»r. LS».
Marburg, Sonnabend, 11. December 1875.
X. Aahrgaig.
,a«< ift.
auf Grunv des Gesetzes vom 12. Mat 1873 an den (St,
”2,1 Scharfblick fleht, erleben wir da« Schauspiel, bischof von Köln die Aufforderung zur Niederlegung seines daß^die Abgeordneten, welche vom deutschen Volk ge.oählt'Amtes ergangen. Da der Prälat der Aufforderung mchl
BreSlau.
Im baierischen Krieg-Ministerium ist auf Bestellung eine Kiste mit Pickelhauben-Mustern eingetrvffen, sowohl nach »reutzifchem Modell mit gelben Beschlägen, »iS mit weißen Beschlägen, wie in Würtemberg. Anfangs war die öffentliche Meinung in Baiern sehr gegen diese Pickelhauben; doch hat sie nach deren.Einführung bei der baierischen Gendarmerie eine vollständige Wendung in entgegengesetztem
ind, um denselben zu unterstützen, ihn schmählich im laffen und wieder in den alten Fehler fallen, ihre Advokaten- und Prosefforenweisheit für unfehlbar zu halten. Man erkennt darin rin Zeichen, daß sich diese Partei selbst überlebt hat und daß eine durchgreifende und umfassende Reorganisation vorgenommen werden muß, wenn nicht die Sicherheit deS Reiches, und die wichtigsten Interessen des deutschen Volkes darunter leiden sollen. Noch ist kein Abgeordneter vorhanden, von dem man sagen kann, daß er das Zutrauen des deutschen Volkes in gleichem Maße besitze, wie der Reichskanzler. Wenn rS trotzdem hin und wieder den Anschein hat, als ob der eine oder der andere in seinem übergroßen Selbstbewußtsein dem Reichskanzler ein Paroli bieten möchte, so würde er sich doch täuschen, wenn er glaubte, damit im Allgemeinen der Stimmung der nationalgefinnten Wähler zu entsprechen. BIS ein untrüg liches Zeichen für die Zustimmung der öffentlichrn Meinung zu der Haltung dieser Abgeordneten darf man keineswegs jenen Theil der nationalen Poesie ansehen, welche von den betreffenden Abgeordneten beeinflußt wird; denn diese ist doch nur ein Wiederhall jener selbstbewußten Größen, die sich mit ihrer eigenen Wissenschaft beräuchern; sondern ene Blätter der nationalen Richtung, welche sich bereit- unverholen überdaS Gebühren der national-liberalen Partei aussprechen und die Reorganisation derselben verlangen, beweisen, daß daS deutsche Volk über diese neueste Wendung der national-liberalen Abgeordneten keineswegs ent«
Die national liberale Partei unb die öffentliche Meinung
Tagesbericht.
Die Budgetkommisston deS Reichstags hat so bedeutende Veränderungen mit dem Etat vorgenommen, daß das Deficit vollständig verschwunden ist und die Börsen- und B»er- Steuern dadurch beseitigt sind. Es ist dies vorzugsweise dem Einfluß deS Abgeordneten Richter (Hagen) zuzujchreiben; doch ist es die Frage, ob die Majorität deS Reichstage» den Anträgen der Budgetkommisston zustimmen wird. Jedenfalls ist die Abstimmung des Herrn von Bennigsen in der Budgetkommisston, der mit der Minorität votirte, ein Zeichen dafür, daß die nationalliberale Partei in ihrer Mehrzahl nicht für die Richter'schen Abänderungen stimmen wird, sondern für die Regierungsvorlage, und damit dürfte überhaupt die Abstimmung zu Gunsten der Letzteren entschieden werden.
Von Seiten deS Oberprästdenten der Rheinprovinz i l
Sinne eingeschlagen.
