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Marburg, Donnerstag, 11. November 1875.
Nr. 96»
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Stuttgart, 9. Nov. Die evangelische Landessynode ist
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thaten der Türken in Bosnien geradezu für „unwahr und
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sie die kleine Marie mit sich genommen, für ihre eigene Tochter gehalten und für ihre Nichte ausgegeben, und — das Herz Dr. Wieseners jubelte in lauter Freude — die sogenannte Selma von Wildenbrück oder Selma Weller war nicht die Schwester Gerhards.
Nachdem er Veranstaltung getroffen, daß diese Aussagen der kranken Frau gerichtlich zu Protokoll genommen wurden, eilte er beflügelten Schritte- nach Gerhard'- Wohnung zurück; unsägliche Angst bedrückt fein Herz jetzt wieder, daß Gerhard bereits seinen Entschluß auS- geführt haben und daß daraus ein großes Unglück für ihn und Selma oder Marie entstanden fein möge.
Als er in da- Zimmer eintrat, fand er feinen Freund vollständig wie zum Ausgehen angekleidet, auf dem Sopha liegend, und ein weiterer Blick überzeugte ihn, daß derselbe ohnmächtig sei. ES unterlag keiner Frage: er hatte sich nach dem Weller'schen Hause begeben wollen, aber die körperliche Kraft war der geistigen Erregung unterlegen, — oder war er etwa gar von dort schon zurückgekehrt?
In größter Besorgniß wandte Alfted Alle» an, ihn in da- Bewußtsein zurückzuführen; er rief ihm die Freudenbotschaft in da- Ohr, daß Selma nicht seine Schwester sei, aber Gerhard verstand die» nicht, und al- er endlich wieder einigermaßen zu sich gekommen war, befand et sich in einem fieberhaften Zustande von Apathie, in dem kein Wort auf ihn Eindruck machte; hier schien ein schlimme- Nervenfieber brvorzustehen, Alfred fürchtete sogar für den Verstand de- Freunde-.
Es war schon so spät geworden, daß er sich nicht gut mehr zu Selma begeben konnte, um sie zur Hilfe herbri- zurusen, von der allein er jetzt noch einen günstigen Au- gang erwartete. Rasch entschloß er sich ander». Er setzte
Ävy mä Ange, Zahn n« Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.)
Danach hatte fie fast zu derselben Zeit, als die dama- lige verwittwete Baronin von Weißenberg ihr das Kind übergeben, selbstverständlich unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, noch ein andere» kleine- Mädchen in demselben zarten Alter zu sich genommen, da- uneheliche Kind eine- schönen jungen Landmädckrn-, deffcn Geliebter, ein WirthschastS - Inspektor au- höherem Stande, wohl die besten Absichten gehabt haben mochte, ihr dereinst die Ehre »iederzugeben, aber durch plötzlichen Tod daran verhindert wurde. Da» Mädchm war sehr arm, und der junge Mensch bezahlte die sogenannte Ziehsrau natürlich nur so lange, wie er lebte; sein Tod fiel gerade mit dem der kleinen Selma zusammen.
Run war guter Rath theuer. Die reiche Mutter schickte unter der Hand viel Geld für da- Kind, die Arme konnte da« ihrige nicht mehr erhalten. Die Ziehmutter fand, nach ihrer Meinung, welcher nothgedrungen auch die Andere beistimmte, den besten Ausweg, der wenigstens ihr eigenes Jnterrffe sicherte; sie gab die kleine Marie für die verstorbene Selma au- und ließ sich auf deren Rechnung von Frau von Weller da- Geld weiter bezahlen, und die« ließ sich nachher um so leichter durchführen, als daS junge Mädchen auch bald in Gram und Kummer starb. Wie vermochte Frau Helene nach Verlauf von zwei Jahren, während deren sie sich persönlich wenigstens nicht um ihr Töchterchen bekümmert hatte, daffelbe von dem anderen Kinde zu unterscheiden, zumal eine zufällige Aehnlichkeit zwischen beiden stattsand? — Auf Treu und Glauben hatte
wurde, wieder einzuberufen.
