X. Jahrgang.
JlTarßurg, Mittwoch, 3. November 1875.
Sr. 2S7
(i^bcrhflTifdic Icilung
ir
'6
le
der
i.
it n le
1,
Ölt-' und
Arbeiterpersonals stattgefunden haben. Es sind sofortige Schritte bei der Regierung behufs HülfSmaßregcln gethan, da fünftausend Arbeiter in Stroußbergs Fabriken beschäftigt sind. Die Arbeiter sind vollstänoig ruhig. Es wurde ihnen eröffnet, daß eine vierzehntägige Lohnauszahlung stattfinden werde. Frau Stroußbcrg kam mit ihren fünf Töchtern aus Zbirow nach Prag, aller Geldmittel entblößt. Das Reise gelb mußte ihr Rechtsanwalt vorstrecken.
auch von ihrem Herzen gedrängt wurde, Gerhard zu thsdigen, gebot ihr doch die Klugheit zu schweigen, sich zu stellen, al- liege ihr an der Sache nicht viel.
Sie täuschte dadurch wirklich Frau Helene und
Tage-bericht.
Auf Veranlassung des Ministeriums für Medicinal- Angelegenheiten werden gegenwärtig durch alle KreiSphystker Ermittelungen über die Apotheken angestellt, und zwar dar« über, ob dieselben ein Realprivilegium, eine Concession, oder eine Berechtigung besitzen, auf deren Grchid sie das Geschäft führen. Der Beweis ist durch Urkunden, oder, in deren Ermangelung, durch Grundbücher u. s. w. zu führen.
Der deutsche Botschafter am russischen Hose, Prinz Reuß, der sich vor Kurzem mit der ältesten Tochter des Großherzog» von Sachsen verlobt hat, soll die Absicht haben, noch vor seiner Vermählung die diplomatische Saniere zu verlassen. ES wäre die« um so mehr zu bedauern, da er nicht nur für einen ausgezeichneten Diplomaten gilt, sondern auch ganz besonder» beliebt am Petersburger Hofe ist. Durch diese Vermählung wird Prinz Reuß, der bereits Oheim der Gewahlin de« Grotzsürsten Wladimir ist, auch Vetter de- Kaiser» von Rußland werden.
Friedrich Christian von Eichmann, deutscher Gesandter am schwedischen Hofe, ist am 27. Oktober nach fast sechs- monatlicher Krankheit in Heidelberg verstorben. Er ist der Sohn de» bekannten Oberpräsidenten und am 30. März 1826 in Berlin geboren. Er ist früher längere Zeit erster GesandtschaftSralh und Geschäftsträger in Konstantinopel und dann Gesandter am sächsischen Hofe gewesen.
Der Vorschlag betreffs Einberufung einer internationalen Konferenz, welche die Lage der Christen in der Türkei einer neuen Regelung unterziehen soll, ist von der französischen Regierung auSgegangen, welche denselben anläßlich deS Ausstande» in der Herzegowina vor einiger Zeit auf Grund de- Pariser Traktat» von 1856 den europäischen Großmächten gemacht hat. Da- österreichisch ungarische Cabinet hat diesen Vorschlag mit großer Entschiedenheit znrückge wiesen; die betreffende Antwort deS Grafen Andraffy soll jede Möglichkeit einer Betheiligung Oesterreich-UngarnS ausgeschlossen haben; die Regierungen Deutschlands und Ruß land- haben ebenso den sianzösischen Vorschlag abgelehnt. Auch in London hat der Gedanke, die orientalische Frage zum Gegenstand der Beratungen einer internationalen Con ferenz zu machen, keineSwegcS geneigte Aufnahme gefunden. Die großbritannische Regierung erinnert sich noch wohl de« zweifelhaften Erfolge-, welchen die auf Anlaß deS Aufstande« in Kreta einberufene Konferenz der leitenden euro-
Augr mk Zahn *ä Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.)
„Der junge Mann hat sich anmaßend gegen seinen älteren College» Dr. Mörner, dem er doch so viel verdankt, benommen, und sich unpassend über unsere Familie geäußert," erwiderte Frau Helene kühl. — „Dein Onkel hat eS daher angemessen gefunden, ihm unser HauS ein für alle Mal zu verbieten."
