Nr. 971.
Marburg, Freitag, 19. November 1875.
X Jahrgang.
OberheUlheMmg
ÄRieigen nimmt entgegen: die e^ebition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von ® L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete» ♦ meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
ametgen nimmt entgegen: btt flfatebitto* b. Blatte», sowie die Annoneen-Bureanr von Th. Dietrich & Co. in Gaffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a M ; Laasenstein & Bögler in Frankfurt a. M, Berlm^Letv» lig, Cöln rc; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. Bk. rc.
Erscheint ti»!ich außer den Werktager^nach 3t^ttagen^ Reiches^^Mark* 50*s^g^^^B^s§llge^hr)^^^s^er^on^ge^bühr^ü^die"ge^spotteneEZ^^^lv"d^"^^
«uchdruaere«) "«zogen ^^dition ,u ertheiltnde Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Ps«. berechnet.
Tagesbericht
Der bei» Reichstag für die Eisenbahnen vorgelegle Entwurf geht dahin, diesen die Verpflichtung aufzuerlegen, Poststücke bi» zum Einzelgewicht von 10 Kilogr. unentgeltlich zu befördern; gegen dasselbe hat die Commission beschlossen, daß da» Originalgewicht auf 2 Kilogramm ermäßigt wird.
E» ist jedenfalls ein nicht zu unterschätzendes Zeichen, daß da» Organ der Ulftamontanen, dir „Germania," da» Thema de« Eompromissr« zwischen Staat und Kirche fortwährend behandelt, und zwar in einer Weise, woraus zu schließen ist, daß in den Reihen der Ultramontanen die Neigung zum Kampfe bedeutend nachgelaffen hat. Eines ist nur die Frage bei alledem, ob die Lage der Dinge von den Ultramontanen schon in ihrer ganzen Bedeutung erkannt wird, ob sie anerkennen, daß sie vollständig besiegt sind und daß sie wohl daran thun, ihre Unterwerfung unter die Aulo ritll, d?» Staate» aozperkennen. Wir möchten daran noch zweifeln, denn, die Umkehr möchte den Ultramontanen jeden- fall» nicht allzu leicht werden, doch ist sie nicht unmöglich. Wenigsim» muß e« ihnen allmählig klar geworden sein, daß sie auf dem bisher beschrittenen Wege der leidenschaft lichen Opphsttion ihrer eigenen Sache am meisten schaden. Es ist nicht zu verkennen, daß gegenwärtig eine Art von Waffenstillstand eingetreten ist. Der Staat hat eine Reihe glänzender Siege zu verzeichnen; er hat seine Macht bis an die äußerste Grenze vorgeschoben, während der Feind sich in völliger Auflösung befindet. Unter solchen llmstän- be» ist es unnöthig, noch weitere Maßregeln zu ergreifen, und den Kamps wieder aufzunehmen. E» verlautet daher auch für ben Augenblick nicht» von weiteren Maßregeln zur weiteren Bekämpfung klerikaler liebergriffe. Wenn die Ültramontanen diese Paufe benutzen, einen Ausgleich anzubahnen, so ist der Moment jedenfalls nicht ungünstig gewählt, der günstige Erfolg hängt ober lediglich von ihrem Verhalte« ab; wenn sie eine Aufhebung der kirchlichen Gesetze forderu, so kann natürlich nicht von einem Compro- mitz die Rede {ein; da im Gegentheii die unbedingte Auer keunung de» Gesetze» die erste Bedingung ist. Nur aus diesem Boden ist eine Verständigung möglich. Die Unter- wersung de» Centrum» unter daS Gesetz, und sein Zurück stcheu von jener principiellen Opposition wäre ein Sieg für die Regierung, der den Schwerpunkt des Reichstages nach einer anderen Seite verlegen würde, und ihn nicht so »eit nach links fallen ließe, wie gegenwärtig Jedenfalls liegt eine solche Wendung nicht außer aller Berechnung, und namentlich von Bedeutung für die, welche fortgesetzt zur Opposition gegen bi« Regierung auffordern. Wir werden bald an dem Verhalten der Clerikalen erkennen, ob sie auf ihrem alten Standpunkte beharren, oder ob sie bereit
ind, aus der unbedingten Opposition heraus, auf einen versöhnlicheren Weg zu treten.
