fVr. 277.
Zllarkurg) Freitag, 26. November 1875.
X. ZahkMg.
»nzngen nimmt entgegen: die GMedition d. Blatte», sowie die Annon»cn>Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein L Bögler in Frankfurt a. SW-, Berlin, Leipzig, Eöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
ObcrhcUlhc Irilung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS Sonnta»Sdl«tt durch die Expedition (Kochfche Buchdruckerei) bezogen Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.
Die indirekte Steuer.
Die Frage der Steuerreform und die Einführung des indirekten Steuersystems ist durch die Rede des Reichskanzlers in den Vordergrund getreten; es konnte natürlich nicht auSbleiben, daß die Doctrin sich gegen die indirekten Steuern erklärt und sich mit ihrer Unfehlbarkeit auf das hohe Pferd fetzt; trotzdem aber wird die Rede des Fürsten Bismarck ihre Wirkung nicht verfehlen. Gerade weil der selbe über die Erhebung der direkten Steuern, über die Ungerechtigkeit der Einkommensteuer, über den Druck, der allgemein empfunden wird, unr viele Mißstimmung im Volke verursacht, wird er in den weitesten Kreisen auf dm unbedingtesten Beifall zu rechnen haben, und den Wunsch «ach schleuniger Abhülfe der vorhandenen Uebelstände noch steigern, die in so schwieriger Zeit, wie die gegenwärtige, noch drückender lasten. Dte Zahl der Exeeutionen nimmt immer größere Dimensionen an und illustrirt so auf's beste diesen durchaus verkehrten Modus der Steuererhebung. Alle diese Uebelstände fallen bei der indirekten Steuer vollständig fort, da sie nur von Solchen erhoben wird, die sie eben bezahlen können, und sie wird wieder auf die Menge in einer Weise übertragen, die sie dem Einzelnen sehr wenig fühlbar macht. Die Doctrin beruft sich in der Regel auf die größere Gerechtigkeit der Einkommensteuer und der direktm Steuern überhaupt; ja, mau ist soweit gegangen, alle Steuern in direkte verwandeln zu wollen, und noch in diesem Sommer wurde für die Einführung einer direkten Reich-einkommensteuer agitirt. ES beruht die» aber auf einer vollständigen Verkennung der wahren Sachlage, denn zudem die direkte Steuer ist die ungerechteste von allen, weil die Summe de» Einkommens bei Jedem einen anderen Werth ousmacht; oder kann e« als gerecht und billig erkannt «erden, wenn ein unverheiratheter Mann in einer Keinen Stadt nicht mehr zahlt für ein Einkommen von 1000 Thalern, als ein Familienvater mit gleichem Ein- kommen, der für Erziehung, Nahrung, Kleidung und Wohnung für eine zahlreiche Familie in einer großen Stadt zu sorgen Hal? Wir finden darin eine schreiende Ungerechtigkeit und durchaus keine gleichmäßige Besteuerung, denn die LebeuSverhältnifle sowohl, als der Aufenthalt in einer größeren oder kleineren Stadt oder auf dem Lande machen einen nicht unerheblichen Unterschied in dem Werth des Geldes, namentlich wenn man noch die Anzahl der Familienmitglieder dabei in Anschlag bringt. Die indirekte Steuer ist bei weitem gerechter und gleichmäßiger vertheilt. Nachdem der Reichskanzler seine Ansichten über das Steuer system entwickelt hatte und angeführt, daß die Bier- und Börsensteuer nur die ersten Glieder der Kette in dem neuen System sein sollten, ist es schwer zu begreifen, wie die Einführung dieser Steuern eine Opposition hat finden können, und eS ist dem wahren Zustande wenig gemäß, wenn man behauptet hat, die Biersteuer würde das Deutsche Reich in Südt eutschland, und namentlich in Baiern, unpopulär machen.
Aus alter Zeit.
Eine Geschichte, so sich in der Stadt Franlenberg zugetragen.
