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Hr. 273.

Jliatßurg, Sonntag, 2L November 1875.

L Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition b. Blattei, sowie die Annon^n-Bureaux von Th. Dietrich L Co. in Ikaffel und Hannover; Th- Dietrich in Frantfurt a. M ; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M.Berlm, Leip­zig, Cvln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc-

OberheWe Jritimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d«e Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.-Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meper in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrttteS Sonntagsdlatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2tz Werf, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr). — JnsettiouSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf». berechnet.

«in frauzöfischeS Urtheil über die wirthfchaft ltche KrifiS in Deutschland

(Schluß.)

Wir haben die Gründe der Handels- und Gewerbe- KrisiS dargrlegt, von welcher jetzt beinahe der ganze Erd' ball heimgesucht ist. ES ist von Wichtigkeit, dieselben im Augenblick der Erneuerung der Handelsverträge nicht aus dem Auge zu verlieren, denn die zunächst Betheiligten sind nur allzu geneigt, Leiden, welche aus ein Zusammenwirken verschiedener Umstände beruhen, diesem oder jenem beson­deren Grunde beizumefsen und ein Spezifikum zu empfehlen, wo nur die Zeit und ein gutes Regime die Heilung be­wirken können.

Deutschland konnte sich jenen Erscheinungen nicht nur nicht enthalten, sondern muhte von ihnen noch besonders schwer betroffen werden. Der Gelbstrom, den es zu sich geleitet hatte, mochte ein Steigen der Preise und nament- sich her Löhnungen nach sich ziehen, doch glauben wir, daß man aus die Wirkungen diese» plötzlichen Zuflusses einer bedeutenden Quantität von Edelmetall zu viel Gewicht lege. Der größte Theil dieses baaren Kapitals ist bis jetzt in den Kassen des Staats oder der Kreditanstalten geblieben und konnte daher auf die Löhne und Preise kei­nen Einfluß üben. Richtiger hat wohl die bloße Hoffnung auf einen wachsenden Wohlstand und auf einen besonderen Aufschwung der Geschäfte genügt, um den Arbeitern die Köpfe zu verrücken und sie zu bestimmen, Lohnerhöhungen zu fordern, die man ihnen damals allzu leicht bewilligte. Die Industrien, welche jetzt in der ganzen Welt am mei­sten leiden, find gerade diejenigen, welche sich in Nord­deutschland am bedeutendsten entwickelt haben, so nament­lich die Eisenindustrie und der Verkehr mit Nordamerika.

Dir Schwierigkeiten der Eisenindustrie müssen in ihren Ursachen näher betrachtet werden. Der Verbrauch von Eisen hatte zu einem gewiffm Zeitpunkt eine solche Aus­dehnung gewonnen, daß ungeheuere Kapitalien sich aus diesen Zweig der Industrie geworfen haben; dann hat plötzlich der Verbrauch abgrnommrn und droht noch «ehr abzunehmen. Eine der größten Verbrauchsquellen für die Eisenindustrie find die Eisenbahngejellschastrn. Von 1860 bi» 1872 war die Zahl der Kilometer von Eisenbahnen, welche alljährlich neu auSgesührt wurden, sehr bedeutend; Amerika allein hat deren 11,000 Kilometer in einem Jahre auSgesührt, andere Länder, namentlich Deutschland und Oesterreich, Übergaben jährlich, wenn auch nicht ebenso große, doch immerhin sehr bedeutende Strecken Eisenbahnen dem Verkehr. Heute dagegen hat säst überall der Eisen- bahnbau sich verringert und zwar aus einfachen Gründen: Die hauptsächlichen Linien sind großeniheil» vollendet und bleiben nur Nebenbahnen, meistemheilS mit einem Geleise zu bauen.

Ferner: Der Handelsverkehr mit den Vereinigten Staaten, welcher den Glanz von Hamburg und Bremen ausmachte, gehört ebenfalls zu den am schwersten betroffenen Industrien. Die Auswanderung nach Amerika, die Haupt- quelle für die Hamburger Dampfer, hat gewaltig nachge­lassen, und in Folge dessen sind Schiffsunternehmungen zu Grunde gegangen, die über jede Gefahr erhaben schienen und auf welche wir mit Unrecht eifersüchtig waren.

