Nr. 288*
Marburg, Donnerstag, 9. December 1875.
x. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in jtaffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlm, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Mofse in Berlin, Frankfurt a. Ri. rc.
ObcchcUihc Jdlung.
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Lage-bericht
Graf Wendt votho zu Eulenburg ist in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag nach überstandenem Typhus am Lungenfchlage verschieden; bei den nahen Beziehungen, in denen er zur Familie des Fürsten Bismarck stand, wird diese Trauernachricht auch in weiteren Kreisen die lebhafteste Theilnahme erwecken. Der Verewigte war am 19 März 1845 geboren, als erster Sohn des Grasen Botho Heinrich zu Eulenburg, Land < Hofmeister deS Königreichs Preußen und Direktor der Hauptverwaltung der Staats- schulden, und der Gräfin Johanna Charlotte geb. Gräfin von Dönhoff zu Friedrichsteiu. Die drei älteren Brüder find Graf Botho, Obeipräsident der Provinz Hannover, Gras August, Bice - Oberceremonienmeister und Obermar schall de« Kronprinzen, und Graf Karl, Rittmeister im 2. Garde-Ulanenrrgiment. Graf Wendt war Kawmerge- richtsaffeffor und seit mehreren Jahren im Auswärtigen Amt beschäftigt; dem Königl. Husarenregiment Nr. 7 gehörte er als Premierlieutenaut der Reserve an. Die Einsegnung der Leiche fand Dienstag Abend 6V2 Uhr statt, um demnächst nach dem Erbbegräbniß zu Schönbruch in Ost- pteußen übergeführt zu werdrn.
Um die Geldwährung schneller zur Durchführung zu bringen, beabsichtigt die Reichsregierung, die EourSsähig- keit der Thaler cinzuschränken, und ein Gesetz einzubringen, wonach die Thaler einstweilen wie Reichsstlbermünzen als gesetzliche Zahlungsmittel für Zahlungen bis zu 20 Mark bestehen bleiben sollen.
Die letzte Nummer des Militär-Wochenblattes enthält einen Artikel über die Eisenbahnfrage, der sich entschieden, im Jntereffe der LandeSvertheidigung für eine einheitliche Verwaltung der Eifenbahnen, durch das Reich ausspricht, und nicht bloS die Forderung aufstellt, daß das Reich neue Bahnen im militärischen Jntereffe baue, sondern auch sämmt- liche, bereit» bestehende Bahnen erwerben soll. Es wird daraus hingewiesen, daß Deutschland bei ter Stellung, die c« in Europa einnimmt, unmöglich seine höchsten Jntereffen aus'» Spiel setzen kann, indem e« die Eisettbahnen Privat- gesellschasten überläßt. ES würde namentlich ein weit höherer Grad von Präcifion für große Truppentransporte erreicht werden, wenn das Reich in Krieg und Frieden seine Eisenbahnen einheitlich selbst verwaltete. Man steht also hieraus, daß diese Frag« gegenwärtig nicht bloS von volkswirth- fchaftlichem Standpunkte aus, sondern auch vom politischen und militärischen eine eingehende Berücksichtigung findet.
Die nordschleSwig'sche Frage, welche früher immer wieder auftauchte und ein ergiebiges Thema der Conjekturalpoltiik adgab, ist nun endlich al« definitiv abgeschloffen anzusehen. Der EultuSminister Dr. Falk hat «ine Cirkularverfügung an die «irchenvisitation der nordschleSwig'schen Propsteien
erlaffen, wonach die Lehrer der nördlichen Distrikte sich eine olche Fertigkeit in der deutschen Sprache erwerben sollen, daß sie sich derselben als Unterrichtssprache bedienen können. Diese Maßregel beweist hinreichend, daß die Zeit deS Tem- »orisirens vorüber ist, und daß die Regierung entschloffen st, allen dänischen Prätensionen mit Energie eotgegenzu- treten und Nordschlcswig als ein deutsches Land zu behandeln. Wir dürfen annehmen, daß diese Maßregel vorzugsweise den Vorstellungen deS Regierungspräsidenten Bitter zu verdanken ist, der der dänischen Agitation von vorn »erein den nöthigen Ernst gezeigt hat, ohne den dieselbe nicht verschwinden kann. ES ist diese Verordnung zu gleicher Zeit die letzte Antwort auf die Forderungen der Dänen, da noch alle bisher mit ihnen gepflogenen Unterhandlungen an ihrer Maßlosigkeit gescheitert sind und sie sich immer noch mit Illusionen tragen, die in keiner Weise einer Erfüllung ent» gegensehm.
