ßir. 263.
Jltarßurg, Mittwoch, 10. November 1875.
X. Jahrgang.
Die wichtigste Frage, die Strafgesetznovelle beherrscht vor- ugSweise die Gemüther. Obwohl alle» in Bewegung gr- etzt wird, die Majorität gegen die Vorlage der Regierung einzunehmen, so ist doch zu erwarten, daß diesmal die praktischsten Gesichtspunkte daS Uebergewicht gewinnen wer» den und der Reichstag auf das Unheil der Sachverstän-
Die „N. fr. Presse" hat beunruhigende Nachrichten über angebliche russische Truppenbewegungen gebracht, sowie andere noch weiter gehende Gerüchte, die dann an der Börse Berbrutung gefunden haben. Beide aber sind durchaus unbegründet; es steht fest, daß in Rußland überhaupt gar veine Truppeneoncentrirungen vorgenommen werden. Die üblichen Garnisonswechsel und Ergänzungen werden ohne Zweifel in diesem wie in jedem Jahre stattfinden.
ES scheint, daß die Verständigung zwischen Spanien und dem Vatikan aus'S neue großen Schwierigkeiten begegnet, da letzterer zu einer Nachgiebigkeit durchaus nicht geneigt ist; doch hofft man in Spanien noch immer, daß der Vatikan dem fortgesetzten energischen Beharren der spanischen Regierung, wäre es nur aus financiellen Rücksichten, ich schließlich beugen werde.
Tagesbericht. !
Der Kaiser empfing Sonntag Nachmittag das Reichs- Präsidium bei längerer Audienz. m , , ,
Wir erfahren aus sicherer Quells, daß der Reichskanzler am 15. oder spätestens am 16. d. M. in Berlin eintreffen wird, wodurch die Reichstagsverhandlungen wohl ein etwas l schnelleres Tempo annehmen dürften. '
Graf Herbert v. BiSmarck, der älteste Sohn deS Reichskanzlers, befindet stch gegenwärtig in'Wien mit einer temporären Sendung.
Graf Arnim hat beim Berliner Stadtgericht zur Verbüßung seiner Gefängnißstrafe am Sonnabend sich gemeldet Eingereichte ärztliche Atteste bezeichnen jedoch die Aussetzung de» StrafantrittS als wünschenswerth.
Die BundeSrathSauSschüffe haben stch mit der Berathung deS Marine Etats beschäftigt. Der Verwaltung ist es, wie man weiß, nicht möglich gewesen, den Ausbau des Marine- EtabliffementS in diesem Jahre in dem beabsichtigten Um fanfle zu fördern, so daß der im vorigen Jahre vom Reichs tage bewilligte Credit von circa 16 Millionen Mark nicht verwendet worden ist. Die Vollmacht soll demnach aus da« nächste Jahr übertragen werden.
ES heißt, daß die Gesetzentwürfe über die Börsen- und Brausteuer, welche seit langer Zeit beim BundeSrath fest- gestellt sind, deßhalb dem Reichstage noch nicht zugegangen sind, weil die Entwürfe erst mit dem gesammten Reichs- hauShaltSetat vorgelegt werden sollen, um mit demselben gemeinsam zur Berathung zu gelangen. Liö jetzt scheint der Reichstag geneigt, den größeren Theil des Etats im Plenum zu berathen und nur einzelne Theile, namentlich den Militäretat der Budget-Commission zu überweisen.
Obwohl der Reichstag jetzt bereits über 8 Tage versammelt ist, so haben seine Verhandlungen doch bisher nur ein sehr geringe« Jntereffe in Anspruch genommen. An- fang« war die Zahl der Mitglieder überhaupt kaum genügend, um eine beschlußfähige Versammlung zu bilden. Dieser Uebelstand ist jetzt freilich gehoben, aber bis fetzt find doch noch lange nicht zwei Drittel der Gesammtheit zugegen. Die Vorlagen, welche bisher zur Berathung kamen, waren im Allgemeinen untergeordneter Natur, so daß die Berathung in der Plenarsitzung dadurch zurück trat Der wichtigste Gegenstand war die Abänderung der Gewerbeordnung und de« Arbeiter- und HilsSkaffenwesenS. Nach einer eingehenden Debatte, in welcher die verschiedenen Gesichtspunkte erörtert wurden, und die Hauptvertreter der verschiedenen Richtungen daS Wort ergriffen, wurde die Vorlage einer Commission zur Ausarbeitung überwiesen.
