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Sir. SSO.

Marburg, Dienstag, 26, October 1875.

X. Mrgaug.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spxditio« d. Blatte», sowie die Annon»en-Bureanr von 52). Dietrich & Co. in Saffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Bcrlm, Leip­zig Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

®brrl)r|Tifd)r Irtlung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daube & '6o. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustvtrteS SoimtasSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2!, Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf». <exl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

die Kronprinzessin, die Herzogin von Genua, die Prinzen

chaft des europäischen Friedens genannt habe. Der offt- j ciöse Pariser Moniteur sagt über den Toast des deutschen Kaisers in Mailanv:Die Worte deS Kaisers werden in der politischen und officiellen Welt als die befriedigende Erklärung und als genauer Ausdruck der gegenwärtigen Gesinnungen des Berliner CabinetS betrachtet, was alle Friedensfreunde beruhigen muß."

Aus Mailand gehen uns noch folgende Details über die Festlichkeiten zu: Die Tafel zu dem Galadiner war in Hufeisenform errichtet, und ver Saal strahlte unter einem Licht von 800 Kerzen, 5 Kandelabern und 8 Kronleuchtern. Der Kaiser hatte zu seiner Linken den König von Italien, die Herzogin von Genua, den Prinzen Humbert, Gouterra Gattinara, Graf Moltke, Marchesa Frotti, Geh. Rath v. Bülow, Contessa Sonaglia, General Cialdini u. s. w.; und zur Rechten die Kronprinzessin Margherita, den Her­zog von Aosta, Marchesa Moutarens, den Herzog von Genua, Prinzessin Lyna, Graf Pickler, Marchesa Tacoulzio, Graf v. d. Goltz u. s. w.; dem Kaiser gegenüber an der anderen Seite der Tafel befanden sich der Minister des königlichen Hauses, Visone, Menabrea, Herr v. Keudell, Minghetti, General v. Albedyll, Biancheri, Dr. v. Lauer, Graf Her­bert v. Bismarck u. A.; der deutsche Generalkonsul Mack war Ebenfalls an der Tafel. Der Kaiser hatte vor dem Diner die deutsche Deputation auf das gnädigste empfangen und sich längere Zeit mit ihr huldvoll unterhalten. Seinen freundlichen Dankesworten fügte er hinzu, daß eS nur einem Mißverständnisie zuzuschreiben sei, wen» bei der Ankunft der Wagen nicht an der Tribüne gehalten, so daß die junge Dame (Frl. Ohly, Tochter eines der Mitglieder der De­putation), die ihm das Bouquet überreichen sollte, dem Wagen einige Schritte habe folgen müsien. Der Kaiser, schnell nach den Blumen greifend, hatte das Taschentuch der jungen Dame mitgenommen. Dann fuhr der Kaiser in heiterem und scherzhaften Tone fort:Nun, meine Herren, ich kann mir wohl denken, daß Sie nicht zum Vergnügen hier sind. Wie gehen denn die Geschäfte?," und, sich zum ersten Banquier von Mailand, Herrn Mylius, wendend: Sie brauche ich wohl nicht erst darnach zu fragen." Der glänzende Zug Abends vom Schlöffe nach dem Theater, zur Galavorstellung, war in folgender Weise zusammenge­setzt: Vier Corarzzieri in Paradeuniform, zwei schön bc rittene Vorreiter in reicher Livree, nach einem Zwischenraum eine bedeckte Victoria-Chaise, mit zwei anderen Vorreitern; in dieser befanden sich Kaiser Wilhelm und der König Victor, Emanuel; in zwei anderen größeren Equipagen folgten dann

zurück.

