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»r. 26«.

Marburg, Sonnabend, 13. November 1875. L Jahrgang.

Inieigen nimmt entgegen: Me Expedition d. Blutter, sowie die Annoneen-Bureaux von Th. Dietrich L Co- in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a M.;

ObcrhcUiht Zrilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die tttyebition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bnreaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfutt cu M.: JLger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendanl, A- Stete« meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn« und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt durch die Sxpeditton (K o ch sche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (ejl. Bestellgebühr). — Jnsettivnsgebühr für bte gespaltene Zelle 10 Pf«. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht

Da» Präsidium deS Reichstages würbe am Donnerstag Mittag von dem Kronprinzen empfangen.

Der BundeSrath hielt am Mittwoch eine Plenarsitzung, in welcher er die Verordnung über den Geschäftskreis, die Einrichtung rc. der deutschen Seewarte nach den Ausschuß­anträgen annahm. Ferner genehmigte er den Etat der Marineverwaltung. Erst jetzt ist der Bericht des Justiz- auSschuffeS über die Strafrechts Novelle erschienen. Diese, sowie der Rest der Etatsvorlagen dürften nach der „Nat. gtg." den Gegenstand der nächsten Plenarsitzung bilden, welche aber wohl erst in der nächsten Woche stattfinden wird, da die Mitglieder des BundeSrathes sich über den Bericht zu insormiren wünschen, bezw. Instruktionen ihrer Regierungen einzuholen haben.

Die bereits erwähnte Broschüre »Pro Nihilo« hat unter Anderem auch den Zweck im Auge, die öffentliche Meinung für die Sache des Grasen Harry v. Arnim zu gewinnen, es läßt sich indeffen schon jetzt auS den Stimmen der Preffe constatiren, daß dieser Zweck nicht erreicht ist. Im Gegen- theil findet da» Verhalten des ehemaligen Pariser Botschafters in der weit überwiegepden Mehrzahl der Blätter die schärfste Berurtheilung. Die Tribüne hebt hervor, daß abermals die öffentliche Stimme zum Richter ausgerufm sei über das politische und dienstliche Verhalten deS Grafen Arnim. Sie solle entscheiden auf Grund des ganzen Materials, das den erkennenden Gerichten vorgelegen, denn Graf Arnim bände sich nicht, wie diese, an die Rücksicht auf das Wohl des Staates und die Pflicht, die wichtigsten Geheimniffe^desielben zu bewahren. „Er kennt nur ein Ziel, das er mit aller Rücksichtslosigkeit verfolgt, das ist die Schädigung, und wenn möglich, die Vernichtung seines politischen Gegners, non dem er selbst sich, weil er nur sein Untergebener war, «enichtet wähnt." Nach einem Blick auf die persönliche Seite der Vorgeschichte deS ProzeffeS heißt e» weiter: „Um Richt»" möchte Graf Arnim das Publikum glauben machen, sei derselbe angestrengt worden. Die Welt wird anderer Meinung sein u«b das statuirte Exempel erst recht am Platze finden, wenn sie jetzt fleht, bis zu welchem Grade ein eigen­williger und selbstsüchtiger Staatsbeamter die Pläne seines verantwortlichen Vorgesetzten durchkreuzen kann. Dann aber noch eins. Wenn die «nliffe de« ProzeffeS wirklich ein Nichts waren, im Vergleich mit feinen Wirkungen, so ist da« Interesse einer einzigen Person wohl noch weniger als ein Nicht« im Vergleich zu dem Wohl deS ganzen Staate«. Wer, wie Gras Arnim, werthvolle Geheimnisse des letzteren pro nihilo Preis giebt, ist in der Geschichte für alle Zeit gerichtet, auch wenn seine eigene Sache dadurch gewonnen wäre." — Interessant sind die Worte, mit denen die seiner Zeit so rückstchtSloS für den Grafen Harry v. Arnim ins Feuer gegangene Wiener „Presse" einen Auszug aus »Pro

«»ge u« U»gk, Zahn »« Zahn.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.

(Fottsetzung.)

