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Sr. 262.

Marburg, Dienstag, 9. November 1875.

X. Zhtziag.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annonoen-Bureanx von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. 3)1.; Haasenfiein & Vogler in grantfurt o. M, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. Ht. rc.

ObcrheMe Jalung.

. Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaüx von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schiiß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

firf*eint täalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntagSblattdurch die Expedition (K o ch sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). — Jnserkionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 ysg. berechnet.

Die Gisenzölle uud die Thronrede.

ES scheint in der letzten Zeit über die vieidiscutirte ernste Frage der Aufhebung oder Beibehaltung der Eisen- zdlle eine objektivere Anschauung der Dinge sich Bahn brechen zu wollen, was wir mit um so größerer Genugthuung konstatiren, «1» die Entscheidung, an ter Wohl und Wehe eines unserer bedeutendsten Industriezweige samrnt ihren masicnhaften Arbeiterschaaren hängt, näher und näher an den Reichstag herantritt, der Würfel also bald fallen muß. Die Breslauer und die Stralsunder Handelskämmer haben sich für die zeitweilige Beibehaltung der Eisenzölle erklärt, die Berliner letzte Bersammlung des Ausschusses deS deutschen Handelstages hat in gleich entgegenkommender Weise der Frage ihre Würdigung durch Einsetzung eines Komite's zur speciellen Untersuchung der Schwierigkeiten, in welchen sich die deutsche Eisenindustrie befindet, ausgedrückt.

So breit sich die radikale Presse noch macht, so wenig siegessicher scheint sie doch offenbar ihrer Sache! Symptome hierfür sind gerade die steigende Heftigkeit ihrer Angriffe aus die deutschen Industriellen und das Hereinziehen selbst einiger Worte der Thronrede in die Debatte dieser speciellen Frage. Wenn dort gesagt ist, daß die Regierung von sich aus der daniederliegenden Jnvustric nicht helfen könne, also StäntSunterstützung principiell wie thatjächlich ablehne, so soll das, so interpretiren die Radikalen kühn, so viel heißen alS: der Eisenindustrie werden die letzten Schutzzölle ge nommen werden, mag sie ein Schicksal «teilen, wie eS wolle! Der Verfasser der Thronrede ist sicherlich weit abgewesen von diesem ihr dreist untergeschobenen Sinne, im Gegen- theil, die Reichsregierung will, dahin deuten verschiedene Zeichen, absichtlich nicht Stellung nehmen, um dem Reichs­tage für eine nüchterne Prüfung der Frage in keiner Weise im Voraus irgend welche beeinflußende Richtung zu geben, und sich selber nach dieser oder jener Seite zü engagiren.

Einerseits weiß die Regierung sehr gut ndch aus dem Jahre 1873, daß bei den damaligen Verhandlungen auch «lf freihändlerischer Seite die Ansichten zum Theil auf einen »eit längeren Schutz der Eisenindustrie gerichtet waren, andererseits, daß die rapiden Fortschritte auf dem Gebiete der neueren wirthschaftlichen Gesetzgebung namentlich aber die Restriktionen des Baukgesctzes der scheinbar chronisch bleibenden KrisiS eine verschärfte Jntttifität gegeben haben, sowie, daß der Reichstag ohne doktrinäre Voreingenommen heit mit freiem Blick die Lage prüfen, die auf dem Spiele stehenden Interessen wägen wird. — Soviel über die dem Reichstage überreichte Petition der Eisenindustriellen ver lautet, so fordcrt sie auSvrücklich keine Staatshilse und Privilegien, keine neuen Schutzzölle, keine unbegrenzte Dauer der alten, sondern allein eine Vertagung der Zollaufhebung, wie sie der Reichstag durch Beschluß vom 24 Juni 1873, in damals hochfluthender Geschäftsepoche glaubte in Aus sicht nehmen zu können. Heute sind die Zeiten wesentlich andere, unvergleichlich schlechtere, und wir möchten den Ad-

gcordiieten sehen, der leichtsinniges Spiel mit einer groß artig entwickelten Branche zu treiben den Muth hätte, in welcher etwa drei Milliarden Mark veranlagt sind, mit einer Jahresproduktion von gegen 2000 Millionen Mark, sowie einer Total-Arbeiterschast von 350,000 Köpfen I Wo das Loos und Brod von etwa zwei Millionen Menschen auf dem Spiele steht, da mag wohl der radikale Doktrinär sich und die Sache'mit leichten Schlagworten abfinden, Regie­rung und Reichstag werden die unheimlich zunehmenden Betriebsbeschränkungeu und Arbeiterentlassungen mit ange­messenem Ernst ansehen und zuletzt Stellung nehmen.

