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Sr. 360.

Jlhufilirg, Sonnabend, 6. November 1875.

x. I-Hrgimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Watte-, sowie die A»non«en-Bureaux von Th. Dietrich & Co in jtoffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in zrantsurt a. M, Berlin, Leip­zig, CSln k ; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc-

ObcrheDchc Jnlung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Anuonceu-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.-Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnoalideudanl, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täg Buch

lich außer den Werktagen nach Soun- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS SountagSblatt durch die Expedition (Koch sche btuderei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf», (exl. Bestellgebühr). - Jusettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.

Mr in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.

denn sie begann schon zu ahnen, daß dieser Besuch mit der Stürmer'schen Angelegenheit in Verbindung stehen möge, was wollten Sie weiter sagen, Johann?"

Verzeihen gnädige Frau, aber als ob sie sich un­ter keinen Umständen abweisen lassen würden "

Die Augen der Dame blitzten auf, indessen faßte sie sich schnell, befahl Johann die Beiden in das kleine Em­pfangszimmer zu führen, sich felbst aber in der Nähe zu halten, falls sie seiner bedürfen sollte, und ließ nun rasch ihre Morgentoilette beenden.

Sie wurde von zwei sehr anständig in Schwarz ge­kleideten Herren empfangen, in deren Einem sie sofort einen höheren Beamten der Polizei erkannte, der sich ihr nicht mehr vorzustellen brauchte, aber anstatt daß er sie mit ga­lanter Vertraulichkeit begrüßte, die er sich sonst wohl erlauben durfte, machte er ihr nur eine sehr erregte höfliche Verbeu­gung, stellte seinen Begleiter als Gerichts-Assessor vor, und Letzterer überreichte ihr eine amtliche Verfügung, wonach sie sich sofort in Begleitung der Ueberbringer, Behufs eines Verhörs in Sachen des Oberlieutenants a. D. von Stürmer u. f. w., vor den Untersuchungsrichter zu begeben hatte.

Frau Helene erbleichte wohl ein wenig, als sie dieses sehr peremtorische Schreiben überlesen halte, besaß aber Geistesgegenwart genug, um nicht die Fasiung zu verlieren; sie zeigte sich mehr verwundert als erschrocken und fragte nur, ob es ihrem Gemahle nicht gestattet sei, sie zu be­gleiten. Man erwiderte ihr, sie werde denselben bereits auf dem Gerichte finden.

Das schien eine böse Vorbedeutung; Frau Helene war klug genug, zu begreifen, daß die Sache eine sehr ernste

Tagesbericht.

Die Strafrechls-NoveUe ist bereits im JustizauSschuß de» Bundesrathes festgestellt, und soll, wie verlautet, schon in der nächsten Woche vom Plenum berathen werden.

Die bevorstehende Ernennung des italienischen Gesandten, Grasen Lamay, der übrigens allgemein sehr beliebt ist, zum Botschafter, ist in Berliner diplomatischen Kreisen mit großer Genugthuung ausgenommen. Die italienische Regierung wird aber vorläufig nur diese einzige Gesaudlschastserhcbung zum Botschaslerposten vornehmen, da sic für eine größere Zahl mit Recht den damit verbundenen Kostenaufwand be­rücksichtigt. Da für Herrn v. Keudell eine gleiche Rang­erhebung bevorstcht, so wird dadurch unserem Gesandten am römischen Hofe, wo bis jetzt noch kein einziger Bot­schafter accreditirt ist, eine besondere Bevorzugung zu Theil, da er in dieser neuen Eigenschaft den Vortritt vor dem ganzen diplomatischen CorpS und noch andere bedeutende Privilegien haben wird.

Während das Leichenschaugesetz, dessen Erlaß von der ReichSrommission zur Begründung einer ReichSmedicinal- statistik beantragt worden, noch zu erwarten ist, steht der Erlaß eines anderen, von derselben Commission angeregten Gesetzes sehr balo bevor. Es bezieht sich dasselbe auf die Pflicht der Anzeige bei dem Austreten gemeingefährlicher Krankheiten, und fordert zunächst bei Erkrankungen an der Cholera, und an den Blattern von dem behandelnden Arzt, oder dem Familienhaupt, oder Falls ein solches nicht vor­handen, von dem Besitzer der Wohnung oder des HauseS, wo der Fall sich ereignet, die Anzeige der Erkrankung bei der nächsten Polizeibehörde. Die Unterlasiung der Anzeige soll mit 100 Mark bestraft werden.

