Äfr. 274»
Marburg, Dienstag, 23. November 1875.
x Jahrgang.
Snsetgen nimmt entgegen: tte «xyeMtion t>. Blatte«, sowie die Amron-en-Bureaux von Th. Dietrich & Go. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in frantfurt a. M, Berlin, geistig, Cöln k; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
(l’'brrl)fOifd)c Icilung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Amwncen-Bureaur von G L- Daube & Go. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Earl Schütz- ler in Hannover; E. Schlotte in Bremen.
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Lage-bericht.
Ein neuausgearbeiteter Entwurf der Verwaltungsgesetze für die westlichen Provinzen wird in den nächsten Tagen den betreffenden Ministerien zugehen.
Man meldet, daß in etwa vierzehn Tagen die gerichtliche Verhandlung wegen der Broschüre „Pro nihilo“ statt- finden wird.
Dem Oberpräfidium in Breslau ist die Erwiderung de» Domkapitel« auf die Aufforderung der Regierung, betreffend die Wahl eines BiSthurnSverweserS, zugegangen. Da« Domkapitel lehnt in derselben die Wahl ab au« dem Grunde, daß nach dem kanonischen Rechte der fürstbischös liche Stuhl nicht vakant geworden sei.
Der hocharistokratische Geistliche, welcher an eine-hohe Persönlichkeit die Anfrage gerichtet hat, ob bei einem Regierungswechsel nicht ein Eompromiß in dem Kirchenstreite zu erreichen sei, ist, wie man jetzt erfährt, der Kanonikus Graf Spee in Aachen. Er ist Reichstagsmitglied und nicht, wie behauptet wordm, Landtagsmitglied gewesen.
Der Kaiser von Oesterreich hat bei einer Audienz von vukowinaer Würdenträgern für da« nächste Jahr bestimmt seine Reise nach bet Bukowina in Aussicht gestellt.
Die Freunde einer gemäßigten Zollpolitik in Wien haben ein Programm vereinbart, nach welchem in erster Linie die Handelsverträge zu kündigen sind; sodann soll zwar da« bisherige Freihandelsprinzip nicht verlaffen, wohl aber die vielfach vorgekommenen Mißgriffe vermieden werden; dann hat man noch den Beschluß gefaßt, von einem Minimal-Tarif Abstand zu nehmen.
ES kann nunmehr al« gewiß angesehen werden, daß sich Graf Apponyi, österreichischer Botschafter in Paris, am nächsten 1. Juli (1876) aus dem Dienste zurückziehen und Wjeber in da« Privatleben treten wird.
Der letzte Erfolg, welchen die Insurgenten in Bosnien zwischen Gacko und Goransko errungen haben, hat ihre Zuversicht auf einen glücklichen Erfolg ihrer Sache erheb- Uch gesteigert. Außer dem letzten großen Treffen gelang t» ihnen auch in kleineren Gefechten bei Gusfinje, Gekun und Bujanie sich erfolgreich zu behaupten. Sie suchen in Folge deffen sich beffere Waffen zu verschaffen und eine schere und militärischere Organisation einzuführen; eine größere Einheit und größere Sicherheit war übrigen« auch schon bei ihren letzten Operationen unverkennbar, sie agirten weniger isolirt und hatten verstanden, sich in gedrängteren und homogeneten Abtheilungen zu toncentriren. Jetzt scheinen sie ihr Augenmerk hauptsächlich auf eine solide Einrichtung für den Winter zu richten.
Die griechische Dtputirtenkammer hat die mit Deutschland abgeschlossene Convention betreffs der Ausgrabungen in Olympia genehmigt. — Die mit der Untersuchung gegen da« Cabinet Bulgari« beauftragte Commission der Depu tirtenkammer hat derselben drei verschiedene Anklageprojekte vvrgelegt.
Aus ulter Zeit.
Ein« Beschichte, so sich in der Stadt Frankenberg zugetragen.
(Fortsetzung.)
