Marburg, Sonntag, 31. October 1875.
Nr. 2S«
x Jahrgang.
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McchtUlht Jritung.
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P.Ntifche WachenMeh erficht.
Die herzlichen Sympathiebeweise der Bevölkerung Jta- lien« für unseren Kaiser haben sich bis Mn Augenblicke, der den Abschied gebot, gesteigert. Der Beifall der deutschen Bürger ist nicht minder warm und die betteffenden Glück- »unschdepeschen der Magistrate beider Hauptstädte gaben darin aufrichtig den Gefühlen beider Länder Ausdruck. Am Montag Nachmittag traf der Kaiser in seiner Hauptstadt wieder rin, empfangen von enthusiastischen Freudenbezeugungen der zahlreich auf dem Anhalter Bahnhofe versammelten Bevölkerung. Leider aber hatte derselbe sich in Bozen eine leichte Erkältung zugezogen, wegen deren er sich bei der Enthüllung deS Stein Denkmale und bei Eröffnung de« Reichstages vertreten lasien mußte. Die Enthüllung deS Stein-DenkmalS vollzog im Namen des Kaisers der Kronprinz deS Reiches und die Eröffnung der Reichstags Session der Präsident des Reichskanzler-Amts, da auch der Reichskanzler durch sein körperliches Befinden einstweilen noch von den Geschäften und von Berlin ferngehalten wird. In der Thronrede blickt die Reichsregierung im Wesent- ltchm nur mit Befriedigung auf die innere und äußere Lage Deutschlands, und nirgends begegnen wir in der Rede einer Stelle, welche etwa auf die Absicht einer neuen Wen düng in der wirthschaftlichen oder anderweiten inneren Po- litik hinzudeuten schiene.
Zur Wiedereröffnung deS österreichischen Reichs rathe« versammelten sich am 19. Oktober beide Häuser. Auf der Tagesordnung des Abgeordnetenhauses erschien die erste Lesung deS Haschel'schen Antrages auf Vereinfachung de« Geschäftsganges bei Erhebung der Steuern. Am Schluffe der ersten Sitzung legte der Finanzminister das Budget für 1876 vor. Die zollpolitische Frage wird in den Clubs lebhaft erörtert, es scheint aber, daß die Schutzzöllner trotz ihrer Rührigkeit nicht zum Zwecke kommen werden. Dagegen gilt die Kündigung der Nachtrags - Convention mit England bereit» als beschloffene Sache. Die Verhandlungen wegen Erneuerung des österreichisch-italienischen Handelsvertrages gelangten am 23. Oktober zu einem günstigen Abschluffe.
Nach der Abreise de« Kaisers aus Italien lebt in aller Munde als geflügeltes Wort der Ausspruch Viktor Emanuel'S: „Ja wir werden immer Freunde bleiben." — In der Nacht vom 18. auf den 19. verschied in Rom der Cardinal VitelleSchi, ein wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und liberalen Gesinnung allgemein beliebter Mann. —- Das italienische Parlament wird am 15. November zu- sammentreten, um sofort nach Berathung des Budgets vertagt zu werden.
In der französisch,en Republik haben die Steuererhebungen der ersten neun Monate dieses Jahre« den Ertrag de« gleichen Zeiträume« von 1874 um volle 100
Millionen überstiegen. DieS ist ein beredtes Zeugniß von der Gelaffenheit der Nation den Parteikämpfen gegenüber, die auch während der Ferien der Nationalversammlung nicht geruht haben und gerade jetzt, wo der 4. November vor der Thür steht, wieder in Hellen Flammen auflvderten. Rouher hat in Ajaccio eine Rede für seinen Prätendenten gehalten, die im Elysöe wie in den Ministerhotels vielleicht weniger als in den liberalen Kreisen Entrüstung hervorge- rufen hat; bann hielt er zum Schluffe noch eine Rede zur Vertheidigung der freihändlerischen Segnungen des zweiten Kaiserreiches. Darauf trat er die Rückreise über Pari« nach Chiselhurst an. Während hier über die Taktik der Bonapartisten die letzten Beschlüsse gefaßt werden sollen, bereitet der Graf von Chambord in ähnlicher Absicht Con- serenzen am Genfer See vor.
