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fr. 289.

Marburg, Freitag, 10. December 1875,

x Jahrgang.

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gegenüber sein, ob sie sich mit denselben über ihr Verhalten traglen Reform einen anscheinend unvermeidlichen harten

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jig ttöln ic; Rudolf Moss« m Berlin, Frankfurt a. M. rc.

in dieser Frage verständigen können. Fürst Bismarck sprach die Ueberzeugung aus, daß man im Lande der Ansicht sei, daß die Sicherheit, der öffentliche Friede, die Ehre, der gute Ruf, die körperliche Gesundheit und das Leben de» Einzelnen durch das Strafgesetz nicht genügend geschützt seien, — und daß die friedlichen Bürger, welche in erster Linie Anspruch auf den Schutz des Gesetzes haben, diesen zumal bei der sogenannten milden Handhabung des Ge* setzeS Seitens der Richter nicht finden. Wenn dies von dem Reichstage zunächst nicht anerkannt werde, so werde abzuwarten sein, ob die weitere Entwickelung der Zustände nicht dem praktischen Bedürfnisie nach Schluß und Frieden später den Sieg verschaffe. Nur in zwei Punkten müßten die Regierungen ein besonderes Gewicht aus die baldige Erledigung legen, einerseits in Bezug auf den wirksameren Schutz derjenigen Beamten, welche daö Ansehen des Gesetzes im unmittelbaren täglichen Verkehr mit der Bevölkerung zu wahren haben, andererseits auf die vorgeschlagenen straf­rechtlichen Bestimmungen gegen Ungehorsam von Beamten im Dienst des Auswärtigen Amts. Diese Bestimmungen erklärte der Kanzler zur ferneren Wahrung seiner Ver­

langen sollen.

Der Reichstag hat diesen Beschluß auf Grund seines Rechtes und in der ihm vom Reichskanzler ausdrücklich ge- wahrten „vollständig ruhigen und coafliktfreien Stellung" durchaus unbefangen fassen können. Dagegen darf eS einiger­maßen befremden, daß die in so hohem Maaße versöhn» lichen, jeden Gedanken an einen Confiikt ausschließenden Erklärungen deS Reichskanzlers auf Seiten der liberalen Partei eine so wenig entsprechende Würdigung gefunden haben, wie eS zunächst in der Rede eine» fortschrittlichen Abgeordneten und sodann in der liberalen Presse der Fall gewesen ist. Man hätte eine freudigere und freundlichere Aufnahme der Erklärungen deS Reichskanzlers um so mehr erwarten dürfen, als bekanntlich gerade an die StrafrechtS- novelle seit Monaten die ernstesten Besorgniffe wegen eines parlamentarischen ConfliktS geknüpft worden waren.

I Wenn nun die Bundesregierungen ungeachtet der ent* • lleftericuauna von der Notbwendiakeit der bean-

Conflikt unter ausdrücklicher Anerkennung der Rechte des Reichstages zu verhüten bemüht waren, rotnn sie eben so, wie jüngst bei der Steuerfrage, so wiederum bei der Be­handlung der StrafrechtSvorlage mit Ueberwindung schwerer Sedenken ihre versöhnliche constituttonelle Gesinnung be­währten, — so ist es überraschend, daß die liberale Preffe tatt eines Wortes der Anerkennung für diese Haltung viel-

antwortlichkeit für unentbehrlich.

Der Reichstag hat nach kurzer Berathung, ganz wie es im voraus unter den Parteien festgestellt war, be schloffrn, daß nur einige wenige und zwar im Ganzen die minder wichtigen Bestimmungen des Entwurfs einer Kom­mission zur weiteren Vorberathung überwiesen werden, die übrigen Anträge aber alsbald im Hause selbst zur Erle­digung, und zwar nach den ausgesprochenen Absichten der Antragsteller größtentheilS zur ablehnenden Erledigung ge-

ihm lieb war. Er zog den Kommandanten ans Fenster und redete leise mit ihm. Die Antworten des Letztern ver- riethen sich aus seinem Achselzucken. Während der Stille im Zimmer hörte man nebenan daS Gewinsel und dumpfe Schluchzen deutlicher; von Zeit zu Zeit mehrere weibliche Stimmen durcheinander reden.