Die Unterhandlungen über daS Schicksal von Bosnien und der Herzegowina sind neuerdings wieder angeknüpjt worden. Die Base derselben ist: l)der Großvezier Mahmud- Nedmi Pascha bleibt für die nächsten fünf Jahre im Amt, d. h. für den Zeitraum besten er bedarf, um daS Reich auS seiner jetzigen Finanzlage zu erheben. 2) Entweder werden auf der Balkanhalbinsel nach dem Mu,ler Serbiens und Rumäniens mehrere neue halbautonome, aber der Pforte tributäre, und unter christlicher Spitze stehende Staaten errichtet (dies ist die russische Ba>e), oder die Minister der Finanzen, deS Auswärtigen, der Justiz und der Polizei werden durch Christen ersetzt. 3) Die Vertreter der Pariser Tiactatmächte haben das Recht, wichtigen Verhandlungen veS türkischen Kabinets beizuwohnen, und ihre Stimme abzugeben. Der Sultan seinerseits hat vor Kurzem dem österreichischen Botschafter, Graf Zichy, in einer Audienz erklärt, er sei bereit, um den Aufstand zu dämpfen, und daS Wohlergehen der Bevölkerung seines Reiches zu sichern, alle mit seiner Würde und der Aufrechthallung seiner souveränen Autorität verträglichen Zugeständniste zu machen, und daß die Verfügungen zur Verlautbarung der angekündigten Reformen getroffen seien; es befänden sich jedoch unter den von den Mächten geforderten Concessionen einige, die für die Türkei eine Lebensfrage seien, und die daher einer sehr reiflichen Erwägung bedürften; der Sultan lieg heraus« fühlen, daß et das Beste des Lande» und gute Beziehungen zu den anderen Mächten aufrichtig wünsche, jedoch alleiniger Richter über den den Reformen zu gebenden Umfang sei. WaS die Insurrektion in der Herzegowina betrifft, so wolle der Sultan sie um jeden Preis, und mit Anwendung jede» in seiner Macht stehenden Mittel» beseitigen, und habe deswegen die strengsten Weisungen enheill. DaS Nämliche sei der Fall mir der Eijenbahnsraze, an welche der Mintster- : rath in seiner neuesten Sitzung sich bereite, die letzte jHand anzulegen. Graf Zichy sprach in seiner Antwort sich mit ; Dem höchsten Lob über Mahmud Pascha, und dessen Geist i der Mäßigung und Versöhnlichkeit au»; der pvlitffche Zweck
Die Generaldebatte über die Strafgesetznovelle hat in weiten Kreisen eine große Verwunderung erregt. E« liegen un» eine Reihe von Stimmen, namentlich auch auS der süddeutschen Preffe, vor, welche ähr Erstaunen über tue Opposition der Majorität des Reichstage« ausdrücken, und sich sehr scharf darüber aussprechen. ES werden die Ab- geordneten daran erinnert, daß ihre Aufgabe darin besteht, eine praktische Politik zu vertreten und sich nicht dem Humanitätsschwindel in die Hände zu geben. Durch die Art und Weise, wie die national liberale Partei ihre Aufgabe w lösen sich anschickt, gräbt sie sich ohne Zweifel selbst ihr Grab. AIS daS deutsche Volk 1874 an die Wahlurne trat da wurden die liberalen Candidaten mit der ausdrücklichen Bestimmung gewählt, die Politik des Reichskanzlers, namentlich in seinem Kampfe gegen die Cler.kalen, zu un terstützen und sich seiner Führung unterzuordnen; denn zu der hohen Einsicht und dem geübten sta:tsmänn,schen Blick des Reichskanzlers hatte daS deutsche Volk das unbedinz teste Vertrauen. Dennoch fiel ein gewiffer Theil der na= tionalen Abgeordneten wieder in den alten Fehler, Politik auf eigene Hand zu machen und den Reichskanzler in dm wichtigsten Momenten zu befehden.
ES ist noch unvergessen, welche Stellung die national- liberale Partei im vorigen Jahre zu dem Militärgesetz einnahm, wie erst die beunruhigte öffentliche Meinung die Abgeordneten veranlaßte, ihre Opposition gegen dieses hochwichtige Gesetz aufzugeben und dadurch die Sicherheit de, Reiche« sestzustellen. Nicht minder bleibt die Erinnerung, welchen innigen Amheil eine Anzahl von National Liberalen am Schicksal Majunke« nahm und wie sie damit faft einen Konflikt mit dem Reichskanzler herbeiführten.
