X. MMg.
llitirfilirg, Dienstag, 16. November 1875.
Mr. 368
WtchcMc Jrilunn
immer weitere Kreise, und ist gegenwärtig gewissermaßen
iner drohenden Reaktion belegt.
Aber im Volke selbst werden Bestrebungen, die dahm gehen, der Achtung vor dem Gesetz- und der Autorität der Behörden einen entschiedeneren Ausdruck im Strafgesetz zu geben, sicher nicht auf Widerspruch stoßen, noch viel weniger aber eine größere Vorsicht und ein langsameres Tempo in der weiteren Entwickelung unserer politischen und wirth- chaftlichen Zustände, damit wir vor Fehlgriffen bewahrt »erden und damit namentlich die bisher eingefchiagene Pol!» tik der Handelsverträge und der allmählichen Befreiung des Verkehrs nach dem Maßstab der internationalen Gegen- seitigkeit nicht dem Ändrängen der radikalen Freihändler zum Opfer gebracht wird. Wenn aus lediglich praktischen Gründen unsere innere Politik in ein langsameres Fahr- wasser kommen sollte, so darf daraus durchaus noch nicht der Schluß gezogen werden, daß die Furcht der Radikalen vor einer politischen und wirtschaftlichen Reaktion begründet sei, es würde nur beweisen, daß, bevor weitere Reformen angebahnt werden können, die gegenwärtige Krisis überwunden, und das Fundament, das hie und da locker geworden ist, befestigt werden muß.
Ministerium alle Beschlüsse des DomkapitalS während dieser Ausschließung für ungültig erklärt und sich noch weitere
lung, die die Grundzüze einer Constituante erhielt, bildete den ersten Anfang eines stehenden Heeres — die „Stre- litzenregimenter," jührte die Buchdruckerkunst in Rußland ein und ließ die erste russische Bibel drucken, berief Apotheker, Aerzte, Baumeister, Künstler und Handwerker auS dem Westen Europas nach Moskau, gründete viele Städte wie Archangel, Usa, Tobolsk, ZarewokschaiSk, Urschum, ZiwilSk, baute zahllose Kirchen, Klöster, Schlösier, öffentliche Gebäude, die zum Theil in ihrer Großartigkeit noch heute bewundert werden.
Und daS russische Volk ist dieser Thaten deS kraftvollen und energischen Herrscher« eingedenk geblieben. An alle großen Erinnerungen der Vergangenheit knüpft eS den Namen dieses Czaren, verpflicht in «sagen und Erzählungen seine Thaten und selbst noch heule geht daS russische Drama und der historische Roman mit Vorliebe auf seine Zeit zurück, legen russische Opernkomponisten ihren Schöpfungen ein Liberetto auS der Zeit Johann des Schrecklichen zu Grunde, entnehmen Maler als Sujets ihrer historischen Bilder die Vorgänge auS seiner Regierungszeit.
Auch Graf Tolstoi, der bekannte russische Dramatiker und Romanschriftsteller, erzählt in seinem historischen Roman „Fürst Serebrämn" folgende intereffante Episode.
Der Czar hatte seinen tapferen und vom Volk wie vom Heere gleich geliebten Felbherrn, den Fürsten Sere- bränni, besten Popularität und wachsender Uebcrmuth chm gefahrdrohend geworden waren, in daS unterirdische Ge- fangnih deS Kremls werfen lasten. Die Bewachung des Gefangenen, den zu befreien schon viele Versuche gemacht worden waren, hatte er seinen ihm aus Tod und Leben ergebenen Leibwächtern, den sogenannten „OpritschnikS" anvertraut. Da aber auch unter ihnen sich viele Anhänger deS tapferen Fürsten Serebränni befanden, pflegte er die > Schlüssel zu diesem Kerker unter dem Kopfkissen seines i Bettes zu verwahren, — und nicht ohne Grund, denn einige dieser »treuen Aprilschnitt" hatten bereit«, wenn
Maßregeln Vorbehalten. _
Der ehemalige Fürstbischof von Breslau Dr. Förster, oll sich an den Papst gewandt haben, um besten Beistand >ei der österreichischen Regierung zu erlangen; sein Ansuchen ist ihm gewährt und sind an den apostolischen Runtiu8 Jacobini sehr ausführliche, aber äußerst ver- öhnliche Instruktionen ertasten worden. Dieselben gehen hauptsächlich dahin, Maßregeln gegen den Bischof von Breslau von Seiten der österreichischen Regierung zu verhindern, wenn solche durch die preußische Regierung vom Wiener Cabinet verlangt werden sollen; auch soll der Papst die Absicht hegen, im Nothfall eigenhändig deßwegen an den Kaiser von Oesterriich zu schreiben.