Die Thronrede hat mit sicherem Takt die ganze große Streitfrage als noli me tangere unberührt gelassen und übergangen, der Reichstag findet die Frage einfach so vor, daß unter der von Niemand je bestrittenen Abnormität der Lage entweder die Gefahr des allgemeinen Zusammenbruches durch starres Verharren aus dem radikalen Princip zu be­schließen, oder aber durch Vertagung der unter so wesent­lich anderer Constellation vereinbarten Zollaufhebung auf nur wenige Jahre der Eisenindustrie Zeit gelaffen wird, die Krisis zu überwinden, die Arbeiter zu erhalten, und sich für die große Aufgabe voller Concurrenzfreiheit des Aus­landes zu ktäftizen und vorzubereiten.

Tagesbericht.

Der dem Reichstag vorgelegte jHauShalts-Etats des deutschen Reiches pro 1876 balancirt in Einnahme und Ausgabe mit 480,110,606 Mark, worunter 73,838,843 Mark als einmalige Ausgabe erscheinen. Der Reichskanzler wird zur Ausgabe von Schatzscheinen bis zum Betrage von 24 Millionen Mark zur vorübergehenden Verstärkung des Betriebsfonds der Reichshauptkasse und bis 50 Mill, behufs Schaffung eines Betriebsfonds für die Durchführung der Münz-Reform ermächtigt. Die Bestimmung des Zinssatzes und der Umlaufsbauer für die Schatzanweisungen ist dem Reichskanzler überlasten. Die Umlaufszeit soll bitt' 30. Juni 1877 nicht überschreiten.

In der letzten Sitzung des Reichstages wurde das Gesetz über die Hilfskasten berathen; dieses besteht aus zwei Theilen, der erstere dieser Entwürfe enthält Bestim mungen über die freie Bildung gegenseitiger HilsSkasten, während der andere sich auf das Recht des Staates er­streckt, das heißt, der Gemeinden als integrirenbe Theile des Staates, solche Kassen einzurichten; letzteres war be­reits der Grundgedanke des Gewerbeordnungs - Entwurfs von 1867. Die Entwickelung, welche das HilsSkastenwesen unter bet bisherigen Gesetzgebung genommen hat, entsprach durchaus nicht den Erwartungen. Wenn diese Kassen auf die Gesammtlage der Arbeiterbevölkerung keinen durchschla­genden Einfluß zu üben im Stande sind, so besitzen sie doch für die große Industrie eine besondere Bedeutung, denn diese machte an die Gemeinden nicht unerhebliche An­forderungen. Ein Verzicht auf den VersicherungszwanH

würde die kräftige Fortentwickelung deS Hilsskassenswesens in Frage stellen; ein solcher Verzicht wurde an vielen Orten den Bestand der vorhandenen Kassen erschüttern. Erwägungen solcher Art haben mit Recht die verbündeten Regierungen bei den Vorschlägen, welche der Entwurf der Gewerbeordnung über daS Hilfskastenwesen enthielt. Ihre Anschauungen von der Unentbehrlichkeit des Versicherungs­zwanges haben in der seit Erlaß der Gewerbeordnung be­obachteten Entwickelung derDerhältniste keine Erschütterung erfahren.