Susanne flickte nach diesem Auftritte ihren Gebieter nothdürftig zusammen. Die Wunden wurden mit Wein gewaschen, der zerschlagene Kopf mit Binden umgeben und die Glieder auf einem Lotterbettlein zur Ruhe gebracht und mit Hafergrütze gestärkt. Wie nun aber der Herr Stadt- kämmerer aus seinem Schmerzenslager gegen seine Braut, die Müller und Müllerburschen Rache schwur, kann sich Jedermann denken. Selbst die Haushälterin mußte An sang« viel leiden, hatte sie doch selbst Margarethe immer sy sanft und liebenswürdig geschildert und den Plan mit bei* alten Gebhard eigentlich in Anregung gebracht. Und wenn man nun jetzt ihre Ruhe bei den ZornauSbrüchen ihre« Gebieter« sah, mußte man säst glauben, sie hätte da« Alle« so angezettelt, um den Herrn Pistoriu« von der Idee befl Heirathen« für alle Zeiten zu heilen und sich ihr gute» Rest in seinem Hause zu erhalten, und so war eS auch wirklich. Dazu kam nun noch, daß sie die Müller um ihre Vorrechte ebenwohl recht tüchtig beneidete. Vorerst glaubte sie nun sicher erreicht zu haben, daß Herr PistoriuS vom HeirathSfirber kurirt sei; jetzt handelte eS sich nur noch darum bei ihr, auch ihre Reidlust gegen die Müller etwa« werkthätig zu machen.
„Eine Schande und eine Sünde ist es," sagte Susanne nach einigen Tagen, als sie dem genesenden Herrn Stadt kämmerer de Kissen ftine«Lagers auffchüttefte und zurecht legte, rftine Sünde und eine Schande ist e«, wohin der Hochmuth führt! Jede« Fräulein von hochadeligem Blute hätte sich «int Ehre daraus gemacht, ihre Hand eine® in
Deutsches Reich.
— Berit», 21. Novbr. Fürst Bismarck ist gestern Abend hier eingetroffen. Nach der von den Aerzten abgegebenen Erklärung ist der Schwiegersohn des Reichskanzlers, Graf zu Eulenburg, den ein schwerer Rückfall seiner Krankheit, typhöses Nervenfieber, befallen hatte, jetzt außer Lebens gesahr. — Der russische Reichskanzler, Fürst Gortschakoff, der in den nächsten Tagen aus der Schweiz zurückkehrt, wird auf seiner Durchreise einige Tage in Berlin verweilen, und glaubt man in diplomatischen Kreisen, daß zwischen ihm und dem Reichskanzler Fürsten Bismarck eingehende Besprechungen über die orientalische Frage stattfinden werden. Auch der türkische Botschafter, Aristarchi Bey, ist Donnerstags hierangekommen. — Die Mittheilung einiger Blätter, daß der Cullusminister Falk in Varzin mit dem Reichskanzler über neue kirchenpolitische Vorlagen verhandelt habe, und solche noch in dieser Session dem Reichstage eingebracht werden sollen, wird von der „Nord. Allg. Ztg." auf das bestimmteste bementirt. — Bei dem großen und allgemeinen Interesse, welches die außerordentliche Generalsynode erregt, ist e« leicht begreiflich, daß man sehr gespannt darauf ist, auf wen die Wahl zum Vorsitz derselben fallen wird; und obschon aus den Vorbesprechungen hiesiger Mitglieder noch nicht» über diesen Punkt verlautet, so ist e» doch wohl keinem Zweifel unterworfen, daß das Präsidium einem Mit- gliede der Vermittelungspartei übertragen wird, da diese die Majorität bildet. Alle rein kirchlichen Fragen sollen übrigens für die künftige Generalsynode aufbewahrt, und von den Beratungen der jetzigen ausgeschlossen werden, da man mit dem Abschluß der Kirchen Verfassung so schnell wie möglich vorschreiten will. Eö heißt, daß der Präsident deS Oberkirchenraths, Herrmann, der in Folge der Schwierigkeiten deS Synodalwerks früher schon ernstlich daran gedacht hat, sein Amt niederzulegen, jetzt noch entschlossen sei, diesen Entschluß von dem AuSgange und der Entscheidungen der jrtzigeri Synode abhängig zu machen. — Während der Dauer der Generalsynode wird in das Kirchengebet in sämmt- lichen evangelischen Kirchen ein Satz eingelegt, in welchem für den glücklichen Erfolg der Beratungen gebetet wird.
