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Mr. 27«

Jllarßutg, Donnerstag, 18. November 1875. X. Jahrgang.

Äiueigen nimmt entgegen: die @rt>ebttion b. Blatte», sowie die Annon^n-Bureaux von Th. Dietrich & 60. in jtafiel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Evln rc; Rudolf Akofse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

WcrhcUlhc Mung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition b. Blatte», sowie die Annoncen.®ureauy von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

(frfdieint täglich außer den Werktagen nach Sonn, und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonutagSblatt durch dre Expedition (Kochfche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf». <exl. Bestellgebühr). - InfertlonSgebühr für die gespaltene Seile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Ädreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Gärtnersfrau bringt natürlich einen Suppenkübel herbei. Da hinein schüttelt der Soldat die gebliche Brühe.

„Kosten Sie, Madame, wenn eö Ihnen gefällig ist!"

„Gift, Gift! Ihr wollt mich vergiften!" schreit da aber die Frau auf, indem sie wieder händeringend auf die Kniee fällt. „Nicht einmal mit einem atmen unglücklichen Weibe habt Ihr Mitleid — diable prussienl«

Statt aller Antwort — denn unser Soldat weiß, daß bei einem aufgeregten Weibe, besonders wenn es eine Fran­zösin ist, Äernunftgründe wenig fruchten — spricht er mit dem Erfinder der »Revalesciere« und anderen Reklame- Helden, nur weniger laut als diese in allen Zeitungen, zu sich: „Thatsachen beweisen!" und thut einen tiefen Zug aus der grande lasse.

Da kommt Madame zu sich — noch mehr, als sie die gelbe Brühe so warm und duftig ihre Nase kitzeln fühlt.

„Ei, wie appetitlich daS riecht! Nun, versuchen könnt' ich eS doch!"

Und sie setzt la grande lasse an die hungerbleichen Lippen und versucht — ein Schlückchen erst und hieraus einen Schluck! »Oh mon dien, wie da» gut schmeckt, und wie eS wärmt und stärkt — ich fühle gar feinen Hunger mehr!"

Und Madame trinkt Schluck aus Schluck und ißt von dem schönen weißen Brode dazu, das der „liebe, liebe Lands­knecht ihr mit seinem Faschinenmesser au» der VorrathS- lammet seines BrodbeutelS absäbelt.

Der Versucher hat gesiegt.

Er schließt mit Madame einen mündlichen Pakt: „Täg­lich erhaltet Ihr von mir ein weiße« Brod und Stoff, Euch eine solche gute, heiße, stärkende Suppe zu kochen,

Tagesbericht.

Da» Budget für 1876 liegt nunmehr dem Reichstage vollständig vor; es fehlen zwar noch die beiden Steuer­vorlagen, auf deren Bewilligung durch den Reichstag bei der Einstellung gewisser Positionen deS Einnahme - Etats gerechnet worden ist; indeffen ersteht man schon auS dem Budget selbst, welche Rolle diese Steuervorlagen überhaupt spielen. Es ist deshalb vielleicht anzunehmen, daß das Budget au einem der nächsten Tage im Reichstage zur Ver­handlung kommen mitte, selbst ohne daß die gedachten Steuervorlagen demselben zugegangen sind, da diese ohnehin nur dazu dienen, Einnahmen zur Deckung von Ausgaben de» diesjährigen Etats nachzuweisen.

Der BundeSrath wird in diesen Tagen eine sehr wich­tig« Sitzung halten, in welcher er die Strafrechtsnovelle für. den Reichstag fertig zu stellen gedenkt. Die Entwürfe über den Rechnungshof und die Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben des deutschen Reichs hat der Bundcsrath schon vor längerer Zeit dem Reichstage wieder vorzulegen beschloffen. Der Annahme dieses Gesetzes hatte sich bislang ein sehr gewichtiges Hinderniß entgegengesetzt; die Entwürfe nämlich gestanden dem Reichstag nicht eine so bedeutende Bürgschaft für fein Budgetrecht zu, als dieser verlangte. Die Verzögerung der Wiedervorlage dieser Gesetzentwürfe läßt vorauSsetzen, daß man im Bundesrathe an einer Ver­ständigung mit dem Reichstage über dieselben arbeitet

