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Marburg, Dienstag, 7. December 1875.

Nr. 386.

X ZhkMg.

g tätigen nimmt entgegen: Me »iäwMtien d. Blatte», sowie die Annomen-Bureaur von Th. Dietrich & Co- in Kassel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler tn Kranttutt a. M^Berlm, Letp- itfl, Löln ic; Rudolf Moste m Berlin, Frankfurt a. M. ic.

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Anzeigen nimmt entgegen: die EÄedition d. Blatte», sowie bte Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & So. in Frankfurt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, ÜL Siete« meyer in Berlin; Carl Echüß« ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Orfdttint täalich außer den Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJNuftrirteS Svn»tag»blatt" durch die Expedition (Koch'sche 1 Buchdruckerei) bezogen Mark» durch die Postämter deS Deutschen Reiche» 2 Mark 50 Pfg. (ejl. Bestellgebühr). JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeue 10 Pf».

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet.

Der Debatte über die Strafgesetznovelle sah man allgemein mit größter Spannung entgegen. Da« ReichStagSgebLud« war, wie gemeldet wird, mehr wie je gefüllt; alle Zugänge waren besetzt und die Tribünen von Anfang an gedrängt voll; übrigens war von vornherein im Allgemeinen der Verlauf der Debatte vorauSzufehen. Di« liberalen Parteien hatten sich über ihr Verhalten zu der Regierungsvorlage verständigt und die Ablehnung der­selben im Großen und Ganzen beschlosien. Durch dir Er- klämngen, welche der Reichskanzler in seiner letzten Rede gegeben hatte, war ein Conflikt von vornherein auSge- schloffen, so daß also eigentlich dadurch schon die Debatte in ein ruhigere» Fahrwasser gelangt war und mäßig ge­halten zu werden versprach. In dieser Richtung bewegte sich denn auch überwiegend die ganze Debatte und Ver­handlung. Ist einer zweistündigen Rede bekämpfte der Ab geordnete LaSker die Vorlage. Seine Rede war eine jener glänzenden theoretischen Arbeiten, durch welche sich dieser Abgeordnete so sehr auSzeichnet. Er führte das ganze Geschütz der juristischen Wissenschaft in's Feld und suchte die Vorlage dadurch yi zertrümmern.

Wenn e« sich bei einem Gesetz immer nur über die «iffenschastlichen Forderungen handelte, dann war jedenfalls der Abgeordnete LaSker in seinem Rechte, aber wenn die Praxi» auch «in Wort mitzusprechen hat, dann ließen die Ausführungen LaSker'» viel zu wünschen übrig. SS kann nicht geleugnet werden, daß da» Strafgesetzbuch große Mängel enthält und dem Rechtsbewußtsein be» deutschen Volke» wenig entspricht, da eS weit weniger auf diesem und aus den Bedürsniffen de» Staates, als auf denen der Rechtsanwälte beruht. LaSker berief fich bei seinen Aus- einandersetzungen auf die Forderungen der Humanität, aber schwerlich kann da» die rechte Humanität jein, wenn man dem Verbrechen durch übertriebene Milde Vorschub leistet und die Verbrecher säst straflos auSgchen läßt. Diese Ge- stchtSpunkte sühtte der Reichskanzler in seiner Rede aus. Er solgte seinem Vorgänger nicht in die Jrrgänge der juristischen Eophistik, sondern er griff einige praktische Mo­mente hervor, auf die er das größte Gewicht legte. Er freilich dem Reichstage das Recht zu, sein Votum wer die Vorlage abzugeben, aber er machte denselben auch dafür verantwortlich, wenn durch ihn die Revision deS Strafgesetzbuches ausgeschoben würde; denn ganz aufgehoben würde sie dadurch nicht, weil diese Vorlage immer wieder auftreten werde. Zwei Punkte namentlich hält der Reichs, kanzler für ganz besonders wichtig und macht für sie seinen ganzen Einfluß geltend, nämlich die Verschärfung für die körperlichen Verletzungen der Beamten und die Strafbe­stimmungen gegen den Ungehorsam der Beamten des aus »irtiaen Amtes. Ganz besonder» in dem letzten Punkte ha; sich die große Mangelhaftigkeit de» Strafgesetzbuches

Der Feldwebel.

i* Novelle v. H. Zschocke.

4®. (Fortsetzung.)