Die Frage über die Authenticilät deS von dem Minister von Lutz angezogenen Senestry'schen Wahlerlasses wird so schreibt die in München erscheinendeSüdd. Preffe" in den hiesigen politischen Kreisen sehr lebhaft debattirt. Unter den klerikalen Abgeordneten circulirt ein gedruckter offener Brief" des Herrn Bischofs an den Minister, in welchem er hinsichtlich jener Behauptung die Zurücknahme oder den Beweis fordert.Wir glauben" schreibt das genannte Blattunmaßgeblich, daß der Herr Minister sich auf diese» Dilemma nicht einzulaffen braucht. Wenn er seinen Beweis nicht führen kann, ohne seine Quelle anzugeden, so ist er zur Verweigerung jener Auskunft moralisch verpflichtet, denn die bekannte Meute würde den betreffenden Unglücklichen tobt hetzen. In diesem Falle würde lediglich Mann gegen Mann, Aussage gegen Aus sage stehen, und es läge dann in dem Gefühl und Urtheil eine» Jeden, wenn er lieber glauben will, dem Minister v. Lutz ober bem Bischof v. Senestrey."

Die hochofficiöse Wiener Abendpost bezeichnet die Trink­sprüche, welche in Mailand zwischen den beiden Monarchen von Deutschland und Italien gewechselt wurden, alspo iftljche Kundgebungen von hervorragender Bedeutung", ......T.----- ---------

beten erhöhter Werth bann bestehen, baß Kaiser Wilhelm des königlichen Hauses, und hinter ihnen zahlreiche Wagen die deutsch-italienischen Sympathieen eine bleibende Bürg- > mit Graf Moltke und dem ganzen übrigen Gefolge. Die

aus dieOberhesftsche

, v ZeitMlA" für die Monate November und December werden von allen Post­anstalten entgegenommen.

Auf Verlangen werden neu zugehenden Abonnen­ten die Nrn. 43 und 44 desJllustrirten Sonntagsblattes," in denen eine höchst interessante Erzählung von Karl Neumann- Strela

Die Huelle von Wolkenstein begonnen hat, gratis nachgeliefert.

Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Tagesbericht.

Die vor einiger Zeit in der Presse besprochene Frage üb» die Beschäftigung der Schüler höherer Lehranstalten mit häuslichen Arbeiten hat seitens deS Cultusministers einen Erlaß hervorgerufen, worüber wir bereits in voriger Nr. berichteten. DieNat.-Ztg." führt jene Verfügung auf die Thätigkeit deS neuerdings in das CultuSmimstermm eingetretenen früheren Gymnasial - DirectorS Dr. Bonitz

Versammlung im Theater war ebenso zahlreich als glänzend, und als die Equipagen angelangt, war der außen brausende Beifallssturm so groß, daß er bis in'S Theater drang, als aber die Monarchen, der Kaiser zuerst, in die Loge traten, brach ein nie gesehener Jubel aus, der das Theater er­schütterte, und bei weitem daS 80 Mann starke, die preu­ßische Nationalhymne spielende Orchester übertönte. Der Kaiser, der nicht nur erfreut, sondern fast bewegt erschien, verneigte sich dreimal nach allen Seiten. Die Prinzen und Prinzessinnen waren in derselben Loge mit dem Kaiser. DaS gejammte Chorpersvnal in großer Toilette intonkte Spontinis Borussiahymne, der aber ein auf die Feierlichkeit bezüglicher Text untergelegt war; er beginnt mit den Worten:Wer ist der Große? Mit Adlerflug, ein Löwenherz Auf unserem Boden! Ein edler Ruf führt ihn zu uns; ES ist dein Fürst Borussia!" Nun brach der stürmische Jubel aufs Neue auS, und der Kaiser, auf den diese gewaltige Ovation einen sichtlichen Eindruck machte, erhob sich, sich noch einmal nach drei Seiten verbeugend. AIS gegen V2I2 Uhr der Kaiser mit einer diesmal tiefen Verbeugung, von allen fürstlichen Personen gefolgt, das Theater verließ, schien eS, als ob der Jubelruf der Zuschauer mit dem der außen harrenden Menge sich in ein einziges Freudejauchzen zu­sammen geschmolzen. Daß der Hofball über alle Begriffe prachtvoll gewesen, bedarf keiner Erwähnung; der Kaiser hatte die Kronprinzessin Margherita am Arm, mit welcher er sich auch vorzugsweise unterhielt. In Como waren bereits große Vorbereitungen zum Empfange der Monarchen gemacht, der Ausflug dahin ist aber durch daS eingetretene sehr schlechte Wetter verhindert worden, welche» den im Freien stattfindenden Festlichkeiten zwar im allgemeinen nicht günstig ist, dem Andrang der begeisterten Menge aber nicht Abbruch thut. Der Kaiser hat den Prinzen Amadeus und Thomas den schwarzen Adlerorden verliehen; denselben Orden dem General Cialdini. Minghetti hat die Büste deS Kaisers und Visconti Venosta fein Bildniß, und der militärische Hofstaat des Kaisers Ordensverleihungen er­halten. General Petitti hat einen Tagesbefehl an die Truppen erlassen, in dem er ihnen die große Zufriedenheit des Kaisers mit ihrer Haltung bei der Promenade ausdrückt. Heute (Freitag 22.) hat der Kaiser des schlechten Wetters halber das Schloß gar nicht verlassen. Nach den bis jetzt ge­troffenen Dispositionen tritt der Kaiser Sonnabend Vor­mittag 11 Uhr die Rückreise an, trifft um 3 Uhr 48 Min. in Ala, Abends 6 Uhr in Botzen ein, wo das Nachtlager im Victoria Hotel befohlen ist. Um 8 Uhr Morgens Ab­reise, um 2V2 Uhr Dejeuner in Kufstein, um 5Vz Uhr Diner in Salzburg im Hotel del'Europe. Um 7 Uhr Ab­reise, um 11 Uhr Abends kurzer Aufenthalt in Passau und