Man ist sehr thätig in Anfertigung von ReichSpapier- geld, um in möglichst kurzer Zeit und in möglichst aus­gedehnter Weife den nöthigen Bedarf herzustellen. Was die Verstärkung der Ausgabe von Reichskassenscheinen zu 50 Mark betrifft, so soll zuerst über den früher festgesteüten Betrag ein fernerer Betrag von 50 Millionen in 50Mark- scheinen angefertigt und auSgegebcn werden; doch will man diese im Laufe der Jahre 1876 und 1877 wieder einziehen und, soweit alS nöthig, mit Reichskassenscheinen zu 5 und zu 20 Mark ersetzen.

Die Erwägungen, welche durch das strasgerichtliche Ein schreiten gegen die Broschüre »Pro nihilo« hervotgerusen Norden, und die sich an die Frage beziehen, ob die Ver- öffeutlichung der bisher nicht bekannten diplomatischen Akten­stücke in dieser Broschüre als Landcsverrath aufzufasien ist, dürften dem Vernehmen nach vorzüglich auf den Erlaß des Fürsten Bismarck in Beziehung auf den Sturz ThierS und seine dadurch gekreuzte Politik Frankreich gegenüber, sich beziehen. Ist gegenwärtig noch die Geheimhaltung dieses Erlasses Frankreich gegenüber für das Wohl des deutschen Reiches ersorderlich oder nicht? Von der Entscheidung dieser Frage hängt die Entscheidung des untersuchenden Gerichts ab, ob Graf Arnim, vorausgesetzt, daß er der Urheber der Broschüre ist, wegen LandeSverrath» zu verurtheilen ist. Es liegt auf der Hand, daß hierbei die gegenwärtigen politischen Verhältnifle zu berücksichtigen sind, ob der zeitige Stand der deutsch französischen Politik durch daS Bekanntwerden de« Erlaffes beeinflußt werden kann, ob insbesondere die

in dem Erlasse ausgesprochene Meinungsverschiedenheit zwischen dem Kaiser, und seinem nächsten, dem Reiche all- verantwortlichen Rathgeber, dem Fürsten BiSmarck durch ihre gegenwärtige Veröffentlichung eine schädliche Wirkung aus die deutsche Politik überhaupt und speriell Frankreich gegenüber äußern kann. Diese Erwägungen fallen jedoch in die Hauptverhandlung, nachdem schon vorher über die Einleitung einer Untersuchung wegen LandesverraihS be­schlossen worcen. Für die Frage, ob überhaupt eine der­artige Untersuchung einzuleiten ist, genügt allein die Ent­scheidung, ob die in der Broschüre mitgetheilten Aktenstücke und specicll der erwähnte Erlaß des Fürsten BiSmarck an sich geeignet sind, durch ihre Veröffentlichung dem Reiche zu schaden. — DaS Stadtgericht in Berlin hat den gericht­lichen StadtphysikuS, Proseffor Dr. Skrzeczka, beauftragt, die vom Grafen Arnim überreichten ärztlichen Atteste zu prüfen. Das Stadtgericht wird alSdann seine Entscheidung über das Gesuch des Grafen, den Strafantritt um einige Monate hinauszuschieben, daS abzugebende Gutachten mit zu Grunde legen.

Im Telegraphendienste sollen vom 1. Januar nächsten Jahres ab die Empfangsbescheinigungen fortsallen und die Boten verpflichtet sein, auf Verlangen deS Adressaten die Beförderung der telegraphischen Rückantwort zum Tele- graphenamte zu übernehmen.

Dem Vernehmen nach sollen in nächster Zeit 3 bis 400 Schlosser aus der Artillerie-Werkstätte in Spandau entlasten werden. Der Ärbeilsmangel wird als Grund dieser Maßnahmen angegeben.

Im Wiener Abgeordnetenhause interpellirte Abg. Fuchs und Genossen betreffs der Ausführung der Resolution teeS Abgeordnetenhauses, welche die Trennung deS öster­reichischen und preußischen AntheilS des Breslauer BiS- thums verlangt.

