X. Jahrgang
Marburg, Sonntag, 7. November 1875.
Mr. 361
(l"'bcrl|dTi(d|c Jcilmnj
zunächst das Wort genommen und die Nothwcndigkeit betont, daß dem Sultan ernstlich in's Gewisten gesprochm würde. Der russische Botschafter, General Jgnatiew, der am 19. Oktober nach der Krim zum Kaiser gereist war, kehrte am 27. nach Konstantinopel zurück und begehrte mit dem Großvezir Mahmud Pascha in dringlichen Angelegenseiten sofort sich zu unterreden. Dieser aber zog es vor, ich, wie man glaubt, durch eine Portion Gift, eine Unter» leibSentzündung zuzuziehen und so einer Scene zu entgehen, die ihm vermuthlich noch peinlicher gewesen sein würde.
Die serbische Skupschtina wurde am 29. Oktober durch fürstliches Dekret auf vier Wochen vertagt. Am 30. November sollen die Sitzungen wieder eröffnet und die Budgets sür 1875 und 1876 zur Berarhung genommen werden.
Der Khedive von Aegypten hat seine Truppen in Abessinien einrücken lassen, ohne dort auf Widerstand zu stoßen.
einem Artikel von Saint Genest im Figaro Drohungen laut, der Marschall-Präsident werde, wenn Buffet gestürzt würde, ein außerparlamentarisches Cabinet bilden und sich seine Vollmachten durch ein PlebiScit bestätigen lassen.
Der italienische Ministerpräsident Minghetti hielt I am 31. October bei einem Wahlbanket in Bologna eine Rede, in welcher er hervorhob, daß in Folge der bereits durchgeführten Finanzmaßregeln daß Deficit sür 1876 nur 6 Millionen betragen würde. Er wieS den Vorwurf schütz- zöllnerische Tendenzen zu verfolgen, zurück und bezeichnete die Ansicht, baß der Eindruck der Anwesenheit des Deutschen Kaisers irgend welchen Einfluß auf die italienische Kirchenpolitik auSüben werde, als irrig.
Die nicht sehr löbliche Gleichgültigkeit, mit welcher in Madrid die auf den Krieg bezüglichen Ereignisse ausgenommen zu werden pflegen, ist durch eine unbedachte oder wenigstens nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt gewesene Aeußerung Jovcllar'S stark erschüttert worden. Der Premier- und Kriegsminister hatte nämlich gesagt, daß der Krieg erst nach Ablauf des WinterS kräftig fortgesetzt werden würde. So lange will das Land sich nicht gedulden, und die Unzufriedenheit mit den Politikern, welche den Krieg in die Länge ziehen, hat sich in einer Kundgebung gegen den König selbst Luft gemacht.
Am 1. November ist die neue Gerichtsorganisation für England, lebhaft begrüßt von den Organen der öffentlichen Meinung, in's Leben getreten.
In Norwegen ist die Todesstrafe rechtlich nicht ab« geschafft, doch hat der König Oskar II. da» erste ihm zur Bestätigung vorgelegte Todesurtheil zu Anfang vorigen JahrcS in lebenslängliche Strafarbeit verwandelt. Jetzt liegen ihm wieder zwei Todesurtheile vor, aber auch ein Antrag deS höchsten Gerichts, in beiden Fällen die Gnade nicht walten zu lasten.
Die russische Regierung hat sich durch ihr amtliches Blatt, den „Regierungs-Anzeiger", über die Nothwendigkeit durchgreifender Aenderungen in der Verwaltung der vorzugsweise von Christen bevölkerten türkischen Provinzen vernehmen lasten. Wenn auch die Pforte auf Einwirken der drei Kaisermächte, denen die Erhaltung deS europäischen Friedens ganz besonders am Herzen liege, versprochen habe, die Christen mit den Mohamedanern in eine gleiche RechtS. stellung zu versetzen, so sei auf solche Zusagen, die schon öfters gegeben und niemals erfüllt worden seien, nicht zu bauen; Europa müßte einschreiten, damit den Christen diesmal wirklich geholfen würde. Der Sultan sei anzuhalten, daß er seiner Verheißung wirklich nachkomme.
