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Wr. L«S.

Marburg, Freitag, 12. November 1875.

x Iahrgaog.

Lnjrig«, nimmt entgegen: »ie Expedition d. Watte-, sowie die Annon»en-Bureauk von Th- Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Franlfurt a- M-; Haasenstein & Vogler in Frantturt a. M, Berlin, Leip- iig, CSln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. Ri. re.

OlmheUiht Jeilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von ® L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: JLge?sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Stete» meper in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Srftbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JkkusttirteS SonntagSblatt durch die Srpedltton (Kochsche * Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). — Jnsertiousgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».

Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet.

Der THutz der Gesellschaft und das Strafgesetz

Unter dieser Ueberschrift bringt die „Pro.-Corr." einen Mrtitel, in welchem sie anknüpsend an die einfache An­kündigung der Strafgesetznovelle in der Thronrede schreibt: Der ruhige Ton dieser Ankündigung, welcher allerdings in einem gewissen Gegensatz zu den erregten Vorbespre­chungen der Angelegenheit in einem Theil der Presse steht, hat hier und da die Deutung erfahren, als ob die Bundes­regierungen auf die Durchführung der in Rede stehenden Aus­gabe einen fo bedeutenden Werth nicht legten, wie zuvor auf allen Seiten angenommen worden war. Diefe Deutung dürste jedoch aus einem Jrrthum beruhen, welcher für die Behandlung der Sache im Reichstage leicht bedenkliche Fol­gen haben könnte, uns besten Aufklärung daher im allsei tigen Interesse geboten erscheint. Es kann von vorn herein keinem Zweifel unterliegen, daß der Bundeörath an eine Arbeit von solcher Bedeutung nur auf Grund der bestimm­ten Ueberzeugung von der Nothwendigkeit derselben heran» getreten ist. E« ist ferner bekannt, daß die Angelegenheit Gegenstand langwieriger Erörterungen zwischen den Bundes­regierungen gewesen ist. Wenn nun die Eröffnungsrede al» das Ergebniß derselben eine Vorlage für den Reichstag angekündigt, so ist ein Zweifel aus dem vollen und ent­schiedenen Ernst der Regierungen in Bezug auf diese Aus­gabe nicht zulässig. Die schlichte Ankündigung in der Er­öffnungsrede findet ihre Erklärung einestheils darin, daß die Vorlage zunächst noch der ausdrücklichen Feststellung im BundeSrathe unterlag, anderntheils gewiß auch in der Zuversicht der Bundesregierungen, daß die ernsten Ge stchtSpunkte, von welchen sie bei ihrer Arbeit geleitet wurden, auch innerhalb der Reichsvertretung bei allen den Parteien, welche zu einer wahrhaft ersprießlichen Entwickelung des öffentlichen Leben« im Deutschen Reiche miizuwirken ge­sonnen sind, eine richtige Würdigung finden werden. Diese ^»verficht erscheint ftp vorliegmden Falle um so begrün» betet» als die schweren Mißstände, deren Beseitigung ange- strebt waben soll, in ihrer gefahrdrohenden Bedeutung auch von den entschiedensten Organen der Reichstagsmehrheit Üar und unumwunden auerkannt werden.

Weiter weist die „Prov. Corr," aus einen Artikel der Magdeb. Ztg." hin, in welchem die Gefahren, welche dem Staate, der öffentlichen Ordnung und den einzelnen Bür­gern vermöge der Straflosigkeit oder zur geringen Be­strafung gewisser Verbrechen oder Vergehen drohen, ge­schildert wurden In diesem Artikel kam die „M. Z." zu dem Schluß, daß trotzdem von einer Schärfung der Strafbestimmungen abzujehen sei; die Volksschule sei das Fell>^ welche« anzubauen sei, und welches bei liebevoller Pflege tausendfältige Früchte tragen müfie. „Freilich", so schloß, die Zeitung, „werden Generationen vergehen vor