Auch Anton Weller sollte bald eine« natürlichen Tode« «erben; seine Krankheit nahm rasch zu. Er verlangte nicht «ach seinem Sohne, und Gerhard wäre um diese Zeit, wenn er e« wirklich gewollt hätte, nicht im Stande ge­wesen, ihn zu sehen, weil er selbst an da« Krankenlager gefeflelt war. Al« man den Banquier fragte, ob er von seiner Gattin Abschied zu nehmen wünsche, verweigerte er die« sehr entschieden und versicherte noch in der letzten Stunde, sie trage die Schuld au seinem ganzen Unglücke.

Die Untersuchungsakten konnten jetzt geschloffen werden, etwa vier Wochen später versammelte sich wieder da« Schwurgericht und sollte dann über die Schuld der des Gattenmorde« angel agten Frau Helene von Weller ent­scheide«, sowie über Dr. Mörner, der ihr die Mittel dazu in die Hand gegeben hatte.

Freundlichere, wenn auch immer noch sehr erregte ©eenen spielten sich in dem Hause deS Major« von Ker- sten ab.

Unter der sorgfältigsten Pflege Dr. WiesenerS und aller Mitglieder der Familie Überstand Gerhard die schwere Krankheit glücklich. Al« er zuerst wieder da« volle Be- wußtsein erlangte, saß der treue Freund allein an seinem Bette und hielt seine Hand; sanft und ruhig führte er die alten Erinnerungen zurück und legte besondere« Gewicht darauf, daß Gerhard nur in Fieberphantaflen geträumt haben könne, Selma sei seine Schwester; von Stufe zu Stufe näherte er sich dann mehr der Wirklichkeit, und al« Gerhard alle« Gefchehene klar begriff, wußte et auch schon, daß ihm die Heißgeliebte nicht verloren wer, daß, im Gegenchett, ihrer Vereinigung jetzt nicht« mehr im Wege stand.

Nihilo« abschließt: „Graf Arnim müßte hoffnungslos krank fein, wenn diese Publikation von ihm herrühren sollte." — Wie man ferner hört, ist die Broschüre, die übrigens in Leipzig schon am 8. behördlich saisirt wurde, in Berlin wegen Majestätsbeleidigung mit Beschlag belegt worden.

Die Commission zur Borberathung der Gesetzentwürfe, betreffend da« Urheberrecht an Werken der bildenden Künste, das Urheberrecht an Mustern und Modellen und den Schutz der Photographieen gegen unbefugte Nachbildung ist gewählt und hat sich folgendermaßen constituirt: _ Vor­sitzender Braun, Stellvertreter: v. Könneritz, Schriftführer: Sonnemann und Lingens. — Zum Referenten ist Abg. Wehrenpfennig ernannt.

Die aus amtlichen Quellen instruirte Wiener Abend­post bemerkt gegenüber den feit einiger Zeit hinsichtlich der orientalifchen Lage verbreiteten beunruhigenden ZeitungS- Nachrichten: „AuS totaler Unkenntniß der Verhältnisse, hier und da vielleicht in der Absicht, das Einvernehmen der drei Kaifermächte zu stören ober gar in der Tendenz, die Börsencourse zu drücken, werben eine Adienz, die der russische Botschafter in Konstantinopel bei dem Sultan ge­habt hat, ein Besuch, den er dem Großvezier gemacht, zur Bedeutung von Ereigniffen hinaufgejchraubt, welche für den Frieden Europa- bedrohliche Aspekten eröffnen sollen." Demgegenüber erklärt das genannte Blatt auf Grund ver­läßlicher Kenntniß der Sachlage, daß seit Beginn der orientalischen Aktion Rußland ebensowenig wie Oesterreich- Ungarn oder Deutschland, General Jgnatieff ebensowenig wie Graf Zichy oder Herr v. Werther, sei es bei dem Sultan ober bei dem Großvezier einen Schritt gethan haben, welcher nicht den gemeinsam festgestellten Znstruk- tionen entsprochen und auch die Zustimmung und Unter­stützung der anderen Kabinette gefunden hätte.____________

Deutsche« «eich.