In Griechenland hat Kumunduros im Namen des neuen Ministeriums vor der Deputirtenkammer seinen Regie- rungsplan entwickelt und eine Reihe von Gesetzentwürfen angckündigt.
Die Pforte ist von einem nachdrücklichen Denkzette Seitens der europäischen Mächte bedroht. Rußland hat
Comptoir ihres Gatten verschafftdamals mußte sie Weller wirklich gelirbt haben, denn sie wandte viel an die Scheidung von seiner Frau; — Weller erkannte jetzt offen Gerhard als seinen leiblichen Sohn an, der aber erst nach seiner Trennung von Carola geboren worden war. In den ersten nächsten Jahren hatte das verbrecherische Ver- hältniß keine Folge, als sich später, etwa nach drei Jahren aber solche herausstellten, wurde theilS der Wunsch, ihren Geliebten vollständig zu besitzen, in Frau Helene um so reger, theils mußte sie einer schmachvollen Entdeckung durch ihren rechtmäßigen Mann entgegensehen.
Unter diesen Umständen reiste der Plan, denselben aus dem Wege zu schaffen, und sie gewann sowohl Weller wie Dr. Möruer 'daiür, der damals noch ein sehr wenig geachteter und gesuchter Arzt war, Letzteren natürlich durch bedeutende, nachher auch erfüllte Versprechungen. Dr. Mör- ner besorgte ihr ein schnell und sicher wirkendes Gift und sie trug dastelbe längere Zeit mit sich umher, um die Ge legenheil, es ihrem Gatten zu reichen, abzupasten. Dieselbe kam, als der Banquier, seine Frau in der Villa mit Weller überraschend und nunmehr ganz klar über ihre schon vor gerückte Schwangerschaft ihr eine sehr heftige Scene machte, die ihn selbst aber so sehr angriff, daß er sich sofort nie derlegcn mußte. Sic stellte sich nun reuig, er verzieh ihr, und in derselben Nacht noch ^reichte sie ihm den Gisttrank, der seine Wirkung that.
Am andern Morgen war Baron von Weißenberg tobt, und Dr. Mörner stellte den Todtenschcin aus
Da cs, zumal bei den schon über das Verhältniß Frau Helenens mit dem Buchhalter umlausenden Gerüchten, schwerlich glaubhaft gewesen wäre, daß daS Kino, welches ste unter ihrem Herzen trug, ihrem Gatten gehöre, verreiste
Pilittfche Wochrn-Uederficht.
Die Erkältung, welche unser Kaiser sich in Botzen zu gezogen, ist bereits soweit gewichen, daß die Empfänge und die Entgegennahme der regelmäßigen Vorträge wieder voll- ständiz ausgenommen wurde, nur ist auf den Ra:h der «erzte die Theilnahme an der Hubertusjagd im Grünewald und den Jagden in Schlesien aufgegeben worden. Der Reichstag konnte, nachdem die Klippe und Unvollzähligkeit, mit welcher er zwei Tage zu kämpfen halte, vollständig beseitigt worden, constituirt und gegliedert in seine Arbeiten eintreten. Es regt sich von Neuem der Wunsch, das Be schlußfähigkeitS-Minimum herabgesetzt zu sehen, wobei gegen dir Gefahr der Ueberrumpelung anderweite Vorsorge ge ttoffen werden könnte. Sein Präsidium hat inzwischen der Reichstag durch Wiederwahl der Herren v. Forckenbeck, Freiherr v. Stauffenberg und Dr. Hänel mit bereis erprobten Männern bestellt. Für die ständigen Fachcommis fionen ist dadurch, daß mehrere der bewährtesten alten Kräfte sich den drängenden Arbeiten der inzwischen neu bestätigten Justiz-Commission ausschließlich widmen wollen, ein Bedürfniß nach einem Zuschuß neuer Männer entstan ben und befriedigt. — Wie der baierische ist auch bet sächsische Landtag sür die Dauer ter Reichstags Session vrrtagt. In mehreren kleineren Staaten, deren LandeSver ttetuvgen weniger Mitglieder an den Reichstag abzugeben haben, bleiben dagegen die Landtage versammelt ober treten soeben zusammen.