Die österreichische Regierung scheint die Hoffnung noch nicht ausgegeben zu haben, eine friedliche Vereinbarung wischen der Pforte und den Insurgenten herbeizuführen. 8s verlautet darüber, daß Gras Andraffy den Vorschlag gemacht hat, sogenannte „internationale FriedenScommis- tonen" zu errichten, welche die Unterhandlungen der Genuin fortsetzen sollen. Da jene bis jetzt sehr wenig Erfolg gehabt haben, so sollen die Commissionen mit weiter rei chenden Vollmachten ausgestattet werden, um die Unterhandlungen mit besserem Erfolg aufzunehmen; sie hätten einen direkten Verkehr mit den Insurgenten herzustellen, diesen ene Garantiert!, welche von den Consuln verweigert werden mußten, in aller Form zuzugestehen, um so nach Beendigung des ersten TheileS ihrer Aufgabe zur Lösung des zweiten TheileS zu schreiten. Die FriedenScornmissionen würden ihren Sitz in den größeren Ortschaften aller jener Provinzen nehmen, die neben einer mohamedanischen auch eine nennenswerthe christliche Bevölkerung besitzen, und sie würden nun gewissermaßen jene Garantie verkörpern, welche den aufständischen Christen in Aussicht gestellt worden. Die bleibende Aufgabe der internationalen FriedmScommis- sionen bestände namentlich darin, in allen Fällen deS praktischen Leben» darüber zu wachen, daß die vom Sultan tan zugesagten Reformen und Erleichterungen nicht wie stets bisher ohne Erfüllung bleiben, sondern wirklich zur Aussührung gebracht werden.
Bekannt ist cS, daß Frankreich und zwar daS besiegte und mit Schulden überladene Frankreich, sich jetzt in seiner Eisenindustrie eines außerordentlich guten Geschäftsganges erfreut, und obgleich die deutschen Eisen- und Stahlwaaren- Branchen bis vor kurzer Zeit viel kräftiger entwickelt waren, doch anfängt, sich zu einem recht gefährlichen Concurrenten herauszubilden. Im Innern durch übermäßig hohe Zölle geschützt, kann bet französische Fabrikant um so leichter exportiren, al« er durch den offenbar vertragswidrigen Mißbrauch der Acquits a caution eine Exportprämie erlangt, die den etwa zu zahlenden Zoll nicht bloö deckt, sondern oft sogar übersteigt. Dieses oft getadelte Verfahren beruht auf folgenden Grundsätzen: Der französische Fabrikant qportirt ein Quantum fertiger Waare und erhält dafür daS Recht, die entsprechende Menge Rohstoff zollfrei einzusühren. Dieses Prinzip ist dadurch oltetirt worden, daß das Recht der zollfreien Einfuhr des Rohstoffe» cedirbar gemacht und Handelsartikel geworden if so daß der Fabrikant nicht selbst den Rohstoff einführt, sondern sein Recht an einen Dritten abtritt (acquits ä caution). Ein französischer Walzeisenfabrikant verkauft z. B. Schienen nach dem Auslande, unfr stellt einen Ver- pflichtungSschein auS, daß er 1000 Tonnen Schienen expor-
tiren wirb. Diesen Schein verkauft er durch einen Makler an einen Roheisenproducenten gegen eine gewisse Entschädigung (jetzt 10 FrS. 10. CtS. pro Tonne). Der letztere sendet nun auf Grund dieses Exportversprechens (pouvoir) ein gleiche« Quantum Roheisen zollfrei nach Frankreich. Die dortige Zollbehörde aber hindert die Einfuhr (acquit) und der Fabrikant ist verpflichtet, innerhalb 3 Monaten die Schienen, wie vorher versprochen, zu exportiren. Ge- chieht die« nicht, so hält sich die Zollbehörde an den Agent de douane, der dem Staate Caution geleistet hat. — Nicht genug also, daß der französische Exporteur nach Deutschland sehr niedrige bez. gar keine Zölle zu entrichten at, erlangt er durch ein allerdings streng zu tadelndes Äer- ahren für die Ausfuhr eine besondere Prämie, und um diesen Betrag kann er in Deutschland billiger liefern, al« selbst bei onft gleichen Verhältnissen der deutsche Fabrikant zu liefern vermag. Amtliche Quellen geben über den Gesammthandel Frankreichs nach dem AuSlande folgende Mittheilungen: Die Einfuhr von Deutschland nach Frankreich im Jahre 1873 hatte im Gesammthandel einen Werth von 814 Mill. FrcS., im Sperialhandel einen Werth von 311 Mill.FrcS. mit einem Mehr von 27 und 99 Mill. FrcS. gegen das Vorjahr. Dagegen hatte die Ausfuhr aus Frankreich nach Deutschland einen Werth von 523 Mill. FrcS. im Gesammthandel, und 463 Mill. FrcS. im Specialhandel, mit einem Mehr von 69 und 50 Millionen FrcS. gegen das Vorjahr.