Die europäischen Großmächte sind übereingekommen, daß Wiener Cabinet als das dem aufständischen Gebiete ih der Herzegowina am nächsten liegende, zu ersuchen, einen Vorschlag zu machen, betreffs Uebernahme einer gemein­samen Garantie der türkischen Reformausführungen. Die Ausarbeitung dieses Vorschlages hat sich durch die Ab­wesenheit deS Grafen Andrassy von Wien etwas verzögert, doch sieht man der Kundgebung desselben zunächst entgegen. Sehr bedeutungsvoll bei diesem Schritte ist, daß derselbe nicht nur von den drei nordischen Kaisermächten allein, sondern voll dm gejammten leitenden europäischen Regie­rungen in vollster Weberei nfiimmung gemacht ist. Seitdem die beiden Westmächte und Italien sich der von Peters­burg angeregten und sodann in Wien von dem österreichisch' ungarischen Cabinet in Gemeinschaft mit der russischen und der deutschen Regierung vereinbarten Consularmediation angeschlossen haben, hat sich hinsichtlich deS Aufstandes auf der Balkauhalbinsel zwischen den leitenden Regierungen keinerlei Differenz erhoben. Es ist dabei natürlich, daß Propositionen wegen weiteren Vorgehens nicht voll den drei nordischen Mächten unter sich, sondern von allen Staaten gleichmäßig vereinbart werden. Wir haben Gruüd atizunehmen, daß der Vorschlag Betreffs Ucbernahme einer Garantie, durch welche die Ausführung des Rcform-Jrade des Sultans gewährleistet werden soll, wiederum von Ruß­land ausgegangen ist, welches bekanntlich auch den Gedanken der Consularmediation angeregt hat. Daß grade die öster­reichisch-ungarische Regierung mit der weiteren Ausführung dcö Vorschlages betraut worden ist, erklärt sich durch das direkte Interesse, welches dieselbe an dem Erlöschen deS Aufstandes hat, durch den die benachbarten Grenzländer in Mitleidenschaft gezogen sind. Auch wünscht man Oester­reich Ungarn die Initiative zu weiteren Schritten zu über- lassm, da dasselbe alS angrenzendes Land, varaussichtlich von den übrigen Mächten, falls die Türken des Ausstandes nicht Herr werden sollten, zu exemtivischem Einschreiten in daS JnsurrektionSgebiet früher ober später ausgefordert werden wird. Wenn nun auch diese Eventualität noch nicht ernstlich ins Auge gefaßt ist, so scheint eS doch Pflichi, darauf vorzubereiten, da die ctvilistrten Mächte das Wieder- auflodern des Aufstandes nach Beendigung des WinterS, während besten die Feindseligkeiten wohlruhen werden, im Jntereste der Humanität nicht dulden könneti.

Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.

(Fortsetzung.)

Sie täuschte sich nicht; er kam wirklich, in Persyn. Zufällig hatte ihn am Morgen sein Beruf auf ein nahes Landgut gefühlt, und als er Nachmittags zurückkehrte, und zu feinem eigenen größten Schrecken erfuhr und sich darüber versichert hatte, waS im Weller'fchen Hause geschehen war, ekltc ct zuerst zu Doctor Wiesener, der ihm aber nichts Bestimmtes sagen konnte oder durfte, und bann sofort zu Selma; er meinte, daß unter diesen Umständen alle kon­ventionellen Rücksichten schweigen dürsten.

Er wurde mit offenen Armen empfangen, buchstäblich. Das geängstigte junge Mädchen warf sich unter strömenden Thränen an seine Bimst und wollte seinen Schutz und Rath haben. Freilich konnte er ihr nicht viel Tröstliches sagen, aber seine Gegenwart allein beruhigte sie schon sehr.

Noch hielt er nicht für angemessen, ihr mitzutheilen, wa» er durch seinen Freund Alfred schon wußte, mochte er selbst doch noch kaum recht daran glauben, daß er bet Sohn eines Mannes selfl solle, der nicht allein ein so schweres Verbrechet! an seiner Mutter begangen hatte, son­dern auch noch eines anderen, vielleicht noch infameren, angeklagt war.

Als Selma ruhiger geworden, verließ er sie wieder mit dem Versprechen, anderen Tages wied.rzukehren und ihr möglichst sichere Nachrichten zu bringen. —

Schon der nächste Morgen brachte in der That ein neues Gerücht, das allgemeine öffentliche Aufmerksamkeit erregte und sich nachher bestätigte: Banquiek von Weller W im Grfängniß schwer erkrankt, so daß mack für sein

Leben fürchten mußte; — es schien, als könne die Unter­suchung noch sehr in das Weite gezogen werden. Indessen wurde dieselbe mit aller Energie weitergeführt; man mußte auch schon ver allgemeinen Empörung in *** Rechnung tragen, die stürmisch danach verlangte, daß solch' hochstehen­den Verbrechern bald ihr Recht werde.