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ißijüt iw- Lrnnrdo sah her, Blondine sah hm;

Sie trugen im Herzen wohl liebenden ©wn. 7* ''"v Ballade von Bürger.

Wau wird nicht daran zweifeln, daß der junge Feld­webel auch folgenden Morgen« seine Nachforschungen fort- aesedt habe. Die Residenz Potsdam ist nichts weniger als von außerordentlicher Größe, und noch weniger von außer- ordentlicher Volksmenge. Man weiß aber au» allen Ro­manen, daß Liebende, die sich suchen, einander finden, und wüßten sie auch Welttheile durchkreuzen. Daher ist es nichts Erstaunliches, daß Fritz Wilmson, nachdem er feine Ent­deckungsreisen kaum drei Stunden lang fortgesetzt hatte, sein Ziel erreichte. Im mittler« Stock eines großen Hauses stand Elementin« am Fenster, und zwar etwa» Dor geneigt, al» suche sie auch ihn zu erkennen. Ihm ward, als schlugen Flammen Über ihm zusammen. Sobald er aber näher (am um sein Haupt vor der Angebeteten in ehrfurchts­vollem Gruße zu entblößen, schien sie ihn nicht mehr zu bemerken, sondern trat zurück, schloß nicht nur das Fenster, s«dern zog sogar die weißen Umhänge vor.

Da» übersiel ihn mit Frost und Kälte, wie wenn sich Schneewolken plötzlich über eine blühende FrühlingSwelt ausleeren. Er kehrte finster in seine Zelle heim, kämpfte lange mit fich, und ward endlich Sieger. Er schämte sich seiner Leidenschaft über eine Unbekannte, die sein rnneS Wohlwollen verschmähte, und beschloß, mit Ernst an seine Flucht zu denken. Er sprach mit Ärabb. Tag und Stttnde wurden verabredet. Ärabb sollte nach Berlin, einen Reise­wagen kaufen, al» vornehmer Kaufmann mit Postpserden

in dem Falle Arnim auf» eklatanteste herausgestellt. Die Strafe, welche Über denselben in zweiter oder gar in der ersten Instanz verhängt wurde, steht in gar keinem Ver hältnisse zu dem Vergehen deffelben. E» handelte sich in jenem Falle um die höchsten Interessen de» Staate», um die allerwichtigsten Dokumente, die es überhaupt geben kann, und während sonst die Unterschlagung einer selbst verhält- nißmäßig unbedeutenden Geldsumme mit Zuchthaus von mehreren Jahren bestraft wird, wurde hier Anfang» nach Maßgabe des Strafgesetze» sogar der Thatbestand einer Dokumentenunterschlagung angezweifelt und schließlich eine Strafe verhängt, die viel zu gering für die Vergehungen des ehemaligen Botschafters war. Dies war auch die all­gemeine Ueberzeugung, die in und außer Deutschland sich geltend machte. Es ist daher seltsam, daß sich noch Jemand findet, der diese Lücke des Strafgesetzbuches nicht erkennt, und der Reichskanzler gibt damit nut der öffentlichen Mei­nung den richtigen Ausdruck, wenn er mit allem Nachdruck und mit Einsetzung feiner Stellung und Persönlichkeit for­dert, daß hier eine Aenderung eintrete. ES ist anzunehmen, daß die Stimme des Reichskanzler» nicht ohne Eindruck bleiben wird und daß seine Gründe gewichtiger sein werden, als die Theorieen der juristischen Wissenschaft; wenigstens werden die gemäßigteren Elemente de» Reichstage» schwer­lich die Drohungen de» Abgeordneten Hänel annehmen und es auf einen Conflikt ankommen lasten. Bei der gegen- mittigen Lage der Dinge und den mancherlei Fehlem, welche die liberale Partei namentlich auf witthschaftlichem Gebiete verschuldet hat, dürfte eine Opposition nicht aus Sympathie rechnen können, wenn sie gegen den Reichskanzler gerichtet wäre; sie dürfte vielmehr den sich bereit« voll­ziehenden Umschwung in der öffentlichen Meinung vollenden, und der liberalen Majorität da» bisherige Ueberge^icht ent­ziehen.

Tage-bertcht.