Deutsches »eich.
•# Berlin, 8. Nov. Sc. Majestähder KaHer ist von einem Unwohlsein vollständig wieder hergestellt, so daß der Gesundheitszustand als ei» durchaus befriedigender anzusehen ist, der eS auch dem Monarchen möglich machen wird, den Jagden in Letzlingen beiwohnen zu können. — Die Nachrichten über die Rückkunft deS Fürsten BiSmarck nach Berlin dürften alle sehr zweifelhaster Natur sein; im auswärtigen Amte weiß man von einem bestimmten Termin der Rückkunft Nichts. — Die Ernennungen der Räthe de« obersten Verwaltungsgerichts find nunmehr erfolgt, die de« Professor Gneist ist am 3. Nov., dir der anderen Räthe am 4. Nov. ES werden die in den Blättern bereit» veröffentlichten Namen der Mitglieder als richtig bezeichnet. — Wenn man die Presse der liberalen Partei durchblättert, so müßte man zu dem Glauben kommen, daß die Verhandlungen im Reichstage einen sehr lebhaften Charakter machen würden und daß bereits die Verhandlungen über, die gewerblichen HülsSkaffen in sehr lauter Weise geführt werden würden. Diese Annahme hat stch jedoch nicht bewahrheitet; man muß vielmehr das Unheil fällen, daß diese Verhandlungen in einer durchaus sachlichen Weise vor sich gegangen sind und daß selbst Herr Bebel sich von allen Remontaden fern gehalten hat. Daß überhaupt eine ruhige Auffassung der Dinge in der Weise sich Bahn bricht, dafür zeugt auch namentlich die ultramontane Presie, welche bis jetzt nicht der Nachricht, daß man einen modus vivendi in Bezug auf die Beziehungen der Kirche zum Staate vorbereite, nur Dementis entgegengesührt hat. Es zeigt vielmehr die Haltung der katholischen Organe, daß man in diesen Kreisen
Anzeigen nimmt entgegen: die E^edition d. Blatte«, sowie bte Annoncen-Bureaur von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. b M.; Jnvalidendank, A. Rete-
♦ metzer in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Anzeigen nimmt entgegen: die EMditton b. Blatte«, sowie bie Annoneen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in gaffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M^Berlrn,Leiv- zig, Cöln k ; Rudolf Rosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
digen hören wird. 1
Der Oberpräsident von Elsaß-Lothringen, von Möller, , ist gegenwärtig in Berlin, um an den Arbeiten des Bundes rathes, dessen Mitglied er ist, Theil zu nehmen, namentlich in der Beziehung aus die Reichslande. Es heißt, in paramentarischen Kreisen, daß in Beziehung auf die Verwaltung von Elsaß-Lothringen sehr bedeutende Pläne ventilirt würden, und daß davon die Rede sei, ein eigenes Mini- terium für die ReichSIande zu bilden, dessen Sitz in Berlin sein würde, dcsien Ches Herr von Möller werden solle, während der jetzige Ministerial-Dircktor im Reichskanzler. Amt, Herzog, nach Straßburg an die Spitze der dortigen Verwaltung versetzt wereen würde. Man spricht davon, daß nach Rückkehr des Reichskanzlers diese Projekte näher ins Auge gefaßt werden sollen.
Auö allen Provinzen, namentlich aus der Rheinprovinz wird versichert, daß den Geistlichen das gesperrte StaaatS- gehalt wieder gezahlt werde, weil sie entweder schriftlich ihre Unterwerfung unter die StaalSgesetze erklärt, oder diese thatsächlich bekundet haben.
DaS Erkenntniß deS kirchlichen Gerichtshöfe» gegen den Fürstbischof Förste ist nunmehr dem Oberprästdium in Breslau zugegangen, unter der Mittheilung, daß wegen der Behändigung desselben an den Fürstbischof daS öfter, reichische Gericht rtquirirt werde.