Erreichung des uns vorschwebenden Ziele»." Hierauf er wiedert die Provinz.-Corresp.: „8S fragt sich jedoch, ob das deutsche Volk gegenüber jetten socialen Schäden sich auf die Besserung nach Verlauf von Generationen vertrösten lassen will, oder ob es nicht mit den Bundesregierungen der Ansicht ist, daß auch die gegenwärtige Generation ein Recht hat, gegen die „schreckenerregende" Zunahme der Verbrechen wider den Staat und die bürgerliche Gesellschaft Schutz zu verlangen. ES fragt sich überdies, ob selbst der größte Aufwand für daS Schulwesen künftigen Geschlechtern noch die erwarteten Früchte bringen könnte, wenn inzwischen „die rückgängige Bewegung der allgemeinen Sittlichkeit" weitere Fortschritte machte. Die klare Erkenntniß der socialen Schäden, wie sie auch von liberaler Seite aus­drücklich bekundet wird, läßt die Zuversicht begründet er­scheinen, daß die Reichstagsmehrheit die zu erwartenden Vorschläge der Regierung Behufs wirksamer Abhülse jener Schäden mit dem vollen Bewußtsein vor der großen Be beutung bet Angelegenheit für das gejammte Staats- und Volksleben in Erwägung nehmen werde."

Lage-bericht

Der sensationelle Gegenstand des TageS ist die neueste Flugschrift Pro nihilo des Grafen Arnim. ES scheint so, als wolle der Graf Arnim sich in der Achtung der öffent­lichen Meinung noch mehr mihkreditiren; denn die Broschüre setzt den früheren Kundgebungen die Krone auf in Bezug auf die Insinuationen, die er gegenüber dem Fürsten Bis­marck macht. — ES ist übrigens zu bedenken, daß Graf Arnim als Botschafter a. D. noch stets der DiSciplinar- gewalt des Auswärtigen Amtes unterliegt, somit auch in die Lage kommen kann, zur Disciplinaruntersuchung gezogen zu »erben.

Obschon die Rückkehr des Reichskanzlers selbstverständ­lich von seinem Gesundheitszustände bedingt wird, und der Tag derselben i» auswärtigen Amte noch nicht positiv fest gestellt ist, so ist dieselbe doch jedenfalls für die zweite Hälfte diese- Monat» anzunehmen.

Die Hauptsummen de« Reichshaushalts Etats pro 1876 setzen sich folgendermaßen zusammen: Einnahmen: Zölle und Verbrauchssteuern 242,629,170 Rmk., Wechselstempelsteuer 6,990,450 Rmk., Post- und Telegraphen-Verwaltung 10,562,236 Rmk., Essenbahnverwaltung 9,473,000 Rmk., Bankwesen 1,810,000 Rmk., verschiedene Verwaltungsein­nahmen 1,832,712 Rmk., aus dem Reichsinvalidenfond

28,828,611 Rmk., Ueberschüffe aus früheren Jahren 32,368,366 Rmk., Münzwesen 7,800,000 Rmk., Zinsen aus belegten Reichsgeldern 6,798,000 Rmk., außerordent­liche Zuschüsse 44,055,836 Rmk., Matrikular-Beiträge 71,142,225 Rmk., Einnahmen in Folge der Stmergesetze 15/820,000 Rmk., Summa der Einnahmen: 480,110,606

Rmk. Die fortdauernden Ausgaben gestalten sich wie folgt: Reichskanzleramt 4,100,560 Rmk., Bundesrath mit Reichs­tag 315,222 Rmk., auswärtiges Amt 5,566,255 Rmk., Verwaltung be« Reichsheeres 318,420,777 Rmk., Marine­verwaltung 21,016,171 Rmk., Reicheijenbahn Amt 276,490 Rmk., Reichs Ober-Handelsgericht 353,370 Rmk., Allge­meiner PenstonS-Fvnd 23,403,141 Rmk., Reichs-Jnvaliden- Fonb 28,828,611 Rmk, zusammen: 406,271,763 Rmk. Endlich betragen die einmaligen Ausgaben: Reichskanzler­amt 2,018,830 Rmk., Reichstag 20,00 Rmk., auswärtiges Amt 1,365,500 Rmk., Post- und Telegraphen-Verwaltung 1,462,900 Rmk., Verwaltung des ReichSheereS 33,521,219 Rmk., Marineverwaltung 10,000,000 Rmk., Rechnungshof 40,000 Rmk., Eisenbahnverwaltung 17,010,394 Rmk., Münzwesen 7,800,000 Rmk., Reichsschuld 600,000 Rmk., Summa bet einmaligen Ausgabe 73,838,843 Rmk.