Man meldet, daß die Pforte den Mächten erklärt habe, daß sie Über die Art und Weise wie die Reformen zu bewerkstelligen seien, den guten Ra'h derselben dankbar an- nehmen und soviel wie möglich berücksichtigen werde, daß sie eS sich aber allein Vorbehalte, bis zu welchem Punkt und in welcher Ausdehnung sie diese Reformen vornehmen werde. _____
letzten Stürme unterbrochen worden.
Die Angelegenheit des Domcapitulars Dr. Hohn in
die Signatur der öffentlichen Meinung.
Diese immer stärker durchdringende Ueberzeugung findet allerdings bei den Vertretern des radikalen Reichstages auf- zolitischem und wirthschafllichern Gebiete keine Zustimmung und wird mit derjenigen Arroganz, die den Theoretikern ets innewohnt, abgewiesen, oder mit der Verdächtigung
nannten Theilsürsten, die Bojaren, die Heerführer, die Geist- 1 lichkeit, die freien Städte ihr Haupt trotziglich gegen die 1 Oberhoheit des MoSkau'fchen Großfürsten erhoben, so ge schah das erst recht in dieser Zeit der Unmündigkeit Jo- hann's IV.
Als das Kind ein Mann geworden, als dem jungen Herrscher das ganze Elend seine« Lande« klar geworden war, da säumte er denn auch nicht, dem beginnenden Zerfall des Reiches durch energische Mittel vorzubeugen. In jener barbarischen Zeit waren denn allerdings auch die Mittel „seine Unterthauen zur Raison zu bringen," den Zeiten und den Menschen angcpaßt. ES hat viel Blut und viel Kamps gekostet, ehe diese trotzigen Fürsten und Feldherrn, dieser widerspenstige Bojarenadel und diese herrschsüchtige Geistlichkeit, diese auf ihre Privilegien und ihren Reichthum pochenden Städte, wie Nowgorod, gebeugt wurden. Diese schrecklichen Mittel, die von der Staatspolitik gefordert wurden, haben die Nachkommen jener Fürsten und Bojaren nicht vergesten und so erhielt er den Beinamen de« Schrecklichen, während eingedenk der großen Zwecke, die er verfolgte — den Staat einig und mächtig zu machen, ihm mit besserem Rechte der Name „de« Großen" gebührte.
Dee 51jährige Regierung Johann de« Schrecklichen ist zugleich eine Reihe der größten Erfolge und Errungenschaften deS Moskau'schen CzarenthumS, sowohl auf dem Gebiete der äußeren, nie der inneren Politik. Unter Johann dem Schrecklichen wurden Nowgorod, die tartarischen Ezarenreiche von Kasan und Astrachan, das Land der Baschkiren und Sibirien dem Reiche einverleibt, die deutschen Ordensritter in Livland besiegt, mit Buchara und Samarkand Friebensvertrage, mit England der berühmte Handelstraktat abgeschloffen. Johann bet Schreckliche gab Rußland das erste Gesetzbuch, berief die erste Kirchenversammlung nach Moskau, ertheilte der Geistlichkeit da« bekannte Kirchengesetz, den „Staglaw," schuf die aus den Aeltesten und Angesehensten des Volke« gewählte Bersamm
Dage-dericht.