Der BundeSrath hat unlerm 13. November die lang erwartete Prüfungsordnung für Apothekergehülfen erlasten. Die Prüfungsbehörde besteht auS einem höheren Medicinal« beamten oder besten Stellvertreter al« Vorsitzenden und zwei Apothekern. Die Prüfungen werden im Januar, April, Juli und Oktober jeden Jahre« gehalten und jede dauert zwei Tage. Die Prüfung zerfällt in schriftliche, praktische und mündliche. Erstere in Klausur und ohne Benutzung von Hülssmitteln soll ermitteln, ob der Lehr­ling die ihm zur Bearbeitung vorzulegenden Materien, so­weit die« von ihm gefordert werden kann, beherrscht und seine Gedanken klar und richtig anSzudtücken vermag. Der Lehrling erhält drei Aufgaben. Zweck der praktischen Prü­fung ist die Ermittelung, ob et da» für den Apotheker­gehülfen erforderliche Geschick sich angeeignet hat; und die

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durch Potsdam eilen, und ihn, al» Bedienten gekleidet, zur nächtlichen Stunde vor dem Thor aufnehmen und entführen.

Krabb kam folgenden Tage« noch einmal zu Wilmson, um vorläufigen Abschied zu nehmen. Krabb trat frohen MutheS ins Zimmer, während sein junget Herr im Fenster lag und in die stille Straße hinabsah. Krabb grüßte und lärmte vergebens. Der Feldwebel sah sich nicht um. Denn die Straße daher tarn Clementine; sie bemerkte ihn droben am Fenster, erkannte ihn, lächelte mit verschämter Freund­lichkeit einen Augenblick empor, grüßte sogar, ging vorüber, und schon ziemlich entfernt, wandte sie noch einmal da« Köpfchen und blickte nach ihm. Fritz war außer sich. Aller Schnee schmolz, und der warme Frühling mit den gebeugten, oder unzerknickten Blülhen ging wieder in ihm auf.

Als Krabb endlich Gewalt brauchte, um feine Gegen­wart bemerkbar zu machen, drehte sich der junge Herr zu ihm mit glühenden Wanzen und flammenden Blicken. Lange verstand er nicht, was Krabb wollte, und zuletzt gab er den einfachen Bescheid:Wir bleiben. Ich reise nicht. Ich werde Potsdam nicht verlasten; und wenn ich wüßte, daß die Stadt in wenigen Stunden von einem Erdbeben ver­schlungen würde, ich ließe mich mit verschlingen."

Der Invalide glich nun selber einem Erdbeben, da» Alles zu zerschmettern Miene macht. Er fluchte und tobte, gleich einem Besessenen, im Zimmer umher, während Fritz im Fenster lag, in die Straße niedersah und die Steine suchte, welche Clementinens Füße berührt und geheiligt haben konnten. Es blieb dabei. Krabb also mußte wieder in Potsdam forthausen.

Wilmson erneuerte nun feine Entdeckungsreisen vor dem wohlbekannten Hause, ohne glücklich zu fein. Die Fenster waren geschlosten. Bester gelang'« ihm in der Garnison«- kirche. Er erblickte die Schöne, aber sie bemerkte ihn nicht in ihrer sonntäglichen Andacht. Er folgte ihr auf dem Fuß,

mündliche soll ermitteln, ob der Lehrling die rohen Arznei- mittel kennt und von andern Mitteln zu unterscheiden weiß, ob er die Grundlagen der Botanik, der pharrnaceutischen Chemie und der Physik inne hat; ob er die erforderlichen Kenntnisse im Lateinischen hat und hinlänglich mit den Gesetzesbestimmungen bekannt ist, welche für das Verhalten und die Wirksamkeit des Gehülfen maßgebend sind. Die Prüfungsordnung tritt mit 1. Januar 1876 in Kraft.

Die Budgetcommifsion de« Reichstages hat am Donners­tag Abend mit allen gegen 2 Stimmen beschlossen, die im Kapitel 24, Titel 15, für die Besetzung von 50 Be­zirkskommandostellen mit aktiven Staabsosfizieren ausge­wogenen Mehrausgaben von ca. 231,000 M. zu streichen. Im preußischen Exiraordinarium sind nur unbedeu­tende Beträge abgesetzt; der größte derselbe beläuft sich auf 53,000 M., welche an Eisenbahn-Transportkosten behuf» Heranziehung de» 3. und 4. Garderegiments zu den Herbst­übungen des Korps gefordert waren. Erheblicher waren zwei Absetzungen von je 150,000 M. in dem sächsischen Exiraordinarium.