Deutsches Reich.
•# Berlin, 6. Dec. Der Reichstag hielt heute nur eine ganz kurze Sitzung, da die Heizung nickt im Gange war und wie der Präsident konstatirte, die Luft sich nicht über 8 Grad erwärmen ließ. Man hofft, morgen eine angenehmere Temperatur zu erzielen. — Die Krankheit des Grafen Wend zu Eulenburg hat Sonntags gegen Morgen unerwartet einen tödtlichen Ausgang genommen, nachdem noch Abends vorher auf der parlamentarischen Soiröe Fürst Bismarck erklären konnte, daß die Besserung seines künftigen Schwiegersohnes seit acht Tagen wieder Fortschritte mache. Den Tod scheint ein Lungenschlag herbeigesührt zu haben, eine bei andauerndem nervösen Fieber nicht seltene Erscheinung. Der junge Graf war eine in westen Kreisen wegen seines liebenswürdigen Wesens und seiner hervorragenden Bildung und Fähigkeiten geachteter und geschätzter Mann. Er gehörte dem Reffort deS Staatsministeriums an und war in dieser Eigenschaft dem Fürsten Bismarck, als dem Prästdmten deffelben, zur persönlichen Disposition gestellt, für seine weiter« Saniere war di« innere Verwaltung in Aussicht genommen und, wie eS heißt, bereits kurz vor feiner Erkrankung das Decret ausgefertigt, welches ihn zum Amishauptmann des Amtes Hannover ernannte. Der Vater des Verstorbenen ist der frühere Regierungsprästdent von Marienwerder, jetziger Präsident der Staatsschulden-Com- mission, Gras Eulenburg; seine drei älteren Brüder sind der Oberprästdent von Hannover, der Hofmarschall des Kronprinzen und der Rittmeister im Garde-Dragonerregi- mente, Graf Eulenburg. Ein Zufall wollte eS, daß gestern der Lieutenant in der Garde du corps, Graf Eulenburg, ein Neffe deS Ministers, seine vielbesprochene Vermählunj mit Fräulein von Schäffer-Voit feierte. Die Trauer in
den Familien Bismarck und Eulenburg ist tief. Von allen Seiten kommen Beweise innigster Theilnahme. Mit Rücksicht auf daS trübe Ereigniß fällt auch der auf heute Abend 8 Uhr anberaumte Ministerrath aus. — Ueber die ReichS- Justizkommission und den weiteren Gang ihrer Berathungen ind eine Menge widersprechender Gerücht« verbreitet, Be- timmtes läßt sich nicht sagen, ehe nicht diese Berathungen zu Ende geführt sind und die Regierung dazu Stellung nehmen kann. Jedenfalls ist anzunehmen, daß das Mandat der Commission durch einen gesetzgebenden Akt auch über die Dauer der gegenwärtigen Session hinaus verlängert werden wird. — Die Vorbereitungen zu einem ReichSver- einsgesetze sind von Neuem ausgenommen und werden tüchtig gefördert. Doch ist die betreffende Vorlage keineswegs in dieser Session zu erwarten, da der Reichstag bereits genug zu thuu haben wird, da« ihm vorliegende Pensum zu bewältigen. — Das Central - Semite der deutschen Krieger- Pflegervereine hat jetzt ein Cirkular an die Letzteren erlassen, worin von Neuem auf die Brüsseler Weltausstellung aufmerksam gemacht, deren Wichtigkeit auSeimmdergesetzt und die Theilnahme der Vereine in Anspruch genommen wird, um eine würdige Vertretung Deutschlands zu ermöglichen.
