Nr. SS».
JITütfilltg, Freitag, 5. November 1875.
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: tt« Expedition b. Blatte«, sowie die Annoneen-Bureanx von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. DL; Hänfenstem & Bögler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cdln rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
ObcrhtUlhc Icilung.
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Lage-dericht
Der Gesetzentwurf über die Regulirung des Lehrlings wesen« enthält folgende Bestimmungen: 1) Schriftliche Ab- safsung de« LehrcontraktS; 2) Wiederherstellung der ratet ftchm Gewalt de« Lehrherrn über den Lehrling; 3) Errichtung einer obrigkeitlichen Behörde nicht blos zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Meister und Lehrling, sondern zur polizeilichen Ueberwachung der LehrlingSverhält niste; 4) Sorge für die weitere Ausbildung der Lehrlinge in Fortbildungsschulen.
Der Marine-Etat, der jetzt erschienen ist, weist eine Einnahme von 203,530 Mark, also eine Erhöhung von co. 70,000 M. gegen da« Vorjahr auf. Die Ausgaben betragen 21.016,170 Mark, also gegen das Vorjahr 3,100,000 Mark mehr; hiermit ist die Möglichkeit gegeben, den ge- sammten Etat sehr bald dem Reichstage zugehen zu lasten, wie denn überhaupt fast alle Vorlagen binnen acht Tagen bei dem Reichstage eingegangen sein dürften. Da die feste Absicht vorliegt, die Arbeiten bis zum Weihnachtsfeste zu erledigen, so ist e« sehr wahrscheinlich, daß die mitwirkende Thitigkeit der Commissionen ganz besonder« in Anspruch genommen werden wird.
Bei der geringen Neigung für den ärztlichen Beruf auf See ist e« der Marineverwaltung unmöglich geworden, den außergewöhnlich hohen Abgang bei den MarimSrzten durch Civil - und resp. Militärärzte zu decken, und trifft man daher Maßregeln, diesen Bedarf durch Ausbildung von «erzten auf Kosten deS Marinefonds im medicinisch - chirurgischen Friedrich - Wilhelm« - Instituts zur Deckung zu bringen. Zu diesem Zwecke werden zunächst in dem Etat pro 1876 die «usbildungskosten für zwei Zöglinge mehr zu beantragen fein.
Eme Petition deS Verbände« deutscher Müller und Mühleninterestenten um Aushebung der Zö e auf Mehl in Frankreich und Holland wird in Folgendem motivirt: „Während di« Mühlensabrikate in Deutschland freien Eingang haben, erhebt Frankreich einen Zoll von 60 Centimes per 100 Kilo auf Weizen und von 1 Frank 20 Centimes per 100 Kilo auf Mehl und Holland einen Zoll von 40 Cent« oder 80 Centimes per 100 Kilo auf Mehl. Der Nachtheil, welcher den deutschen Mühlenbesitzern seitens Frankreich erwächst, stellt sich aber dadurch noch weit größer heraus, daß den französischen Müllern nicht allein die freie Eftisuhr in Deutschland gewährt ist, während ste unter dem Schutze ihres Zolles arbeiten, sondern daß ihnen die französische Regierung auch noch den ganzen Zoll auf das zur Vermahlung emgesührte Getreide vergütet." — WaS Holland betrifft, so wird angeführt, daß der Eingangszoll auf Mehl in Holland die Mühlenindustrie am Niederrhein und in Westfalen mit Ruin bedrohe und seine Wirkung auf alle die Mühlen auSdehne, die früher vermittelst der Nord- und Ostseehäfen Deutschlands rin bedeutendes Geschäft nach Holland machten. In den Zähren 1852 bi« 1862
— heißt e« da — betrug der Eingangszoll in Holland nur 20 Cents per 100 Kilo, während der Zollverein zur selben Zeit 1 Thaler für Mehl von Holland erhob; im Jahre 1862 aber erhöhte Holland den Zoll auf 40 Cents, um die eigene Industrie zu schützen und als Reprcssirnaß regel gegen den hohen Eingangszoll im Zollverein; während nun aber tm Jahre 1865 der Zoll in Deutschland gänzlich zum Wegfall kam, .hielt Holland seinen Eingangszoll aufrecht, und im Schutze desselben entstanden nach und nach eine große Anzahl neuer Mahlmühlen, die der deutschen Mühlenindustrie gegenüber mit doppeltem Vortheile arbeiten, indem sie einerseits das zur See eingesührte aus- ländische Getreide billiger einkaufen, als wie z. B. die niederrheinischen und westfälischen Mühlen und sie andererseits gegen jede Einfuhr von deutschen Mehlen durch den hohen Eingangszoll geschützt sind, während sie nach Deutschland hin keine Zollschranken vorfinden
Im preußischen CultuSrninisterium ist man damit beschäftigt, daS begonnene Werk der Aufbesserung des Einkommen« der Lehrerstellen an den Elementarschulen zur Vollendung zu bringen.