--- Berit», 11. Rov. Prinz Reuß, deutscher Bot- schafter am russischen Hose, wird sich in nächster Zeit nach Petersburg begeben, um sein Abberufungsschreiben zu über reichen. Man spricht vom General von Schweinitz, jetzt deutscher Botschafter in Wien, als Nachfolger des Prinzen Reuß. Herr von Schweinitz war früher schon preußischer Militär-Bevollmächtigter in Petersburg. — Die statistische Nachweisung über die Posteinrichtungen zur Vermittelung de« Postverkehrs der ländlichen Bevölkerung meldet, daß im Durchschnitt auf jeden der am 1. Januar 1875 ge­zählten 6074 Postorte 73Vs Quadrat-Kilometer und 3000 Landbewohner kommen, ferner, daß auf dem platten Lande zur Zeit 20,000 Briefkasten aufgestellt sind, und daß täg­lich 11,100 Briefträger dm brieflichen Verkehr in den 50,000 Landgemeinden des Reichspostgebietes vermitteln. Im Etat für 1876 ist abermals eine Vermehrung der Post-

anstalten in Landorten um 150 und der Landbriefträger von 400 vorgesehen. Dadurch werden die Bestellbezirke verkleinert und die Postbestellungm auf dem platten Lande noch mehr beschleunigt werden. — Nachdem am 5. d. M. dem Fürstbischof Förster das Erkenntniß de« kirchlichen Gerichtshofes, durch welches seine Absetzung ausgesprochen wirb, behändigt worden, ist am 9. von dem Oberprästdenten an das Domkapitel die Aufforderung zur Wahl eines Bi«- thumsverwcsers ergangen.

Berlin, 11. Nov. Mit Bezug auf die bi« jetzt übrigen« noch der Bestätigung bedürfende Nachricht von dem bevor­stehenden Besuch des deutschen Kronprinzen schreibt der „New-Iork Herald": Wir können uns kein Ereigniß von internationalem Charakter vorstellen, das an sich interessanter und in seinen Folgen wichtiger wäre, als ein amerikanischer Besuch gerade dieses Prinzen. Amerika und Deutschland sind in mehr als einer Beziehung eng verbunden, durch Freundschaft von Alters her, Raren - Verwandtschaft und durch die Thatsache, daß ein großer und geschätzter Be- standtheil unseres Volke« von deutscher Abstammung ist. Der Kronprinz würde in Amerika einige Millionen von Landsleuten finden, die seine Sprache sprechen, welche stolz find auf das, was feine Ahnen, wie auf das, wa« er selbst bereits vollbracht. Sie würden ihn mit Enthusiasmus und Freude, wie es sich einem solchen Repräsentanten des Vater­landes gegenüber geziemt, begrüßen. Diejenigen aber von uns, welche nicht Deutsche sind, würden sich sowohl freuen, einem erlauchten Fürsten die ihm gebührenden Ehren zu erweisen, wie in ihm zugleich die deutschen Mitbürger ehren, welche in ihm ein Haupt ihres Stammes begrüßen. Und mehr al« das. Als Nation hättm wir un« zu freuen, ein­mal unsere Erinnerung daran zu betätigen, welche Freund­schaft es war, die Friedrich der Große gegm uns bewies, da er sich weigerte, in unserem Unabhängigkeitskriege Partei gegen uns zu ergreifen, eine Freundschaft, die nicht nur durch manche werthvolle Kundgebung des gegenwärtigen Kaffer«, sondern auch schM) dftrch die Nation selbst bestä­tigt worden ist, al« diesckbe fttn« freigebig ihren Credit lieh und an unseren Sieg glaubte, während man in den großen westlichen Hauptstädten Europa« unsere Sache bereit« ver­loren gab.

Magdeburg, 11. Nov. Die „Magdeb. Zeitung" veröffentlnyt ein Schreiben de« Reichstags - Abgeordneten Lucius, welches die ihm von den Zeitungen zugeschriebenen Aeußerungen über den von dem Fürsten Bismarck angeb­lich sauSgesprochenen Wunsch, seines Amtes enthoben zu werden, für vollkommen erfunden erklärt.

München, 10. Nov. Die jüngste Vorstellung der Erzbischöfe und Bischöfe Bayern«, betreffend die Verhält­niffe der Altkatholiken, das Schulwesen und den Bestand der religiösen Orden und Kongregationen in Bayern, hat

Voll inniger Dankbarkeit begrüßte er diese Mitthei­lungen, ohne den geringsten Anstoß an der Herkunft Sel­mas zu nehmen, und strahlenden Blickes diese selbst als „Marie, seine theure Braut," als sie, glücklich und doch zaghaft, an sein Lager trat.

