Wr. 28».
NIarburg, Sonnabend, 4. December 1875.
x. Jahrgang.
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Die Gisenbahvfrage
AlS die Eisenbahntarife um 20% erhöht werden sollten, erhoben sich sofort Stimmen, welche darauf hinwiesen, daß diese- Experiment keineswegs zum Nutzen der Eisenbahnen und noch weniger der Industrie ausschlagen würde. Sie wurden damals überhört und keine Rücksicht darauf genommen. Die Tarife wurden erhöht, aber den Erfolg, den man sich von dem Verfahren versprach, hatte es nicht. Im Gegentheil, erst nach der Erhöhung der Tarife nahm der Verkehr in erschreckender Weise ab, so daß die Einnahmen der Eisenbahnen bedeutend herabsanken und sich nicht auf dem Niveau früherer Jahre halten konnte. Noch mehr aber hat durch diese Erhöhung die Industrie gelitten. Ist sie schon an und für sich gegen Frankreich und England im Nachtheil, weil sie die billige Wasierfracht entbehrt, die jene Länder durch rin hoch entwickeltes Kanalsystem haben, so lastet nun der erhöhte Frachttarif der Eisenbahnen als rin Schutzzoll zu Gunsten der auswärtigen Industrie als eine erdrückende Last auf ihr.
Diese trostlose Lage der Industrie hat die Eisenbahn frage überhaupt in Anregung gebracht und die Durchführung de« ReichSrisenbahnsystemS den weiteren Kreisen nahegelegt. Unter d«zn Druck, welchen bisher die Manchesterpartei auf die öffentliche Meinung und auf die Entschließungen des Reichstage» auSübte, konnte diese Frage nicht zur Erörte rung kommen, weil eS als ein Grundsatz dieser Partei galt, sich abwehrend gegen die Durchführung deS ReichScisen bahnsystemS auszusprechen. Gegenwärtig aber dringt die Erkenntniß immer tiefer in daS deutsche Volk ein, daß wir aus der Verwirrung unseres Eisenbahnwesens und dem Labyrinth der 1300 verschiedenen Tarife zu einem geord neten, einheitlichen ReichSeisenbahnfystem übergehen muffen, und daß daS Reich Hand anlegen muß, um unfer wirth. schaftlicheS Leben bester zu gestalten. Bisher hat das Reich von seinem Rechte, durch den Bau von Eisenbahnen und Kanälen zur Hebung der Industrie beizutragen, noch in keiner Weise Gebrauch gemacht. ES ist auch daran wieder ausschließlich die Manchesterpartei Schuld, die dieS Gebiet am liebsten ganz und gar der Privatthätigkeit überlasten m-chte. Nachdem nun bereits im Reichstage die Durch sührung de- ReichSeisenbahnsysternS angeregt worden ist, ist damit auch der Weg angegeben, den das Reich zu be» treten hat, um unserer Industrie aus ihrer trüben Lage aufzuhelfen. Freilich ist die Frage mit der Erörterung allgemeiner Wünsche nicht gelöst, sondern cs handelt sich um praktisch durchführbare Vorschläge. Der Ankauf sämmt- licher Staat-- und Privatbahnen durch daS Reich, wie eS befürwortet ist, scheint im gegenwärtigen Augenblicke sehr wenig Aussicht zu haben und ein zu gewagtes Unternehmen zu sein. ES würde aber schon ein großer Fortschritt sein, wenn diese Frage theilweise gelöst und da« Princip dadurch gesichert wäre. Der Weg dazu bietet sich ganz einfach dadurch, daß der Reichstag der Regierung einen Credit be-
i Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke.
(Fortsetzung.) 7.
Ach, Fröwlin, soll ich dich vertan. Das wäre sere miffethan, Ein wahrhaft Mann nit miffethut.
Altdeutsches Lied.
Daß Fritz Wilmson seinen Sinn so plötzlich geändert hatte und nun Potsdam, seinen Kerker, nicht verlosten wollte, hatte gute Gründe.