Selma sühlte sich wie vom Blitze getroffen und konnte die« kaum verheimlichen.
„Dr. Stürmer sollte sich ungünstig für Sie und den Onkel ausgesprochen haben?" stammelte sie. „O das ist wohl nicht möglich l"
„Und warum nicht? es ist der allägliche Lauf der Welt, daß Leute da« Ihnen erwiesene Interesse mit Undank belohnen. Der junge Doctor fühlt sich schon zu selbstständig und bedarf unserer nicht mehr. UebrigenS habe ich nicht gesagt, daß feine Indiskretion sich auf mich und Deinen Onkel allein bezogen hätte, es ist auch ein Theil auf Dich gekommen, aber eS lohnt nicht der Mühe, davon weitere Notiz zu nehmen."
Frau Helene glaubte einen großen Triumpf ausgespielt zu haben, aber sie täuschte sich gerade darein ganz gewaltig Selma konnte, wiewohl sie Gerhard keine Unbescheidenheit oder Unvorsichtigkeit zutraute, efl immerhin für denkbar halten, daß er sich mit Dr. Mörner, über den er zu ihr schon öfter geklagt, überworfen habe oder daß ihm in der Erregung ein bittere« Wort über Onkel ober Tante entschlüpft sei, oder daß er sie selbst beleidigt, sich nur unvor sichtig über sie geäußert haben sollte, glaubte sie nimmermehr und zweifelte nicht daran, daß die Tante ihr absichtlich die Unwahrheit sage oder durch eine schändliche Klatscherei Dr. Mörner« getäuscht worden sei. Wie sie aber
" Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZMuftrtrteS SonntagShlatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (efl. Bestellgebühr). — ^tnsertwnSgebuhr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertbeilenbe Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
selben fiel damit ein großer Stein vom Herzen.
Selma fühlte ahnungSvo heran-, daß Gerhard wohl gerade um ihretwillen entfernt sein möge, ohne Zweifel in
päischen Mächte zu Theil geworden. Auch hat man viel leicht die jetzige Jnsurrcctioti nicht für bedeutend genug er- I achtet, um die Einberufung einer Conserenz einer der Haupt 1 mittel diplomatischer Mediation zu motiviren, um so mehr. ' da ohne eine solche, dne Verständigung zwischen den Groß- i Mächten über fast alle eventuellen Streitfragen durch die i heutigen Verkehrsmittel möglich gemacht wird. Dies Pro , jekt hat so wenig Anklang gefunden, daß die französische । Regierung cs vorläufig wieder zurückgezogen hat; es mag übrigens wohl nur in der Absicht vorgebracht worden sein, wenigstens in den Augen der Meng« das ehemalige Prestige Frankreichs wieder einigermaßen zu heben.
Das Falliffement des Dr. Stroußberg nimmt gegen- wärtig d s größte Jntercffe in Anspruch. Es heißt, daß seine Passiva 50 Millionen Mark betragen. Der ConcurS ist nun auch, nachdem sein bisheriger Bevollmächtigter Kittel denselben am 30 Oktober beim Berliner Stadtgericht angemeldet hat, eröffnet worden. Heute, am 1. November, haben die Gläubiger in dem in der Behrenstraße befindlichen Geschäftslokale Stroußbergs eine Versammlung abgehalten. Unterschrieben ist das Cirkular u. A. von der Aktien Gesellschaft Bergwerk „Phönix" in Lahr bei Ruhrort, der Aktiengesellschaft Autonienhütte, den Hagener Gußstahlwerken, I. Pollack, E. Grambow in Berlin, Aktien- gesellschast GutehoffnungShütte. Als Hauptgläubiger figuriren die TiScontogesellfchaft und Meininger Bank, die aber für ihre Forderungen hypothekarische Sicherheit haben. Außerdem find beim Fallissement einige Berliner Bankfirmen be> theiligt, Berlin selbst jedoch im Ganzen