Wir haben die Gründe der wirthschastlichen Leiden unserer Nachbarn dargelegt. Diese Gründe sind theils besondere, theilS allgemeine, die einen von vorübergehender Natur, die anderen von ziemlich langer Dauer. Wir selbst sind durch den regelmäßigen und ruhigen Charakter unseres Handels und Gewerbes, durch die Güte unserer letzten Ernten und sogar durch unser Unglück selbst, welches uns vor gefährlichen Illusionen bewahrte und zur größten Vor sicht anhielt, vor dieser intensiven Vorsicht geschützt ge­blieben. Allein wir können nicht umhin, zu finden, daß unsere überrheinischen Nachbarn cS ein wenig an Geduld und Faffung oder doch an Elastizität deS Geistes und Charakters fehlen laffen, wenn sie sich so laut über ihre neuen Lasten beklagen, die unS noch immer sehr leicht be« dünken wollen." (Prov.-Corr.) .

Politische Wschnt-Urßerficht.

Unser Kaiser erfreut sich wieder in voller Rüstigkeit der herbstlichen Hofjagden, in der vorige Woche zu Letzlingen, in den nächsten Tagen in der Göhrde. Am Sonntag hatte er die Freude, feinen zehnjährig gewordenen Großneffen, dm Prinzen Friedrich Leopold, ältesten Sohn des Prinzen Friedrich Karl, nach dem im hohenzollernschen Königshause gepflogenen Herkommen als Seconde • Lieutenant in das OsfiziercorpS und zugleich als Mitglied des hohen Ordens vom Schwarzen Adler aufzunehmen. Der Reichstag ist nunmehr im Besitz des vollständigen Reichshaushaltsetats und der erwarteten beiden neuen Steuergefetzentwürfe, so daß die drängende Budgetberathung wohl sofort ihren An­fang nehmen wird. — Die Ankunft be» Reichskanzlers aus Varzin ist zwar bi» „Mitte deS Monats" nicht er­folgt, wird aber täglich erwartet. Die außerordentliche Generalsynode für die acht alten Provinzen Preußens ist zum 24. d. in Berlin zusammenberufen und die Ernen­nung der vom Könige zu berufenden 30 Mitglieder ist erfolgt, meist im Sinne einer Verstärkung der ohnehin überwiegenden sogenannten „Mittelpartei."

In österreichischen Abgeordnetenkreisen scheint man nichts Nützlicheres thun zu können, als in Schutzzollagi­tation zu machen. Ein halbes Hundert Verfaffungsgetreuer hat sich für „eine gemäßigte Richtung in der Zollfrage" gewinnen laffen, was dann eine Gegenbewegung hervorge­rufen. Nachdem Tisza sich und sein Ministerium am 8.

November auch dem ungarischen Oberhause vorgestellt und in einer ganz in demselben Sinne wie die im Abgeord­netenhause gehaltenen Rede sich über seine Politik ausge­sprochen, begann am 10. November im Abgeordnetenhanse die Budgetdebatte, welche jedoch in den ersten Tagen, wo vierzehn Abgeordnete, darunter neun von der Opposition, sprachen, wenig BemerkmswertheS bot

Die seit mehreren Jahren zwischen Oesterreich und der Schweiz schwebenden Unterhandlungen wegen eines gegen feiligen Niederlassungsvertrags sind dem Vernehmen nach glücklich soweit zum Abschluß gebracht, daß die Unterzeich­nung nunmehr erwartet wird.

Der Budgetausschuß der italienischen Kammer be­willigte die Mehrforderung von 60,000 Lire für den zu­künftigen Botschafter in Berlin, sowie 10,000 Lire für die wegen der Trennung des ober italienischen Eisenbahnnetzes von den südösterreichischen eingeleiteten Verhandlungen.