Er war am vorigen Tage auf der Wacht beim Schloste gewesen und erst Mittag-, nach Gewohnheit, abgclöset worden^ Wie er des Morgen-, um sich im Frühstrahl der Sonne zu erquicken, aus dem Platze zwischen den Bildsäulen umher ging, bemerkte er ein junges, in halbe Trauer gekleidete- Mädchen, welche- in Verlegenheit längs dm Häusern hinging, sich links und rechts umsah und endlich in geradester Richtung auf ihn selbst zukam. Seit ihm die trauernde Schönheit in Magdeburg erschienen war, konnte er keine u eidliche Gestalt in schwarzen Kleidern gleichgültig betrachten. Inzwischen verrielh schon die Tracht und der gefüllte Handkorb am Arm der Kommenden, daß diese nur eine Dienstmagd war.
Wie sie aber näher trat, vor ihm stehm blieb und schüchtern fragte: „In dieser Gegend soll eine Frau Majorin Mahlzahn wohnen. Können Sic mich nicht zurecht weisen? Ich bin noch allzufremd in Potsdam, kaum drei Tage hier!* — und als er die schöne Flötenfrimme wieder hörte, die einst sagte: ich bin eine Waise und stehe recht allein unter dem Himmel I und sie ihm, wie damals, in allen Nerven wiederklang; al« et abermals das kindlich Helle Antlitz sah,
willigt, um einen Theil der Privatbahnen anzukaufen, außerdem aber die Reichsregierung auffordert, dem Reichstage Vorlagen Über neue Eisenbahnlinien, die vom Reiche zu erbauen wären, sowie Über ein umfastendes Kanalsystem zu machen. Auf diesem Wege ist es allein möglich, die Ur fachen der gegenwärtigen Krisis zu paralystren und einen neuen Aufschwung in der Industrie und im Handel her» vorzurufen. Durch den Ankauf eines wesentlichen TheilS der Privalbahnen würde sich der öffentliche Credit wieder beleben und die Börse aus ihrer Stagnation erwecken, durch den weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes würde der Industrie neue Beschäftigung gegeben, die ihr gerade so sehr fehlt, durch die Anlage eines rationellen KanalsystemS würde endlich die billige Wasierfracht für die Rohprodukte ermöglicht, und so die Grundlage zu einer dauernden Hebung unserer Industrie gelegt werden.
Die Manchesterpartei wird sich freilich gegen solche Vorschläge feindselig verhalten; sie behauptet ja fortwährend, daß überhaupt keine Nothlage vorhanden sei, und daß der Staat in keiner Weise in die wirthschaftlichm Zustände einzugreifen habe. In unserem Volke hat sich indesien ein gewaltiger Umschwung in Beziehung auf die Auffassung des wirthschaftlichm Lebens und die Stellung des Staates zu demselben vollzogen, so daß auch anzunehmen ist, daß diese Wandelung nicht ohne Einfluß auf das Verhalten des Reichstages fein wird. Hervorragende Mitglieder desielben haben sich in letzterer Zeit in der hier erwähnten Weise ausgesprochen und die Nothwendigkeit eines rechtzeitigen Eingreifens des Staates anerkannt. Man darf daher auch voraussetzen, daß praktische Vorschläge, welche die Möglichkeit des Gelingens für sich haben, wenn sie mit dem gehörigen Nachdruck unterstützt werden, einen günstigen Erfolg davontragm werden.
Deutsches «eich.
— Berlin, 2. Dec. Die (Sr^-'tfe über die Verwaltung der Einnahmen de« Reiche-, sowie über den Rechnungshof, sind in den betreffenden BundeSrathS-Au-schüsien zum Abschluß gebracht worden. Sie werden nun in den nächsten Tagen an da» Plenum und dann sofort an den Reichstag gelangen. — Es liegt in der Absicht derer, welche den neulich im Reichstage auSgefprechmen Intentionen dc» Kanzlers zustimmen, durch ein Reichsgesetz den Zeitpunkt zu bestimmen, wo die indirekten Steuern der Einzekstaalen gleichzeitig mit den Matrikularbeiträgen aufhören sollen. Vor dem Eintritt dieses Termins würde dann das Reich ein System indirekter Steuern aufzustellen haben, mit denen es seinen Bedarf decken kann. — Der Marine-Etat ist jetzt von der Budgetcommisston im Einvernehmen mit dem Marineminestcr erledigt. Von dm gefaßten Beschlüffm der wichtigste ist der, welcher sich auf die Deckung des ExtraordinariumS bezieht, desicn Höhe sich nach der Forderung deS Etats von 1876 auf 27,769,000
und daS freundliche, dernüthigc Lächeln der Augen, die er nie vergessen hatte, da blendete eS ihn, wie Wetterleuchten.