(Schluß.,
Da verwandelte sich der Jubel der Müller in Weh flogen, denn auf ihrer Seite war der Verlust: die Andern konnten ihre Kleider leicht trocknen, wer aber verschaffte ihnen den thätigen, unentbehrlichen Kurth wieder? Margarethen» Schmerz war groß und selbst dec alle Gebhard trauerte; denn seitdem Kurth die Seele des Unternehmens geworden und Margarethen» Ehrenretter gewesen war, hatte er mit Freuden die Zustimmung zur Hochzeit des Pärchens gegeben. Statt dessen seufzte jetzt der Arme im Kerker und alle Macht der Liebe reichte nicht hin, ihn au» demselben zu befreien. Die Bürger Frankenbergs mußten zuletzt noch sein Retter fein. Am anderen Morgen entbehrte die ^anze Stadt nämlich wieder ihre frischen Asterkuchen, und Jedem war e» klar: hatten die Müller vorher nicht gemahlen, so thaten sie eS jetzt, wo ihr Liebling im Thurm saß, erst recht nicht. Da begab sich denn eine Deputation verständiger Bürger auf's Rathhaus und verlangten von dem eben erwachten Bürgermeister, in Anbetracht der großen Verwirrung, die dieser Streit in der ganzen Stadt hervorge rufen habe, man möge sofort den Müllerburschen Kurth entlassen. Der inzwischen versammelte Rath wäre hierzu schon gern bereit gewesen, wenn der Herr PistoriuS nicht wieder angefangen hätte: „ja, wie soll eö denn mit den Abgaben, Geschoß, Beede und Feuerschilling gehalten werden?" „Gebt UNS Vollmacht, mit bett Müllern zu ver handeln, und wir »ollen sehen, was sich thun läßt I" mein* ten die Andern.
Bon Herzen gern gab diese der Rath. Und so gingen denn selbige« Tage» etliche Bürger zu den Mühlen, de
Nun ist aber von einer Erhöhung der Biersteuer nur für Norddeutschland die Rede; in Baiern, Baden, Elsaß-Lothringen betrug dieselbe bis daher schon daS zwei- bis dreifache von dem, waS in Norddeutschland gezahlt wird; denn der Satz für den Norden betrug bisher 83 Pfennige pro Hektoliter, während er sich in Baiern auf 1,70 Mark, in Baden aus 2,10 Mark und in Elsaß-Lothringen auf 2,20 Mark belief. Nach der Gesetzvorlage soll er auf 1,66 Mark erhöht, so daß er noch niedriger fein würde wie in Süddeutschland. Noch unbegreiflicher aber ist eS, daß die Börsensteuer Anfechtung findet; schon oft genug ist auf die schreiende Ungerechtigkeit hingewiesen, daß das große Eapital im Ver- hältniß zu Grundbesitz, Industrie und Gewerbe gar nicht herangezogen wird; daS große Capital kann seine Einkünfte sehr wohl dem Auge deS Fiskus entziehen, und der Ein kommensteuer entgehen, was dem Grundbesitz, der Industrie, dem Gewerbe nicht möglich ist und daher auf diese die Belastung fällt. Außerdem genießt das große Capital für seine Geschäfte des VortheilS völliger Freiheit, während jede Uebettragung von Immobilien mit einem hohen Steuersätze (durch den Stempel) behaftet ist. Die Einführung der Börfensteuer würde nur eine verhältnißmäßig ganz geringe Ausgleichung herbeiführen, die übrigens längst schon dringend gefordert ist, und dennoch scheint eS, als wenn die Majorität deS Reichstages sich allzu conivent gegen die Börse verhalten und auch diesmal die Steuerfreiheit derselben aufrecht erhalten will. Der geringste Bauer hat einen Stempel für eine kleine Ackerparzelle zu erlegen, aber die Bleichröder und Genoffen werden für koloffale Geschäfte gar nicht zum Steuerbeitrag herangezogen. Im Volke herrscht nur eine Stimme darüber, daß dieser Ungerechtigkeit abgeholfen werden muß, und der Reichstag würde durch Verwerfung dieser indirekten Steuern seine Popularität nicht nur auf’» Spiel setzen, sondern auch mancher Miß beutung und Verdächtigung die Flanke bieten.
Deutsche» Reich.
