Einzelbild herunterladen
 

Nr. 291»

Marburg, Sonntag, 12. December 1875.

x. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bnreaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M,Berlin, Leip­zig, ELln k ; Rudolf Moss« in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Oimhcssillhc Jrilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Lnnoncen-Büreaur von G L. Daube & Co. in

Frankfurt a. M.: Iäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

ffitfieint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS 6onntag»6latt" durch die Esvedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2; Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zell« 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Pilitischr W-chnt-Uebrrficht.

Am Dienstag sand im Reichstage die mit vieler Span­nung erwartete Verhandlung über die Schutzzoll Petitionen der Eisen > und Stahlindustriellen «Statt, und das Haus beschloß, gemäß dem Anträge seiner Commission, den auch der Präsident des ReichökanzleramtS unterstützte, mit großer Majorität den Uebergang zur Tagesordnung. Am Sonn­tag (5. Dezbr.) starb unerwartet am Lungenfchlage der vom Typhus fast genesene junge Graf Wend zu Eulen­burg, der Verlobte der Gräfin Marie v. Bismarck, der einzigen Tochter des Reichskanzlers. In allen Kreise« der Hauptstadt und allen Theilen des Reiche« äußert sich die innigste Thetlnahme. Nunmehr ist auch an den Erchi- fchos von Kbln durch den Oberprästdentea der Rheinpro vinz die Aufforderung zur Amtsniederlegung ergangen. Die preußische Staatsregierung liefert damit einen neuen Beweis, daß sie zwar langmüthig zögernd, aber doch sicher und unentwegt in Durchführung der Maigesetze vorgeht.

In beiden Abgeordnetenhäusern der habsburgischen Monarchie wogt jetzt die Budgetdebatte, für die in Wim wie in Pest eine endlose Reihe von Rednern sich einschrei ben ließen. Ebenso sind in beiden Häusern Anträge kirchen politischer Art im Treiben. Im österreichisch-eonfesstonellen Ausschüße ist die Berathung des Chegesetzes auf eine Reihe von Schwierigkeiten gestoßen; wegen des Antrages von Fux auf Aufhebung des Jesuitenordens will der Ausschuß weislich erst da« Schicksal deS dem Herrenhause vorliegen­den Gesetze- über die äußeren Rechtsverhältnisse der katho­lischen Kirche abwarten.

Seit Montag sind die beiden Räthe der s chweize- rischen Landesversammlung zur ordentlichen Wintersesflon in Bern zusammengetreten.

Der Abschluß der Handelsverträge zwischen der ita lienischen Regierung einerseits und Oesterreich-Frank« reich andererseits wird noch für den Monat December in Aussicht gestellt. Danach sollen die bezüglichen Verhand­lungen mit der Schweiz und mit Deutschland ihren An­fang nehmen.

Der Schacher in allen Gruppen der französischen Nationalversammlung wegen der 75 Senatorensesiel, welche dieselbe zu vertheilen sich vorbehielt, nimmt nach wie vor alle« Dichten und Trachten der Deputirtm gefangen. Der Ehrgeiz der einzelnen Mitglieder ist dem Zustandekommen einer Liste fast noch hinderlicher, als die Eifersucht der großen Parteigruppen untereinander, und doch würde, wie bet den Wahlen für die Bureaux, Anstand und Billigkeit ersordern, daß alle Parteifarbm, je nach ihrer Stärke, bei der Besetzung dieser 75 Sesiel beteiligt würden. Aber die Mehrzahl derer, die bei dm Wahlen für die Legislative durchzufallm fürchten, beansprucht einen Sesiel, und wäh renb die Orleanisten, denen bei den allgemeinen Wahlen die meisten Nieten bevorzustehen scheinen, die sämmllichen 75 Sitze beanspruchen zu können vermeinen, wollen die

Der Feldwebel.

Novelle v. H. Zschocke.

(Fortsetzung.)

aber*, sagte Clementine und sah sich ängstlich um. was soll daraus werden? Das kann doch nicht gelten, Ich kann doch nicht... ich werde nicht ..."

