Hr. SSO
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Jllarßurg, Sonntag, 24. October 1875.
X. Jahrgang.
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Iie Ouesse von Wolkenstein begonnen hat, gratis nachgeliefert.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Pitttifche W-chtu-Ukdcrsicht.
Zm Bordergrundr bei polilischen JntereffeS — nicht Hoi für Deutschland und Italien — steht dai gegenwärtige Zusammensein unserei Kaisers Wilhelm mit dem Kö nige Victor Emanuel in Mailand. Diese Zusammenkunft wird ali ein Weltgeschichtlichei Ereigniß betrachtet. Allseitig wird nur bedauert, dah der Rath seines Arztes es dem Reichskanzler nicht gestattet hat, als der bedeutendste Träger jener großen weltgeschichtlichen Wendung zugleich mit dem Grasen Moltke an der Seite des Kaisers in Mailand mit anwesend zu sein; statt seiner vertritt Graf Bülow das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches. — Die baierische Abgeordnetenkammer hat am Donnerstag voriger Woche die Jörg'sch« Anklage - Adreste gegen das Ministerium mit 79 gegen 76 Stimmen angenommen; die Minister haben in Folge besten solibarisch dem Könige Ihre Entlastung angr- boten. Der König aber hat in seiner am Mittwoch im Mirüsterrathe bekanntgegebenen Antwort das Entkastungs- gesuch der Minister abgelehnt und denselben seine allerhöchste Zufriedenheit über ihre bisherige Geschäftsführung ausgesprochen. Zugleich hat derselbe den Empfang der Adreß Deputation und die Entgegennahme der Adreffe verweigert und die Vertagung der Kammer ausgesprochen. An demselben Tage, an welchem die baierische Kammer die reichsfeindliche Adreste annahm, eröffnete König Albrecht den sächsischen Landtag mit einer Thronrede, die einen Ton der Reichitreue und Reichsfreundlichkeit anschlägt, welcher überall in nationalgestnnten Kreisen einen guten Eindruck gemacht hat.
Die erste Session der österreichisch.ungarischen Delegationen wurde in Wien am 17. Oktober mit dem schönsten Danke des Kaisers für die Opsersreudigkeit bei
Auge «m «ttfit, Zahlt »« Zahn.
Origmal-RoveUe von Stanislaus Graf Grabowski. (Fortsetzung).
Frau Helene schlief jetzt ruhig und fest, und Gerhard bat das junge Mädchen, um demselben Auskunft geben zu könum und Jene nicht zu stören, ihn in das anstoßende Zimmer zu begleiten. Dort sagte er ihr, daß nun für ihre Tante nichts mehr zu besürchteu sei, aber dabei sah er so trübe aus, daß sie ihm kaum Glauben schenken und nicht umhin konnte, nach dem Grunde zu fragen.
In seiner Verlegenheit und gedrängt von übervollem Herzen antwortete er, in der Einsamkeit der Nacht seien ihm viele beunruhigende Gedanke» durch den Kopf gegangen. Selma forschte in aufrichtiger Theilnahme weiter, ein Wort gab da« andere, und Gerhard gestand endlich, er habe sich auch sehr viel mit ihr beschäftigt.
Damit konnte diese Erklärung dem tief erglühenden Mädchen gegenüber aber noch nicht abgeschlossen sein; er mußte begreifen, daß er ihr noch eine weitere schuldig war, und nun konnte die volle Wahrheit nur noch aus seinem aufrichtigen Herzen sprechen. Er sagte ihr, von dem Feuer seiner Leidenschaft immer weiter hingerissen, welchen @uv druck sie bei ihrem ersten Zusammentreffen schon auf ihn gemacht und wie derselbe sich bei ihrem weiteren Verkehre verstärkt und ihn mit den heiligsten Empfindungen nicht allein der Verehrung, sondern auch der Liebe erfüllt habe, die ihm doch so hoffnungslos erscheine, und als sie ihm nur mit stummem, thränenumflorten Blicke antwortete, der ebensowohl die gleiche Besorgniß wie die herzliche Erwiderung des ihr zugetrageneu Gefühl« anSdrückte, da wallte sein erhitztes Blut vollständig über und er beschwor fie auf den Knieen, ihm zu sagen, daß fie dereinst die Seine fein wolle, damit er mit allen seinen Kräften diesem Ziele zu streben dürfe.