Der offenbare Nachtheil, in welchem sich die deutsche Eisen- und Stahlindustrie gegenüber der französischen da- durch befindet, daß der letzteren für ihre Ausfuhr von der Regierung eine Prämie bezahlt wird, hat in unseren Regie- rungSkreisen zu der Erwägung geführt, ob rS nicht zweck­mäßig sei, unseren Fabrikanten gleichfalls für ihre Ausfuhr nach Frankreich eine solche Gratifikation zu bewilligen, bis die französische Regierung sich veranlaßt finden würde, jene Primienertheilung abzustellen und dadurch daS Gleichgewicht zwischen diesen Fabrikzweigen beider Länder herzustellen. ES wird diese Nachricht den Anhängern der strikten Man­chestertheorie allerdings sehr wenig gefallen, aber es zeigt dieselbe wenigstens, daß, wenn die Regierung vorläufig auch noch nicht den bisher eingehaltenen Weg ihrer Handels Politik vollständig ändern will, sie doch nicht abgeneigt ist, der am meisten bedrohten Industrie eine Unterstützung zu gewähren. Namentlich soll der Finanzministex geneigt sein, der Industrie in dieser Weise entgegenzukommen.

Man bemüht sich gegenwärtig, die wirthschaftliche Si­tuation als keineswegs so enlmuthigcnd darzustellen, als sie in Wirklichkeit ist, und sich mit dem Trost zu begnügen, eS handele sich gegenwärtig nur um eine Reinigung deS Markte» von unsoliden Unternehmungen,ffienn auch nicht ju leugnen ist, daß diese in erster Linie für ihre Sünden

büßen müssen, so ist doch auch nicht zu verkennen, daß auch die solidesten Geschäfte unter dem Drucke der Verhält­nisse leiden, und daß wenn die gegenwärtige Lage noch lange andauert, noch immer mehr Häuser zu Grunde gehen, und immer mehr Arbeiter brodlos werden.

An der holländisch-preußischen Grenze sammeln sich die ausgewiesenen preußischen Ordensmitglieder in einer geradezu bedenklichen Weise. Obschon die holländisLen Gesetze die Errichtung von Klöstern verbieten, so sieht dennoch die holländische Regierung dem Treiben des katholischen Clerus bisher ruhig zu, ohne irgend einen Schritt dagegen zu thun. Bei der feindseligen Stellung, welche der katholische Clerus und namentlich die ausgewiesenen Ordensleute gegen Preußen und Deutschland einnehmen, ist diese offenbare Beschützung derselben durch die holländische Regierung eine äußerst be denkliche Sache. ES sollte unS nicht wundern, wenn dieses Verhalten zu Reclamalionen von Seiten der deutschen Regierung Veranlassung gäbe, oder wenigstens doch eine Erkaltung in den beiderseitigen Beziehungen hervorriefe. So wenig Deutschland daran denken wird, Holland in irgend einer Weise zu bedrohen, so kann es doch unmöglich ruhig mit zusehen, daß unmittelbar an seiner Grenze unter dem Schutze der holländischen Regierung eine Ansammlung don Elementen staltfindet, die seiner Ruhe und seinem Frie ven gefährlich werden könnte.

Die Hauptgläubiger des Dr. Stroußberg haben eine Petition an das auswärtige Ministerium entworfen, in welcher dasselbe ersucht wird, für die Freilassung deS Dr. Stroußberg aus der russischen Haft einzutreten, damit der­selbe hierher kommen, und seine Angelegenheiten ordnen könne. Die Petition ist für die Gläubiger zur Unter­schrift im Geschäftslocal des Verhafteten auSgelegt worden. Am Dienstag Vormittag wurden aus 'dem schönen Palais des Dr. Stroußberg in der WilhelmSstraße durch Gerichts­beamte die kostbaren Möbel, Teppiche, Schmucksachen und die Reste der geretteten Bildergallerie, welche vor zwei Jahren an Lepke für 600,000 Thaler veräußert worden, und viele sonstige schöne und kostbare Gegenstände in gerichtlichen Gewahrsam gebracht. Zahlreiche Möbelwagen hielten vor dem jetzt verödeten PalaiS. Die Person StroußbergS ist zu bekannt, sein jetziger Sturz erregt ein zu großes und allgemeines Interesse, als daß nicht bei dieser Gelegenheit eine dichtgedrängte Menge sich hätte vor dem Palais ein- finden sollen.

