ür. L8S.
Marburg, Sonntag, 5. December 1875.
x. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: feie Spedition b. Blattei, sowie die Annon-en-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in jtafiel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Stein & Vogler in rt a- M, Berlin, 2eip* In k ; Rudolf Vlofse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: feie Expedition b. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Ca. in Frankfurt a. M.- Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendauk, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
worden, denn mit einem einzigen allein würde ers wohl noch ausgenommen haben. Ohne Zweifel wäre der Räuber deS Meerschauwkopses auS Berlin; denn in einer fremden Stadt, wie Magdeburg, könne Mamsell Stern unmöglich einen Liebhaber gesunden haben, gegen welchen Sie so
nicht entschieden; das letztere betrifft einen Mörder, der bereit« 41 Jahre in Strafanstalten zugebracht hat.
Die r u s s i s ch e Regierung verwahrt sich beharrlich gegen den, wie sie meint, von „Börfenspeculanten" geschürten Verdacht, als trachte sie danach, ganz eigenmächtig in der orientalischen Frage vorzugehen. Sie betheuert, dah diese Frage ganz Europa angehe und, wenn auch Oesterreich und Rußland in erster Reihe berufen feien, sich über die Lösung derselben zu verständigen, so hätten die übrigen Großmächte nicht minder das Recht, sich an der wichtigen Aufgabe zu beteiligen.
In der hohen Pforte geht eS her wie in einem Taubenschlage: Minister kommen und gehen, einer gibt dem andern die Thür in die Hand. Husiein Avni Pascha ist nach Salonich beseitigt, den in Smyrna kalt gestellten Esiad Pascha hat ein bösartiges Fieber dort hinweggerafft; Midhat Pascha, der die von ihm beantragten Reformen in der Rechtspflege nicht durchsetzen kann, will das Justizministe- rium nicht weiter behalten und auch feine Kollegen vom Unterricht und von den öffentlichen Arbeiten mögen nicht länger bleiben. Raschid Pascha ist von Wien angekommen und hat das auswärtige Amt übernommen. Mahmud Pascha, der noch immer leidend, aber auch noch immer Großvezir ist, denkt vom Großherrn ein Jrade zu erwirken, welmes den Ministern und Provinz - Gouverneuren ihre Aemter auf mindestens fünf Jahre sichern und gegen die Ränke und Winkelzüge des Serails Schutz gewähren soll. Der Sultan zeigt neuerdings ein großes Behagen am Sammeln von Gold und beschästigt sich gern mit dem Auf- häufeln blanker Münzen. Im Volke munkelt man allerhand und setzt seine Hoffnung sür die Rettung des otto- manischen Reiches auf den Khedive.
In Rumänien ist am 27. November der Landtag und gleichzeitig auch die LanbeSkirchensynode eröffnet worden.
Bardoux, jetzt Präsident deS linken Centrums, stellte i am 29. November in der französischen Nationalver- 1 ammlung den Antrag, daß die Versammlung in den ersten Tagen deS December die ihr zustehende Wahl der 75 Se- 1 natoren vornehmen, den ständischen Ausschuß ernennen und ich hierauf bis zum 15. December vertagen solle, daß am > j. Januar 1876 die Senatorenwahlen in den Departe- : mentS, am 30. Januar die Deputirtenwahlen erfolgen und beide Versammlungen am 28. Februar zusammentreten sollen. Im Ministerrathe wurde am 30. November beschlossen, daß man einige Aenderungen in den von Bar- doux beantragten Daten verlangen wolle. Die Verhandlungen der National-Versammlung über das Wahlgesetz gingen in Folge deS stillen Grimmes über die Keckheit der Bonapartiften und daS Vorgehen der englischen Regierung über Erwarten rasch und ruhig von Statten: die Nationalversammlung nahm am 29. den vielbestrittenen Artikel 15 in dritter Lesung mit 401 gegen 200 Stimmen mit der Aenderung an, das die Untereintheilung der Arron- diflementS von mehr als 100,000 Seelen durch ein besonderes Gesetz geordnet werden solle; die Annahme des ganzen Wahlgesetzes erfolgte am 30. November mit 532 gegen nur 87 Stimmen. In derselben Sitzung wurde die Dringlichkeit des Antrages von Bardoux, sowie eines ähnlichen von Clercq beschloffen, wonach die Senatorenwahl in der National-Versammlung am 13. December, diejenigen im Lande am 9. Januar, die Wahlen zur Legislative am 13. Februar, die Auflösung der National Versammlung am 4. März und der Zusammentritt der neuen Kammern am 16. März erfolgen sollen.