Äuge um Auge, Zahn um Zahn.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.

(Fortsetzung.)

Frau Helene ging bald noch entschiedener zu Werke. Nachdem eines Abends Selma mit Gerhard von Stürmer länger und angelegentlicher conversirt hatte wie sonst, was indessen keinem Anderen ftgendwie ausgefallen war, wurde da« junge Mädchen am nächsten Vormittage in ein fast peinliches Verhör genommen. Nach manchen Umschweifen, die darauf hinzielten, Selma zu erinnern, daß sie ihren Adop­tiveltern großen Dank und damit auch unbedingten Gehör sam schuldig sei, warnte die Tante geradezu vor einem freundschaftlicheren Verkehre mit dem Doctor, weil derselbe leicht zu Gerüchten Anlaß geben könnte, welche Selma's Person und ihrer Familie ein für alle Mal fernbleiben müßten.

ES ist ein ehrenwerther und nicht unliebenSwürdiger junger Mann," meinte sie,an dessen Charakter ich durch­aus Nichts auSznsetzen habe, den ich sogar Hochschätze, aber eS wäre unrecht, Hoffnungen in ihm zu erwecken, die sich doch nimmer erfüllen können. Stürmer besitzt keinen Groschen Vermögen und nimmt bisher nur eine abhängige Lebensstellung ein; es ist nicht unmöglich daß er in seinem Berufe Saniere macht, aber vorläufig kann davon noch keine Rede sein. Wenn sich der junge Mann kühne Hirn- gespinnste machen sollte, so darf er darin doch von keiner Seite unterstützt werden, am allerwenigsten von der Dei­nigen, die doch viel höhere Ansprüche machen darf als auf die Hand eines jungen Arzte» ohne gewisse Aussichten. Ich bin überzeugt, daß Du nie im Ernste daran gedacht hast, wie gefährlich die Begünstigung einer solchen Einbil­dung auf seiner Seite werden könnte; umsomehr empfehle ich Dir Vorsicht und Zurückhaltung an." *

Selma war anfänglich so bestürzt über diese Aeuße- rungen, daß sie kein Wort der Entgegnung darauf zu fin­den vermochte; das Wahrheitögefühl in ihr sträubte sich

dagegen, ihre Beziehungen zu Gerhard geradezu abzuleug­nen, und eben so wenig fand sie den Muth, dieselben offen zu gestehen. Sie stammelte daher glühend erröthend, nur einige Worte deS Inhalts, daß sie nicht wiffe, durch ihr Benehmen der Tante Veranlaffung zu einer solchen Ver­warnung gegeben zu haben.