Die im Handelsministerium vorbereiteten Publikationen betreffs der gewerblichen HilfSkaffen werden, so weit sich dies bis jetzt beurteilen läßt, noch vor den Berathungen über das Hilfskassengesetz zum Erscheinen gelangen.
Die Freundschaft zwischen dem deutschen Reiche und Italien scheint sich jetzt durch Thatsachen bewähren zu sollen; so ist neuerdings die „DiScussione", ein dentales Blatt von Neapel, wegen eines Artikels gegen den deutschen Kaiser mit Beschlag belegt worden.
Die Finanzmaßregeln der Pforte werden jedenfalls in verschiedenen Staaten Reclamationen Hervorrufen. Bereit« hat die österreichische Regierung diese Angelegenheit einer eingehenden Berathung unterzogen und soll sich dahin entschieden haben, diplomatische Schritte deswegen bei der Pforte zu thun. In Beziehung auf die Türkenloose will ste davon abfehen, dagegen soll wegen der 9 proccntigen Schatzbonds eine Vorstellung gemacht werden. Es soll namentlich darauf Nachdruck gelegt werden, daß die Pforte veranlaßt werde, ihren Gläubigern den Bezug der jetzt noch verbleibenden Zinsenhälfte sicher zu stellen, und daß sie eine Garantie biete, daß denselben die rebuiirten Zinsen innerhalb der nächsten fünf Jahre regelmäßig ausgezahlt werden.
Deutsche» Strich.
*• Berlin, 3. Nov. Von dem landwirthschaftlichen Ministerium wird der künstlichen Fischzucht eine große Aufmerksamkeit zugewendet. Die Erfolge, die bisher erzielt worden sind, sind sehr erfreulich. So zeigt die Oder, welche von Lachsen fast ganz entvölkert war, schon wieder eine reiche Zahl derselben, die jedoch noch bedeutend erhöht werden soll, indem fortlaufend junge Lachse in derselben ausgesetzt werden sollen. Eine bemerkenSwerthe Erscheinung
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ergiebt sich auf der Oder bei den Lachszügen zum Meere, daß ste ihren Weg allein durch die Dienar nehmen. Um aber den Lachsfang zu einem allgemeinen für alle an den Ausflüssen der Oder wohnenden Fischer zu machen, sollen Versuche angestellt werden, die Lachse auch durch die Prene und Serine zu leiten. Im Auftrage de« Dr. Friedenthal hat der deutsche Fischereiverein veranlaßt, daß auch in diesem Jahre gegen 50,000 junge Lachse in die Wied, einem Nebenflüsse deS Rheines, ausgesetzt worden sind. Auch der Ern« sind ungefähr 15,000 Lachse übergeben worden. Den Lachsen sind durch Wehre oft die geeignetsten Laichplätze verschlossen. ES ist von Wichtigkeit, ihnen diese durch Lachsleitern zugänglich zu machen. Es ist deshalb der Baurath Michaelis zu Münster von dem Landwirthschafts Minister nach England geschickt worden, um die Kunst, Lachsleitern zu bauen, wie es dort geübt wird, kennen zu lernen. Dieser ist nun zurückgekehrt und es soll mit der Projektirung und dem Bau von Fischwegen oder Fischleitern begonnen werden, damit die Lachse nicht ferner gezwungen sind, von den er. wünschten Laichplätzen fern zu bleiben. — Durch dm Reichsanzeiger ist nun bestätigt, daß künftig in Rom und Berlin italienische resp. deutsche Botschaften bestehen sollen. — Die strenge Witterung, welche seit dem 1. November eingetreten ist, hat dem Kaiser die Theilnahme an der gestrigen Hubertusjagd und der Reise nach Schlesien versagen müssen.