Auch diesmal erleben wir wieder das unerquickliche Schauspiel, daß die Theorie über die Abgeordneten bomb nirt und daß diese sich geradezu in Opposition zu dem Reichskanzler stellen. Nachgerade sollte man von den nationalen Abgeordneten erwarten, daß sie ihre Aufgabe nicht verkennen und sich von den Banden der Theorie befreien, -»n früherer Zeit machte sich daS deutsche Volk durch seinen unfruchtbaren KoSmopolitiSmu« überall lächerlich. Der gutherzige Deutsche, der für alle möglichen Nationalitäten schwärmte und nur an sich selber nicht dachte, wurde dadurch zum Spott der Völker. Gegenwärtig, wo mir nun endlich eine nationale Politik haben, wo an der Spitze bet Geschäfte ein Staatsmann von seltener Begabung und
Anzeigen nimmt entgegen: die «pebttton b. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & 6o. in Frankfurt a. M. • Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnoalidendank, Ä. Siete* meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Anzeigen nimmt entgegen: bit Expedition b. Blatte«, sowie die Annonren-Bureauk von A». Dietrich & Co- in Staffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfutt a. M ; Baasenstein & Segler in rankfurt a. M.Berim, Leip* ,ig, Edin ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
* gür in der Expedition zu ettbeilende Auskunst und Annadme von Adressen werden^45^Pfg^derechneN^^^^^E^^^^^^^^^^^^W^^
im Stich I nachkommen wird, muß daS Absetzungeverfahren eingeleitet werden, da« jedenfalls ebenso enden wirb, wie in ben rühcren Fällen btr Bischöfe von Posen, Paderborn und
Der Feldwebel.
Novelle d. H. Zschocke.
(Fortsetzung.)
Dtt Oberst zog den Feldwebel zu sich, der noch immer starr uno stumm dastand, und sich daS Unglaubliche nicht entwirren konnte. „Mein Sohn," sagie der Oberst, „beruhige dich. Da« Unglück ist nun einmal geschehen. Du kannst eS nicht ändern. Laß deine rasenden Gedanken fahren; daS taugt nur für feige Memmen. Du siehst da daS arme Mädchen, e« ist deine Braut, dein Weib. Es jammert mich. Behandle e» schonend. Ihr Leben hängt an einem Spinnefaden. Ein rohes Wort von dir, zerreißt ihn. Sei menschlich und beherrsche deinen Unwillen. Da« gute Kind ift an deinem Unglück ohne Schuld. Gib mir« die Hand darauf, mein Sehn, daß du nicht in der ersten Betäubung und Leidenschaft handeln willst. E« soll dich nicht gereuen. Ich will mich deiner väterlich annehmen. Gib mir die Hand daraus, dich keiner Verzweiflung zu überlassen, sondern die Stunden ruhiger Ueberlegung zu ^tBiünfon gab dem gütigen und besorgten Manne schweigend die Hand, ohne von Allem, wa« er sah und hörte, da« Mindeste zu begreifen. Eine solche Höllen- und Himmelfahrt binnen einer halben Stunde wäre aber auch wohl vermögend, dem Verstand de« Besonnensten Schwindel zu verschaffen.
Ein Miethwagm fuhr vor. Der Kommandant winkte den Weibern: „Fort mit ihr, fort l* Man führte oder trug Elementinen in ben Wagen. Wilmson blieb träumend, wie er war, am Fenster, bi« ihn der Oberst weckte. „Vor wirt«, mein Sohn l* sagte er zum Feldwebel mit Herzlich- leh: „Du hast mir die Hand gegeben, würdig zu handeln. Ich zähle auf dich und dein Ehrenwort. Geh' in den Wagen; führe da« arme Mädchen in deine Wohnung ein, unb vermehre bit Verzweiflung der Unglücklichen nicht durch
Grausamkeit und Härte. Es wäre unmännlich, diese Verlassene ärger zu quälen, als sie schon von ihrem Schicksal gequält ist. Geh', Freund, beruhige sie und dich selbst, so gut du es in deiner Lage vermagst, durch freundliches Ge sprich. Geh'!"