Eine Bekanntmachung des Reichskanzlers beruft die Generalversammlung der Reichsbank-AntheilSeigner behufs der Wahl sdeS Centralausschuffes auf den 29. November nach Berlin. " , ,
„Wolffs tetegr. Bureau" meldet: Englischen und bel- gischen Blättern ist die Nachricht zugegangen, daß drei russische Divisionen auf kaiserlichen Befehl auS Livadia zum 13. November auf Kriegsfuß zu setzen seien. Auf telegra- phische Anfrage unsererseits in Petersburg wird diese Meldung als ganz unrichtig und systematisch tendenziös be- zeichnet. r „ .
Nach Mittheilung der Berliner Telegraphenstation sind die Telegraphenleitungen nach Frankreich, Belgien un Baiern und nach anderen Ländern theilweise, durch d
DnttschrS Strich.
— Berlin, 13. Nov. Wir erfahren, daß die Gesundheit de« Reichskanzlers sich in der letzten Zeit entschieden gebefferl hat und er nur an seiner gewöhnlichen Schlaflosigkeit leivet. Am 21 wird er bestimmt hier eintreffen. — In Folge der Veröffentlichung der Broschüre „Pro Nihilo“ ist vaS Disc-plmarverfahren gegen den Grafen Harry Arnim eingeleitet. Außerdem ist die Frage in Erwägung gezogen, in wie weit durch die Veröffentlichung der in der Broschüre enthaltenen Aktenstücke da« Verbrechen des LandeSverratheS begangen worden. Der betreffende Paragraph (§. 92 deS Strafgesetzbuch«) lautet: Wer vorsätzlich Aklenftücke, von denen er weiß, daß die Geheim- Haltung einer anderen Regierung gegenüber für da« Wohl des deutschen Reiches oder eines Bundesstaates erforderlich ist, dieser Regierung mittheilt oder öffentlich bekannt macht, wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft. — Die General-Synode für die acht ältesten Provinzen ist im Einverständniß zwischen dem Kultusminister und dem Oberkirchenrath auf den 24 November nach Berlin ein- berufen worden. Der „Reich« - unv Staat« - Anzeiger" publicirt einen Allerhöchsten Erlaß, wonach der in demselben Blatte mitgetheilte Entwurf einer General Synodal Ordnung nebst Motiven der außerordentlichen General-Synode zur Berathung vorgelegt werden foll. — Der BnndeSrath wird
3«|m der Schreckliche.
(Eine Episode ans der russischen Geschichte.)
«u« der langen Reihe russischer Großfürsten und Czaren lebt im Gedächtniß des russischen Volkes vor Allen der Name eine« Herrschers, der Name „Johann de« Schrecklichen. In muiblifltn Sagen und Liedern, in Erzählungen und in Chroniken ist da« Angedenken an diesen Herrscher Rußlands, den 51. Großfürsten und den zweiten Czaren vonl Moskau erhalten — bester, als mancher andere russische Herrscher- Name, dem die Geschichte kein so finsteres Prädikat beige, leat bat Nicht Wladimir der Heilige, der seinem Volk von Bvzanz her da« Christenthum brachte, nicht Alexander NewSki, der Schwedenbesieger, nicht Dimttry DonSkoi, der Rußland vom Mongolenjoch befreite, sondern Johann IV Wassiljewitsch, der mit besserem Recht »der Große statt „der Schreckliche" genannt werden sollte, ist der Held und der Liebling deS russischen Volkes.
Russische Dichter und Romanschriftsteller, Operncom- ponisten und Maler haben mit Vorliebe diesen £)err{$er und seine Thaten zum Vorwurf ihrer Kunstwerke^ gewählt. Wo in Moskau oder in einer anderen alten etabt beS Reich« sich eine große Kirche, ein Kloster, ein Schloß, irgenb ein Denkmal der Vergangenheit erhebt, da nennt der Mund de« Volke«, — oft fäffchlicher Weife — den schrecklichen C-aren al« den Erbauer. Wo zur Feststellung des Datums einer glorreichen Erinnerung aus der russischen Geschichte dem gemeinen Mann die historische Bildung fehlt, da hilft er sich einfach mit der Beichnung „au« den Zeiten Johann bt« Schrecklichen."
