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Sr. »79.

Marburg, Sonntag, bä. November 1875.

X Iahrgasg.

»nutgen nimmt entgegen: M« Expedition 6. vlatte«, sowie die Annonoen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M,Berlin, Leip­zig, Cöln xc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

(@brrl)(flifd)f Jrihinti.

Anzeigen nimmt entgegen: die G^iedition b. Blattes, sowie bie Annoncen-Burepuk von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

fitfAeint tialich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JKuftttrteS SonntagSblatt durch die Expedition (Kochfche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). - Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

HbftdhittflMi füt den Monat December MkjzklMUjjkU auf die „Oberhesfische Zeit««g" nebst Illustrirtem Sonntagsölatt nehmen alle Postanstalten entgegen. Auf dem Lande nehmm die Landpostboten Bestellungen an.

Von der Nr. 47 unseres Sonntagsblattes an haben wir eine größere Anzahl Abdrücke an­fertigen lassen, in derselben beginnt die höchst spannende Erzählung:

„Die, Brillanten-Gräfin" von Otfried Mylius.

.Neu zugehenden Abonnenten für den Monat December werden die Nummern 47 und 48 des „Jllustrirten Sonntagsblattes" gratis nach­geliefert. .

Die Exp. d. Oberh. Zeit.

Politische Wochea-Ueberficht.

Der Fürst-Reichskanzler ist am Sonnabend Abend voriger Woche au» seinem Varzin in die Reichshauptstadt zurückgekehrt und ist auch sofort am Montag im Reichstage persönlich aufgetteten. Er leidet etwas an der Hüfte, aber sein allgemeines Befinden ist gut und hat sich feit Eintritt etwas kälterer Witterung noch verbessert. Auch seine Stim­mung scheint gut und vor der Hand nicht streitlustig zu sein, jedenfalls ganz anders, als die Gerüchte aus den miß­vergnügten Lagern der Ultramontanen und gewisser Con- servativen dieselbe geschildert hatten. Die große Debatte zur ersten Lesung des Budgets und der angefügten beiden Steuervorlagen hatte am Freitag begonnen und am Sonn­abend eine Rede deS preußischen Bundrsbevollmächtigten und Finanz-MinisterS Camphausen herbeigeführt, welche — wenigstens bezüglich der Steuerfrage — den Horizont schon bedeutend entwölkt und überhaupt für den in ihr vertretenen Standpunkt der Reichs-Finanzpolitik eine freudige Zustim- mung bei der alten Mehrheit des Reichstages hervorgerufen hatte. Der Reichskanzler, welcher am Montag in der Sitzung erfchim, stellte sich im Wesentlichen auf denselben Stand­punkt und beruhigte da« Haus rücksichtlich eines etwa ge­fürchteten SteuerconfliktS vollständig. Er vertheidigte na­türlich di« beiden Steuervorlagen, fügte aber selbst hinzu, daß, wenn das HauS dieselben ablrhnen sollte, man nicht glauben mSge, daß von einer Empfindlichkeit oder einer Sabinetsfrage die Rede sei. Unterdessen ist nun auch in den letzten Tagen die Strafgesetz Novelle mit umfänglichen Motiven vom Bundesrath an den Reichstag gelangt.

Die „Interessen de« nothletdeuden Handels und der

Industrie" spielen in Oesterreich noch immer eine ge wifie Rolle. Ritter v. Schmerling wurde am 11. Novbr. von einer Deputation sanfter Schutzzillner in Mitleiden- chast gezogen; am 17. vereinigten sich 42 versasiungStrcue Deputirte über ein handelspolitisches Programm, wodurch le das Deficit von 30 Millionen einzubringen hoffen; am 22. tagte in Reichenbach der erste österreichische Gewerbetag und faßte den Beschluß, daß die bestehenden Handelsver träge zu kündigen und Minimaltarife auszustellen feien. Das Ministerium sucht sich dieser Agitation biS jetzt fern zu halten, es läßt dieselbe aber gewähren, ohne sie durch be­stimmte Erklärungen zu entmuthigen.