Äxlltxi.
Wie», 7. Nov. Die Officiösen haben sich viele Mühe gegeben, um den Nachweis zu liefern, daß die bekannte Kundgebung des russischen „RegierungSanzeigerS" keine Schwenkung der russischen Politik, keinen Widerspruch mit den Intentionen deS DreikaiserbündniffeS und, was die Hauptsache ist, keine Absage an Oesterreich bedeute. Gleichwohl ist eS nicht gelungen, diesen Nachweis zu liefern, alle Versuche mußten an dem kurzen Satze scheitern, „daß di« Sym- pathieen Rußlands für die slavische Welt in gegebenen Fällen sich stärker erweisen könnten, al- die im Dreikaiser- bündniffe liegenden Garantien de- Frieden-." Dieser Satz kehrt sich direkt gegen Oesterreich und eS ist kein Geheim - niß mehr, daß diese Betonung der slavischen Sympathieen Rußlands in unserem auswärtigen Amte tief verstimmt hat. Man hätte übrigens daraus gefaßt sein können, daß Rußland auf die Dauer mit Oesterreich, dessen Politik auch jetzt wieder nicht kalt und nicht warm ist, nicht Hand in Hand gehen werde. Rußland befürwortet die Constituirung der slavischen Provinzen der Türkei zu souveränen Staaten zweiten und dritten Range-, während die Ungarn, welch« den magyarischen Chauvinismus auch auf da- Gebiet der auSwärtigm Politik übertragen haben, sich mit Händen und Füßen gegen ein« Erstarkung de- Slaventhum- an ihren Grenzen wehren. Die Leitung unserer auswärtigen Politik ruht aber in magyarischen Händen, wie denn überhaupt der ungarische Einfluß nach wie vor domiuirt. Kein Wunder ist es daher, daß alle jene Vorschläge, welche «ine dauernd« Befriedigung der slavischen Provinzen zum Gegenstand« hatten, theilS abgelehnt, theilS so abgeschwächt wurden, daß sie ohne allen Werth und ohne alle Bedeutung blieben. In Petersburg herrschte ob dieser Politik schon seit Längerem eine tiefe Verstimmung, die noch gesteigert wurde, al- der Abschluß der österr.-türkischen Eisenbahnconvention bekannt wurde. ES wurde nun gegen Oesterreich der Vorwurf er- hoben, daß eS materieller Vortheile wegen die Pforte schone und die Vorschläge, welche eine wirkliche Verbesserung deS LooseS der Rajah bezwecken, abzuschwächrn suche Dazu kamen dann noch die wahrhaft orientalischen Barbareien, mit welchen die Türken ihre Waffen schänden, und die russische Regierung entschloß sich nun zu jener Kundgebung, die alle Welt alarmirte, den Muth der Aufständischen von Neuem belebte und namentlich in Serbien und Montenegro eine ganz außerordmtliche Aufregung hervorrief. ES ist demnach daS Gegentheil dessen eingetroffen, was die öfter-
erfunden" erklären.
DentfcheS Mich.