Mannheim, 5. Dec. Ueber den Geschäftskreis des badischen Handelsministeriums im Jahre 1874 ist eben von der bezeichneten Staatsbehörde ein Jahresbericht erschienen, welcher umsangreiche Ausschlüsse über die Behördenorgaui- jation, die Bildung für den öffentlichen Dienst, die Gesetzgebung, die Zustände der Landwirthschaft, der Fischerei, deS Forstwesens, der Industrie, des Handels, deS Verkehrswesens, insbesondere der Eisenbahnen und der Dampfschifffahrt enthält, d. h. eine vollständige Rechenschaftsablage über die ökonomischen Zustände dieses kleinen, von der Natur gesegneten, im Geiste einer aufgeklärten, freisinnigen, großen und fortschrittlichen Zeit regierten Landes, ein klare«, lebendige« Bild seiner gesammten wirthschaftlichen, vielgegliederten Thätigkeit. So viel wir wissen, ist Baden der einzig« deutsche Staat, in welchem die materiellen Ver- hältniffe deS Lande« in so umfangreicher und übersichtlicher Weise vom Handelsministerium selbst geschildert werden. Durch diese mit großem Fleiß und vieler Sorgfalt ausgearbeiteten Berichte — der eben erschienene ist der zweite — ist die HerauSgebe von JahreS-Berichten der verschie- denen Handelskammern nicht allein überflüssig geworden, sondern an ihre Stelle, unter Benutzung der von den HandelSkammem gemachten Mitthellungen, eine ungleich werthvollere und vollständigere Schilderung der Arbeits- Leistung und Verkehrsbewegung des gesammten Lande« getreten. Diese Form dürfte sich auch in anderen deutschen Staaten, insbesondere in den kleinen, für ähnliche Berichte sehr empfehlen.
Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke.
(Fortsetzung.)
9.
Unverhofft Kommt oft.
Wa« dm letzten Punkt betrifft, irrte er sich, wie sich voreilige Jünglinge oft zu irren pflegen. Hätte er ein wenig Lebenserfahrung mehr gehabt, würde er eher der» mukhet haben, daß nach dem glücklichsten der Tage, die er in Potsdam erlebt, vielleicht ein eben so unglücklicher nahe stehe Wirklich schwebte am andern Morgen, al« er noch mit froher Seel« in feinem Zimmer, unter den flohen Erinnerungen de« gestrigen Abends, umhettanzte, die unerwartetste Gefahr über feinem Haupte.
Der König nämlich machte an diesem Morgen, in Begleitung einiger seiner Generale, einen Lustritt in« Freie. Sie waren noch nicht weit vom Thore, al« sie den Weg daher ein städtisch gekleidete« Mädchen kommen sahen, welche« wegen seiner ungewöhnlichen Größe Allen auffiel.
„Woher die junge Riesin?* fragte der König seine Begleiter. ,
Ich erinnere mich," sagte einer derselben, „diese lange Schönheit schon öfter« in Potsdam gesehen zu haben. Sie ist Dienstmagd im Hause eines KriegSrathS .... eines, ich habe dm Namen vergeffm .... genug, fie ist die Flügelmännin aller Potsdamer Schönen."
„Meiner Trm I" rief der König: „Wenn ste einen Mann, ihrer würdig, daS heißt, keinen Heineren heirathete, al« fie selber ist, könnte ste die Stammmutter eines neuen GigentangffchlechtS werden."