Der schweizerische BundeSrath hat am Sonnabend die Verhandlungsgegenstände für die am 6. December zu ihrer ordentlichen Winter-Session zusammentretende Bundes­versammlung festgestellt. Die renitenten katholischen Geist ltchen, welche ausgewiesen waren, sind fämmtlich an Einem Tage, am 16. d. M, am Tage nach dem von der Bundes­versammlung für Aufhebung des Berner AuSweisungSbe- schluffes festgesetzten Termin, nach dem Jura zurückgekehrt.

Die klerikale Partei in Italien ist aus ihrer bis herigen Zurückhaltung heraus mit einem durch päpstliches Breve sanclionirten Actionsprogramm auf die politische Arena getreten, welches die energischste Bctheiligung an den Munici- pal- und Provinzialwahlen, größtmöglichste Beeinflussung der Schulen und Bearbeitung der Kammern durch Petitionen empfiehlt.

In Versailles schickte sich am Schluffe dcr vorigen Woche Alles zu den Kämpfen an, welche die für den Mon­tag aus die Tagesordnung gesetzte dritte Lesung des Wahl­gesetzes, die Verhandlungen in den Bureaux über das neue Preßgefctz und der Schacher um die 75 Senatorenseffel, deren Besetzung sich die Nationalversammlung vorbehielt, in Aussicht stellten. Die Regierung bot ihre Getreuen in wiederholten Mahnungen durch den „Moniteur" auf, ja am Platze zu sein, weil die Opposition Ueberraschungen bereit haben könnte. In den zwei Sitzungen vom 22. und 23. gelangten bk, ersten drei Artikel des Wahlgesetzes unter lebhaftem Geplänkel zur Annahme; die Hauptschwierigkeitcn find für die Regierung aber noch zu überwinden. In Sachen des PreßgesetzcS siezten bei der Wahl des Aus­schusses trotz der eifrigen Befürwortung Buffet's am 18. die Gegner: die Linke setzte elf Mitglieder durch, die Rechte nur vier.

Der Feldzugsplan für die Nordarmee Spaniens, von welcher man sich die Vernichtung des CarliSmuS oder wenigstens die Unterdrückung deS Aufstandes verspricht, ist im Madrider Ministerium unter dem Beirathe des Generals Martinez Campos festgestellt worden. Bei Pamplona hat der General Ouesada wichtige karlistische Stellungen er­obert. Der Krieg in Catalonien gilt für beendigt.

Der Feldwebel.

Novelle v. H. Zschocke.

(Fortsetzung.)

„Fast HStt'ich's glauben mögen!" antwortete Fritz ganz ernsthaft: „Denn sehen Sie, in ihrem Gesichte war eine gewisse Klarheit, ein gewrffeS Durchsichtiges, ein . . . eS läßt sich nicht mit Worten deuten, nicht mit Farben wieder- spiegeln. Ich werde dieses Gesicht, diese Gestalt, diesen Zauber, so lange ich ein Gedächrniß habe, nie vergeßen."

Frau von MooS, die schon ein Pläuchen für Fritz ent­worfen hatte — aus ihrem Landgut am Bodensee wohnte eine Verwandtin ihres verstorbenen ManneS, ein junges Mädchen, das ihr lieb war, — machte sauersüße Miene und sagte: „Fritz, deine künftige Frau wird auf keinen Fall mit deinem Gedächtnisse zufrieden sein."

„Ist dein Seraph nicht schon wieder in den Wolken- Himmel zurück," sagte der Vater, „so wird er dir und wir noch einmal erscheinen. Ich laße Tuch und Meerschaum pfeifenkopf auSrufen, rruStrommeln, in die Zeitungen setzen, in die Berliner, in die Hamburger; taffe Zettel au die Straßenecken kleben, sogar an die Kirchenthüren."