Dnttschetz Reich.
•# Berlin, 17. Nov. Fürst Bismarck« Ankunft in Berlin wird in den nächsten Tagen erwartet. Die Comteffe Bismarck ist bereits in Begleitung ihres Bruders Wilhelm heute in Berlin eingetroffen, während Graf Herbert bereit« feit länger hier anwesend ist. — Wenn die Nachricht über eine Reorganisation in ben höchsten Verwaltungskreisen von Elsaß Lothringen bementirt worden ist, so haben einzelne Correspondenten die Sache dahin erläutert, daß allerdings ein solche« Projekt in ernstliche Erwägung genommen ist, dessen Verwirklichung für die Eventualität auSgesührk werden soll, wenn die Reichslande unter selbstständige Vermal- tung mit eigener Volksvertretung treten würden. Diese Eventualität liegt aber auch noch sehr fern, so daß daS oben erwähnte Dementi auch heute noch seine Kraft hat. Anderweitige weniger schwer wiegende Veränderungen in den Behörden sind allerdings in Erwägung genommen. — DaS Oberprästdium in Kassel ist noch vacant und eS fehlt daher auch heute nicht an Conjuncturen aller Art. Diese sind ober eben so trügerisch wie die früheren. — Der Vortragende Rath im auswärtigen Amt, Frhr. v. Landsberg, ist auf Grund seiner Wahl für Lauenburg zum LandeS- director der Rheinprovinz für diese Stelle Allerhöchst bestä-
NuS alter Zeit.
Sine Geschichte, so sich in der Stadt Frankenberg jugetragen-
Unter Hessens Städten ist wohl keine, die sich eines höheren Alter« rühmen könnte, denn Frankenberg an der <£tber. Schon im 6. Jahrhundert soll sie König Dietrich an der Grenze des ehemaligen Frankenlandes zum Schutze aeaen die Sachsen erbaut haben. Durch ihren ausgebrei» teten Handel erhob sie sich bald zu Ansehen und Reichthum; besonders berühmt waren ihre vier Jahrmärkte, anfPetri- taa Walpurgi«, Michaeli und Martini. Da stunden die Krämer mit ihren Buden vom Kirchhof das Markt hinab hi» an den großen Brunnen, und ebenfo die Mittelgaffe herunter bis zum Aschenborn. In der Untergaffe waren gute Gewänder von Tuch und Wolle feil. In der Hinter- aasie verkaufte man den Waid, die alte Blansarbe, den zu lener Zeit in Frankei berg man viel pflanzte, also daß es noch bei der Edder bis auf den heutigen Tag auf dem Waidlande heißt. Die Seiler hatten ihre Kramladen auf dem Hepenberge und die Leinweber in der Steingaffe. Auf der Dielenbrücke wurden Schuhe und Leder feilgeboten und in der Staubgaffe Milch, Käse und Butter, auf der Haide waren Pferde, Kühe, ©cboafe und Schweine ausgestellt. Alles diese« bildete einen Jahrmarkt, der so besucht und köstlich war, daß seine« Gleichen in Hessen nicht wieder |M Richt' nur in schönen Kleidern zeigte sich der Wohlstand bet Bürger, sondern weit mehr noch in prächtigen Wohnungen, die für den Handel und die viele« ab- und zu- gehenben Fremden berechnet waren. Wenn sie auch meist au» Holz erbaut waren, so hatte man sie doch blS zum Giebel gar kunstreich verziert und ausgeschnitten — Erker mit Spitzbogen und durchbrochenen Säulen, einen Altan im ersten Stock, auf dem man lustwandelte und mit den Nachbarn ben geselligen Verkehr unterhielt, hatte wohl- jedes