Gotha, 15. Nob. Dem heute wieder zusammenge tretenen Landtag de» Herzogtums werden zunächst nur Gegenstände finanzieller Natur beschäftigen. Unter Anderem ist, wie der „R. und St.-Anz." meldet, für die LandeS- Universität Jena der bieffeilige Zuschuß von 3600 Mark zu erhöhen, nachdem daS Grvßherzogthum Weimar den (einigen um 8000, und dann wieder um 4000, das Herzogtum Altenburg erst um 2000 und neuerdings um 1210 Thlr. erhöht hat.
München, 18. Nvv. Durch heute publicirte Kgl. allerhöchste Entschließung werden 79 Portspäe-Fähnriche zu Seconde-LieutenantS, hiervon 17 außeretatSmäßig, befördert. Durch Kgl. Entschließung wurden mehrfache Abänderungen deS Exercier-ReglementS für die Infanterie, der Vorschriften
über den Garnisonswachtdienst und der Vorschriften über die Ehrenbezeigungen genehmigt, und wird dies vom Kgl. Kriegsministerium mit dem ausdrücklichen Hinweis bekannt gegeben, daß es verboten ist, den im Reglement gelassenen Spielraum zu beschränken, und daher schriftliche Befehle und Erläuterungen zum Reglement von keinem Vorgesetzten erlassen werden dürfen. Auch ein „Reglement über daS Marketenderwesen" hat die allerhöchste Genehmigung erhalten.
Würzburg, 18. Nov. Der verstorbene Bischof Johannes Valentin v. Reißmann war geboren am 12. Oct. 1807 zu Allersheim, einem Pfarrdorfe König!. Bezirksamtes Ochsenfurt in Unterfranken. Seine Studien machte et an der Universität zu Würzburg, wo er auch zum Dortor der Theologie und der Philosophie promovirt wurde. Am 25. Nov. 1830 empfing er die Priesterweihe, von dem ihm übertragenen Benefizium zu Volkach rief ihn am 11. Oktober 1834 seine Ernennung zum ordentlichen öffentlichen Professor der Exegese und der orientalischen Sprachen an die Hochschule nach Würzburg. Aus dieser Stellung schied er, um am 16. December 1846 in das Domkapitel als Capi- tular zu treten. Auf den Vorschlag seines Bischofs wurde er am 10. Mai 1861 vom Papste zum Domprobst ernannt und als solcher am 2. Juli 1861 von dem Könige bestätigt. Am 6. Oktober 1870 ernannte ihn der König zum Bischof von Würzburg; der Papst präconistrte ihn am 6. März 1871 und am 9. Juli 1871 wurde er inthtonisirt.
Ineitxb.
Wie», 20. Nov. Der Erzherzog Franz, Herzog von Movena, ist heute vor 5 Uhr Abends gestorben.
Pari», 20. November. Der Frantzai«, das Organ Buffet's, fordert die konservativen Deputaten auf, in der nächsten Woche ja in Versailles anwesend zu sein, wo der Entscheidungskampf auSgefochten werden würbe. Zugleich greift daS Blatt den VetfasiungSauSschuß an, der erst da« Amendement Rive verworfen habe und es jetzt annehme. Der FrantzaiS fügt hinzu, bk Linke werde die Majorität vom 11. Nov. nicht besiegen, daß dieselbe fest entschlossen sei, sich gleich zu bleiben, gleichviel, welchen Antrag auch die Linke vorbringen werde. Die Union meldet, die äußerste Rechte habe in ihrer gestrigen Partei-Versammlung beschlossen, die Initiative zu folgenden Anträgen zu ergreifen: 1) Die äußerste Rechte geht darauf ein, ein Einvernehmen zwischen den Gruppen de« 24. Mai zu suchen; 2) die Basis der Unterhandlungen soll die verhältnißmäßige Vertretung jeder Gruppe sein; 3) ernstliche wirksame Bürgschaften müssen der äußersten Rechten gegeben werden, daß die Abstimmung vollkommen ehrlich vor sich geht. Die gemäßigt, doch fest auftretenden Vorschläge wurden laut der Union nicht von den Bevollmächtigten der übrigen Gruppen abgelehnt; doch muß dahingestellt bleiben, ob die Verhandlungen zu dem gewünschten Ziele führen werden. Sollte die« nicht der
--um ~li - ......==
Amt und Würden stehenden Manne, einem Gelehrten, zu reichen! Und dieses Müllerkind, dieses Bauernpack schlägt sie aus? Aber da« kommt Alle« daher, daß man zu nach, sichtig gegen diese Lcute ist; sie erwerben sich ungemessene Reichthümer durch ihre Vorrechte und pochen darauf, und nehmen e« sich heraus, die Vorgesetzten der Stadt wie ihres Gleichen zu behandeln. Dürste ich nur eine Stunde im Rache sitzen, was sollten mir die Müller ....!"