— Berti», 24.Nov. Der Ausschuß des Centralver- ein» für Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschifffahrt hat vor ungefähr zwei Jahren das Ersuchen an den Bun- deSrath gerichtet, einleitende Schritte für die Durchführung eines einheitlichen Netzes leistungsfähiger Wafferstraßen im deutschen Reiche zu veranlaffen, hatte aber mit diesem Anträge keinen Erfolg. ES verlautet nun, daß gegenwärtig bet Handelsminister die Förderung deS Kanalbaues in Preußen in Bedacht genommen; e» soll sich um die Herstellung eines umfaffenden Kanalsystems handeln, bei der jedoch die RentabilitätS Frage besondere Schwierigkeiten hervorzurufen scheint. ES ist wohl selbstverständlich, daß die Anlage von Kanälen nur da beabsichtigt werden kann, wo bei bereits vorhandenen natürlichen Wafferverbindungen ihre Herstellung und Unterhaltung billig genug wird, um mcht die Concurrenz der Eisenbahnen zu fürchten. — Der
suchten den alten Gebhard nicht als Abgesandte vom Rathe, sondern aus freundlicher Theilnahme an feinem Mißgeschick. Sie fanden Margarethen in Thränen und ihren Vater fluchend auf die Tollheit und den Leichtsinn der Jugend. Die wenigen Tage, wo die Müller ihr Gewerbe eingestellt, hatten eine unbeschreibliche Verwirrung in den Familien angerichtet. Sonst ging Alles seinen geregelten Gang, weil Jeder Arbeit hatte. Jetzt wußte Niemand, wo er dran war. „Beim Henker!" schrie Gebhard, „ich will gern alle Dienste und Abgaben doppelt entrichten, wenn nur wieder die Mühlen klappern, es ist ja so nicht zum Aushalten I"
„Ist das Euer Ernst?" fragten die Bürger. Und als dieser es nochmals versicherte, gaben auch sie ihr Wort, daß dann in einer Stunde Kurth wieder frei fein solle, und eilten mit frohem Herzen zur Stadt. Noch war die Frist nicht verstrichen, fo erschien der Ersehnte, gefolgt von einer zahllosen Menge, die ihn al» den Retter aus der größten Noth begrüßte, und luftiger noch klapperten ihm die Mühlen ihren Willkomm entgegen. —
Nur wenige Wochen vergingen und Kurths und Margarethens Hochzeit wurde mit einem solchen Glanze und einem solchen Aufwande an frischem Afterkuchen gefeiert, daß man sich noch bis auf den heutigen Tag davon erzählt.
Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke. (Fortsetzung.)
„Der Kommandant wünscht beide zu sprechen. Er befiehlt Ihnen, sich mit Ihrem Sohne morgen Vormittags, Schlag neun Uhr, im Kvmmandanienhause einzustnden."
— Ich werde gehorchen. Darf ich fragen, jan» welcher Ursache mich der Herr Kommandant . . .
schon früher in Aussicht gestellte Entwurf eines Gesetzes über die Zuständigkeit der Behörden in allgemeinen Landes- Angelegenheiten und in streitigen Verwaltung-fachen (Kompetenzgesetz) ist im Ministerium des Innern nach mehr- monatlicher Berathung und zwar noch unter Mitwirkung des Präsidenten PersinS ausgestellt und dem Staatsministerium vorgelegt worden, um sich zunächst über die Grundsätze deS Entwurfs auszusprechen. Erft nach der allgemeinen Billigung Seitens deS Staatsministeriums werden die kommiffarifchen Verhandlungen mit allen beteiligten Refforts weg n Feststellung brt definitiven Entwurfs statt- finden. — Der russische Reichskanzler Fürst Gortschakoff trifft am 2. Dezember zu mehrtägigem Aufenthalt in Berlin ein. — Gestern Mittag hat die Mittelpartei der Generalsynode die von ihr einberufene Versammlung im großen Saale der Kaisergallerie abgehalten. Den Vorsitz führte Graf Rittberg, «pellationsgerichtspräsident in Glogau. Auf Vorschlag der rechten Seite der VermittelungSpartei wurde Graf Stolberg-Wernigerode zum ersten Präsidenten und P. Rieden aus Coblenz zum zweiten Vicepräsidenten, ersterer mit 59 Stimmen, gewählt. Der von der linken Seite zum ersten Präsidenten vorgeschlagene Schulrath Schrader aus Königsberg erhielt nur 46 Stimmen. Der Candidat des Oberkirchenraths, Präsident Rothe aus Merseburg, vorn Conststorialrath HarrneS vorgefchlagen, erhielt nur 1 Stimme. Der Präsident des Herrenhauses, Graf Stolberg, erhielt auch die Stimmen der Herren von Kleist-Retzow und Genoffen.