Bei den Verhandlungen über die in diesem Jahre auS- geführte Einkommensverbesterung der Geistlichen ist von einigen Seiten der Wunsch kundgegeben, daß das Einkommen der evangelischen Geistlichen durchgängig auf 2100 Mark erhöht werden möchte. Nach dem Ergebniß der Bewilligung von Staatsfonds zur Verbesterung de» Pfarreinkommen« voraufgegangenen Berathungen muß jedoch daran festge­halten werden, daß im Allgemeinen eine Besoldung von 1800 Mark neben freier Wohnung für die ersten Dienst- fahre als angemeffen anzusehen ist, und konnte deßhalb den erwähnten Anträgen, soweit sie auf eine allgemeine Er­höhung des Gehaltsminimums gerichtet sind, nicht stattge­geben werden. Dagegen wird allerdings nicht verkannt, daß an einzelnen Orten durch besondere örtliche Verhält- niffe eine Steigerung der Preise für die nothwendigen Lebensbedürfnisse in der Art herbeigeführt ist, daß die Kosten eines Haushalts in einer dem geistlichen Stande entsprechenden Weise mit einem Betrage von 1800 Mark nur ungenügend bestritten werden können. Diese Erwä­gungen haben schon im vergangenen Jahre dazu geführt, daß einzelnen Geistlichen im Hinblick auf die Theuerungs- Verhältnisse ihre« Wohnort« oder die mit besonderen Aus­lagen verknüpften Erschwernisse ihres Amt« Zulagen über da« Gehaltsminimum von 1800 Mark hinaus gewährt worden sind. Auch in diesem Jahre liegt dies in der Ab­sicht in Betreff derjenigen evangelischen Geistlichen, welche wegen ihre» geringeren DienstalterS zur Aufbesserung auf 2400 Mark in diesem Jahre nicht haben vorgeschlagen werden können, hinsichtlich deren jedoch ein Bedürsnih zur Gewährung weiterer Zulagen behufs der Erhöhung ihre» Einkommens auf 2100 Mark neben freier Wohnung vorliegt.

als sie mit einem ältlichen Frauenzimmer aus der Kirche ging; er grüßte. Sie erröthete, aber dankte ihm nicht ein­mal, sondern wandte sich gleichgültig zu der alten Beglei­terin. Er fand sie denselben Tag wieder auf einem öffent­lichen Spaziergang, faßte Muth und trat mit höflichem Verneigen an ihre Seite.O, wie glücklich bin ich end­lich .. ." stammelte er. Aber ihr Gesicht, plötzlich finster und mit dem Ausdruck der Verwunderung über eine Frech­heit ohne Gleichen, endete schnell sein Entzücken.Was wollen Sie von mir?" sagte sie:Ich kenne Sie nicht! Was haben Sie mit mir zu schaffen? Sie haben sich ohne Zweifel zur unrechten Person verirrt." Damit wandte sie sich stolz von ihm weg und einigen Frauenzimmern ihrer Bekanntschaft zu, die in der Nähe wandelten.

Der atme Feldwebel stand eine Weile steif und gerade da, wie wenn ihn sein Oberst musterte. Dann schwenkte er plötzlich und marschirte im Doppelschritt davon, über Clementinen und alle Weiber unter allen Himmelsstrichen fluchend:Sie hat dich zum Narren, scheint'S. Sie ist nur Kokette. Himmel und Hölle, welchen Ton nahm sie an! Wie, sie kenne mich nicht? Ich habe mich an die un- rechte Person verirrt? Wie, ist sie denn doppelt in Pots­dam vorhanden?" In diesem Selbstgespräch rannte er durch die Gaffen, suchte den alten Kräbb auf und befahl ihm, ohne Verzug nach Berlin zu gehen, den Reisewagen zu kaufen und zur Flucht alle Veranstaltungen zu treffen. Krabb, höchznfrieden, daß sein junger Herr den gesunden Menschenverstand wiedergefunden, ließ sich den Befehl nicht zweimal geben, sondern miethete auf der Stelle den Wagen und fuhr in der gleichen Stunde zum Thor hinan» nach Berlin.

Der jung« Feldwebel wünschte sich zur Festigkeit und Schnelligkeit seine« Entschluffe« Glück. Er fühlte wohl, daß et in Potsdam nicht glücklich sein könne; daß er,