Auf Veranlastung der bevorstehenden Erhebung der ita­lienischen Gesandtschaft in Berlin zum Range einer Bot­schaft, ist an daS Budget deS Ministeriums des Auswärtigen eine Mehrfordemng von 60,000 Lire gestellt worden.

Deutsches Reich.

•• Berlin, 16. Nov. Die Stimmen über die Grund­sätze, auf welche die künftige Generalsynode basirt, sind im Allgemeinen zustimmend, nur scheint man in der sog. kirchlichen Mittelpartei die kürzlich ernannten Mitglie der nicht ganz gern zu acceptiren. Man darf 'jedoch auch in diesem Falle annehmen, daß die nach der einen oder anderen Richtung hin auf dem ersteren Standpunkt stehenden Organe der Preste nicht die Anschauungen der kirchlichen Kreise überhaupt repräfentireu. — Rach einer statistischen Zusammenstellung de« evangel. Oberkirchenrathes finte im Jahre 1874 neu erbaut 33 evangelische Kirchen und restaurirt 5. — Die Vorlage der Strafgesetznovelle hat sich deßhalb fo verzögert, weil die Regierungen über einzelne Punkte zuvor ihr Gutachten abgeben sollten. Diese

Gutachten sind nunmehr eingetroffen und wird die Vorlage morgen da« Plenum deS BundeSralhS beschäftigen. Mit dieser Sitzung wird jedenfalls, da der BundeSrath die für den Reichstag zur Zeit bestimmten Vorlagen erledigt haben wird, daS Plenum des BundeSralhS für einige Zeit Ferien haben. Dem Bundesrathe ist zugleich mit der Strafno­velle die vom Reichskanzleramt zur Vorbereitung eines Gesetzes wegen Gründung einer Pensionskaste für die Hinterbliebenen verstorbener ReichSbeamten vorgenommene Ermittelung zugegangen. Der Reichskanzler halte sich zu diesem Zwecke an die Lebensversicherungsbank für Deutsch­land in Gotha gewandt, welche angeben sollte, wie viel Ausgaben von Pensionen die Reichskaste dort jährlich zu leisten haben würde, wenn diese Bezüge denselben in dem in einem früheren Gesetzentwürfe angenommenen Sätzen erfolgte. Die Bank Hal zwei Denkschriften übersandt, teeren eine den statistischen Nachweis führt, deren anderer die nothwendige Analyse teer Berechnung entwickelt.

Detmold, 11. Nov. Der „Wests. Ztg." wird ge­schrieben: „Nach dem Tode deS seit längerer Zeit schwer kranken Fürsten Leopold ist der älteste Bruder desselben, Prinz Waldemar, geboren bin 18. April 1824, der nächst berechtigte Thioiifolger. Wie jetzt ober verlautet, soll der Prinz keine Lust haben, die Regierung anzutreten, und daS Gerücht legt ihm sogar die Worte in den Mund, er möge an der Spitze deS Landes, besten Zustände so verfahren seien, nicht stehen. Ohne die Wahrheit diese« Gerüchtes zu garantiren, haben wir eS dennoch für unsere Pflicht gehalten, desselben hier Erwähnung zu thun, weil ein Thron-Wechsel schon an und für sich von großer Bedeutung sein kann und vielleicht verhängnißvoll werden könnte, wenn sich Prinz Waldemar von der Suecesfion auSschlöste. Träte dieser Fall ein, dann würde der letzte Sproste be« fürstlich Lippe'schen Hauses regiert haben, ba eS sich al« gewiß ver­steht, baß auch die beiden jüngeren Brüder des Fürsten, die Prinzen Hermann und Alexander, sich ihrer SuccesstonS- Rechte begeben werden. Der Lippe'schen HauS - Ordnung zufolge kämen sodann die „erbherrlich - gräflich - lippe'schen Linien" an die Reihe, und zwar zunächst die „Biester- feld'sche" Linie, deren Senior der Graf Julius (geboren 22 April 1812) ist, aus dessen Ehe mit Gräfin Adelheid zu Castell zehn Kinder (acht Söhne und zwei Töchter) entsprossen, und besten ältester Sohn Ernst, vermählt seit 16. September 1869 mit der Reichs - Gräfin Karoline v. Wartenslcben, auch schon sechs Kinder, darunter ein Zwil­lings Paar, drei Söhne und drei Töchter, hat. Graf Julius v. Lippe-Biesterfeld soll als General in sächsischen Diensten stehen. Am HermannS-Feste »ar derselbe Gast des Fürsten und hat schon mehrere Male die fürstliche Familie besucht. Ob er Neigung besitzt, eintretenden Fall« Lippe'scher Fürst zu werden, wissen wir nicht. Da das bedeutende Domanial- Gut deS Landes durch da« berüchtigte v. Oheimb'sche Do- manial- Gesetz FideieommiS. Gut des jeweiligen regierenden Fürsten geworben ist (1868), so dürfte doch schon darin