— Berlin, 9. Nov. Die Berathung der Strafrecht-- novelle im Bundesrathe wird noch um einige Tage verzögert werden, da bi- jetzt die Vorlage des Berichte- noch nicht erfolgt ist, obschon derselbe zu Anfang der vorigen Woche festgestellt ist. Die Justizminister von Bayern und Würtemberg werden in einigen Tagen hier eintreffen, um an den Plenarverhandlungen Theil zu nehmen. ES wäre übrigens voreilig, schon jetzt mehr oder minder große Ver- änderungen, die am Strafgesetze vorgenommen werden sollen, irgend welches Urtheil fällen zu wollen. — Im preußischen Finanzministerium ist man gegenwärtig lebhaft mit den Arbeiten für den preußischen StaatShauShaltS-Etat beschäftigt. Es findet zunächst die Prüfung der von den einzelnen RessortS gestellten Forderungen statt. ES ist wahrscheinlich, daß die Etats des künftigen und dieses Jahres entweder gar nicht, oder nur sehr unwesentlich von einander abweichen werden, wenigstens in Betreff der dauernden Ausgaben. DaS Kultus- und das Justizministerium machen die stärksten Mehrforderungen. In Beziehung auf das Sxtraordinarium dürften dem Finanzministerium nicht alle seine Forderungen bewilligt werden. — Die „Post" bespricht in einem Artikel die nothwendige Hinau-schiebung de« Termine- für die Aufhebung der Eisenzölle. Außer anderen wichtigen Gründen hebt dieses Blatt auch noch ganz besonders hervor, daß man auch bei dieser Frage erwägen müsse, ob eS rathsam sei, den gefährlichen Wühlereien des llltramontaniS- muS in den westlichen Provinzen eine Armee von Tausenden brodloser Arbeiter vom 1. Januar 1877 als HülsS- corps zuzuführen. Bei der radicalen Manchesterpartrien- Theorie werden allerdings solche Gründe nicht verfangen. Indessen ist zu erwarten, daß die Regierung und namentlich der Reichskanzler ihnen eine besondere Berücksichtigung schenken wird.
Meiuiuge«, 8. Nov. Je näher die Eröffnung deS Landtags herantritt, um so unwahrscheinlicher erscheint eS, daß derselbe die von der Vorfynode aufgestellte Kirchge- gemeinde- und Synodal-Ordnung genehmigen werde. Dieses nach weimarischem Muster hergestellte Kirchengesetz läßt zwar den Bekenntnißstand unberührt, gewährt auch den Gemeinden eine entscheidende Stimme hinsichtlich der Einführung von Katechismen, Gesangbüchern und dergleichen, läßt endlich auch noch der obersten Kirchenbehörde einen Synodalausschuß zur Seite stehen; aber die paritätische Zusammensetzung der Synode aus Geistlichen und Laien
Anzeigen nimmt entgegen: die «Äeditton d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'scht Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Tage-bericht
Der Bunde-rath hat den Zuschuß von 400,000 Mark für die Universität Straßburg genehmigt.
Unter dem Titel „Pro Nihilo l Vorgeschichte de- Art nim'schen Prozesses." Erstes Heft. (Zürich, VerlagSma^ Miln), ist ein Buch erschienen, dessen Verfasser Gras Harry Arnim selbst zu fein scheint. In der Vorrede heißt r«: Die Veröffentlichung sei verzögert worden, namentlich durch Einwendungen von Mitgliedern der ehemaligen con- servativen Partei, welche darauf rechnen, daß der Fürst Bismarck sich von der nationalliberalen Partei trennen und seine Stühe auf» Neue bei den Conservaiiven suchen werde. Eine Reihe von ganz bekannten Thatsachen, wie andere weniger bekannte Dinge könnten, so meinten jene Mitglieder, an der Aufrichtigkeit deS Reichskanzlers einen Fweifel nicht lassen. Seine Abneigung gegen die Führer der nationalliberalen Partei sei bekannt. Ebenso sei es Thatsache, daß der Reichskanzler in vertrautem Kreise die berühmte Maigesetzgebung al» eine Thorheit bezeichnet habe. Die Schrift berichtet u. A. über eine am 1. Sept. 1873 stattgehabte Audienz des Grafen bei dem Fürsten, in welcher ihm dieser erklärt habe: „Sie confpiriren mit der Kaiserin und Sie ruhen nicht eher, al« bis sie hier am Tische sitzen, wo ich sitze und gesehen haben werden, daß es auch Nichts ist." Uebrrhaupt stellt dieselbe den Grafen lediglich als ein Opfer der Rancune deS Reichskanzler« dar.