(älementine sah errölhmd auf ben Jüngling, bann ver­legen umher nach der Thür.Ich kann ja doch unmög­lich .. . bei Ihnen bleiben 1 sagte sie in verschämter Verwirrung und Bangigkeit.

Clementine, Sie sind mir angetraut Wir sind un­auflöslich getraut. Der höckste aller meiner Wünsche, meine Sehnsucht ist erfüllt, und die unerhörteste Gewalt- that hat mir ausgedrungen, was ich nur von Ihrem Her­zen, al« freie» Geschenk, als Belohnung meiner reinen und treuen Liebe mit Schüchternheit hoffte Ja, ich habe Sie geliebt, mit Leidenschaft, seit dem ersten Tage in Magde­burg. Sie warm und blieben mein einziger Gedanke. Sehen Sie doch da und da aus Büchern und Zetteln Ihren NamcnSzug; lesen Sie in der Fensterscheibe da« Wort Clementine, mit dem Diamant eingeschnitten l Ach, könnten Sie in meinem Herzen lesen 1*

Wie?" rief Wilmson:wollten Sie mich verlasim? »ae der Himmel wundersam genug gefügt hat, vernict ten ? Ganz Potsdam weiß jetzt die wunderliche, ich möchte sagen, die tolle Begebenheit, weiß, Sie sind meine Braut, meine Anvermälte, mein Weib . . . o Clementine, welch ein Himmel liegt für mich in diesen Worten! Wohin wollen Sie - Wer würde Sie aufnehmen ? Ach, ich glaubte nicht, daß ich Ihnen so glcichgiltig wäre; und doch nannten Sie

Ultramontanen dieselben nur durch gute konservative Ra tholiken besetzen, die für ben SyllabuS unb die Herstellung des Kirchenstaates sich verpflichten. Der Linken fehlen 10 bis 20 Stimmen, die sie nun bei den Legitimisten anfzu treiben sucht, von denen eine Anzahl von laxerer Obser vanz sich mit den Orleanisten zu gemeinsamer Sache ver- bunden hat.

Durch Königliches Decket vom 2. December ist zum Präsidenten des spanischen Ministeriums wiederum Ca- novas bei Castillo, zum Minister des Auswärtigen Cal- beron CollanteS, zum Justizminister Martin de Herrera, zum Minister der öffentlichen Arbeiten der Graf v. Toreno ernannt worden, während die übrigen Portefeuilles ihren bisherigen Inhabern verbleiben.

Dem Kaufe der Aktien des Suezcanals ist schnell eine andere Maßregel gefolgt, die einen sehr deutlichen Wink gibt, daß En glan d ernstlich daran denkt, die Stellung der europäischen Politik, die in seinen ruhmvollsten Zeiten innegehabt hat, zu wahren und wiederzugewinnen. Das KriegSamt hat einen Plan ausgearbeitet, der darauf abzielt, die Schlagfertigkeit des englischen Heeres nach fest­ländischem Vorbild auf die größtmögliche Höhe zu heben, einmal durch eine einheitliche und völlig systematisch durch- geführte Organisation, woran es bisher noch fehlte, an die sich bann bie Ausfüllung gewisser Lücken, welche sich bei der Entwerfung des PlaneS erst herausgestellt haben, schließen wird. So wenig wie der Ankauf der Suezkanal' Actien ist der Mobilistrungsplan eine aus heiterem Himmel herabgeschneite That; um so weniger ist ein innerer Zu sammenhang zwischen beiden zu verkennen.

In Dänemark hat die OpposttionSpresie dem Mi­nisterium ans'« Neue den Fehdehandschuh hingeworfen und erklärt, daß auf eine solche Rede, wie sie der Finanzminister bei Überreichung de« Staatsbudget« im Reichstage ge­halten habe, das Folkething der Regierung bis zum Aenßersten Widerstand leisten müsie.

Dem Besuche, den der König von Schweden und Norwegen im Frühling dieses Jahre« dem Berliner Hofe gemacht hat, wird noch immer, namentlich von der fran­zösischen Presie, eine politische Bedeutung beigemesien. Der amtlicheDeutsche Reichs Anzeiger* erklärt darauf in aller Form, daß die rein persönliche Begegnung der beiden mit­einander befreundeten Herrscher durchaus keine politischen Zwecke gehabt habe.