In der jetzt constituirten Commission zur Vorberathung des Gesetzentwurfs bezüglich bet Gewerbeordnung unb bet Hilfskassen sind gewählt worben: Bamberger, Vorsitzenber; Sünder, dessen Stellvertreter; v. Wendt und Hehl Schrift­führer.

Das im vorigen Jahre in Angriff genommene, hoch­bedeutende Unternehmen der Herstellung eines einheitlichen deutschen bürgerlichen Gesetzbuches hat bedeutende Fortschritte gemacht. Die Commission, welche vorn BundeSrathe mit der Ausarbeitung dieses Gesetzentwurf betraut ist, unter dem Vorsitz des Präsidenten des Reichs-OberhaudelS-Gerichts, Dr. Pape, ist zum exftenmale im September 1874 zufam- mengetreten, und hat aus ihrer Mitte fünf Redakteure er­wählt, um eine Vorlage zu bereiten, die zur Grundlage bei den Berathungen der Commission dienen soll. Diese Re­dakteure, deren jedem ein besonderer Theil der Arbeit über­wiesen ist, haben mit Erfolg im verflossenen Jahre dieser Aufgabe ihre Thätigkeit gewidmet. Die Commission, die im OAvber d. I. wieder zusammengetreten ist, hat in einer vierwöchentlichen eingehenden Berathung eine Reihe der wichtigsten Grund- unb Principienfragen zur Entscheidung gebracht. So weit bis jetzt darüber geuttheilt werden kann, wird diese Vorarbeit, zu der ein periodisches Mitwirkm der Gesammtcommission in Aussicht genommen ist, nicht vor li/2 bis 2 Jahren zur Vollendung gedeihen können. Wie­viel Zeit alsdann noch die Vorberathung und Feststellung bet Vorlage durch die Gesammtcommission in Anspruch nehmen dürfte, ist gegenwärtig noch nicht einmal annäherend vorauszuskhen. Der festgesetzte Entwurf muß sodann der Oeffentlichkeit übergeben und mit Berücksichtigung der Kritik in einer zweiten Sitzung reviditt werden. Dann erst wird eS möglich, ihn dem Bundesrath zu überreichen, um in die legislatorische Behandlung durch Reichsregierung und Reichs­tag einzutreten.

Die Reichstags-Abgeordneten der socialistischen Arbeiter-

«H|c um Auge, Zahn um Zahn.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowskl.

(Fortsetzung.)

Der Major kam, nachdem er diesen Brief erhalten hatte, selbst, und erklärte sich, nachdem ihm sein Schwiegersohn die Gründe diese» sonderbar erscheinenden Verlangens aus einonber gesetzt hatte, damit einverstanden. Gerhard, der ohne jede Besinnung Alles mit sich geschehen ließ, wurde mitten in der Nacht nach dem Hause des Majors mü größter Sorgfalt tranSportitt und fand bort die beste Ausnahme. Wsrev wich nicht von seiner Seite bis zum anderen Mor­gen, »o er sich zu Selma begab unb betreiben alles Ge­

schehene erzählte.

DaS junge Mädchen war aus das Tiefste erschüttert, aber die Sorge für den Geliebten trat jetzt, wie Alfred erwartete, gänzlich in den Vordergrund, und, seinem Wunsche gemäß, begleitete sie ihn in •, das Haus des Majors, wo man ihr allerseits mit größter Achtung unb Theilnahme CHlfltÄtn töin. *j .

Wenn in lichteren Augenblicken Gerhard, den wirklich da» Nervenfieber ergriffen hatte, Selma wieder "kannte, die al» treue Pflegerin stets an feinem Krankenlager blteb, __ eg «ar dies eben nur im Hanfe des Majors möglich, wo ihr die Frauen zur Seite standen, wenn in der sStadt nicht hämisch herüber geuttheilt werben sollte, — so er» iimetie er sich nur noch der Geliebten, nicht der Schwester; da« dunkle Gefühl, daß sie ihn umschwebte, trug wesentlich zu seiner Beruhigung bet. Die Krankheit nahm anscheinend den günstigsten Verlaus. .

Inzwischen wurde der Prozeß weiftr, geführt, trotz der noch andauernden Krankheit des Banquiers, der doch wenigsten« in seinem Belle vernommen werden konnte, unb gar lein Hchl mehv au« seinen Sünden machte, wobei er seine Mit-) Angeklagten, bfifenbee» seine Kratz, vollständig bloß stellte.