In der franzö fischen Nationalversammlung hat sich am 11. November eine Majorität für Buffet Dufaure ge­bildet, die von Siegen zu Siegen zu Gunsten der Um­kehr der Franzosen hinter die Ideen von 1789 schreitet. Die Nationalversammlung beschloß am 11. auf eine zwar schwache doch entscheidende Rede Dufaure« und gegen eine markig«, doch unkluge Gegenrede TambettaS mit 357 gegen 326 Stimmen die Arrondisiementswahl. Nachdem Dufaure mit klingendem Spiele zu Buffets Politik übergegangen, war die fo lange ungeduldig erwartete Entscheidung gegen das Listen-Serutinium eine ausgemachte Sache. Am 12. legte der Justizminister das neue Preßgesetz vor, ein Un- gethüm, wie es Frankreich selbst im Juli 1830 nicht drohte und wie eS selbst daS Kaiserreich nicht zu bieten wagte.

Don Carlos hat an den König Alfons einen Brief ge­schrieben, in welchem er ihm einen Waffenstillstand für die Dauer de» erwarteten Krieges mit den Vereinigten Staaten anbietet. DaS Schreiben ist recht ergötzlich zu lesen, zumal wir daraus ersehen, daß der Prätendent sich stark macht, die Union oder wenigsten» deren Handelsschifffahrt von dem Meere zu vertreiben und bis in die Häfen Amerika'« hinein zu verfolgen. Die große transatlantische Republik ist somit gewarnt und weiß, daß sie sich vor dem baskischen Zaunkönig in Acht zu nehmen hat. Der Brief kommt in- deffen ein wenig verspätet, weil der spanisch-amerikanische Kriegslärm, der nie sehr laut war, schon verschollen ist.

In E n g l a n d steht die auswärtige Politik im Vorder­gründe. Zwar die Verwicklung auf der Halbinsel Malakka ist nach den neuesten Nachrichten keine so ernste, wie eS zuerst den Anschein hatte, und von einer allgemeinen Schild­erhebung der Malayen mit religiösem Hintergründe scheint keine Rede zu sein, so daß die englische Regierung mit einer verhältnißmäßig geringen Truppenentfaltung im Stande fein wird, sich Genugthuung zu verschaffen und die Ruhe wieder

A»S aller Zeit.

Ein« Geschichte, so sich in der Stadt Frankenberg zugetragen.

(Fottsetzung.)

Nun traf eS sich, daß den Vorgesetzten der Stadt die üblichen Geschenke gebracht werden mußten. Denn damals war noch die gute alte Zeit, wo der wohlhabende Bürger e» für unmöglich hielt, etwas zu feiern, ohne daß Bürger­meister und Rath nicht auch ihr Theil bekommen hätten. Dafür konnte man denn auch in zweifelhaften Fällen aus ihre Freundschaft rechnen. Besonders hatten dte Müller, und darunter der alte Gebhard, diesem Umjianbe die Er­haltung ihrer Freiheiten von Geschoß, Beede und Feuer- schilling zu verdanken.

Gar manchmal hatte Margarethe schon das au-gesuch- teste Obst und da» feinste Mehl zu der alten Haushälterin des Stadtkämmerer» getragen. Oft hatte dies auch die Magd ober einer der Burschen gethan. Diesmal aber schien noch eine besondere Absicht damit verknüpft zu sein, die vielleicht durch die häufigen Besuche des StadtkämmererS veranlaßt worden war. Der Vater befahl Margarethen, sich so sorgfältig zu schmücken, als ginge eS zur Kirche, und immer hatte et noch etwas Schönes in den Korb zu legen, den Margarethe wegbringen sollte, so daß diese end­lich meinte, er fei ihr zu fchwer und die Magd möge ihn lieber tragen; doch bedeutete sie der Vater, daß sie eS dieses mal selbst thun müfie.

Susanne, be» Stadtkämmerer» Haushälterin, empfing die schwerbelabene Margarethe mit der ausgesuchtesten Freund­lichkeit. Anstatt ihr aber den Korb abzunehmen und wie sonst Stück für Stück zu loben, führte sie das Mädchen eine Treppe hinauf in da« Studierzimmer be« Herrn Pisto- riu», wo dieser selbst im vollen Glanze seiner Würde thronte.