Braunschweig, 23. Nov. General Vogel von Fal- kenstein ist in höchster Instanz zur Entschädigung der von ihm in Lötzen internirten Social - Demokraten verurtheilt worden.
Gotha, 22. November. Der gothaische Landtag hat heute emftimmig die Summe von 3600 M. zur Erhöhung de» diesseitigen Jahresbeitrag- für die Landesuniversität Jena und, ge^en 2 Stimmen die gleiche Summe zur Erhöhung der Lehrerbesoldungen am hiesigen Gymnasium vom neuen Jahr ab bewilligt. Vom Ministertische ans wurde mitgetheilt, daß auch das gegenwärtige Finanzjahr voraussichtlich mit einem Etatsüberschüß von über 100,000 M. abjchließen werde. Zuletzt beschloß der Landtag für die Dauer der gegenwärtigen Finanzperiode vom 1. Juli d. I. an Erhöhung einzelner Posten im Aversum der Unterhaltung der herzoglichen Bauten und Gärten.
Karlsruhe, 24. Novbr. Die zweite Kammer hat Kirsner zum Präsidenten, Bluntschli und Kiefer zu Vice- Präsidenten gewählt. — Der deutsche Kronprinz ist gestern Vormittag zum Besuch der großherzoglichen Familie hier eingetroffen, reist aber diesen Nachmittag wieder ab. Der Erbgroßherzog tritt heute in Begleitung des Oberhosmar- schalls von Gemmingen und seines Ordonnanz Offizier-, Hauptmann Fritsch, die Reise nach Italien an, welche schon am 1. November hatte begonnen werden sollen, aber wegen —-------—- - ----— i'
„Weiß ich nicht, hat auch Keiner darnach zu fragen.
Also gute Nacht; und Schlag neun Uhr Morgens!"
Damit entfernte sich der Offizier und ging pfeifend und trällernd durch den Garten davon; Vater Wilmson ihm mit entblößtem Haupte nach, das Geleit zu geben. Der Offizier beachtete es nicht und schlug die Gartenthür zu.
„Juchhe!" rief Srabb entzückt, und schmalzte sich eins mit den Fingern beider Hände über dem Kopf: „Hab’ ich’- nicht gesagt? Der König sah sich nicht vergebens um und gab dem Fürsten von Dessau Ordre. Frohe Botschaft l Große Ehre!"
„Woran- vermuthet Ihr da»? Ich fürchte, eS stehen böse Dinge bevor!" sagte Frau von MooS und setzte sich zitternd auf da- Bänkelchen nieder.
„Pah! böse Dingel Der Offizier wäre dann doch nicht so ungemein höflich gewesen."
„Höflich?" rief Frau von MooS mit Unwillen: „Kann man einen gröberen Tölpel malen ? Ließ meinen Bruder mit entblößtem Haupt im grauen Haar vor sich stehen und rückte nicht einmal den Filz vom Kopf, nicht einmal in Gegenwart eines Frauenzimmer-."
„Ei, Frau von Moos, einem Offizier liegt da- Be- fehlshaberische in allen Gliedern. Das muß ihm wie an- geschaffen fein. Aber er war fehr freundlich, sehr höflich, — solch ein Herr ist von Adel, müffen Sie wissen! — und denken Sie doch, er sprach mit unferm Herrn Wilm- son wie Seinesgleichen, nannte ihn sogar Sie! Denken Sie doch, einen Bürgerlichen nannte er Sie l Wetter, das hat doch etwa» auf sich! Geben Sie Acht, das Alles rührt vorn König her. Morgen kommt Glück und Ehre über dieses Haus. Sie dürfen morgen noch nicht abreifen!
„Ach, lieber Bruder," sagte grau von Moos zum alten