Detmold, 1. Nov. Das „F. L. R. u. A.-Bl." veröffentlicht folgendes Bulletin über daS Befinden de« Fürsten: „Nachdem die im Anfänge voriger Woche eingetre- tcnc Besserung in dem Befinden Er. Durchlaucht de« Fürsten im Verlaufe der Woche nicht die gehofften Fortschritte gemacht hatte, ist in den letzten Tagen bei Fortdauer der Appetitlosigkeit und der Beklemmungen eine Abnahme der Kräfte eingetreten. Detmold, 1. November 1875. Hof- rath Dr. Eschenburg."
München, 2. Nov. Zu den bevorstehenden Gemeindewahlen verhalten sich die Ultramontanen viel rühriger« al« die Liberale», welche noch kaum In die Agitation eingetreten sind. Als Parole gibt der clerikale „Volksfreund" Folgende« au«: „Die Gemeindewahlen sind niemals wichtiger gewesen, als eben jetzt. Die Ereignisse der letzten Wochen haben uns oafür Belege in Hülle und Fülle geboten Soweit e« möglich ist, müssen sie fort, die Herren Alle, die, statt in der Gemeinde daS Wohl Aller zu berathen, hohe Politik treiben. Die Losung allüberall muß sein, in den Gemeindewahlen dem Ministerium und der „verbündeten" liberalen Partei ein neue« Mißtrauens Votum in verstärkter, ver- befferter Auflage zu geben." Auch die national-conservative Partei scheint gegen die Liberalen in demselben Wahlkampfe auftreten zu wollens, da ihr Organ, die „Süvd. Reichs- Post", schreibt: „Wer eine gemischte Schule ober einen ungläubigen Lehrer haben will, den wollen wir nicht hindern, seine Gelüste zu befriedigen; aber wir protestiren da gegen, daß man uns unsere evangelische Schule wider un-
Auge x* *• Auge, Zahn xn Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.)
Wir brauchen wohl, nach den früheren Mittheilungen, nicht mehr die Aussage deS Oberlieutenants von Stürmer zu wiederholen; nur soviel noch, daß er neben beiden Weller'S auch Dr. Mörner beschuldigte, um da« an Carola Weller verübte Verbrechen gewußt und es durch seine ärztlichen Aussagen vor Gericht unterstützt zu haben; da Letzterer auf Pflicht und Gewissen, auf seinen ärztlichem Amtseid Hix gehört wurden, mußte also auch ihm das Verbrechen de« Meineide« zugeschoben werden, überhaupt waren die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen höchst gravirend.
Dr. Mörner war immerhin ein angesehener Arzt in —, aber eine« besonderen moralischen Rufes erfreute er sich keineswegs; es waren schon manche häßliche kleine Ge schichten gegen ihn vor Gericht gebracht worden, er aber war immer schlau genug gewesen, ärgerliche Folgen von sich abzuwenden. Mochte es nun daran liegen, -— die gerichtlichen Entscheidungen und Maßnahmen sind ja dem Laien nur zu oft ganz unbegreiflich, — eS wurde die sofortige Verhaftung Dr. Mörner'S verfügt, während man — Gott weiß, aus welchen Gründen — die vornehme Familie von Weller einstweilen noch unbehelligt lief).
Dr. Mörner war äußerst bestürzt über die Verfügung de« Gericht«, die er sich gar nicht zu erklären wußte, wenn ihn fein böses Gewissen wohl auch noch eine schlimmere Anklage al« die vorliegende befürchten ließ; fo weit war e« noch nie gekommen. Die Staatsanwaltschaft mochte wohl auch Grund haben, noch anderweitigen Dingen nachzuspüren, denn sie hatte die Beschlagnahme aller seiner "Pa Piere und Bücher angeordnet.