Nach langer ParlamentSlosigkeit ist in Spanien wieder einmal eine Zeit der Wahlaufregung eingetreten. Seitdem die amtliche Zeitung das Decret über Aufstellung der Wahllisten veröffentlichte, werden allmählich die Vorbereitungen auf diesen ohne Waffen und hoffentlich auch unblutig zu führenden Feldzug betrieben.
England erfreut sich der ehrenvollen und zufriedenstellenden Beilegung der ch nesischm Angelegenheit. Seine Forderungen sind im vollsten Umfange zugestanden, und wenn bei der Ausführung nicht wieder Schwierigkeiten gemacht und Versprechungen gebrochen werden, kann England demnächst einen glänzenden diplomatischen Erfolg in seinen Jahrbüchern verzeichnen, den es neben der Geschicklichkeit seines Gesandten allerdings auch dem mit großem Nachdruck und großer Einmüthigkeit kundgegebenen nationalen Willen, int Fall der Noth zum Schwerte zu greifen, zu verdanken hat.
Mit den Finanzen Dänemarks ist es gut bestellt. Im letzten Rechnungsabschluß hat sich ergeben, daß 53,656,730 Kronen (7,680,000 mehr als veranschlagt) eingenommen und 46,083,841 Kronen (1,230,000 weniger als bewilligt) auSgegcbcn worden sind, daß ferner die ganze Anleihe von 1864 nunmehr vollständig getilgt ist, daß die gesammte Staatsschuld nur noch 185,830,000 Kronen (wovon nur 26,790,000 Kronen an ausländische Gläubiger) beträgt, und daß diesem Passivum 65V2 Mill. Staats-Activa und 63V2 Mill., die in den Staatseisenbahnen angelegt sind, gegenüberstehen.
Der Kaiser von Rußland hat seinen Botschafter bei der Pforte nach der Krim berufen; dagegen hat sich der Kriegs Minister Miljutin, der beim Kaiser in Livadia war, nach Deutschland begeben, um seine dort erkrankte Tochter zu besuchen und nach Petersburg heimzugeleiten. Ein aus Odessa gebürtiger Fahnenjunker Freymann ist, obschon Jöraelit, vom Kaiser zum Offizier in der Armee ernannt worden: der erste Fall dieser Art.
In Griechenland ist KommunduroS, den die De- putirtenkammer zum Zeugniß allseitigen Vertrauens mit 136 gegen nur 17 Stimmen zu ihrem Präsidenten erwählt hatte, vom Könige beauftragt worden, ein neues Ministerium zu bilden, was ihm auch gelungen ist.
Die türkischen Reformen gewähren aus dem Papier im allgemeinen Aufriß einen sehr freundlichen Anblick; wie sie in der wirklichen Ausführung aussehen werden, darüber kann man sich höchstens Vermuthungen erlauben. Den in Barbarei halb versunkenen Völkern werden die heiligsten Grundrechte der Menschheit und die schönsten Segnungen der Cultur in Aussicht gestellt und mit den eigenhändigen Unterschriften des Sultans und seines GrvßvezierS verbürgt, aber es kommt vielleicht Alles doch ganz anders oder es bleibt eben beim Alten.
Aegypten hatte die Ehre, den Prinzen von WaleS auf seiner Reise nach Indien einige Tage zu beherbergen. Am 23. traf der Thronfolger von Großbritannien, Irland und Indien in Port Said ein, wo ihn der Erbprinz be» willkommte, und begab sich sofort nach Kairo, wo der Khedive selber ihn am Bahnhof empfing.
D-ulfcheS «eich.