Deutsches Reich.

# Berlin, 4. Nov. Ein gestriger Artikel der Prov.- Corresp. beim Eintritt in die Reichstags Session, hat nicht verfehlt, Aufsehen zu erregen, insofern als durch diese Auslassungen des halbamtlichen Blattes zur Evidenz constatirt wird, daß eine Aenderung der wirthschaftlichen Politik der Reichsregierung in keinem Falle bevorsteht. Es werden dadurch alle Illusionen der AgitationSchutz­zoll oder Freihandel" zerstör» sein und deren unnützen Ge- triebe einer scandalsüchtigen Presse ein Ende gemacht fein.

Bezeichnend für die Agitation der Städte in Bezug auf die Provinziallandtagswahlen, wird die Notiz der Prov.- Corresp. sein, daß die Städte naturgemäß zu einem Einfluß gelangen, der den Interessen entspricht. Es ist mithin auch diese Hoffnung des Radicalismus vereitelt, der aus der Nicht­betheiligung der Städte an der Provinzial-Verwaltung ein politisches Capital schlagen wollte. Den Nachrichten sen­sationslustiger Correspondenten über die diplomatischen Conserenzen, welche in Mailand stattgefunden und angeblich die künftige Papstwahl zum Gegenstand gehabt haben sollen, wird von competenter Seite widersprochen. Freilich ifi dieses Thema schon vielfach in vertraulichem Gedankenaus­tausch behandelt worden, aber zu speziellen Conserenzen oder Abmachungen zwischen Deutschland und Italien ist eS in Mailand nicht gekommen. Das Gesundheitsamt soll dem Reichskanzleramt unmittelbar untergeordnet sein und einen lediglich berathenden Charakter tragen. Seine Aufgabe wird sein, das Reich in Ausübung der ihm zugewiesenen Aussicht über die medicinal- und veterinär-polizeilichen An­gelegenheiten zu unterstützen. Die Affaire Strousberg cheint wohl mit einem großen Krach diesesEisenbahn- KönigS" enden zu sollen, da alle Versuche irgend ein Arrangement zu Stande zubringen, gescheitert sind. Auf Grund deS § 37 de« Reichsmilitärgesetzes sind dem Reichs­tage von dem Reichskanzler die von dem preußischen resp. baierischcn Kriegsministerium aufgestellten Ueberstchten über die Ergebnisse des HeereS-ErgänzungSgeschäftS sür 1874 vorgelegt worden.

Rendsburg, 1. Nov. Die Enthüllung unseres Kriegerdenkmals wurde heute unter großer Betheiligung vorgenommen. Der Flaggenschmuck und der Festzug ver­liehen dem Tage einen festlichen Charakter. Die Weihrede war dem Herrn Pastor Stössiger übertragen worden, der in entsprechenden gediegenen Worten den Gedanken und Gefühlen der Anwesenden Ausdruck zu geben verstand. Der Herr Landrath v. Willcmoes - Suhm brachte sodann dem Kaiser ein Hoch und übergab das Denkmal den Behörden der Stadt. Die Feier sand ihren Abschluß in einem Fest­mahle. DaS Denkmal im sogenannten Kindergarten am Jungfernstieg aufgestellt besteht in einer einfachen, aber gefälligen Pyramide aus geschliffenem Granit. Es trägt die Namen von 12 Gefallenen.

Arolsen, 2. Nov. Der seit dem 27. v. M. versam- melte Landtag für Waldeck - Pyrmont ist heute bis zum Januar k. I. vertagt worden. Die Deputirtenwahl eines aus Preußen hier angestellten Beamten ist vom Landtage für ungültig erklärt, weil derselbe nicht als waldeck'scher Staats- und Gemeindeangehöriger zu betrachten sei.