„Wie ist mir denn?" fragte er mit ungewisser Stimme: „Haben Sie in Magdeburg eine Verwandtin, die Ihnen ähnlich ist, eine Schwester . . . ober sah ich Sie selbst dort, aber in anderer Tracht . . . ober . . ."
Sie richtete nun erst ihren gesenkten Blick zu ihm auf unb trat erröthend einen kleinen Schritt zurück. „Mein Gott!" stammelte sie: „Trügen Sie nicht den Soldaten- rock, ich würbe glauben ... Sie waren also in Magbe- burg? Wären Sie vielleicht . . . aber, baß ist boch unmöglich!"
Er warb noch verwirrter.
„Ja," sagte er traurig, „ich bin von Magdeburg, bin der Sohn de» Kaufmanns Wilmson, und wider meinen Willen, auf Befehl des Königs, unter die Soldaten ge bracht; bin schon seit einem halben Jahre hier, und der schönste Tag meines Lebens, den ich in Magdeburg gehabt, ward mir zugleich der schrecklichste. Sind Sie cS? £>abe ich Sie vielleicht selbst beim Einzuge des Königs gesehen?„
„Bchl" seufzte sie und senkte ihre Augen zur Erde, „der Tag mtschied auch mein Schicksal. Ich erinnere mich Ihrer sehr wohl, Herr Wilmson; unb was man mir Böse« von Ihnen gesagt hat, nie habe ichs geglaubt."
„Wer konnte Ihnen aber Böses von mir sagen?"
„Herr Kiek; Sie kennen ihn ja wohl, ber Kammer diener deS Herrn Gehcimraths von Gundling. Er behauptete, Sie wären ein Bcutelschneider und hätten ihm den Pscifenkopf und daS Tuch geraubt. Ich versichere Sie, nie habe ich dem schleckten Menschen da« geglaubt."
„Ist'» möglich? Also wären Sie dasiclbe grauem zimmer, baß ich . . . hätte ich Sic nur damals wieder
Mark beläuft. Die Reichsregierung selbst hat anerkannt, daß davon 17% Millionen auf die Restbestände angewiesen werden können, welche am Ende des laufenden Jahres voraussichtlich übrig bleiben. Nach den von dem Marine- minifter der Commission gemachten Mittheilungen werden diese nicht zur Verwendung gelangten Bestände am 31. Dezember 1875 35 Millionen Mark betragen. Bei ber Größe tiefer Summe schien eß. ber Commission zulässig, nicht bloß, wie bie Vorlage will, 17% Millionen, also 5% Million mehr auf bie Restbestände anzuweisen. Demgemäß wurde bcschlosien, und durch die Summe, welche auß den Mitteln beß Etats pro 1876 gebcckt werden soll, von 10 Millionen auf 4% Millionen reducirt. Die Differenz zwischen den Einnahmen und Ausgaben des Jahres 1876 ist also wiederum um 5% Millionen verringert. — Zu dem Prozeß Arnim schreibt bie „N. A. Z." Wenn in ben Blättern berichtet wirb, daß in dieser Sache bereits vom Oberstaatsanwalt beim Kammergericht die Versetzung des Grafen Arnim in den Anklagestand beantragt worden, und daß sogar der Ankiagcsenal darüber bereits einen Beschluß gefaßt hat, so beruht offenbar diese Mittheilung auf einer Verwechselung. Wenn überhaupt in dieser Sache vom Oberstaatsanwalt etwas beantragt worden, so kann sich dieser Antrag und der dadurch hervorgerufene Anschluß des Anklagesenats nur ausschließlich auf die Führung der Voruntersuchung beziehen, da diese thatsächlich noch nicht abgcschlosicu ist. Eö kann demnach im gegenwärtigen Stadium von einer Beschlagnahme beß Amimschen Vermögens nicht die Rebe sein, ba nach § 93 des Strafgesetzbuches eine derartige Beschlagnahme erst bann verfügt werden kann, nachdem der Anklagesenat des Strafgericht-Hofes die Verfetzung des Grasen Arnim in den Anklagestand wegen LandeSverrathS bcschlosien ist.