Am russischen Hofe wurde in diesen Tagen das St. GeorgSordensfest festlich begangen. Der Kaiser und die Kaiserin sind am 4. d. von der Krim in Petersburg eingetroffen; Tag« zuvor war auch der Reichskanzler Fürst Gortschakow wieder heimgtkehrt. Der Prinz Karl von Preußen nebst Gemahlin und Erzherzog Albrecht von Oester­reich befinden sich als besonders eingeladene Ehrengäste auch bei Hose. DaS gute Einvernehmen der drei Kaiserstaaten ist bei dieser Gelegenheit wieder vom Kaiser laut und nach­drücklich betont worden.

. ' --===

mich gestern noch Ihren Fennd. Haben Sie denn kein Vertrauen, keinen Glauben an mein Herz?*

Sie sah ihm mit einem zärtlichen Blick in die Augen, reichte ihm die Hand und sagte halblaut mit zitternder Stimme:Ich glaube ja an ihr Herz, aber nicht an mein unglaubliches Glück. O Sie wissen eS wohl, wie. . . ach, ich sollt' eS nicht sagen, ich bin eine Verlassene. Sie waren mein einziger Freund auf Erden. Und wollten Sie eS auch nicht fein, ich müßte dennoch Ihre Freundin bleiben. Ich habe Sie immer* das Wort erstarb auf ihren Lippen. Sie schlug in tiefem Erröthen die Blicke nieder.

Wilmson umschlang entzückt die Verschämte mit seinen Armen und drückte sie an sein Herz und sagte:Wa« benn? immer ..."

Geliebt!" flüsterte sie kaum hörbar, und sah mit Au­gen voller Thränen zu ihm empor. Da drückte er den ersten Kuß des Bräutigams, des Gatten auf die nie ent weihten Lippen unb fühlte den schüchternen Gegenkuß.

Nun half sie ihm traulich da« Zimmer orbnen und da« Nebenzimmer. Wilmson besorgte durch den Aufwärter deS Hause« ein stattliches Hochzeitsmahl, das unter vier Augen genossen wurde; ließ von Clementinen« ehemaliger Herrschaft, die schon vom Schicksal ihres Stubenmädchens unterrichtet war, die kleine Habe der Neuvermählten in seine Wohnung bringen, unb alle Bekannte abweifen, welche unter dem Vorwanb des Bedauern« ober Glückwünschens von Neugier herbeigezogen würbe.

Der Tag verschwand. Die Glücklichen lebten ihn ganz nur sich. Wie viel halten sie einander zu erzählen! Ein einziger Gedanke all in noch machte ste Heid« zitter«, der

In Griechenland wirb die schmutzige Wäsche de« ehemaligen Ministeriums Bulgaris mit einer solchen Lei­denschaftlichkeit hin- und hergezerrt, daß die Kammer darüber ganz und gar ihre Pflicht, die Gesetzgebung, versäumt. Die aus Simonie angeklagten Exaiinifter der Justiz unb be» CultuS, sowie die drei mitschuldigen Bischöfe sind vor einen außerordentlichen Gerichtshof gestellt worben. Die Anklage gegen Bulgaris unb seine übrigen College« ist noch nicht bestimmt abgesaßt, doch scheint eS, daß man sie alle auch ür die im vorigen Jahre willkürlich verausgabten 200,000 Drachmen haftbar unb ersatzpflichtig machen will.

Der geistige Führer der jungtürkischen Partei, Mustafa Fazyl Pascha, 8ruber des Vicekönigs von Egypten, ist am 2. b. im 45. Lebensjahre gestorben. Er hatte keine abendländische Erziehung genoffen, aber auf feinen vielfachen Reisen sich ganz in europäische Cultur unb Civilisation eingelebt. Mit ihr das morgenländische Wesen neu zu be­fruchten, war fein Bestreben. AIS Minister der Pforte machte er sich um die türkische Staatsverwaltung wohl ver­dient, durch ihn warb zum ersten Mal ein förmlicher Staat«» Haushaltsetat ausgestellt unb veröffentlicht.

