant sind; die Berathung über das Budget von Elsaß Lothringen, welches bie letzten Sitzungen in Anspruch nahm, zog sich sehr in die Länge; einige Deputirte des Reichslandes und Mitglieder des CentrumS suchten unter Assistenz des Herrn Sonnemann eine politische Debatte hervorzurufen, indem sie sich bei der Berathung des Dispositionsfonds über die officiöse Presse des Reichslandes echauffirten; aber die Majorität folgte ihnen nicht auf dieses Gebiet, sondern bewilligte den angefochtenen Dispositionsfonds ohne Weiteres. — Die außerordentliche Generalsynode, welche gestern die unwesentliche Bestimmungen über ihre eigene Geschäftsordnung discutirt hatte, erledigte auch in ihrer heutigen Sitzung meist Fragen von geschäftlichem Jntereffe. Es handelte sich um die noch übrig gebliebenen Paragraphen über die Geschäftsordnung der Generalsynode und über die Wahl des Synodalvorstandes unb Synobal- rathS. Letztere trieb den Provinzial-PartikulariSmuS und Lokalpatriotismus zu vielfachen Anträgen, die einzelnen Provinzen eine größere Vertretung im Synodalrath sichern sollten. Nach den gefaßten Beschlüffen soll die Synode bei ihrem Beginne für die Dauer der Verhandlungen einen Präsidenten, einen Vicepräsiventen unb 4 Schriftführer als Präsidium, unb am Schluffe ber Verhanblungen ben Synodalvorstand auf 6 Jahre wählen. In den Synodalrath werden die Provinzen Preußen, Brandenburg und Sachsen je
Spazierritte begegnete. Es ist Verwechslung geschehen. Der König selbst bedauert dich. ES ist ein verdammter Handel. Aber was willst du hier in bürgerlicher Kleivung? Der König will dich sehen."
Wilmson entschuldigte sich mit der Eile und dem Befehl des Ordonnanzofficiers. Der Oberst ließ sogleich den Feldwebel der Schloßwache erscheinen, und Wilmson mußte aus den Kleidern desselben seine Toilette machen. Dies kaum vollbracht, ward er mit Clementinen in das hellerleuchtete Gemach des Königs geführt.
AI« das Paar eintrat, blieb der König finster stehen, unb runzelte verbrießlich bie Stirn, inbem er seine Blicke auf Clementinen heftete. Sie schien einer Ohnmacht nahe. In Wilmson« Zügen malten sich Furcht, Schmerz unb bet- zweiflungSvoller Trotz. Der bleiche Schein ber Kerzen entstellte bie sonst schönen unb edlen Züge beider Gesichter noch mehr.
„Hast du dem Kommandanten nicht gesagt, baß du bie Unrechte wärst, baß dir eine andere Weibsperson meinen Brief gegeben?" fuhr der König das bebende Mädchen mit rauhem Tone an.
„Ihre Majestät, hundertmal sagt' ich's!" antwortete Clementine, indem sie ihre letzte Kraft zusammenraffte, mit zitternder, kaum vernehmbarer Stimme: „Aber man hörte mich nicht an."
„Ew. Majestät haben mir ausdrücklich verboten, irgend eine Einwendung anzuhören!" sagte der Äommanbat, roel cher sehr bestürzt unb büfter seitwärts stand.
„Schweig' Er ben Augenblick!" donnerte ihn der König an: „Er rede, wenn Er gefragt wird! Augen hätte Er haben fallen, gesunde Augen. Könnt' Er sich denn ein bilden, daß ich solchem Kerl von meiner Garde den Zwerg von Mädchen, solch ein schwächliche«, zerbrechliche« Ding, wie das da, zur Frau geben würde? Nimmermehr."
drei, Pommern, Schlesien, Westfalen unb bie Rheinprovinz je zwei Mitglieder, unb Posen ein Mitglied entsenden.