„DaS Ding muß auf Ehre ein Ende nehmen!" sagte der Kommandant: „Es ist des Königs Wille. Herr Feldpre­diger, machen Sie sich fertig."

Mit diesen Worten begab er fich zum Nebengemach. Er ließ die Thür auf. Eins der Frauenzimmer stieß einen herzzerreißenden Schrei aus. Zwei Weiber ergriffen eS unter den Armen und schleppten eS vor. Der Oberst wandte erschüttert den Blick von dem Schauspiel ab. Wilm- son stand düster da, den Blick zur Erde geheftet, sah nicht auf und wälzte einen gräßlichen Entschluß in der Seele.

Der Feldprediger trat vor. Wilmson sah und hörte nichts von Allem, was um ihn her vorging. Der Oberst trat zu ihm und schob ihn vor den Frldprediger hin, in­dem er schmeichelnd sagte: „Geh', geh', mein guter Bursch. Sei brav!"

Jetzt erst bemerkte Wilmson den Feldprediger mit auf-, geschlagener Agende vor sich, und neben sich die, welche seine Braut sein sollte, von zwei Weibern gehalten und unterstützt, schluchzend, weinend, das Gesicht in ihr Schnupf­tuch gedrückt. Sie that einen tiefen Seufzer, und indem sie das naffe Tuch vom Gesichte nahm und unwillkürlich seitwärts auf Wilmson blickte, erkannte dieser in ihr Cle­mentinen. Er war so verwirrt, daß er sich selber nicht glaubte und ganz regungslos blieb. Clementine erstarrte im ersten Augenblick. Eine dunkle Röthe flog plötzlich über ihr blaffeS, verweintes Antlitz; dann ward fie einer Leiche ähnlich bleich. Sie sank mit einem Seufzer kraftlos zu­sammen.

„Ihr habt die Unglückliche gemordet!" schrie Wilmson: „so mordet mich denn auch." Er umfaßte die Ohnmäch-

Die Stellung der »uude-regieruugen zur Nkeviflo« de- Strafrecht-.

Die Hoffnung der Bundesregierungen, im Reichstage bereitwillige Mitwirkung zur Abhülfe gewiffer sozialer Miß­stände durch eine Verschärfung der betreffenden Strafbe­stimmungen zu finden, wird vorläufig nur in geringem Umfange in Erfüllung gehen.

Bevor noch die Berathung im Reichstage selbst begann, wurde auf Grund vorheriger Vereinbarung unter den libe­ralen Parteien als feststehende Thatsache angenommen, daß die entscheidende Mehrheit der Versammlung sich auf eine eingehende sachliche Berathung des Entwurfs in feinen wichtigsten Theilen überhaupt nicht einlaffen, vielmehr nur einzelne Punkte zu eigentlicher legislativer Erwägung heraus- nehmen werde. Dieser vorgängige Beschluß wurde beim Beginn der ersten Lesung von einem der Führer der Reichstagsmehrheit Namens derselben auf» Bestimmteste angekündigt und ein dem entsprechender Antrag für die geschäftliche Behandlung der Vorlage eingebracht.

Die Bundesregierungen fanden sich daher gleich beim Beginn der ersten Berathung einer durchaus bestimmten thatsächlichen parlamentarischen Situation gegenüber, aus deren Aenderung im Großen und Ganzen die weitere Er­örterung kaum einen erheblichen Einfluß üben konnte.

In klarer Erkenntniß dieser Lage hielt der Reichs­kanzler Fürst Bismarck den Augenblick nicht für angethan, um etwa unter Einsetzung des vollen Gewichtes der Re- gierungSauffaffungen und Ueberzeugungen eine moralische Einwirkung auf die sonst regierungsfreundliche Mehrheit behuf» sofortiger Verständigung über dir schwebende Frage zu üben, sondern et beschränkte sich darauf, den Stand- punkt der verbündeten Regierungen zur Strasgesetzreform mit Bezug aus die innere Reichspolitik und deren weitere

Der Oberst trat zu ihm, traulich, beruhigend, ihm auf die Achsel klopfend und sagte: „Närrchen, der Befehl deS Königs muß vollzogen werden. Gehorche. ES wird dich nicht gereuen. Du empfängst gewiß zur Aussteuer mit dem Mädchen zugleich ein köstliches Hochzeitsgeschenk. Folge mir diesmal! DaS Mädchen ist allerliebst, und das Un­glück, eS zur Frau machen zu muffen, nicht groß. Man gewöhnt sich zuletzt an nichts leichter, als an ein so aller­liebstes Unglück."