Haus^ Köstlicher HauSrath füllte die Gemächer. Ueppig feit, HochmuthZund andere Laster brachte jedoch auch der Reichthum hervor, und reiche Müßiggänger fiedelten fich neben dem betriebsamen Bürger an und sprachen gar oft ben weisen Anordnungen der Rathsherren Hohn, oder drückten den weniger Bemittelten. — So entstand die s. g. Fleischglocke daher, daß die vornehmen Junker und Praffer ihr Fleisch früher holten als die Bürger, und wenn diese kamen, sich mit dem Reste begnügen mußten. Ein hoher Rath verordnete deshalb, es solle kein Metzger das Fleischs früher herauslegen, alS bis der Ziinftknecht mit einer Glocke das Zeichen dazu gegeben habe. Hiernach hatte eS fich denn ein Jeder selbst zuzuschreiben, wenn er schlechtes Fleisch für sein gutes Geld erhielt. Nicht so leicht aber, als diese Angelegenheit mit den Metzgern geordnet war, konnte ein Streit mit den Müllern geschlichtet werden. Mit diesem verhielt eS sich aber also:
Im Jahre 1280 erhob sich eine große Zwietracht zwischen den Bürgern von Frankenberg und den Müllern vor der Stadt. Die Letzteren waren von allen städtischen Abgaben, Geschoß, Beede, Feuerschilling rc. befreit, sowie auch von allen städtischen Diensten, und hielten hierauf als auf ihr wohlerworbene-, aus undenklichen Zeiten herstam mendeS Recht. Oft war der Versuch gemacht, den Müllern »gleiche Lasten, wie den übrigen Einwohnern aufzubürden, doch da sie unter den Rachsherren stets gute Freunde hatten und nicht innerhalb der Stadtmauern, sondern an der Edder wohnten, waren alle Versuche ohne Erfolg geblieben. Die Wohlhabenheit der Müller hatte unter diesen Umständen sehr zugenommen und der Neid darüber natürlich auch. Darum wurden der Feinde immer mehr, auch trug sich in dem gedachten Jahre noch etwas zu, da» die Vorrechte der Müller aufs Neue bedrohte.
(Fortsetzung rilgt)
Der Kettmkel.*)
* Novelle v. H. Zschocke.
1.
Und Überall, all überall, Auf Wegen uub auf Stegen Zog Jung und Alt dem Jubelschall Der Kommenden entgegen.
(Bürgers Leonore.)
Der Zweite in der Reihe von den preußischen Königen, Friedrich Wilhelm L, war von Potsdam nach Magdeburg gekommen, um im Vorbeigehen auch die neuen Schanzen, Bollwerke und Wellen zu besichtigen, deren Anlagen er befohlen hatte. Als der Tag nach seiner Ankunft ruchbar warb, er werbe, von der gesummten, glänzenden Feldherrschast begleitet, zu Pferde von der Neustadt in die Altstadt hereinkommen und den Zug durch die ganze Länge der Stadt zum Schlöffe oder sogenannten Prinzenhause am Domplatze machen, war bald nach der Mittagsstunde Alle«, ihn zu sehen, in Bewegung, wo» irgend Werkstätte, Laden, Schreibstube, Putzzimmer, Küche, Keller u. f. w. verlassen konnte. Denn einen König, und dazu noch ihren eigenen König, mit leiblichen Augen zu sehen oder wiederzusehen, war für die Magdeburger kein geringes Fest. Jeder bildete sich auf die Ehre nicht wenig ein, und warb noch Jahr unb Tag nachher um einen Zoll größer, wenn er bavon sprechen ober wohl gar Nebenumstände erzählen konnte, die er beim Anblick des Königs wahrgenommen;
♦) Dem mehrfach unS mitgetbeilten Wunsche zeitweise, und namentlich für die Winterabende, eine s. g. classische Novelle zum Abdruck zu bringen, entsprechen wir hiermit, da wir aus H. Zschockes gesammelten Novellen mit Erlaubniß des Herrn Verlegers, hier eine der spannendsten dieses vottrefflicheu Erzählers folgen lassen. Möge sie Veranlassung geben, das Gedüchtniß an den längst Heimgegangenen Dichter Mfzufrischm und seinen hinterlasse«« Werke« neu« Freunde zuzuführm.