Unter diesen Gesprächen, die mannigfach wechselten und von Zeit zu Zeit durch da« Gesinde unterbrochen wurden, welche« mit Fragen wegen den Anordnungen zum Feste kam, ward e« neun Uhr. Herr Wilmson und sein Sohn machten sich auf, um vor dem Gastmahle dem Komman­danten den verlangten Besuch adzustatten. Sie gingen schweigend neben einander durch dir Straßen, jeder eigenen Gedanken nachhingend. Derselbe Osficier, welcher gestern den Befehl überbracht hatte, stand vor der Thür deS Kom mandantenhause«. Er führte die Ankömmlinge eine breite Treppe hinaus in einen geräumigen und prachtvollen Saal.

der Saaipsorlr standen zwei Grenadiere mit zugrspitzten

Mützen und schwarz gewichstem Knebelbart. Im Saale gingen Osficiere von verschiedenen Regimentern auf und ab, ohne die Hineinlretendeo, welche sich schüchtern und ehr» furchtsvoll verneigten, eines Blickes zu würdigen.

Nach einer Weile trat aus entgegengesetzter Thür ein Gardeosficier und rief in den Saal hinein: „Ob der Kauf­mann da ist, und fein Sohn?" — Herr Wilmson und Fritz stellten sich dem Rufenden sogleich vor. „Nur mir nach!" rief der Gardeosficier, und sie folgten ihm in ein anstoßendes kleines Zimmer. „Hier wartet, bis Ihr ge­rufen werdet!" sagte er, entfernte sich durch eine andere Thür, kam nach einer Minute zurück und rief: „Er da, der Alte, geht zuerst hinein. Der Junge wartet noch." Damit führte er Herrn Wilmson in das Zimmer, wo er ihn vermulhlich erst gemeldet hatte.,

Fritz vergaß in diesem Augenblicke seiner schönen Un« bekannten, und hing neugierigen Fragen nach, warum er mit seinem Vater hierher beschieden sei. Ein Kammerdiener oder dergleichen, deffen Rocknäthe und Rocktaschen alle mit breiten Goldtressen bedeckt waren, daß man zwischen der Treffenmenge kaum daS Tuch des Kleides erblickte, stand, mit dem Rücken gegen ihn gekehrt, am Fenster. Als sich dieser nach einer Weile gähnend umdrehte, fuhr er zurück und murmelte durch die Zähne: „Ei verteufelt! JstEr's?"

Ter junge Wilmson war nicht minder betroffen. Denn er erblickte in dem Murmelnden den wohlbekannten Zeisig von gestern, dessen dickgesLwollene Nase noch ein untrüg liches Denkmal von Fritzens zu Tage gelegter Mannrskcaft geblieben. Der Zeisig maß ibn mit giftigen und stolzen Blicken vom Wirbel bis zur Sohle, trat endlich vor ihn, stierte ihm fest in die Augen und sagte halbieise zwischen den Zähnen: „Ist Er nicht der Schlingel, der fich gestern unterstand ..." '

Fritz trat zurück mit funkelndem Blicke und sagte:

DaS Hauptintereffe Englands ist natürlich immer noch von der Entwicklung der Dinge im Südosten Europas in Anspruch genommen. Das augenblickliche friedliche Aus­sehen der orientalischen Angelegenheit hält die englische Presse nicht ab, fortwährend sich das Bild eine« möglichen Aus­bruchs einer Krisis vor die Augen zu halten und sich mit eingehenden Untersuchungen darüber zu beschäftigen, wa« im Fall einer Krisis England mit unbedingter Nothwen- digkeit als seinen Standpunkt und seine Forderungen fest- halten müsse.

Die am 4 October eröffnete und alsbald wieder ver­tagte Session de« dänischen Reichstages soll am 29. November ihren wirklichen Anfang nehmen.

In Petersburg wird am 8. Dezember da« St. GeorgSordenSfest wieder mit aller Pracht gefeiert werden. Der Kaiser kehrt dazu au« der Krim rechtzeitig wieder zurück. Auch der Reichskanzler Fürst Gortschakow wird zum 2. Dezember au« der Schweiz zurückerwartet. Sein Organ, das „Journal de St. PeterSbourg", belheuert wie­derholt, daß die russische Regierung nicht im mindesten daran denke, den Frieden Europas zu stören.