Fürst Leopold von Lippe hat am 3. d. M. da» Abendmahl empfangen und darauf von den Seinen Abschied ge nommen.
Der Bischof v. Haneberg will, wie e» heißt, im Falle seine Bitte um Zurücknahme des königlichen Mißfallens zurückgewiesen werden soll, sein bischöfliches Amt niederlegen und in sein Kloster zurückkehren.
In Folge einer Vereinbarung zwischen den Verwal tungen der schwedischen und der norwegischen Eisenbahnen, sowie den dänischen Staatsbahnen und der Berlin - Ham burger, Eutin-Lübecker und Kiel-Altonaer Eisenbahngesell schäft ist daS schwedische Eisenbahnnetz nunmehr direkt mit . dem AuSlandc verbunden worden, so daß hiernach Maaren : nach und von Schweden ohne sremde Vermittelung zwischen > den Stationen im In- und Auslande versendet werden , können.
■ 'n F-r in bet Expedition zu ertheilenbe Auskunft nnb Annahme von Adressen werben 25 Pf»,
»ege um Äuge, Zähe mm Zehe. Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.)
In diesen Tagen hatte Gerhard Selma nicht erwähnt, wenigstens nicht bei vollem Bewußtsein; Alfred hatte e» nicht gewagt, in Person oder durch Andere dem junge» Mädchen dieselben Eröffnungen zu machen wie Gerhard, denn er begriff nun vollständig ihre gegenscitigen Beziehungen und konnte eS, wie die Pflicht auch drängen mochte, nicht über daS Herz bringen, eine zweite so schreckliche Scene zu veranlassen; nur brieflich hatte er in Kürze Selma davon Kenntniß gegeben, daß sein Freund in Folge der verschiedenen Aufregungen erkrankt, daß aber dabei nichts Schlimmes zu befürchten sei.
Welche Stunden und Tage für das arme, schetnbar von Gott und aller Welt verlaffene Mädchen! — Am dritten Tage hatte sich Gerhard soweit erholt, daß er von seinem ersten Entschluffe abging, Selma nie wiedersehen zu wollen; er begriff, daß ihm eine heilige Pflicht gebot, stch -seiner Schwester" anzunehmen und die Empfindungen ihres Herzens zu verlöschen, die jetzt al« sündhafte gelten mußten. DaS konnte keinem Anderen überlasten bleiben; nur au» seinem Munde durfte sie da» Schrecklichste oer nehmen, und an seiner erzwungenen Fastung sollte sie stch wieder aufrichten.
Aber e» kostete ihn selbst unsägliche Muhe, sich auf diese« Wiedersehen vorzubkreitr«; die düstersten Pläne be- «egten sich in seinem Kopse, und er erwartete eigentlich nicht« Anderes, al« Selma werde ebenso wie er, zu sterben wünschen, — und wa« hinderte sie Beide denn eigentlich daran? — Der Selbstmord ist offenbar eine schwere Sünde für den, der in die Versuchung gekommen, sie zu begehen, — für den wirklich Verzweifelnden, dem stch nach vollster Ueberzeugung nur noch ein mit Elend oder Schande erfüllte« Leben darstellt, ist er eben der einzige Weg, der Verzweiflung zu entgehen.
Alfred konnte feinem Freunde nicht abrathm, stch zu
Selma zu begeben, obgleich er das Schlimmste davon befürchtete und der bittere Kelch mußte einmal bi» auf die Hefe geleert werden; er suchte diese Eröffnung nur möglichst lange auszuhalten, damit Gerhard noch mehr Fasiung und Ruhe gewinne, aber dieser zeigte nur eine krankhafte Ungeduld, eine Entscheidung herbeizuführen.
„Nur bis morgen warte noch damit!" bat Alfred, als er gegen Abend einen dringenden Ruf erhalten hatte, sich sofort »ach dem Polizeigefängnisie wegen plötzlicher schwerer Erkrankung eines Arrestanten zu begeben, und demzufolge Gerhard auf kurze Zeit verlaffen mußte. „Die nächtliche Ruhe wird Dir noch mehr körperliche Stärkung und Seelenfrieden geben."