au. ।

Alles um eine - Erbswurst.

Madame war die Gattin eine« Pariser Nationaler- bißen In FriedenSzciten betrieb das Ehepaar eine Gemüse- gärtneret in einer bet süblichen Vorstädte von Paris. Diese« idyllische Stillleben erlitt aber eine unliebsame Unterbrechung, al« im Jan. 1871 die grausamen, Preußen" vor Paris erschienen und die Stadt zu beschießen begannen. Da« Häuschen und Gärtchen des Paares lagen ziemlich in bet Mitte zwischen den französischen unb beulschen Vor­posten. Monsieur warb in Paris als Nationalgardist gefüttert und gekleidet, während Madame in ihrem Häus­chen hungerte und fror. Sie konnte sich nun aber einmal nicht entschließen, die kleine Besitzung zu verlassen und nach Pari« hineinzuwandern.

Schließlich fing jedoch der Hunger an, recht sehr un­bequem zu werden.

Da ward ihr Hilfe in der Form eines wohlgefüllten preußischen BrodbeutelS gesandt, der an der Seite eines dunkelblauen Vorposten« baumelte und den Hungernden schon beim ersten Anblick überau« gutrnüthig und lockend erschien.

Dies entging dem Blaurocke nicht, und verführerffch sprach er zu Madame:

»Ich will Dir alle Schätze meine« Brodbeutel« geben, so Du hingehcst und mir für 20 SouS die neuesten Num mern de» »Moniteur de la Republique», des »Temps», bei »Figaro« unb wa« Du sonst noch auf Deinem Wege in den Straßen von Pari« für Blätter findest, kaufst."

Madame überlief eS eiskalt, und sic verschwor sich hoch unb theuer: sie sei eine gute Bürgerin der neuen Republik

und werde nun und nimmermehr ihre rothe Seele für einen Mund voll Esten verkaufen.

Der Mann des Vorpostens gehörte aber nicht zu Denen, die sich leicht abweisen lasten. Er mußte schon merkwürdig tiefe Hungerstudien gemacht haben. Er be­fiehlt also mit vorgehaltenem Bayonnette: Madame-solle ein Blechkännchen mit Master an ihr winziges Kaminfeuer stellen. Madame thut eS zitternd. Sie denkt, sie solle lebendig zu Tode gebrüht werden, aber sie schleudert doch dem Barbaren daS große Wort gelasten ins Gesicht: „Lieber für die Republik sterben, als dem Feinde nur den Fetzen einer französischen Zeitung überliefern."

Den Blaurvck rührt daS nicht. Er läßt das Master in« Kochen kommen, dann zieht er sein Faschinenmesser.

Madame hat den Blaubart in der Oper gesehen. Sie fällt vor dem Unmenschen auf die Knie. Doch der holt ruhig auS seinem Brodbeutel ein längliches weißliche« Et­wa« hervor. DaS ist in fettige« Pergamentpapier gehüllt, welches alsbald in der Flamme knistert. Nun legt der Barbar das längliche Etwas auf MadameS hübschen Ma hagonitisch unb sängt mit bem Faschinenmesser an zu schaben, als wenn er grünen Kräuterkäse schabte.

Madame versteht immer weniger von der ganzen Ge­schichte.

AIS daS Master richtig kocht, schüttet der Blaurock das Geschabte in die Blechkanne, rührt eS mit seinem Faschinen- messer um und läßt es noch fünf Minuten lang an den Kohlen gelinde wallen.

»Une grande lasse, Madame! (Eine große Taste, Madame!)"