Als Mörner sein erste« Verhör hatte, wa« unmittelbar nach seiner Verhaftung stattfand, ersah er erst, um wa« es sich handelte. DaS war böse genug, aber er hatte noch Schlimmeres erwartet; der alte Stürmer hatte ihn wegen falschen ZeugniffeS bei dem EhescheidungSproceffe denuncirt, aber weiter wußte er nichts, — und dieses Weitere aber war eS, was der Doctor hauptsächlich zu fürchten hatte. Er faßte sich, als er diese Einsicht gewonnen hatte, noch schnell genug und stellte natürlich die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen vollständig in Abrede, wobei er eine große Entrüstung zur Schau trug. Dennoch wurde er nicht au« der Hast entlassen und mußte ein ähnliches Quartier beziehen wie der Oberlieutenant, wo er sich bedeutend unbehaglicher fühlte.
Von Alledem ahnten einstweilen noch nichts sowohl die Weller'S, denen e« doch recht ängstlich und erwartungsvoll zu Muthe war, wie Gerhard von Stürmer, der seinen Vater nicht einmal in *** vermuthete.
An demselben Abende noch erhielt erden langvermißten Besuch seines Freundes Alfred, und Letzterer sah dabei ganz besonders feierlich und ernst aus.
Es dürfte überflüssig sein, Wort für Wort zu verfolgen, womit Alfred, alle mögliche Schonung und freundschaftliche Zusprache anwendend, Gerhard vorbereitete und endlich unumwunden Eröffnungen machte. Der Letztere erschien an fänglich ganz erstarrt darüber, faßte sich aber noch schnell genug; er verlor ja keinen Vater, der ihm jemals mit natürlicher Liebe entgegengekommen war, und er hatte ihm auch nie die wahre kindliche Achtung zuzutragen vermocht; es hob sich fast eine Last von seiner Brust, als er erfuhr, der alte Stürmer sei nicht durch direkte Banden des Blutes mit ihm vereinigt, aber freilich hatte er ebenso wenig Grund,
auf den stolz zu sei», dessen Sohn er sich nun nennen sollte; vor Allem indessen erfüllte ihn der tiefste Schmerz um da« entsetzliche Schicksal seiner armen Mutter, dem dieselbe auch zweifellos zum Opfer gefallen war.
Seine erregten Gefühle mußten in bitteren Thränen ihren Ausfluß suchen, doch richtete er sich sehr schnell wieder in männlichem Muthe auf. Im Augenblicke konnte et noch nicht handeln, sich nur für alle vorkommenden Fälle mit Entschloffenheit rüsten. Der treue Freund suchte ihm zur Seite zu stehen, so gut er konnte, und versprach, ihn von den gerichtlichen Vorkommniffen sofort zu benachrichtigen, soweit es eben seine Pflicht erlauben würde.
Noch stellte da« Gericht keine direkte Anfrage an Doctor Stürmer. Die Ungesetzmäßigkeiten, die sich der Oberlieutenant bei der gegen ihn in das Werk gesetzten Exekution zu Schulden kommen gelassen hatte, waren auch bereits zur Anzeige gelangt und machten ohnehin nothwendig, daß er in Haft behalten wurde; Doctor Mörner würde gegen irgend eine Camion wohl bald wieder vorläufig entlassen worden sein, hätte die genaue Revision seiner Papiere nicht noch etwas anderes sehr Bedenkliches und Verdächtigende« ergeben.
Da fanden sich ganz besonder« große Geldeinnahmen, die er in keiner Weise genügend nachzuweisen vermochte, sowohl zu der Zeit, al« die Weller'jche Ehescheidung statt - gesunden hatte, al« noch vielmehr um die, in welcher der plötzliche Tod des alten Barons von Weißenberg erfolgt war, und nun erhoben sich im Publikum auf einmal viele Gerüchte, welche darauf hinwiesen, es möge mit diesem Todesfälle wohl auch nicht ganz richtig zugegangen fein; ältere Leute wollten wiffeu, daß der verstorbene Baron sich gerade vor seinem Tode besonder« wohl befunden habe,