Die seit längerer Zeit vorauSgesehene Umgestaltung oder wenn man will Rückgestaltung des Madrider CabinetS ist, wenn noch nicht ausgesührt, so doch festgestellt. In Kurzem wird der jetzige Ministerpräsident und Kriegsminister, General Jovellar, mit dem Könige zur Nordarmee abgehen und CanovaS del Castillo daS Ministerprästdium wieder übernehmen.
Das große TageSereigniß für England ist der Ankauf der in den Händen de» BicekönigS von Aegypten be- 1 sindlich gewesenen 176,602 Aktien des Suezkanals, also saft der Hälfte der sämmtlichen Aktten, durch die englische Regierung. Obschon dieser Kauf im einfach civilrechtlichen ' Gewände auftritt, gilt er doch al» ein politisches Creigniß.
Der König von Dänemark ist am 26. November von England heimgekehrt und am 29. hat der Reichstag feine Sitzungen wieder ausgenommen. Der Finanzminister hat ihm zunächst das Finanzgesetz vorgelegt, welches sür das nächste Jahr die Staatseinnahmen auf 50,008.8423/4 Kronen und die Ausgaben auf 46,885,045V2 Kronen an schlägt.
Von den durch das norwegische höchste Gericht gefällten Todesurtheilen hat der König zwei bestätigt, eines in Zuchthausstrafe verwandelt, über das vierte aber noch
große Freigebigkeit geäußert hätte.
Weil Clementinens eigener Bericht über den Vorfall in Magdeburg ziemlich mit der Lüge des Kammerdieners einstimmte, diente ihr Wort zur Bestätigung von KiekS Lüge. Daß sie den jungen Menschen, mit dem sie vertraulich gegangen war, nicht gekannt, noch weniger in ihm einen Liebhaber gehabt hätte, glaubte ihr natürlich Niemand. Sie mußte also vollen Schadenersatz leisten und auS dem Hause; ja es für Gnade halten, daß man sie nicht in» Zuchthaus schickte. Nun Clementine in voller Verlassenheit und Armuth war, erbot sich der Zeisig zu ihrem Beschützer und Versorger. Er zweiselte nicht, daß die Noch, in welche er sie gestürzt, ihre Widerspenstigkeit besiegen muffe. Er irrte sich. Und als sie nach vergeblichem Bemühen, in irgend ein HauS von Berlin als Kammerjungfer aufge nommen zu werden, keine Hoffnung vor sich fah, begab sie sich nach Potsdam, um als Hau»- und Stubenmädchen ein ehrliche« Dasein zu fristen.
Der junge Wilmson hörte die Erzählung der Unglücklichen mit Schmerz. „Läuft mir der Bösewicht irgendwo über den Weg," rief er mit nassen und funkelnden Augen, „ich jagte ihm, wäre eS im königlichen Vorzimmer, den Ballasch durchs Herz. Run begreife ich, daß der ruchlose Bube, der mich doch im Vorzimmer de» König» sah, her
Deutsches »eich.
## Berlin, 2, Decbr. Die gestrige Note des Reichs- anzeigerS über den lebhaften diplomatischen Verkehr des Reichskanzlers beweist, wie lief die politische Welt durch den neuesten Schritt Englands bewegt ist. So wenig derselbe kriegerische Gefahren gebracht hat, so thöricht ist es doch hier, einen rein merkantilen Akt sehen zu wollen. E« ist ein glücklicher Zufall, daß gerade jetzt Fürst Gortscha- koff auf seiner Heimreise begriffen war und einen Aufenthalt in Berlin nahm. Es liegt auf der Hand, daß dieser neuesten Phase der orientalischen Angelegenheit gegenüber auch die Stellung der interessirten Mächte eine prononcirtere werden muß und so liegt gerade der deutschen Regierung, die sich in der glücklichen Lage einer unbefangenen Zuschauerin befindet, die angenehme Pflicht ob, hier vermittelnd und ausgleichend einzutreten. Mit Recht erinnert die „Rat. Ztg." heute Morgen an den Frühling dieses Jahres, wo sich Europa ebenfalls in einer politisch erregten Slim, mung befand und dann eS der russischen Diplomatie be
Politische Wochen-Uebersicht.