Es ist mir lieb, mein Kind, daß Du Dich in dieser Weise aussprichst," meinte Frau Helene rasch,und ich hatte auch nichts Anderes erwartet. Eine Thorheit kannst Du nicht begehen, das weiß ich wohl, und ich sprach mehr im Interesse Dr. Stürmers; wir sind ihm Dank genug schuldig, um ihm eine bittere Täuschung und Demüthigung zu ersparen, wenn er sich unbesonnenen Hoffnungen hingeben sollte, und solche müßten nothwen- digerweise erfolgen, wenn er jenen gegen Deinen Onkel oder mich Ausdruck zu geben versuchte. Sprechen wir nun aber nicht mehr von dieser peinlichen Angelegenheit; wir haben uns ja gegenseitig vollkommen verstanden." i£; Selma schwieg ; was hätte sie auch erroiebetn sollen, ohne damit, der größten Wahrscheinlichkeit na», zu be wirken, daß Gerhard der Zuttitt in das Wellersche Haus gänzlich verschloffen wurde? Noch war fie abhänig von ihren Pflegeeltern und mehr noch Gerhard von den Ver­hältnissen, unter denen er jetzt seinen Beruf ausübte; seine Praxis, seine ganze Existenz waren sicher bedroht, wenn die WellcrS und Dr. Mörner jetzt schon ihre Hand von ihm abzogen; eS gehört für einen jungen Arzt Zeit dazu, einen sicheren Boden zu gewinnen, auf dem er säen und ernten kann.

IV.

Der Winter war wieder vorübergegangen und ein herr­licher Frühling übet Land und Stadt gekommen, auf welche letztere er freilich nicht allzusehr einzuwirken schien. Frau Helene sehnte sich früher wie sonst nach ihrer Villa hinaus, wo sie allerdings für ihre immer noch leidende Gesundheit

mehr Stärkung finden konnte, und der Umzug wurde rasch bewerkstelligt; ihr Gatte und Selma blieben wieder unter den schon früher erwähnten Verhältnissen in der Stadt zurück.

Im Allgemeinen hatte sich überhaupt Nichts in der Wellerschen Familie geändert, ebenso wenig in den Be­ziehungen Gerhards zu ihr; dagegen stand er persönlich jetzt schon auf einem merklich anderen Fuße wie vor einem halben Jahre noch. Man hatte überall, wo er in seinem Berufe auftrat, den jungen Arzt schätzen gelernt; war sein wirkliches Verdienst ober baö ihm zur Seite stehende Glück, seine Kuren halten fast immer den besten Erfolg und er genoß schon des vortheilhaftesten ärztlichen Rufes; sein ernstes, bestimmtes und doch so bescheidenes Wesen gewann ihm viele Freunde und Verehrer, die ihm unbe­grenztes Vertrauen in Krankheitsfällen zutrugen.

Doctor Mörner, dem dies nicht verborgen bleiben konnte, sah es offenbar nicht gerne; er mußte für feinen eigenen Einfluß und die Ergiebigkeit seiner Praxis fürchten, denn schon hatten mehrere angesehene Familien in *** versucht, Stürmer als unabhängigen Hausarzt für sich zu engagiren, und nur das Gefühl der Dankbarkeit für Mörner hielt denselben zurück, solche Anerbietungen anzunehmen und süh von seinem alten Schutzpatron zu trennen.

Doctor Mörner erkannte diesen Edelmulh, wenn wir so sagen sollen, indeffen nicht an; er war besorgt und neivisch geworben und suchte Gerhard umsomehr von sich abhängig zu machen; kamen bei den Consultationen häufig Zwiste vor, und Gerhard war eS schon herzlich satt gewor­den, sich von dem Manne meistern und in seinen gewissen­haften Entschließungen hindern zu laffen, deffen Unwissen­heit und Anmaßung er immer deutlicher erkannte; dennoch bewahrte er im Aevßeren die Achtung vor ihm.

Auch sein Freund Alfred Wiesener drängte ihn, sich ganz von Doctor Mörner loszusagen, begriff aber auch wieder, weshalb sich dies nicht so leicht aussührrn ließ;