nicht stark dabei betroffen. Stroußberg ist in Petersburg wegen von ihm nicht bezahlter Wechsel daselbst in Schuldhaft gebracht worden, die in Rußland noch existirt. Stroußberg ist in Wahrheit nach Rußland gelockt worden, indem ihm die Zahlung weiterer 11/2 Millionen Rubel versprochen wurde; cs bestätigt sich aber nicht, daß Stroußberg seiner Haft in Petersburg entlasten fei. Die russische Botschaft hat sich nur bereit erklärt, in Petersburg die vermittelnden Schritte für die Freilastung Stroußbergs zu thun, falls seine Gläubiger die Deckung der für die fälligen von Strouß- berg nicht bezahlten Wechsel leisten. AuS Oesterreich wird berichtet, daß am 28 und 29. v. M. in Prag in Anwesenheit des Concursmaste Verwalters Tragy und des Strouß- berg'jchcn Anwalts Schäffer Conferenzen im Interesse des
ihn verletzender Form, und eS erschien ihr als eine heilige Verpflichtung ihrerseits, ihn dafür zu entschädigen; er mußte wenigstens erfahren, welche Theilnahmc sie für ihn hegte, wie dieser Bruch mit ihrer Familie sic schmerzte und daß dennoch damit in ihrer Beider Beziehungen keine Aenderung eingetreten sei. Aber fehlten ihr nicht alle Mittel, ihn dies wißen zu lasten? — Sie durste nicht wagen, an ihn zu schreiben, und würde kaum einen Boten gefunden haben, der den Bries sicher besorgte, sie wurde auch, wie ihr nicht entging, jetzt so streng bewacht, daß sie nicht hoffen durste, ihm nur wenige Worte sagen zu (innen. Nach langem Nachdenken kam sie zu dem Resultate, so müffe die Wachsamkeit ihrer Tante zunächst durch ganz unbefangene« We Jen einzuschläfern suchen, um dann je nach der sich ihr bietenden Gelegenheit zu handeln.
In diesem Zwange verlebte sie die nächste Zeit sehr trübe und marterte sich mit jBermuthungen, weßhalb e« Gerhard nicht möglich werden sollte, ihr irgendwie Beruhigung zukommen zu taffen, — aber gewiß war er ganz in demselben Falle wie sie. —
Etwa acht Tage mochten verfiosten sein, al« der Ban- quier ein neue» sogenanntes Brandschreiben seine« ehemaligen Freunde« und Genosten, deS alten Lieutenant» von Stürmer, ungefähr desselben Inhalts, wie da« an feinen Sohn gerichtete, erhielt. Eingedenk des Verlangens und der ernstlichen Ermahnungen seiner Fran, legte er diesen Bries derselben vor.
Frau Helene hatte zu gut über Doktor Mörner triumphirt, um sich durch die Drohungen de« alten Stürmer im Mindesten einschüchtern zu lasten. Sie diklirle ihrem Gatten ein fulminante« Schreiben, in welchem derselbe das unverschämte Gesuch rund abschlug und noch beleidigende Drohungen hinzufügte; Herrn von Weller zitterte die Hand, als er dies niederschreiben mußte, und er warf manch' bittenden Blick auf seine Frau, was dieselbe aber nur noch mehr erbitterte und zu härteren Ausdrücken reizte. Der Brief ging ab.
Wieder drei ober vier Tage später befand sich Herr
Anzeigen nimmt entgegen: dNSxpedMon b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureanx von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meycr in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Anzeigen nimmt entgegen: »je Expedition d. Blatte», sowie die Annonren-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in ztassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; tzaasenstein & Bögler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Eöln it; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
Deutsches Reich.