Die diesjährigen Wintersessionen der habsburgischen Monarchie sind vorzugsweise der Arbeit gewibmet; tote große Politik soll möglichst ruhen. In Wien wie in Pest fühlt man die Nothwendigkeit, nicht bloß zu sparen, sondern auch die Steuersähigkeit der Völker zu vermehren; der Druck der Deficite lastet schwer auf der Doppel- Monarchie.
Porigen Sonntag fanden in der Schweiz die Neuwahlen zum Nationalrath statt.
Der 4. November, Der Tag der Wiedereröffnung der französischen National Versammlung ist herangekommen, und mehr als je herrscht in allen Parteigruppen Aufregung über das „Unvorhergesehene", das in der Luft schwebt und in der Preffe wird heftig über die Tag-sordnung debattirt. Geht Alles nach Buffet« Wunsch, so kommt das Wahl- Gesetz bereits zum 8 November aus die Tageordnung und nach gewonnener Schlacht soll dann die Session im halben December geschloffen werden, worauf die Wahlen für den Senat sehr bald, die sür die nächste Legislative nach Neu jahr 1876 erfolgen sollen. Die Linke dagegen sucht ihre Reihen fester zu schließen, um bei dem Kampf über das Wahlgesetz ihren Willen durchzusctz-n, dann das Prcßgesetz noch zu Stande zu bringen und das große Werk der Ent scheivung durch da« Land unter einem liberalen Minister beS Innern in Scene gehen zu sehen. Von Vertrauten des Elysoe wurden in einer Correspondenz der Tones und in
Deutsche» «eich.
•* Berlin, 5. Nov. Die ultramontane Preffe hat sich bekanntlich sehr dagegen gesträubt, daS Sperrgesetz in seiner Bedeutung zu würdigen. Auch jetzt sucht diese Preffe noch ihre Ueberzeugung aufrecht zu erhalten. Dem gegenüber ist zu konstatiren, daß die Berichte aus zuverlässiger Quelle bestätigen, daß sich dieses Gesetz gerade durch eine große Wirksamkeit auszeichnet. Nach Mittheilungen aus der Rheinprovinz mehrt sich in erheblicher Weise die Zahl der Geistlichen, welchen daS bisher gesperrte StaatSgehalt wieder ausgezahlt werden konnte. Die meisten dieser Geistlichen haben schriftlich erklärt, daß sie den Staatsgesetzen Gehorsam leisten wollen, andere habe» durch ihre Handlungen bewiesen, daß sie den Gesetzen unterthan sein wollen. Das entschiedene Vorgehen der Staatsregierung gegen die Bischöfe hat diese Wirkung mit herbeiführen helfen und einen Nachdruck auf die katholischen GeistlicheuOtzNd "katholischen Gemeinden geübt. — Die Befriedigung,- welche über die Wahlen zu den Provinziallanbtagen sich immer mehr geltend gewacht, hat deshalb eine große Berechtigung für sich, weil die Auffaffung, daß nicht eine Partei in den Provinziallandtagen vertreten fein solle,' sondern sich diese Vertretung aus rein sachlichem Boden befinden solle, sich bei den Wählern Bahn gebrochen hat. Zur Charakteristik, daß eine große Zahl von Landrälhen gewählt ist, mag die Thatsache dienen, daß diese Landräthe fast immer einstimmig gewählt sind. — Die neueste Nummer deS „Militär Wochenblattes" bringt einen interessanten Artikel über die Organisation deS GeneralstabeS der Armee. — Prinz Reuß, dessen Candidatur für die Stelle eines Oberpräsidenten von Heffen- Naffau gemeldet ist, ist vom Könige empfangen worden. In wie weit derselbe als Candidat für diesen Posten in
Aussicht steht, ist, da sich das Staatsministerium erst in der nächsten Zeit mit dieser Frage beschäftigen wird, nicht zu sagen.