Wilmson ging. , Er stieg in die Kutsche, wo Clemen- tine sich matt und ängstlich in einen Winkel g, schmiegt hatte. Er setzte sich zu ihr. Der Wagen rollte sott.
„Aber ift das Alle« wahr? Ist da« Alles Wirklichkeit ?" sagte er mit einem Blick, in welchem da« Entzücken funkelte, indem et Clementinens Hand an seine Brust drückte: „O, theure Clementine, wenn ich nur träumen sollte, wecken Sie mich nicht. Wenn ich wahnsinnig wäre, so laffen Sie mich nicht heilen."
Clementine drückte schwach seine Hand und lächelte ihn schweigend an und schüttelte das schöne Köpfchen. Roch hing auf ihrer blaßgerötheten Wange eine Thräne.
Der Wagen hielt. Wilmson hob die Anvermählte heraus uno führte sie in da» Haus, worin er wohnte.
10.
Wenn wir schon im Erdenleben Liebe nehmen, Liebe geben, Welt, so bist du uns gewiß Paradies-
Al« daS Pärchen bis zur Treppe gekommen war und Clementine hinaufsteigen sollte, weigerte sie sich verlegen. „Wohin soll ich ? Herr Wilmson, wohin führen Sie mich?"
„Wohin anders, als in meine Wohnung, theure Clementine? Wir sind vermählt mit einander, ohne unsere Einwilligung. Ich gehöre Ihnen, Sie g-hören mir. Ich weiß nicht, wie die Sache gekommen; weiß nicht, wer dem Könige das heiligste und schönste Geheimniß meines Herzens verrathen konnte. Ich bin an Allem unschuldig. Unser
ILooS aber ist unwiderruflich entschieden."
' Er führte die Zaubernde, welche jeden Augenblick still
staub, die Treppen hinauf, öffnete sein Zimmer und ließ sie eintreten.
Sie stand fremd, schüchtern und verschämt in der Mitte eines geräumigen, artig ausgeschmückten Zimmers, wie e« nicht leicht bei einem Feldwebel erwartet wird. Bücber und Schriften, kleinere Kleidungsstücke, Blumen und Mustknoten lagen auf Stühlen und Tischen in etwas junggesillen« hafter Ordnung umher; Zeichnungen auf dem Erdboden, Schuhe neben einer Weinflasche im Fenstergestm«.
„Ach, Clementine, al» ich vor wenigen Viertelstunden die Stube verließ, könnt' ich nicht glauben, solchen Gast zu empfangen."
„Herr Wilmson, haben Sie in der That nicht« voraus gewußt von Allem, was geschehen ist? Haben Sie nichts Ihrem Oberst, ober vielleicht dem König selbst, ... ach, Herr Wilmson, gestehen Sie c« nur, ich bin nicht der Gegenftanb gewesen, um welchen Sie so gewaltig werben ließen."
„Sie haben Recht, theure Clementine. Ich hätte eS nie gewagt Ich bin durchaus schuldlos an der Begebenheit. Ich habe Sie nie vom Könige begehrt.
„So sind Sie unglücklich, wie ichs bin, Herr Wilmson. Sie haben das Kammermädchen de« KriegSrathe« Bär verlangt. Die Unglückliche wußte nicht, wa« der Brief enthielt, den sie mir gab."
„Ich habe weder die Ehre, den KriegSrath, noch sein Kammermädchen zu kennen. Ich ward zum Kommandanten beschieden, erfuhr 6ort erst ben Willen de« König«, der mir rin Mädchen zur Frau bestimmte, da« ich nicht kannte. Ich drohte mit Selbstmord, wenn man mich zwingen würde. O tbeure Clementine, konnte ich denn glauben, daß Sie mir bestimmt waren? Niemand nannte Sie mir."
Nun erzählte er umständlich die seltsame Geschichte der letzten Stunde. Clementine hötte sie mit Verwunderung. Run erzählte auch sie, aus welche Weise sie in das Hau«