•# Berlin, 30. Oft.' Nach dm Meldungen au« dem königl. Palais ist da« Befinden Sr. Majestät in einem durchaus erwünschten Gange zur Besterung. ES haben deßhalb bereits Anordnungen über eine eventuelle Reise de« Monarchen nach Sagan und Ohlau getroffen werden können. — AuS der dem Reichstage vorgelegten Uebersicht der ordentlichen Ausgaben und Einnahmen deS deutschen Reiches pro 1874 erhellt, daß diese« Jahr einen Ueberschuß von 48,600,228 Mk. ergeben hat. Von denselben sind, wie bekannt, 16,527,862 Mk. bereit« für den Etat von 1875 verwandt, so daß in den Etat für 1876 noch 32,082,366 Mk. einzustellen bleiben. — Die Thronrede hat in der bestimmtesten Weise ausgesprochen, daß die erste Bedingung für die Wiederkehr besserer Zustände auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs verbürgt werde durch die Erhebung deS Völkerfriedens. Diese Anschauung wird in den weitesten Kreisen gelhcilt und man hegt darin auch die Erwartung, daß sich alle die Unebenheiten im Handelsverkehr verlieren werden, sobald das Vertrauen ausdauernden Frieden sich befestigt hat. — In der ersten Sitzung des Reichstages, welcher bekanntlich heute der erforderlichen Anzahl von 199 Mitgliedern bedeutend zurückgeblieben ist, waren anwesend Nationalliberale 51 von 148, Fortschritt 18 von 36, Centrum 75 von 95, deutsche Reichspartei 21 von 32, Conservative 9 von 29, Polen 14 von 14, Wilde 33 von 42, darunter alle Elsässer und Social- Demokraten. — In dem letzten jetzt erscheinenden Hefte der Statistik des deutschen Reiches wird eine eingehende Zusammenstellung der Eheschließungen, Geburten und Sterbefälle im deutschen Reiche während des Jahres 1873 gegeben. Aus derselben geht hervor, daß im genannten Jahre 416,048 Ehen geschloffen worden sind, wovon auf Preußen 252,567 kommen. Geboren wurden 1,715,132
beschäftigte sich eifrig mit dem Calkul eines großen finanziellen Geschäftes, daS ihm sehr bedeutende Vortheile versprach. Deshalb lächelte er auch so vergnügt vor sich hin und dachte jetzt gewiß an keine andere Unannehmlichkeit, wie sein Privatleben solche häufig mit sich brachte.
Ein junger Schreiber auS den BureauS trat, nachdem er bescheiden an die sich ans den Corridor öffnende Thür geklopft und die Erlaubniß durch den etwas unmuihigen Rus „Herein I" erhalten hatte, ein und meldete mit tiefer Verbeugung, efl sei ein alter Herr da, welcher in wichtigen Angelegenheiten Herrn von Weller zu sprechen wünsche.
„Seine Karte?" fragte der Banquier vornehm.
„Er suchte danach, meinte aber, er habe sie leider ver- gestm."
„Hat er Ihnen keinen Namen genannt?"
„Ich fragte ergebens! danach, und er sagte nur, Sie würden ihn schon kennen, — es handle sich um das bewußte Geschäft."
„Ahl" machte der Banquier mit sich wieder aushei- ternber Miene, denn er dachte an keinen Anderen wie dm fürstlichen Hoimarschall, mit dem vorzüglich er die vorliegende Sache zu verhandel» hatte. „Ein großer alter Herr, militärischen Aussehen«, — nicht wahr?"
„Gewiß, Herr von Weller I"
„Nun, bann bitten Sie ihn, hier einzutretm, sein Be- such wäre mir sehr angenehm."
Der Banquier erhob sich rasch, machte vor bem Spiegel noch einige flüchtige Toileitenverbesterungen und trat dem Kommenden entgegen. Die Thür öffnete sich, der Schreiber schloß sie bescheiden sofort wieder hinter dem Gaste, der so willkommen zu fein schien, und Herr von Weller — stand, wie vom Donner gerührt, dem Oberlieutenant von Stürmer gegenüber; er würde sich kaum vor einer Gespenster - Erscheinung so sehr gefürchtet haben.
Der alle Stürmer besaß eine hohe und breitschulterige Figur, die immer noch etwa« Imposante« hatte, wiewohl da« körperliche Leiden sie ziemlich gebeugt und er sich aus einen Stock stützen mußte; er trug eine sehr anständige bürgerliche Kleidung, aber man erkannte doch leicht den ehemaligen Offizier. Sem Gesicht war ohne Zweifel ein-
von Weller in seinem Arbeilskabinete, da« aber nicht mit den GeschäftSlokalitätm in nächster Verbindung stand, son- bitt-, in der Beletage über jenen, an die Wohnzimmer mal recht schön gewesen, jetzt trug e« aber, neben vielen stoßend, gelegen war. Er saß an seinem Schreibtische und' Runzeln in den scharf markirten Zügen, den Ausdruck eine«