„Aber," versetzte Einer de« GesolgS, „der Teufel plagt eben die Leute, daß sie gerad« b«S, was ste selber nicht
sind und haben, an Andern am meisten lieben. Ich wette, das große Stück Schönheit dort hat sich schon in irgend ein Zwerglein verliebt."
„Hm! das läßt sich verhüten!" sagte der König. „DaS geht nicht! die Weibsperson verdient «in gutes L00S. Ich will einen hübschen, jungen Kerl glücklich damit machen, bei dem ich ohnehin noch Manche« gut zu machen habe. Der Bursche soll mit mir zufrieden werden. Ich meine den Feldwebel Wilmson von Magdeburg.
Während diese« Gespräch« war daS Mädchen ganz herangekvmmen. Die Grüße deffelben war wirklich auffallend, weniger feine übrige Schönheit. Der König hielt sein Pferd an und sagte zu dem Mädchen, daS ihn zu erkennen schien: „Mein Kind, geht Sie in die Stadt?"
Das große Mädchen antwortete erschrocken ein unverständliches Ja und ward blutroth.
„Will Sie mir den Gefallen thun, und sogleich einen Zettel an den Kommandanten überbringen? ES soll Ihr ein gutes Trinkgeld dafür werden."
DaS Mädchen versprach eS. Der König verlangte Papier. Einer au« dem Gefolge überreichte eine große Brieftasche mit Papier und Reißblei. Der König schrieb zu Pferde einige Zellen, faltete dann da« Blatt, zeichnete die Adreffe daraus, und schloß dm Zettel mit einem Stückchen Mundleim, dem er, so gut eS ging, sein Petschaft ausdrückte.
„Sie bringt die« also auf der Stelle dem Herrn Kommandantm. Sie weiß doch, wo er wohnt?" sagte der König, und indem er ihr erst dm Brief, dann einige Goldstücke in die Hand legte, fügte er hinzu: „Und hier etwa« zum Botenlohn. — Wie steht'«? Hat Sie schon einen Mann?"
Sie schüttelte lächelnd den Kops.
„Aber doch schon einen Schatz?"
Sie schüttelte abermals den Kopf und wurde feuerroth.
„Nun, nun, ich verstehe!" sagte der König. „Gehe Sie. Der Kommandant muß auf der Stelle diesen Brief haben. Hört Sie?"
Das Mädchen nickte ehrerbietig. Der König ritt fort. Die Generale lachten still. Sie erriethen den Inhalt des Briefe«.
Kaum eine halbe Stunde nach dieser Begebenheit trat eine Ordonanz zum Feldwebel Wilmson und holte denselben in das Haus des Kommandanten. Er ward, sobald er gemeldet war, in ein großes Zimmer geführt, worin er, außer dem Kommandanten, noch den Obersten seines Garde- regimentS und den Feldprediger fand. Alle drei lachten. Dies Lachen bildete einen widerlichen Gegensatz zu Wilmson und Schluchzen, welches sich aus einem benachbarten Zimmer vernehmen ließ und von einer weiblichen Person herzurühren schien. ^
„Wilmson," sagte der Oberst, „ich habe dir angenehme Nachricht anzukündigm. Alle deine Kameraden werden dich beneiden, weil dich der König so ungemein begünstigt."
Der Feldwebel erschrack freudig. Er erwartete nichts Geringeres, als der König habe ihm Abschied und Freiheit bewilligt. Er vergaß darüber seine ehrerbiettge, soldatische Haltung, und fuhr mit den Händm zusammen, die er stumm und erwartungsvoll faltete.
„Kann erS errathen?" sagte der Kommandant lächelnd: „Hat et einen Wunsch?"
„Meine Freiheit, meinen Abschied I* versetzte der Feldwebel.
„Poffen!" schrie der Oberst: „Es ist etwas BeffereS, als da«. Was machst du dir aus dem Abschied? Man weiß ja, du bist jetzt gern Soldat. Denk« dir also etwas BeffereS! Nun, e« ist umsonst. Da« fällt dir nicht im