— Berlin, 29. Oktober. Die heute dem Reichstage zugegangene „Uebersicht der Ausgaben und Einnahmen des deutschen Reiches mit dem Nachweise der EtatSüberschreitun- gen und der außeretatSmäßigen Ausgaben des ordentlichen Haushalts pro 1874" zeigt in den Pensionsfonds der deutschen HeereScontingente Etatsüberschreitungen von inS- gefammt 740,000 M., die theilweise aus der Entlaffung untüchtiger Offiziere sich erklärt. Von den zur Verdefferung der UnteroffizierSgehälter bestimmten Fonds wurden dagegen im genannten Jahre allein in Preußen 210,000 M. erspart, wahrscheinlich in Folge deS außergewöhnlich zahlreichen Austrittes von Unteroffizieren aus dem Dienst. Vielleicht wird bei den jetzt beabsichtigten Aenderungen auch dieser Eventualität noch vorgebeugt werden. — lieber die bei dem BundeSrath beantragte Vermehrung der Reichskassenscheine kann ich Ihnen melden: Von den 120 Mill. Mark ReichS- kaffenscheimn, zu deren Anfertigung und Ausgabe der Reichskanzler durch das Gesetz vom 30. April 1874 in Abschnitten von 5, 20 und 50 Mark ermächtigt ist, haben die einzelnen Bundesstaaten an Stelle des einzuziehenden Papiergeldes entsprechende Beträge zu erhalten. Da der Bedarf an ReichSkassenfcheinen, je näher der 1. Januar 1876 heran- rückt, um so dringender wird, und die Anfertigung der 5 Mark-Noten, welche nach den bisherigen Bestimmungen überwiegen sollten, nicht rasch genug vor sich geht, um den Einzelstaaten Zahlung zu leisten, so ist der Bundesrath angegangen worden, seine Zustimmung dazu zu geben, daß vorläufig und behufs Beschleunigung der Ausgabe an Stelle
Auge um Auge, Zahn um Iah«.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung.)
Diese vielfachen Beschäftigungen, in welche für ihn nur bk Sehnsucht störend eingriff, mit Selma wieder in Ver binbung zu treten, nahmen ihn so vollständig in Anspruch, baß er Alfred nicht einmal aussuchen konnte, und sonderbarer Weise kam derselbe auch nicht zu ihm. Dies lag nut daran, daß Alfred sich ndch immer nicht klar darüber war, inwieweit er die durch die Mittheilungen des Majors gemachte Entdeckung seinem Freunde eröffnen dürfte; er wußte auch noch nicht einmal Etwas von dem, was Gerhard in den letzten Tagen zugestoßen war; so lieb er ihn hatte, scheute er sich jetzt doch eigentlich ein bischen, mit ihm zusammenzutreffen.
Sehen wir indcffen, waS im Weller'schen Hause vor gegangen war und noch vorging.
Wa« für Frau Helene nach der heftigen Unterhaltung mit Dr. Mörner, sobald sie sich doch dm Sieg über ihn gesichert hatte, am Verletzendsten blieb, war die Überzeugung, die sie schon längst hätte gewinnen sollen, daß sie mit all' ihrer Liebenswürdigkeit keinen besonders tiefen Ein druck auf Gerhard gemacht habe; ober wie es so oft in dieser Beziehung eitlen Frauen geht, die Bugen mußte» ihr erst von anderer Seite rücksichtslos geöffnet werden. Die Leidenschaft, die sie ein so unpassende» und gefährliches Spiel wagen liefe, hatte sie auch über dm Erfolg desselben verblendet und sich immer noch mit Hoffnungen genährt, die nun plötzlich in Nichts zurückjankm, als ihnen der schwankende Boden gewaltsam entzogen mürbe.