Nach einer Reihe fchwacher Regenten hatte Johann IV. im Jahre 1533 den Czarenthrou von Moskau bestiegen, — damals ein Kind von 3 Jahren. Hatten schon früher die kleinen Statthalter in den verschiedenen Theilen des Reiche«, die mit dem Herrscherhaus« verwandten, von jun- yrttt Söhnen früherer Großfürsten abstammenNN söge
Anzeigen nimmt entgegen: Ite Expedition d. Blatte«, sowie die Annon«en-Bureaux eon Th. Dietrich & Co. in Gaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; ßaafenftein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Ebln it; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rr.
Anzeigen nimmt entgegen: die EÄeditio« d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaur von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A.Rete- ♦ meyer in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Buchdruckerer) bezogen “J bet gfyebition >u ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet^ ----
Die Furcht vor der Reaktion.
Noch immer tritt in einer großen Anzahl von Blättern i die Besorgniß.bet Reaktion auf, die nicht bloß in unbe stimmtet Ferne drohe, sondern eine mehr und mehr greifbare Gestalt annehmen soll; mit jener, von einem Thetle der Presse fo gern geübten Kunst, ihre Leser gegen die Regierung zu : verstimmen, wird auch diesmal wieder der Trumps einer drohenden Reaktion gegen dieselbe und ganz besonders gegen den Reichskanzler, den leitenden Staatsmann, anSgesplelt und zu einer entschiedenen Opposition des Reichstages gegen denselben aufgefordert. Man fragt mit Recht, welche Grunde siegen dann zu einer solchen Aufforderung vor? Ist nicht wiederholt von den Organen der Regierung auf da« bestimmteste versichert worden, daß die Lahn der Politik, die bisher eingehalten ist, auch ferner als Richtschnur gelten soll? Wozu soll also dieses Experiment dienen? Da« ein tiae was allenfalls als Belag für eine sich der Reaktion zuneigende Richtung de« Reichskanzler« angesehen werden könnte die beabsichtigte Aenderung de« Strafgesetzbuches, ist von den verschiedensten Seiten, und ganz besonders von den Fachmännern, als aus technischen Gründen dringend nothwendig erklärt, so daß diese Aenderung als eine Reaktion in der Politik des Reichskanzlers zu ersehen, eine absicht liebe Entstellung der Thatsache und der Sachlage ist.
E« scheint aber ein anderer Grund diesem Manöver zu Grunde zu liegen. ES ist die nicht wegzuläugnende That- fache, daß die ununterbrochen feit dem Jahre 1866 auf einander folgenden Reformen, fo heilsam und dringend noth wendig der größte Theil derselben auch war, doch tn unseren überwiegend konservativen Volke allmählich eine Beunruhigung unb eine Sehnsucht nach einem langsameren Tempo in der »eiteren Entwickelung unserer politischen und wirlhichaft- lichen Verhältniffe erzeugt hat. Dazu hat seit zwei Jahren die anhaltende wirthschastliche Krisis nebst ihren traurigen Folgen eine Entmuthigung unb eine Verzagtheit tn ber allgemeinen Stimmung erregt, in Folge derer man mit Be- sorgniß jeder weiteren Reform entgegen sieht.
Die großen Theorien haben ihren blendenden Glanz verloren, man hat erkannt, daß manche derselben Flitter- golb waren, und das nicht gebracht haben, was sie versprochen. Man hat ferner erkannt, daß die Ächtung vor den Organen des Staate« und feinen Leitern in bedenk ljchtr Weife abgenommen hat, und dadurch die Fundamente unsere« politischen unb socialen Lebens untergraben werden. Der Wunsch, daß offenbare Uebereilungen, welche im Schaf- funasdrang de« letzten Decenniums vorgekommen sind, aus- ' “ t werben und daß unter den furchtbaren Folgen einer 6 , - , - .
^unabsehbaren Krisis nicht b!os mit der größten Vor- Würzburg ist letzt entschieden worden; und dahin entfchie- ficht corgegangen werde, sondern weitere Reformen und s den, daß eine Ausschließung von den Berathungen deS