Da trat Wilmson einen Schritt vor, und sagte stolz und kalt: „Der König kann mir nichts mehr schenken, nach­dem er wir mehr geraubt hat, als er aus seinem Reich- thum irgend einem Sterblichen zu geben vermag. Er hat mich aus dem Schooß meiner glücklichen Familie, au» dem Arm meines theuern Vaters gerissen. Er hat meine per­sönliche und bürgerliche Freiheit vernichtet, und mich zu einer Gliederpuppe erniedrigt, der ich vorher Mensch war. Diesen Augenblick läßt er mir durch Sie ankündigen, daß ich noch elender werden müsse, als ich schon durch ihn war. Er soll sich in der Berechnung seiner Gewalt irrm. Wer den Tod nicht fürchtet, hat nichts zu fürchten. Ich erkläre Ihnen hiermit, ich gehorche nicht. Und gebrauchen Sie Zwang, so kommt mein Blut über Sie. Dies ist mein fester Entschluß, das mein Schwur. Bedenken Sie, was Sie thun wollen."

„Schnickschnack!" rief der Kommandant ärgerlich: „Halt Er das Maul und gehorch' Er seinem Monarchen, der'S mit Ihm gut meint. Ich will keine Zeit mit Ihm länger verlieren." Damit ging der Kommandant zur Thür und winkte hinaus. Zwei Unterosficiere von der Garde traten herein. Der Kommandant flüsterte ihnen einige Worte ins Ohr. Sie blieben an der Thür, wie Bildsäulen, stehen.

Der Oberst, die Hände aus den Rücken zusammenge- faltet, ging etwa» unruhig im Zimmer auf und ab, and warf von Zeit zuJZeit einen Blick voller Mitleiden und Besorgniß seitwärts auf den unglücklichen Wilmson, der

mehr in verletzender Weise den Ton des Sieges und Trium- )hes über eine angeblich von den Regierungen verlorene oder kleinmüthig abgebrochene Schlacht anschlagen.

Diese triumphirende Haltung zeugt im vorliegenden Falle überdies von einer völlig irrthümlichen Beurtheilung der Thatsachen.

Die Regierungen haben die Schlacht nicht „abbrechen" können, weil sie überhaupt nicht Willens und der Ansicht waren, „eine Schlacht zu liefern."

So überzeugt die Regierungen ihrerseits von der Re- ormbedürftigkeit des Strafgesetzbuches sind, so konnten sie >och kaum erwarten, noch weniger verlangen, daß der Reichs­tag ihre Ueberzeugungen sofort in voller Ausdehnung theilen und mit einem Beschlüsse sich zu eigen machen sollte. Sie konnten unter richtiger Würdigung parlamentarischer Auf­fassungen und Strömungen nicht die Ungeduld haben, das für nothweudig Erkannte ohne Weiteres durch Zustimmung des Reichstages ins Leben geführt zu sehen.

Das Mittel, welches dem Reichsoberhaupt gegeben ist, um »öthigenfalls die Ueberzeugungen der Regierungen gegen­über den widerstrebenden Auffassungen der Reich-vertretung womöglich unmittelbar zur Geltung zu bringen, die Auflö­sung des Reichstages, kann selbstverständlich nur ausnahms­weise, nur in Fällen von größter Dringlichkeit zur Anwen­dung kommen, wenn nicht da» Gleichgewicht der gemein­samen Thätigkeit zwischen den Bundesregierungen und dem Reichstage von Jahr zu Jahr gestört werden soll.