„Ich kann nicht schlafen;" antwortete der junge Mann nur im bittersten Tone.
„Du bist es aber Selma schuldig, nicht in äußerlich aufgeregtem Zustande vor sie zu treten; Du begreifst, daß die zarteste Schonung für sie nothwendig ist. Ich. möchte sagen, ich bitte Dich in ihrem Namen, ihr noch für diese Nacht den bittersten Schmerz zu ersparen."
„Deine Hand darauf!" setzte er hinzu, al« Gerhard schwieg. „Sobald eS mir nur irgend möglich ist, kehre ich zu Dir zurück und bleibe dann, bei SDir."
„Ich will nichts versprechen; — ich weiß nicht, ob ich im Stande bin, eS zu halten. ES drängt mich gewaltsam, diesem Trauerspiele ein Ende zu machen."
Alfred konnte das gewünschte Versprechen nicht erlangen und ging voll der schwersten Sorge. Als er im Gefäng- niste ankam, war er nicht wenig überrascht, zu hören, daß die Erkrankte dieselbe alte Frau fei, welcher Frau Helene ihr neugeborenes Kind in Pflege gegeben hatte. Sie lag an einem örtlichen Leiden, das sie schon mitgebracht hatte, dar nieder, und dastelbe hatte stch wohl durch die Aufregung der letzten Tage bedeutend verschlimmert und einen sehr gefährlichen Charakter angenommen; indesten befand sie sich bei voller Besinnung.
Alfred verordnete da» Röthige und verhehlte der Frau die Gefahr um so weniger, al« er meinte, sie dürfe allen
Grund haben, die Rechnung ihres sündhaften Leben« mit dem Himmel abzuschließeu.
Wie es bet den Menschen, die einen vorwurfsvollen Lebenslauf hinter stch haben, am meisten der Fall zu fein pflegt, hatte die Frau eine grenzenlose Furcht vor dem Tode; sie klagte und jammerte laut, und als Alfred, der um Ger- hard'S willen wie auf glühenden Kohlen stand, sich entfernen wollte, hielt sie ihn am Rocke fest und beschwor ihn, sie noch nicht zu verlasten, sie müsse ihr Gewissen erst erleichtern und ihm wichtige Geständnisse machen. Er rieth ihr, stch damit an den Prediger oder einen GerichtSmaun zu wenden, aber sie versicherte, daß sie zu ihm da» größte Vertrauen habe! — ES war übrigen» nicht schwer zu begreifen, daß ihr mehr an dem leiblichen, nie an dem Seelenarzte lag.
Indesten gab Alfred doch nach; e» erschien ihm al» eine Pflicht, wenn sie auch nicht direkt in seinem Berufe lag, die Eröffnungen der Frau zu vernehmen, die möglicherweise von Wichtigkeit sein konnten und die sie vielleicht einem Anderen verschwiegen haben würde; der Geistliche de» Gefängnisses war auch nicht sogleich zur Stelle zu schaffen.
„Ich habe vor Gericht nicht die volle Wahrheit gesagt," stöhnte die Alte, und in den weiteren Verlaus ihrer Erzählung flocht sie immer wieder Klagen und Entschuldigungen ein, die hier füglich fortbleiben können, — und vielleicht kann es der vornehmen Dame, gegen die ich vor einigen Tagen zeugen mußte, noch von Vortheil fein, wenn ich t» jetzt thne.
„Sprechen Sie von Frau v. Weller?" sragte.der Doctor, der nun doch mehr gespannt wurde.
„Ja, ich habe ja neulich erst ihren Namen gehört; die Herren vom Gericht ntmnten-! fl« auch Baronin."
„Schon gut, eS ist dieselbe, die Ihnen vor ungesähr zweiundzwanzig Jahren ihr Kind zur Pflege vettraute, ein Mädchen."
„Ja, und e» sollte aus den Namen Selma getauft werden, was auch geschehen ist; das »ar Alles schon mit dem Pfarrer abgemacht,"