Anzeigen nimmt entgegen: die ®jq>ebitioM d. Blatte«, sowie bte Annoncen-Büreanx von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
VI.
An dem anderen Morgen, an welchem die Verhaftung Herrn und Frau von Wellcr'S erfolgte, befand fich Selma auch zu Hause in der Stadt, aber erst als Frau Helene abgeführt worden, erhielt sie von dem Geschehenen durch die Dienstboten Kunde, und dieselbe war so unbestimmt und verworren, daß sie zwar sehr verwundert wurde, aber
sie bald nach deffen Tode. In aller Stille wurde ste von einem Töchterchen entbunden und übergab daffelbe, um eS aufzuziehen, einer mehrere Meilen von * •* *** auf dem Lande wohnenden Frau, die solche Besorgungen zu ihrem Erwerbs- .zweige machte.
Nach Ablauf des Trauerjahres heirathete Frau Helene Anton Weller, wodurch die alten bösen Gerüchte noch einmal in Umlauf kamen, aber von dem Vorhandensein eines Kindes hatte man keine Ahnung. Erst später holte ste, in deren Herzen doch noch die Mutterliebe sprach, die kleine Selma von jener Frau wieder ab und brachte sie als ihre Nichte nach ***. Niemand fand darin etwa« Anstößiges.
Soweit die Aussagen Wellers l — Danach war eS selbstredend, daß Frau Helene verhaftet wurde, und obgleich ste mit Entrüstung Alles entschieden ableugnete und ihren Mann für wahnsinnig erklärt wissen wollte, wurde nun der Prozeß über eines der schwersten Verbrechen gegen sie und ihre Mitschuldigen in Scene gesetzt.
Und vielleicht daS Schlimmste an Alledem war, daß sie eine Annäherung Dr. Stürmers und Selmas veranlaßt, wenn auch später wieder aufzulösen versucht hatte; Gerhard war ja eben so gut das Kind Wellcr'S wie Selma, — Bruder und Schwester. —
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattei, sowie die Annoneen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a. M-; Hänfenstem & Vogler in Frankfutt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Auge am Auge, Zahn am Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.)
Der UntersuchungSsührende benutzte geschickt diese sichtliche Schwäche; er confrontirtc alsbald den Banquier, der allerdings anfänglich läugnete, mit dem alten Stürmer, und ließ eS geschehen, daß Letzterer ihm eine donnernde GewiffenSpredigt hielt; Weller senkte das Haupt und bestätigte nicht allein bte Behauptungen des Alten, sondern klagte selbst seine jetzige Frau an, ihn zu jenem erbarm lichrn und verbrecherischen Schritte verleitet zu haben. Darauf erging die gerichtliche Verfügung zur Vorführung Frau Helenen«.
Inzwischen war der Sntersuchungstichter bei dem ganz geknickten Manne noch weiter gegangen; die Gelegenheit dazu erschien zu günstig. Er brauchte nur ein Wort davon hinzuwersen, dost man die sichere Vermuthung. habe, der alte Baron von- Weißenberg sei nicht auf natürliche Weise aus dem Lehen gefchteden, und der Banquier wurde erforscht und zitterte an allen Gliedern nach einigen weiteren Kreuz- und Querfragen sank er in die Knie und legte ein vollständiges Grständniß ab. Der Mann war halb krank; faire Aussagen konnten kaum volle Giltigkeit haben, aber man nahm sie doch zur weiteren Feststellung eine« schweren Verbrechen« auf. ».
Danach war der teuflische Plan, sich ihres verhaßten Gemahls um jeden Preis zu entledigen, in Frau HelenenS Kopfe allein entstanden; ste hatte in Weller und Dr. Mörner aber wiflige Helfer zur Ausführung gefunden. Die tocette und leidenschaftliche Frau war alsbald, nachdem Weller seinen Bankerott gemacht, in ein intimes Verhältniß zu ihm getreten und hatte ihm die Anstellung in dem
(Srf&eint täalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftritteS Sonntagsblatt durch bte Expedition (K o ch fche Buchdrnckerei) bezogen 2, Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für bie gespaltene Zeile 10 Pf«.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.