Bremen, 11. Dec. Ein Telegramm des „Nordd. Lloyd" aus Bremerhafen meldet folgendes dortselbst heute stattgehabte unglückliche Ercigniß: Der nach Newyork bestimmte Dampfer „Mosel" hatte im Vorhafen eben Passagiere an Bord genommen, als ber Kessel beS vor bet „Mosel" liegenden Schleppdampfer« „Simson" explodirte, woburch wenigstens 50 Menschen getödtet und eine Menge Personen verwundet wurden. Der Dampfer „Mosel" wurde außerdem beschädigt und kann in Folge dessen heute nicht abgeben. — Ein weitere« Telegramm meldet: Die „Mosel"-Katastrophe ist nicht durch eine Kessel Explosion, sondern durch da« Explodiren einer am Lande befindlichen Kiste mit Sprengstoffen herbeigesührt worden. Die Zahl bet tobten und Verwundeten ist noch nicht festgestellt, aber jedenfalls groß. Die Beschädigungen, welche die „Mosel" und ber „Simson" erlitten haben, stnb weniger erheblich. — Weitere Depeschen melben: Die Explosion erfolgte durch eine zu den Passagiercffekten gehörige Kiste mit Dynamit. Die Passagiere der „Mosel" dürften wenig verletzt, die Beschädigten vielmehr meist die Begleiter der Paffagiere fein. — Der „Simson" lag vor dem Bug der „Mosel" im Vorhafen. Die Kaimauer stand gedrängt voll Menschen, theilweisc Mannschaft, theilweise Paffagiere und Angehörige derselben, die ihnen Lebewohl sagten. Da erfolgte 11 Uhr 10 Minuten ein furchtbarer Knall. Zahllose Stücken flogen in ber Luft umher, die „Mosel" hat schwere Beschädigungen in der Cajüte und auf Deck, Zertrümmerungen, Seitenplatten eingedrückt. Alles mit Blut und Körpertheilen bedeckt. Am Lande ein tiefes Loch. Dampfer „Simson" stark zertrümmert, Maschinisten leicht verletzt. Viele Personen werden vermißt, weil in den Vorhafen oder sonst wohin geschleudert. Inspektor Poppe tobt. Leichen und Verwundete anfänglich in den Schoppen nieder- gelegt, bann in die Baracken gebracht. Anblick bet Verletzten unb Tobten schrecklich. Todt etwa 50, verwundet 20 Personen, größtentheiis Mannschaften und Einwohner Bremerhavens. — In Bremerhaven ist der größte Theil der Schaufenster bis in die Bürgermeister - Smidtstraße hinein bemolitt. Aufregung unb Niedergeschlagenheit groß hier. — Nach einer amtlichen Depesche au« Bremerhaven 7 Uhr 5 Min. Abend« find gegen 60 Personen al« getödtet, gegen 40 Personen al« verwundet ermittelt. — Die allgemeine Annahme geht dahin, daß der Sprengstoff, welcher durch seine Explosion diese« Unglück hervorgebracht hat, Dynamit gewesen sei, da« eben durch das Stoßen beim Abladen der Passagier-Effekten zum Explodiren gebracht fei. Diesem Antrag steht aber entgegen, daß Dynamit, ein poröser Körper in Pulverform, z. B. Holzkohle, Kieselguhr mit Sprengöl (im Verhältniß von
Der König ging mit raschen, großen Schritten nachdenkend durchs Zimmer; bann plötzlich gegen Wilmson. „Thust mir leib, armer Teufel!" sagte er zu ihm mit sichtbarer Gutrnüthigkeit: „Wollen sehen, wie sich'S änbern läßt! Ich hab's wohl mit bir gemeint, unb bich nun burch den kleinen Knörpel ba unglücklich gemacht. Ergib bich in dein Schicksal, unb spiele keinen gottlosen Streich. Du hast gedroht, Hand an bich legen zu wollen. Untersteh' dich's nicht. Pfui, ein Kerl, wie bu, Selbstmörder! Hast du keine Religion und willst ewig verdammt fein ? Untersteh' dich'« nicht, oder ich laffc dich unter den Galgen begraben und . . . Höre, ich will's dir wieder gut machen. Bitte dir eine Gnade aus. Ich will dir Alles gewährm; aber von dem kleinen Geschöpf da kann ich dich nicht wieder loSmachen. Das ist gegen Gotte« Gesetz. Sonst bitte, was du willst, und ich gewähre es dir gern. Was wünschest du? Was könnte bich zufrieben stellen?"
Wilmson besann sich nicht lange: „Ew. Majestät, bie Freiheit, meinen Abschieb au« dem Dienst."
Man sah, biefe Bitte hatte bet König nicht erwartet. Er trat einen Schritt zurück mit unzusriebenem Gesicht. Nach einer Weile sagte er lächelnb: „Hat mich ber Blitzbursche gefangen I Aber ich habe bir Vieles gut zu machen. Ich halte bir Wort. Du bist frei. Geh'! Doch morgen begib bich zu beinern Obersten. Vielleicht änderst bu über Nacht ben Sinn. Er wirb bir noch Vorsvläge thun in meinem Namen Geh' unb versöhne bich mit beinern Schicksal, ba« ich bir wiber meinen Willen gegeben habe."
Die Thüren öffneten sich. Wilmson und Clementine, entzückt von der Gnade de« gutmüthigen Monarchen, entfernten sich. O, um wie viel lieber wären sie dankbar zu seinen Füßen auf die Knie gesunken! Rasch wechselte Wilmson seine bürgerlichen Kleider wieder gegen den abgelegten Soldatentock ein. Er war frei. Der Gedanke