Margarethe hatte noch nie dieses Heiligihnm betreten

und konnte sich eine« leichten Zittern« nicht erwehren, al« sie sich so plötzlich mit bem unangenehmen Menschen allein besanb. Doch verließ sie ihr Muth nicht, wuchs vielmehr, als sie von der Straße herauf ein ihr wohlbekanntes lustiges Lieb von einer noch bekannteren Stimme hötte. Verstohlen schaute sie burchs Fenster und sah wirklich ben treuen Kurth, wie er am gegenüberstehenden Hause lehnte und al« ahne er, wa« für eine Gefahr ihr drohe.

Mit ben gewähltesten Worten nölhigte nun Herr Becker Margarethe zum Sitzen unb nahm selbst Platz neben ihr. Viel sprach er von der hohen Ehre, die feinem Hause heute widerfahre, und wie sein HauS auch wieder ein recht öder Ort fei, die großen Gemächer ständen leer, und wenn Su saune ttwa nicht in der Küche poltere, rege sich doch auch in bem ganzen Dinge keine MauS. Wa» helfe ihm bet Ueberfluß unb die Pracht? Schon oft sei ihm daher der Gedanke gekommen, sich eine Gefährtin zu wählen, die sorg­sam unb liebend schalte in bem Hause unb ben mühevollen Lebensweg ihm erheitern helfe. Noch habe er aber keine finben können, allein jetzt sei die» geschehen, unb die Aus­erkorene sei Niemand ander« al« Margarethe selbst. Dabei hatte er des Mädchen« Hände gefaßt und wollte — wahr­scheinlich hatte er dieses am Leckerberge so gelernt — seine Erwählte zum Schluffe herzhaft küffen und umarmen. Allein Margarethe, die das Ding vorausgesehen und auf einen triftigen Beistand von Außen rechnen konnte, hatte ihre Rechte losgemacht, und eben al« Pistoriu» seinen welken Schnabel spitzte, erhielt er eine fo derbe Ohrfeige, daß ihm Hören und Sehen verging.

Obgleich nun deS Mädchen» Abneigung auf eine sehr fühlbare Weife sich kund gethan hatte, fo zweifelte er doch nicht an einem vollständigen Sieg, und nachdem Margartthe aufgesprungen und er feine brennende Wange etwas abge kühlt hatte, machte er einen neuen Verfuch. „Lose Schel-

min," rief er, „fo entkommst Du mir nicht I" Dabei um­faßte er sie mit feinet ganzen Kraft. Margarethe schien unterliegen zu müssen. Ein lauter Angstschrei entrang sich ihren Lippen. Im selben Augenblick aber vernahm man auch hastige Schritte aus der Stiege, die Thür ward auf- gerissen unb der Müllerbursche Kurth stürzte ins Gemach. Der arme Stadtkämmerer wußte nicht, wie ihm geschah. Furchtbare Schläge fielen von der Faust de« Müllerburschen auf den Herrn Stadtkämmerer, halbtobt sank er auf ben Boden, währenb Kurth sein gerettetes Mädchen nach Hause brachte.

(Fottsetzung folgt.)

Der Feldwebel.

Novelle d. H Zschocke.

(Fortsetzung.)

■; : ; .. ' 2.

Und frag den Zim wohl auf und ab, Und frag nach allen Namen.

Bürgers Lenore.

Der junge Wilmson war in der That schon längst da­von gegangen, um die verlorene schöne Trauergestalt wieder zu finben, bie ihm wichtiger al« der König und der alte Dessauer geworden zu sein schien.

Er hatte nämlich anfang» unter den zahlreichen Zu- schauern seinen Stand weiter aufwärts unfern dem soge­nannten Krökenthor gehabt, wo er sich die Langeweile be» Warten« bamit verlieb, die nächst umstehenden Personen zu mustern, in der Hoffnung, einen Bekannten zu entdecken. AIS er dann auch hinter sich gesehen, erblickte er ein zarte», niedliche» Mädchen, vom Haupte zu ben Füßen trauerhast in schwarzem Boy gelleibet, mit einem schwarzen, zurück- geschlagenem Flor über dem Kopfe, die feine weiße Stirn zmn Theil mit einer dicht anliegenden, gegen die Mitte