Kaiser Wilhelm empfing vorigen Sonntag den Vorstand der ui Berlin tagenden außerordentlichen Generalsynode und legte demselben eine verträgliche Vereinbarung des ihr ! obliegenden Kircherversasiungs-AbschluffeS warm ans Herz. Mittwochs empfing der Kaiser den auf der Rückkehr nach Petersburg durchreisenden russischen Reichskanzler Fürsten Gortschakow, der Tag» vorher längere Zeit mit dem Fürste« Bismarck conferirt hatte. Fürst Bismarck empfing am Dienstag eine Deputation der Stadt Cöln, bestehend 1 an» dem Oberbürgermeister und zwei Stadtverordneten, ' welche ihm den endlich fertig gewordenen prachtvollen Ehrenbürgerbrief überbrachten. Der Fürst hat vorigen Sonnabend seine hergebrachten parlamentarischen Soireen wieder ausgenommen und soll sich über seinen Gesundheits- zustand im Ganzen besriedigenb ausgesprochen, doch geklagt haben, daß ihm ein längeres Stehen noch immer außerordentlich schwer solle. Im Reichstage, der inzwischen eine Reihe von Etat» in zweiter Lesung erledigt und zugleich verschiedene wichtige Vorlagen in den Commissionen für Die zweite Lesung im Plenum fertig gestellt hat, pflegen augenblicklich die Fraktionen in sich und untereinander Besprechungen über die Sirafgesetz-Novelle. Ueber das zu erwartende Schicksal deS Entwurfs, wie er au6 dem Bun- deSrathe verbeffert hervorgegangen ist, läßt sich einstweilen nur so viel mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß derselbe weder en bloc angenommen noch en bloc abgelehnt werden wird.
In ganz Oesterreich, nicht minder als in Wien selbst, wurde der Tod des Cardinal-Erzbischofs Rauscher al» ein nicht bloS kirchliches, sondern auch als ein politische» Ereigniß empfunden, denn man wußte, welchen Einfluß bitter kluge Prälat und richtige Oesterreicher bei Hofe in entscheidenden Momenten auSüben konnte, wenn er wollte. Da» Leichenbegängniß fand am 27. Nachmittags im StephanSdome unter großer Theilnahme au» allen Ständen Statt. Das Abgeordnetenhaus lehnte am 26. die Uebermeifung des Kopp'fchen Antrages auf Trennbar- leit der Ehe an einen Ausschuß ab; der Antrag ist als begraben zu betrachten. Kopp hatte seinen früheren Antrag auf völlige Umgestaltung der Ehegesetzgebung auf das Mi nimwn reducirt; aber da» Abgeordnetenhaus ward dadurch nicht gewonnen: ein Theil der Abgeordneten will mehr, ein anderer will gar nichts, was einem Fortschritte in Fragen ähnlich sieht, die zu Weiterungen mit dem Papste
kett und Unwahrheit komme zugleich an den Tag. — Ach, liebe Clementine, wie viel haben Sie meinetwillen gelitten! Denn Alles wäre vielleicht nickt geschehen, wenn ich Sie im Menschengedränge nicht begleitet hätte! Ick muß Ihnen Vieles vergüten. Und ich will eS. Ich kann es. O mein Gott, wie viel haben Sie gelitten 1 Wie viel leiden Sie noch I"
„Nein, Herr Wilmson, ich leide nichts mehr. Ich habe eine gütige Herrschaft gefunden.