Pose», 1. Dec. Der Generalmajor von Steinfeld wurde, wie die „P. Z." meldet, heute Vormittags 10% Uhr in der Offizier - Rettbahn am Berliner Thor beim Reiten von einem Schlaganfalle gerührt und stürzte tobt vom Pferde. Derselbe stand im 46. Lebensjahre unb war bis zum Frühjahr d. I., wo er al« Commandeur der 20. Infanterie Brigade hierher versetzt wurde, Oberst und Com- manbtur beß 7. Rheinischen Infanterie-Regiments Nr. 69 in Trier. General v. Steinseld war Ritter beß Eisernen Krenzeß erster Klasse unb be« Rothen AblerordenS zweiter Klaffe mit Schwertern.
Steiningen, 28. No». In ben jüngsten Sitzungen beß LanbtageS würben auf gestellte Interpellationen mehrere bemerkenSwerthe Mittheilungen gegeben, nämlich: 1) Die Caffenscheinc seien bereit« zur Hälfte mit 300,000 Thlr. eingezogen unb größtentheilS auch schon vernichtet; 2) die Regierung könne in Rücksicht auf ben Stand beß Geld- MarkteS bie früher vom Landtage beantragte Convcrtirung ber 4%proc. Landes-Schuld nicht vornehmen, werde aber 100,000 Mark mehr zur Tilgung bringen; 3) ber Bau- g — ■ ----*•---g ■■■
gefunbenl — Ich verwahre seitdem Tuch und Meerschaum- köpf, wie Heiligthümer, für Sie. Aber Ihr Name war mir unbekannt. Im Tuche stauben nur bie «Buchstaben C. v. St."
„Clementine Stern!" lispelte sie leise.
„Clementine Siem?" lispelte er leise nach: „Also müßte es lauten: Clementine von Stern?" Und indem er diese nachträgliche Frage that, fiel unwillkürlich sein Blick auf dm schweren Handkorb an ihrem weißen Arm, auf die bunte Schürze von grobem Leinen, auf das kleine, schwarze Halstuch unb bie weiße Haube mit schwarzem Banbe, wie sie von weiblichen Dienstboten bamalß getragen zu werden pflegten, die sich etwas städtisch kleideten.
Clemmtine schien den Lauf seiner Augen besser zu verstehen, als er sich desicn eben bewußt war. Sie ward blutroth unb sagte: „Es könnte wohl so lauten; aber meine Familie hat baß Von längst fallen last n unb nur ihren Unglücksstern behalten. Seit mein selig-» Vater als Subkonrektor gestorben unb meine selige Mutter nach Berlin gegangen war, in ber Hoffnung, eine Unterstützung burch einen weitläufigen, aber reichen Verwandten zu erhalten, nämlich burch ben Herrn Geheimrath von Gunb- ling, vollmbete sich unsere Roth. Meine arme Mutter starb. Unb ich war dahin gebracht, die besiern Kleider abzulegen, um mein Brod als Magd zu verdimen." In- dem sie daß sagte, perlten einige helle Thränen über ihre rothcn Wangen. „Legen Sic meine Traurigkeit nicht falsch au», Herr Wilmson; ich schäme mich meines niedrigen, doch ehrlichen Standes gar nicht. Ich dachte vorhin nur an den Schmerz meiner Mutter, 6en sie gefühlt haben würde, wenn sie meine Zukunft hätte ahnm können."
,0, liebe« Fräulein, wenn ich . .