Müttcheu, 4. Nav. Die Erzbischöfe und Bischöfe Bayerns haben sich an den König mit einer Vorstellung gewandt, weiche die Verhältnisse der Allkatholiken, die Be­ziehungen der Schule und die Erhaltung der Klöster zum Inhalte hat.

«ege em «ege, Zahn em Zahn. Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.

(Fortsetzung.)

Dr. Mdrner hielt auch wirklich wacker Stand in seinen Verhören und wollte nichts auf die Wellers kommen lassen, immer mehr gedrängt, mußte er doch endlich zugeben, daß er fein Vermögen hauptsächlich denselben verdanke, na­türlich hatte er so große Summen von ihnen aus bloßer Freundschaft erhalten, die sich gar nicht einmal recht moti> Viren ließen. Auch noch andere Zeugen, ehemalige Dienst boten in dem Weißenberg'schen und Weller'schen Haufe, wurden vernommen, Alles fehr schnell hintereinander und ganz im Stillen, und auS manchm Einzelheiten mußte dem Untersuchungsrichter ein sehr böser Verdacht aussteigen. Der Banquier, der in diesen Tagen zu Hause eine ganz jammervolle Rolle gespielt halte, denn rotz allen freund­lichen Zuredens, oller Warnungen und Drohungen seiner Gemahlin, ging er scheu wie ein bereit- verurtheilter Ver­brecher umher, bekümmerte sich gar nicht mehr um sein Geschäft und wagte kaum einen Menschen anzusehen, mußte sich doch darein fügen, daß Frau Helene eine überaus glänzende Gesellschaft veranstaltete. Ohne Zweifel gedachte sie, dadurch zu imponiren und vor der Oeffentlichkeit jeden Verdacht zu entkräften, daß sie sich durch solche peinliche Vorkommnisse irgendwie belästigen lasse.

Die Einladungen ergingen dieses Mal in den ausge­dehntesten Kreis, die großartigsten Vorbereitungen wurden getroffen, aber die Dame hatte sich doch sehr verrechnet. Die schlimmen Gerüchte hatten schon eine zu laute Stimme angenommen, als daß sich nicht die Meisten hüten wollten,

sich zu einem so brillanten Spiele herzugeben, das doch ein sehr böses Ende nehmen konnte.

Am Tage vor dem prvjektirten Feste saß Frau Helene, noch mit ihrer Toilette, welche die Kammerfrau machte, beschäftigt, in ihrem Boudoir, es war in dem städtischen großen Hause, aber fast von Minute zu Minute lang­ten Absagebriefe bet geladenen Gäste an, die freilich immer in höflicher Form gehalten waren und alle möglich ober unwahr erscheinenben Entjchuldigungsgründe brachten; bie stolze Frau konnte sich nicht darüber täuschen, daß hier eine Absichtlichkeit vorlag, die beinahe wie eine allgemeine Verabredung auSsah.

Deshalb befand sie sich auch in der größten Aufregung und schlechtester Laune, und mehr wie einmal fuhr ihr die Erinnerung an das sie so -erschütternde Wort deS alten Lieutenants von Stürmer durch den Kops:Auge um Auge, Zahn um Zahn!"

Wieder trat der Bediente ein, aber dieses Mal brachte er keinen Brief, dagegen sah et verlegen, sogar bestürzt aus und meldete etwas geheimnißvoll, es seien zwei Herren da, welche ohne ihre Karten abzugeben oder ihre Namen und Anliegen genannt zu Haben, Frau von Weller sofort zu sprechen wünschten. ÄergerliL erwiderte Letztere, man solle die Leute an ihren Gemahl weisen, und der Bediente ent­gegnete schüchtern, er habe bereits gesagt, daß die gnädige Frau sich bei bet Toilette befinde, nichtsdestoweniger wollten sich Jene nicht abweisen lassen,und", setzte er leise hinzu,sie treten so sonderbar bestimmt und dringend auf als obe

Nun?" fragte Frau Helene mit gerunzelter Stirn,