Dir russische Kundgebung in der orientalischen Frage mmmt von allen politischen Ereignissen noch immer daS größte Interesse in Anspruch. Die Conjektuien, die sich davon kundgeben, schießen sreilich weit über da» Ziel hinaus, wenn fie so weit gehen, in derselben eine Auflösung bt» Kaiserbündnisse« und dm Entschluß, Rußland zu einer «inseitigen Action in der orientalischen Frage zu sehen. Rußlangghat bisher sich allerdings im Hintergründe gehalten und ruhig zugesehen, wie Oesterreich sich an die Lösung dieser Frage machte. Nachdem nun dieses aber vollständid FiaSco gemacht und nichts dazu beigetragen hat, diese Angelegenheit von der Stelle zu schaffen, so hat Rußland nun ein gewichtige« Wort gesprochen, und wenigsten» größere Klarheit in seine Stellung zu der Frage ge- bracht E« hat feine Sympathie für die unter dem Druck der Türkei schmachtenden Christen unverhohlen ausgedrückt und mit Nachdruck hervorgehoben, daß e» von der Türke, nun endlich Ernst mit den so oft verheißenen, aber nie ausgeführten Reformen erwarte. Durch die Erklärung ist Rußland allerdings in den Vordergrund dieser Frage ge- reten, aber bi« zur Aufnahme der Action ist denn doch noch ein ziemlich bedeutender Weg vorhandm. Wie sehr verschieden aber die Lage gegenwärtig von jener beim Ausbruch de» Krimkrieges ist, das geht daraus hervor, daß jetzt nicht eine einzige Macht Partei für die Türkei er- grrtft, vielmehr alt die Ansicht Rußlands thelleu, die Türkei solle endlich Ernst mit ihren Reformen machen;
sich nieder und schrieb einen kurzen, fthr dringenden Brief an seinen zukünftigen Schwiegervater, den Major, worin er ihm das Hauptsächlichste mittheilte, weitere mündliche Eröffnungen zusagend, und ihn fast flehentlich bat, Gerhard noch in der Nacht in sein Hau-, dem es nicht an Räumlichkeiten fehlte, schaffen laffen zu dürfen.
«Fortsetzung folgt.)
Mohammed Ali.
(Schluß.)
Der zum Gefangenen gemachte Führer Abdallah wnrd« von Mohammed Ali in Kairo mit Achtung und Schonung behandelt; der Sultan indessen verlangte seine Auslieferung, und er wurde, nachdem er drei Tage durch die Straßen Konstantinopels umhergeführt war, enthauptet. Daß Mohammed Ali Arabien besetzt hielt, ist selbstverständlich, und seit jener Zeit die allerdings wohl begründeten Ansprüche Aegyptens auf dieses Land. Inzwischen entledigte sich Mohammed Ali langsam feiner Albanefen und bildete eine Armee aus den eingeborenen Elementen de» Nilthale». Bald fand sich auch diegGelegenheit, den Muth diese« neuen Heere- aus die Prob« zu fallen. 1821 war der griechische Aufstand ausgebrochen. Die Pforte, obwohl allein viel zu schwach, um ihn zu übnwältigen, war doch zu stolz, die Hülse des Vasallen anzurufen. Erst nachdem vier Expe- ditionSarmeen und ebensoviel Flottenabtheilungen von den Griechen vernichtet worden waren, ließ sie sich dazu herbei. Mohammed Ali, der sich übrigens den Griechen persönlich stets günstig gezeigt und auch, als auf Anordnung deS Sultans alle Christen in den europäischen und kleinafiati- schen Städten ermordtt wurden, ähnliche Greuel in Aegypten nicht zugegeben hatte, griff sofort mit aller Energie in den
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wie wenig aufrichtig aber eben die Türkei daran denkt, gefällt nicht, man will die Letzteren in größerer Zahl ver- erhellt au« der Besprechung der russischen Erklärung in treten sehen, und hieran dürfte der Entwurf scheitern.
den der Türkei näherstehenden Wiener Blättern hervor, Stuttgart, 9. Nov. Die evangelische Landessynode ist welche sich nicht entblöden, von „Hausknechtdiplomatie" zu «durch Erlaß des CultuSministeriumS vertagt worden unter prechen, und die Berichte der Konsuln über die Gewalt l dem Vorbehalt, sie nach Fertigstellung weiterer Vorlagen, thaten der Türken in Bosnien geradezu für „unwahr und zu deren Empfangnahme ein Synodal-AuSfchuß gewählt