Sie waren Beide frei und hatten nur noch selbständig über ihr Schicksal zu entscheiden, und wie diese Entschei­dung ausfiel, wirb man sich ja leicht sagen können.

AIS die Sitzungen des Schwurgerichts eröffnet wurden, bei welchen fein Zeugniß Gerhards und Selmas — oder wir wollen sie von jetzt ab mit dem ihr zukommenden Na- men Marie nennen, — erforderlich erschien, wußte Dr. Wiesener die Familie deS Majors zu bewegen, das Paar auf einer kleinen Reise zu begleiten und gewissermaßen in ihren Schutz zu nehmen; er selbst mußte, seiner Obliegen­heiten wegen, in *** zurückbleiben. WaS Gerhard anbe traf, so verließ er um diese Zeit sehr gern die Stadt, was auch zu seiner ReconvaleScenz dringend nothwendig erschien, — daS Schicksal seines Pflegevaters konnte er ja eben so wenig beklagen, wie das des nun schon dahingegangenen leiblichen, und der alte Stürmer hatte auch ausdrücklich nichts mehr von ihm wiffen gewollt.

Schwerer wurde es Marie, ohne Abschied von der Frau zu gehen und sie dem Elende und der Schande scheinbar theilnahmlo« zu überlasten, die, wenn auch von einer Täu­schung über ihre Persönlichkeit befangen, ihr doch manche mütterliche Liebe und Sorge erzeigt hatte; es erschien ihr unmöglich, daß diese Verbindung jetzt gänzlich gelöst sein sollte, und wenn sie Frau Helenen auch keine wahre Ach­tung und kindliche Pietät mehr zuzutragen vermochte, so sprach in ihrem Herzen doch noch immer eine Stimme für sie.

Sie vertraute sich in dieser Beziehung zuerst der ihr Freundin geworbenen Bertha von Kersten unb durch deren

Vermittelung Dr. Wiesener an und äußerte den dringen­den Wunsch, vor ihrer Abreise Frau Helene noch einmal im Gefängnisse zu besuchen. Der Doetor schüttelte dazu anfänglich bedenklich den Kopf, aber Mariens Gefühl er­schien ihm andererseits doch wieder so echt weiblich und achtungswerth, daß er eS nicht verurtheilen und mit Härte zurückweisen konnte.

Insgeheim sprach er darüber mit Gerhard; da dieser als ein stummes Bewilligungszeichen nur den Kopf neigte, wankte er sich an die bezüglichen Behörden, um dem jungen Mädchen die Erlaubniß, Frau Helene sprechen zu dürfen, au«zuwirken. Da die NntersuchungSakten schon geschlossen waren, fand dieser Wunsch Berücksichtigung; man fragte bei Frau Helme an, und dieselbe äußerte eine außerordent­liche, fast rührmde Freude über Mariens Theilnahme an ihr.

Man konnte nicht sagm, daß Frau von Weller stch während ihrer nun doch schon wochenlang dauernden Haft, die in letzterer Zeit sogar eine strenge geworben war, so ceränbert habe. Wie gesagt, hatte sie die gemachten Ge- ständniste wieder bei ruhigerer Ueberlegung zurückgenommen, besonders seit sie den Tod ihres Mannes erfahren, der sie sehr kalt ließ. Seitdem richtete sie sich auch wieder mehr auf und erschien nun noch kälter und stolzer wie jemals. Sie versuchte jetzt alle Schuld an dem Giftmorde auf Doctor Mörner zu schieben, indem sie behauptete, nicht ge. wußt zu haben, daß sie in der von ihm verordneten Arznei ihrem Gatten Gift gereicht; er selbst und Weller möchten an besten Tobe das größte Jntereste gehabt haben.

Die« schien indessen sehr wenig glaublich; daS Gericht breitete bie Beurtheilung dem Wahrspruche der Geschwo­renen unter. Andererseits schob auch Doctor Mörner alle Schuld auf Frau Helene und stellte sich al« den Verführten, sogar an dem Morde Unschuldigm dar, indem er Frau Helmen daS Gift zu einem ganz anderen unschuldigm