Diese Worte wirkten, denn der Herr Stadtkämmerer verlangte sofort den Spiegel, um sich zu betrachten, und meinte, deS anderen Tages könne er, da die Geschwulst nachgelassen habe, wieder ansgehen; nur beunruhigte e« ihn noch, ob Jemand in der Stadt die Ursache {einer Krankheit wisse.
Doch auch hierüber tröstete ihn die schlaue Haushälterin mit der Erzählung, wie sie Allen gesagt habe, ihr Herr habe in dem alten Aktenschranke Etwas suchen wollen, sei hinaufgeklettert und in dem Augenblick sei da» Müller- mädchen in die Stube gekommen; „Ihr habt sie bewillkommnen wollen, da ist der Stuhl, auf dem Ihr standet, umgekippt, am Schranke wolltet Ihr Euch halten, auch bet schlug mit um, und so ist Tisch, Stuhl und Schrank mit Euch zusammengestürzt. Ein Gottesglück, habe ich allen Bekanntinnm gesagt," fuhr sie fort, „daß Ihr mit dem Leben davongekommen seid. Auch wegen de» Mädchens sagte ich Allen, die sei von dem Schreck und Gepolter so außer sich gewesen, daß sie fast ohnmächtig geworden und sich von dem Müllerburschen habe heimführen lassen." Um ihre Erzählung noch besonders glaubwürdig zu machen, fügte sie hinzu: „mein Wort gilt; die Müller sinv so verhaßt bei jedem ordentlichen Bürger, daß keiner aus ihr
Geschwätz etwa» gibt, 'S wirb« auch keiner wogen, mich Lügen strafen zu wollen."
Der Herr Stabtkämmerer vermochte kaum, sich auf da» RathhauS zu schleppen, — und die Begierde, sich zu rächen, beschleunigte außerordentlich seine Herstellung — so war und blieb sein einziger Gedanke: an den Müllern muß sich gerächt werden l Er brachte deshalb eine Schrift zu Stande, worin er sonnenklar bewies, wie verderblich und schändlich eS sei, daß die Müller von allen Abgaben befreit wären, und wie nothwendig und christlich e» sei, sie mit den übrigen Bürgern hierin gleich zu stellen. Eines solchen Beweise» hätte e» eigentlich gar nicht bedurft, da alle Frankenberger längst dieser letzteren Ansicht waren; vielmehr fragten alle: „ja, wie soll man die Müller hierzu zwingen?"
____________(Fortsetzung folgt.)_______________
Der Feldwebel.
Novelle v. H. Zschocke.
(Fortsetzung.)
Sie wollte sich mit einer Verneigung von ihm entfernen, al» er bemerkte, daS Gedränge und das Ungestüm de» rohen Volke» werbe zu heftig; sie würbe seines Schuhes für ben Augenblick bebürfen. Er bot ihr den Arm. Leise, wie eine Feder, legte sie den ihrigen auf denselben, nachdem sie zuvor ihr weißes Schnupftuch, worin etwa» eingewickelt zu fein schien, in die rechte Hand genommen hatte. Sv gingen beide im wallenden Menschenstrome eine Zeit lang schweigendßfvrt Der junge Wilmson in stiller Seligkeit an der Seite de» schönen Mädchens bildete sich fast ein, der gütige Himmel habe das ganze Fest ihm zu Ehren veranstaltet. Er drückte ben Arm der kleinen Begleiterin sanft an sich, um ihn nur zu fühlen.