DaS serbische Budget für 1876 beläuft sich auf 36 Mill. Piaster (etwa 12 Mill. Mark beutscher Währung). DaS Ministerium Kaljevic hat seinen -Abschieb verlangt, weil ber Fürst die zur Vorlage für die Skupschtiua be» stimmten handel« - politischen Gesetzentwürfe wegen ihre« prohib tiven Charakter« nicht hatte genehmigen wollen. Wie e« heißt, wäre Christic, ber übrigen« in Cettinje nur dem Fürsten von Montenegro bie förmliche Anzeige von der Vermählung Milan'« zu machen unb sonst nicht« weiter zu bereden gehabt hat, dazu auSersehen, ein neue« Jung» konservative« Cabioet zusammenzubringen, da« die Verfassung revidiren, da« Zweikammersystem einsühre« unb eine mit ben wirklichen Interessen be« Lande« im.Einklang stehende auswärtige Politik befolgen will.

Au« Egypten kam die Meldung, daß Werner öhm- ginger, bet 1867 bei bem Feldzuge der Engländer gegen Abessinien so gute Dienste geleistet hat, seit 1870 Bey und Gouverneur von MassauS, seit 1872 aber Pascha und Ober­befehlshaber der in Abefstnien einrückenden egyptischen Armee war, durch einen mörderischen Uebersall um« Leben gekom­men ist.

Deutsche» Reich.

h Berlin, 9. Dec. Graf Eulenburg feierte gestern den dreizehnten Jahrestag seiner Ernennung zum Minister im Kreise der übrigen Minister mit einem Diner. Der Toast, welchen ber Kaiser von Rußland beim St. GeorgS- seste ausgcbracht hat, betont von Neuem auf« Nachdrück­lichste die Festigkeit de« Dreikaiserbündniffe«. Da gereifte Stimmen nicht müde werden, sind tiefgehende Differenzen zwischen den drei nordischen Mächten heraufzubeschwören, so ist vielleicht nicht unnöthig, immer wieder auf derartige authentische Kundgebungen hinzuweisen. Um so wichtiger

'

Gedanke an den König, und daß er, in seiner furchtbaren Willensstärke, vielleicht eben so gewaltig ihre Ehe zerreißen könnte, al« er ste geknüpft hatte.

Als ich deine Gestalt, du Geliebter, in dem schreck­lichsten Augenblicke meine« Leben« neben mir, wie In einem Nebel erkannte, warb e« in mir wieder stiller!" sagte Cie mentine:Ohne dies wäre mein Tob unvermeidlich ge­worden. Und er ist unvermeidlich, wenn mich ein könig­licher Machtspruch wieder von dir reißt. Die Ewigkeit hält ja tausend Pforten offen."

Zittere nicht, Clementine. Der König ist gut. Er kann und wird da« nicht wollen. Wenn aber dennoch . . . wir entfliehen. Jeden Tag, jede Stunde erwart' ich den alten ftrabb, jeden Augenblick bin ich zur Flucht fertig. In meiner Brieftasche trage ich ansehnliche Summen. Unb mißlingt Alles du hast Recht, die tausend Pforten stehen offen."

Indem bie Liebenden in bie dunkle Abenddämmerung hinein plauberten unb koseten, warb an bie Thür gepocht. Wilmson trat hinaus. Ein Oedonnanzofficier staub vor ihm, und brachte den königlichen Befehl: Wilmson solle mit bem ihm heul' angetrauten Mädchen svgteich auf dem Schlosse erscheinen. Beide Hirten mit Schaudern den Be­seht. Der Officier ließ ihnen keinen Augenblick. Clemen­tine warf ben Seidenmantel, das letzte Ueberbleibfel ihre« ehemaligen Standes, um sich, und Wilmson führte sie schwei­gend an seinem Arme dem Boten be« König« nach. Erst nntcrweg« bemerkte der Feldwebel, baß er, wie er zu Hause pflegte, in seinen bürgerlichen Kleibern geblieben. So könne er vor dem König nicht erscheinen. Der Ordonnanzofficier aber hatte Eilt, vnd gebot, ihm zu so gen. (Forts, folgt.)