Es wurden noch viele Zeugen vor den UntersuchungS richter gezogen, hauptsächlich auf die eigenen Angaben Wel- ler's. Dazu gehörte auch die Frau, welcher Frau Helene bald nach der Geburt ihres Töchterchens dastelbe übergeben haben sollte. Sie war jetzt schon ein altes Weib, das in ihrer Heimath nicht im besten Rufe stand. Anfänglich läug- nete sie, bann gestand sie Alles zu, wie es der Banquicr angegeben hatte, und recognoscirle Frau von Weller, die zum ersten Male während der Untersuchung kleinlauter und schwächer wurde; sie blieb übrigens anfänglich dabei, das Weib gar nicht zu kennen. Mehr brachte eS sie in Verlegenheit, baß man ihr bald nachweisen konnte, ihre verstorbene Schwester, Frau von Wildenbrück, habe gar kein Kind hinterlassen, und sie brachte darauf eine fabel­hafte Geschichte vor, wie sie auf der Reise die kleine Selma, das Kind einer nachher spurlos verschwundenen Bettlerin, adoptirt habe. Hierin zeigte sie inbeffen eine so große Un­sicherheit, ein solches Widerstreben gegen das eigene Mutter gefühl, wie es schien, daß wohl Niemand daran zweifeln konnte, Selma sei ihre leibliche Tochter. Endlich gab sie dies auch zu und erkannte Weller als ihren Vater an; sie verlangte nun auch leidenschaftlich, ihre Tochter wiederzü- sehen, aber dies wurde nicht genehmigt.

Was das alte Weib anbetraf, so würde man es jetzt wohl entlassen haben, aber cs waren neuerdings noch an­dere Dinge bei ihrem früheren Treiben zur Sprache ge­

kommen, die es gerathener befinden ließen, Jene in ordent­liche Haft zu nehmen.

Es erschien nun als eine Pflicht, obgleich dies mit dem Prozeffe direkt nichts zii thun hatte, Gerhard davon in Kenntniß zu fitzen, daß er der Sohn Anton Weller's sei, wie die sogenattnte Selma von Wildenbrück beffen Tochter, denii gerade in neuester Zeit stellte sich immer Mehr heraus, welcher Art die Beziehungen zwischen bert beiden jungen Leuten wohl sein mußten; Ddctor Wiesener hätte darüber auch ängstliche Winke gegeben und wurde mit dieser noch nicht osficiellen Eröffnung beauftragt.

Die erstere Mittheilung war, wie mau weiß, Gerhard nicht mehr neu, die zstefte^.Welche Mfieo ihm mit blutendem Herzen unter allen erdenklWu Vorsichtsmaßregeln machen mußte, schmetterte ihn anfängiich gänzlich nieder und er­füllte ihn dann mit milder Raserei.

Es war furchtbar, mit anzüiehen, wie der sonst so be­scheidene und besonnene junge Mensch sich der hoffnungs­losesten Verzweiflung hingab, wie er gegen sich selbst wüthete, als hätte er eines der schwersten Verbrechen begangen, und wie er dann wieder seinen Vater, das Schicksal, selbst Gott verwünschte. DaS war der Ausbruch eines Leidens, das ihn bis in daS tiefste Herz hinein ergriffen hatte; es schien keine Heilung dafür zu geben und Geist und Körper auf einmal vernichten zu sollen.

Es ist doch ein bitterböses, hartes Work: „Die Sün­den der Väter sollen heirnzefucht werden an den Kindern bis in daS dritte und vierte Glied!" — und unser mensch­liches Fühlen möchte in Entsetzen davor erstarren, wenn unS seine Bedeutung recht lebhaft vor die Augen geführt wird.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn!* — cs ist ein große-, furchtbares Gesetz der Statur!--