In Griechenland sind zwei Minister, welche unter Bulgaris die Justiz und den CultuS zu verwalten gehabt, gefänglich eingezogen und vor Gericht gestellt worden, weil sie sich bei der Besetzung von BischosSstühlen Gelderpreffungen hatten zu Schulden kommen laßen.

In der Pforte haben der Kriegs- und der Marine- Minister Riza und Namyk Pascha ihre Aemter miteinander getauscht. Sadyk Pascha hat sich auf seinen Posten nach Paris begeben.

In Rumänien hat Fürst Carl, der mit seiner Ge­mahlin am 15. d. wieder in der Hauptstadt Bukarest ein­getroffen ist, das von BoereScu niedergelegte Amt des Auswärtigen einstweilen dem Minister-Präsidenten LaScar Calargiu übertragen.

Der Fürst-von Serbien hat einen seiner ehemaligen Minister, Philipp Christic, nach Montenegro gesandt, damit derselbe dort da« in der letzten Zeit ttwaS gespannt gewor­dene Verhältniß zwischen beiden Höfen wieder ins alte freundschaftliche Gleis zurückführe und zugleich 10,000 Duralen überreiche, als serbische Beihülfe zur Unterstützung der nothleidenden Flüchtlinge. Daß er insgeheim ein Schutz- und Trutzbündniß abzuschließen gehabt hätte, klingt sehr unwahrscheinlich.

Tage-bericht.

Der Oberstaatsanwalt de- Kammergerichts hat beim Anklagesenat des Staatsgerichtshofs beantragt, den Orafen Harry von Arnim als vermeintlichen Verfasser der Bro­schüre „Pro Nihilo" wegen LandeSverraths in Anklagestand

------. . — g--------- _ «ft „Herr, ich bitte, keine Pöbelhastigkeit, oder ich färbe Sie noch einmal roth, trotz dem Tressenrock!"

Der Zeisig zog sich ein wenig zurück und lächelte ihn höhnisch an. Der junge Wilmson wandte ihm den Rücken und ging zum Fenster. In dem Augenblick fuhr ein Reisewagen durch, auf der Straße unten; mehrere Frauen­zimmer saßen darin beisammen. Eins derselben sah mit dem Gesicht gegen das Haus herauf. O Himmel, es war die Schöne in der Trauer! — Fritz riß hastig das Fen­ster auf, ihr nachzusehen. Sie lehnte sich aus dem Kut­schenschlag und schien unverwandt nach ihm zu blicken, bis der Wagen um eine Ecke bog. „Himmel l" seufzte Fritz: „Sie istt's! Und ich muß hier sein!" — Rasch- zu feinem Feinde gewandt sagte er: „Eben fährt die junge Dame fort!"

„Welche Dame?" murrte der Kammerdiener.

„Die Sie gestern Betäubten im Gedränge."

„Einfaltspinsel, ich berauben? Einen Scherz trieb ich, und nicht- weiter. Sie kennt mich wohl. Aber der Pfeifenkops..."

Fritz trat einen Schritt näher, vergaß allen Zorn und faßte ihn bei der Hand: „Wie mein Herr, also Sie kennen sie?"

„Allerdings. Aber bleib' Er mir vom Leibe und thu' Er nicht so gemein mit mir. Und der Pfeifenkopf?"

Der junge Wilmson hätte jetzt um Alles in bet Welt gern Frieden und Freundschaft mit seinem Gegner geschloßen. Er war im Begriff, da« unglückliche Mißverständniß von gestern zu bereuen und wegen de« Handel« um Verzeihung zu bitten. Da ging die Thür aus und sein Vater kam zurück.

„Ich will nicht auf dich warten," flüsterte Wilmson seinem Sohne im Vorbeigehen zu, „ich bin zu Haufe nö- thig. Komm mir batb nach, sobald du abgefertigt bist."