Abgesehen von Entscheidungen dringendster Natur wird die Reichspolitik im Allgemeinen darauf verzichten müssen, ihre Auffassung mit raschen Mitteln und mit constitutionellen Kraftproben durchzusetzen, die Regierungen werden vielmehr dahin wirken müssen, daß ihre Ueberzeugungen in weiteren Kreisen und namentlich in den Kreisen der Reichstagswähler, als der demnächstigen weiteren politischen Instanz, zur Gel­tung gelangen. Die Kraft und Stetigkeit der Regierungen wird sich oft gerade darin zu erproben haben, daß sie zu warten verstehen, bi» die richtigen Auffassungen fich in der öffentlichen Meinung durchgearbeitet haben und in den Wahlen zum durchschlagenden Ausdrucke gelangen. Die Regierungen dürfen in dieser Beziehung nicht Politik treiben, wie die TageSpreffe, für welche die wichtigsten Fragen mst

Der Feldwebel.

Novelle v. H. Zschocke.

(Fortsetzung.)

Der Kommandant antwortete trocken: „Darum wird man Ihn nicht fragen. E» ist des König» Spezialbefehl. Da» Mädchen ist im Nebenzimmer und heult; hat wahr­scheinlich schon etwas Liebes. Hier steht der Feldprediger. Die Trauung geschieht auf der Stelle. Damit Punktum."

„Aber wie kann der König," rief Wilmson mit innerm Stimme, „wie kann der König . . ."

„DaS geht Ihn und unfl nichts an. Hier der eigen- händige Befehl Sr. Majestät. Er lautet dahin, ich solle oh« Verzug den Feldwebel Wilmson mit der Ueberbrin- gerin des königlichen Handschreibens in Gegenwart des H<rrn Obersten kopuliren lassen, und ans keine Einwen­dungen hören. — Also still! Ich nehme nicht Wenn'» und Aber'» an, weder von Ihm, noch von dem Mädchen."

„Nie gebe ich Hand und Herz auf Befehl des Königs. Der König kann da» nicht durch Befehl erzwingen!" rief Wilmson.

Der Kommandant machte ein ernste» Gesicht und sagte: „Hand und Herz soll Er behalten, aber das Mädchen nehmen. Nur nicht weiter gemuckst, oder ..."

„E» ist wider menschliches und göttliches Recht!" rief Wilmson.

»Geht den Soldaten nicht» an!" erwiderte der Kom­mandant.

„Herr Kommandant, Herr Oberst, zwingen Sie mich nicht, um Gotte«willen nicht!" schrie Wilmson empört: „Sie machen zwei Menschen unglücklich. So wahr Sie mich zwingen, so wahrhaftig erleben Sie, ehe der Tag vergeht, ein schreckliche» Schauspiel! Au» der Braut wird eine Wittwe, au» der Hochzeit ein Bezräbniß. Ich werde frei bleiben, kotz Ihrer und Ihre» König» Gewalt, sobald ich frei sein will."

Anzeigen nimmt entgegen: die ®jqwbtttott d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; E. Schlotte in Bremen.

Entwickelung klarzulegen.

Er erklärte zunächst, daß t» fich bei dieser Angelegen» heit nicht um eine Macht- oder Konfliktsfrage zwischen den Regierungen und dem Reichstage, mithin auch um keinen Anlaß zu gereizten und bitteren Erörterungen handeln könne: dem Reichstage sei da» Recht durchaus unbestritten, Fall» er bie Ueberzeugung von der Nothwendigkeit oder Nützlichkeit der Vorlage nicht theile, dieselbe im Ganzen ober theilweise abzulehnen, — die Regierung habe e8 im Gefühle ihrer Verantwortung für Pflicht gehalten, für die Rechtssicherheit und dm innern Frieden im Reiche den Versuch der Reform jetzt zu machen, — die Verantwortung gehe im Fall der Ablehnung zunächst auf den Reichstag über; bie Frage selbst aber bleibe bestehen, und es werbe ----- „

schließlich Sache der Reichstagsmitglieder den Wählern' schiedenen Ueberzeugung von der Nothwendigkett der bean-

Anzetgen nimmt entgegen: bie «Hebittmt b. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a. M-;

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