Man wird sich erinnern, daß schon früher eine Art von Eifersucht auf Selma gefallm war, zu der noch ein anderer Grund der Bcfotgniß kam, daß die beiden jungen
Leute sich zu sehr nähern möchten; indessen war sie noch immer entfernt davon geblieben, etwas Schlimmes zu befürchten. Nun hatte ihr Dr. Mörner dies nicht allein recht klar vor die Augen gestellt, sondern auch förmlich ihre Leidenschaft für Gerhard verspottet und ihr selbst lächerlich gemacht; dies wollte sie nicht auf sich selbst nehmen, sondern der junge Arzt mußte die Schuld dafür tragen; warum war er ihr auch nicht bereitwilliger entgegengekommen? — Ihre Neigung zu ihm verkehrte sich auf einmal in Haß und Rachegefühl, und sie wollte sich feiner nun um so schneller entledigen, weil sie wohl fühlte, daß Mörner auch ein Recht gehabt hatte, dies zu verlangen.
Bei ihrem Gatten bedurfte es behufs dieses gewiß etwas auffälligen Schrittes nicht einer langen Vorführung von Gründen; er war sehr erfreut über den Entschluß seiner Frau, und wagte nicht einmal, sie daran zu erinnern, daß er gleich anfänglich gegen die Einführung Gerhard's gewesen sei. Er handelte nur gänzlich nach ihrer Vorschrift.
Vorläufig hielt sie eS für das Beste, Selma gar nichts über diese Angelegenheit mitzutheilen; sie war begierig zu beobachten, ob und wie das junge Mädchen den Doktor eermiffen und wie sie sich dann nach seinem Ausbleiben erkundigen würde.
In den ersten Tagen blieb Selma auch ganz arglo«; e« war schon öfter vorgekommen, daß sie Gerhard während einiger Zeit nicht gesehen hatte, wenn ihn ärztliche Geschäfte überhäuften oder sie in der Villa nicht anwesend war, roic' wohl er danach gern feine Besuche einzurichten pflegte. Es mußte ihr nun aber doch bald auffallen, daß zwischen Herrn und Frau von Weller kein Wort von ihm gesprochen wurde, uns sie fühlte sich dadurch beunruhigt. Gern wäre sie aus- gegangm, wie es früher zuweilen geschah, um ihm „zufällig" ja begegnen, aber die Tante liefe sie in auffälliger Weise gar nicht mehr von ihrer Seite, und deren scharfe Beob
achtung konnte ihr auch nicht vollständig entgehen. Auch Dr. Mörner kam nur selten und schien bann immer eigm- thürnlich verstimmt.
ES mußte etwas Besonderes vorgefallen sein, und kein Wunder, daß Selma dies vorzüglich nur mit Gerhard in Verbindung bringen wollte. Am meisten fürchtete sie, daß er erkrankt oder daß ihm irgend ein anderer Unfall 'zuge- stoßen sei.
Endlich konnte sie das Schweigen nicht mehr über da« Herz bringen und fragte die Tante möglichst gleichgültig warum sich der Dr. Stürmer gar nicht mehr sehen lasse; die leichte, in ihre Wangen steigende Röche verrieth dennoch da» Interesse, das sie daran nahm, und genügte, Frau Helme zu überzeugen, daß Dr. Mörner doch wohl schärfer gesehen haben müsse, wie fie bisher. Bon diesem Momente an war für Gerhard jede Aussicht verschwunden, jemals wieder in Gnaden in da« Weller'fche Haus ausgenommen
werden.(Forts, folgt.)
Charade.
Eins siehst du auf hohem Meere:
Die Woge zeigt seine Gestalt;
Du siehsts au der Schwalben Heere, Am Rauch, der aufwärts wallt.
Gar fein umwebt dem Kinde
Mein Z w e i t e s das »arte Haupt; -,v
Dem Mädchen flattert’« im Winde, Dem Greis ist's leider geraubt.
Das Ganze, — ein Name ists, eigen _ .-i> Dem traftigften Jubilar, Der führet wacker den Reigen Bon Themis geweihter Schar.
Ein leises Vorgeläute
Am Abend heut ertlingt:
Willkommen 0 Fest der Freude, Das Jubelhymnen bringt! —