Als Frau Helene erfuhr, daß Selma, laut der Aus­sagen jenes Weibe», gar nicht ihr Kind fei, brach auch sie vollständig zusammen; da« einzige bessere Gefühl ihre« Herzens, obgleich sie dasselbe in dem Verhältnisse zu Ger­hard Stürmer sicherlich sehr compromittirt hatte, schien die Mutterliebe gewesen zu sein; als sie e8 nothgedrungen auf­geben mußte, schwand ihr, zunächst wenigstens, damit auch aller LebenSmuth. Man führte sie an das Bett der ster­benden Frau, die mit größter Bestimmtheit.ihre Aussagen wiederholte unb dafür noch mancherlei unumstößliche Be­weise anführte. Die Alte starb wirklich bald darauf.

Frau Helene gab in dieser Erregung ihre schwere Schuld in jeder Beziehung zu; nachher suchte sie ihre Aussagen, die sie auf das Schaffst bringen mußten, allerdings zurück- zunehrnen.

Gleichzeitig wurde auch her Prozeß des Oberlieutenants von Stürmer, der sich nur auf den in der Ehescheidung«» angelegenheit geleisteten Meineid auf fein gesetzloses Ver­halten in letzter Zeit bezog, — an dem Morde des Barons von Weißenburg war er offenbar unschuldig und selbst er­staunt, wenn auch ganz befriedigt, zu der Entdeckung des­selben Anlaß gegeben zu haben, — weitergeführt, und der Advocat, den er zu seiner Vertheidigung angenommen hatte, konnte ihm nicht verhehlen, daß der AuSgang daS Zucht- Hau» sein müsse; e« handelte sich nur noch um die Dauer der auSzusprechenden Strafe.

Der Alte war wüthend darüber, mußte sich aber endlich doch zu der Ueberzeugung bequemen, daß er nicht» Andere» mehr zu erwarten habe.

Als der Wärter eine« Morgens in fein Zimmer trat, fand er ihn vermittelst seine« HalStnche« an den Fenster­gittern aufgehängt, eine starre Leiche; an die Wand hatte er mit großen, festen Zügen geschrieben:

„Auge um Auge, Zahn um Zahnt* i

Er halte seinen Haß gegen die WellerS mit sich in den Tod genommen.--

«Fortsetzung folgt)

Die Ruchtheile des Lebens in großen Stabten besprach Professor Virchow in einem Vortrage, den er am vergangenen Sonnabend in Prag zum Vortheile de« dor­tigen Schriftftellervereines „Concordia" hielt. Wir lassen hier nach dem Bericht der „N. Fr. Pr." Einzelnes aus dem Vorträge folgen: Virchow stellte der Bedeutung großer Städte für die Civilisation die ungünstigen Verhältnisse gegenüber, die jede große oder größere Stadt der Existenz ihrer Bewohner bietet, derart, daß man eigentlich nur im Winter, wo sich jene Verhältnisse einigermaßen günstiger gestalten, die Vortheile de« städtischen Lebens genießen möchte. Thatsächlich seien in jeder großen Stadt die sani­tären Verhältnisse ungünstig, unb wenn sie sich da unb bort relativ al» günstig Herausstellen, sei ba« eben eine befonbere Ausnahme. Die« sei z. B. in London der Fall, dessen Verhältnisse seit einer Reihe von Jahren sich als fo günstig erweisen, daß in der That sich darüber reden lasse. Weiche Unmassen von Schmutz — abgesehen von dem ge­wöhnlichen mineralischen — sich in einer großen Stadt Herumtreiben, davon machen sich die Wenigsten eine Vor­stellung. Man möge sich z. B. nur einmal die Frage stellen, wa« einzig unb allein mit den Stiefelsvhlen ge­schehe, die in einer Stadt mit 100,000 Einwohnern in Jahresfrist verbraucht werden, gesetzt auch, e« zerrisse Je­der jährlich nur ein Paar. Oder wohin die Substanz der Kleider komme, die mit der Zeit, wie man ja bei armen Leuten deutlich genug sehe, eine sehr gründliche Ab- wetzung erfahren. Wo bleiben die Substanzen? Sie zer- theilen fick in der Luft, man weiß nicht, was mit ihnen geschieht. Nur wenn ein Sonnenstrahl durch bie Oeffnung