„Ach, die güiigfte Herrschaft ist eine Herrschaft! Sie sollten frei sein. O, meine Liebe, ich bin freilich jetzt noch Soldat, — aber mein Vater ist reick, ich bin reich, haben Sie Vertrauen zu mir. Ich bin gewiß nicht von dem Schlage, wie der elende Kammerdiener; — ich biete Ihnen ..."
„Für alle Anerbietungen danke ich Ihnen, Herr Wilm fon. Sie sind sehr gütig. Aber ich bin nur frei, so lange ich Niemandem Verpflichtungen schuldig bin. Und daß ich Sie für einen Mann halten solle, wie jenen elenden Menschen, nein, da» hätten Sie nicht nöthig gehabt, zu bitten. Er ist mein bösester Feind. Ich kenne ihn."
„O, daß Sie mich auch kennen würden! Vielleicht . . ."
„Wacht heraus!" schrie die Schildwacht. Ein General ritt über den Platz. Dir Soldaten eilten aus der Wacht stube hervor. Der Feldwebel verbeugte sich flüchtig gegen das artige Kammermädchen und sprang zu seinen Leuten in Reih' und Glied. Als der General vorbeigeritten war, hatte sich die schöne Clementine vom Platze verloren.
Träumend ging der Feldwebel auf und ab. Die um
führen. . .
Äönig Victor Emanuel ist wieder nach Rom zuruck gekehrt wo er während deS Winters residiren wird. In der italienischen Deputirtenkammer fand die Generaldebatte über das Sinnahmebudget für 1876 Statt.
In Bern hat die Regierung von Ostindien ihren Bet tritt zum Weltpost Verein angemeldet. Am 17. Januar wirb in Folge dessen in Bern eine Conserenz von Vertretern der beteiligten Postverwaltungen stattfinden.
Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke.
(Fortsetzung.)
Clementine, welche zu gleicher Zett nach Magdeburg mit einer dem Geheimenrath verwandten Familie gereiset war, in der sie einstweilen nach dem Tode ihrer Mutter aus'Mitleiden ausgenommen worden, mußte an jenem Un alüdstage daS Prachtstück vom Goldschmied zurückholen. Wir wissen wie sie eS verlor. Der bekannte Zctstg, ein Wüstling, hatte längst Absichten auf da« arme Mädchen arhadt, welches er durch den Raub ein wenig necken oder kirre machen wollte. Er hielt den Unbekannten, mit welchem sie im Menschengewühl so traulich plaudernd Arm in Arm ging, für seinen beglückten Nebenbuhler. Dte Wuth des jungen Wilmson, ihm den Raub wieder zu entreißen, bestätigte Riete Verdacht. Dies und die eigene Niederlage unter WilmsonS Fäusten erfüllte ihn mit Rach- sucht. Er erfuhr erst nach der Rückkunft in Berlin, daß der Pfeifenkopf nicht wieder zurückgestellt worden sei. Der Gtheimerath Gundling, ohnehin ein Mann von verfchro- bener GemüthSart, bekanntlich de« Königs Hofnarr dabei, gerieth über den Verlust in Raserei. Sein Kammerdiener Kiek wollte von Clementinens Angst Vortheil ziehen, ver. sprach ihr, den Geheimenrath zu beruhigen, und den Preis de« Kopfes zu bezahlen, wenn die spröde Schöne ein wenig milder werden wolle. Da sie ihn aber stolz zurückwies, erzähtte er dem Geheimenrath von dem Vorfall in Magdeburg, nur mit Entstellungen. Er habe gehört, wie Clementine von einem ihrer Liebhaber um den Kopf gebeten worden fei, und wie sie ihm endlich das Geschenk gegeben. Kiek habe dem Kerl den Meerschaumkops au8 den Händen
«uqvruaere.- oejo9en s» in der Expedition zu ertdeilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.
gerissen, wäre aber sogleich von demselben und mehreren doch wußte, raß ich al« Soldat fortgeschleppt wurde, mich von dessen Kameraden verfolgt, beraubt und mißhandelt I Niemanden nannte, und mich nicht als Dieb verklagte. —"' Er wußte fürchten, Ihre Unschuld und seine Niederträch-