Die übermächtige Liebe sprach aus Selma'S ganzem Wesen; ihr Herz schloß mit dem feinigen, allen im Wege liegenden Hiuderniffen zum Trotze, einen heiligen Bund jßr ewige Zeit, und Worte, wie st« die glückliche, in holder
den Bewilligungen für das Kriegsbudget geschloffen. Schmer fing, der sich gern in Erinnerung bringt, benutzte die Ge legenheik, um an die allgemeine europäische Abrüstung zu mahnen. Am 18. Oktober begann in Pest die schon längst vorbereitete Cabinetsveränderung: Wcnckheim gab das Präsidium des Cabinets ab und Tisza rückte an seine Stelle als Minister-Präsident unter Beibehaltung des Portefeuilles für das Innere ein; im Uebrigen bleibt Alles beim Alten, nur daß Tisza's Politik jetzt noch schärfer hervortrcten dürste. Ungarn macht eine glänzende Weinernte; das wird die Erhebung der Steuern im nächsten Jahre erleichtern.
Kaiser Wilhelm ist am Nachmittage des 18. Oktober in bester Gesundheit in Mailand eingetroffen, nachdem er in Ala von dem General Cialdini und dem Baron von Keudell begrüßt worben war unb in Verona eine Deputation ber Deutschen von Venedig empfangen hatte. Am Abend desselben Tages fand eine prachtvolle Illumination des Domes unb des königlichen Palastes statt. Es folgte am 19. eine wohlgelungene Parade von 20,000 Mann Elitetruppen, zu welcher sich über 100,000 Zuschauer ein« gesunden hatten. Se. Majestät nahm an demselben Tage Abreffen ber Deutschen von Genua und Mailand entgegen. Sodann begab man sich zu einer großen Galatafel, bei welcher Kaiser Wilhelm unb König Victor Emanuel in beiderseitigen Toasten die Verbrüderung ihres Volkes als die beste Garantie des Friedens hervorhoben und bie Hoffnung auSbrückien, baß bie gegenwärtige Freunbschaft in beftänbig unverminderter Geltung bleiben möchte. Die Gala- Vorstellung im Scala - Theater gab Veranlassung zu einer begeisterten Demonstration. Am 20. Oktober sollte die große Jagd in Monza statlfinden. Die hohen Herrschaften be gaben sich auch dorthin; des regnerischen Wetters wegen beschloß man aber, diese auf den 21. zu vertagen. Nach Mailand zurückgekehrt nahm Se. Majestät eine Adresse der italienischen Waldenser entgegen, welche den Deutschen Kaiser als den Schutzhort des Protestantismus verehren. Am Abend folgte wieder eine Gala-Vorstellung im Scala Theater. In einem Briefe an die Kaiserin Augusta hat Kaiser Wilhelm seine große Freude über den ihm zu Mailand gewordenen unbeschreiblichen Empfang ausgesprochen. Sehnliches habe er in seinem Leben nicht gesehen; vor Allem aber müsse er ber unvergleichlichen LiebenSwürbigkeit bes Königs Victor Emanuel gedenken. Auch ber beutsche Kronprinz und bie Kronprinzessin richteten Telegramme an ben Kaiser, sowie König Victor Emanuel an unseren Kronprinzen. Der Volks- EnihusiasmuS in allen von unserem Kaiser berührten Orten ist ein außerordentlicher. Die Zeitungen aller Parteifarben
preisen in täglichen Leitartikeln die Verbrüderung Italiens und Deutschlands.
Noch immer sind die Tischreden in Frankreich obenauf. Jules Simon sprach bei Krönung der Roscnjungfer in Puteaux von ber Volksschule unb für unentgeltlichen obligatorischen Unterricht; der Kriegsminister in Rennes bei bem Festschmause zu Ehren beS neuen Carbinals von den Segnungen deS Friedens unb von ben Verbiensten beS Papstes unb beS Präsidenten ber Republik; Thiers hielt bei einem Frühstück in Arcachon am letzten Sonntag eine „Manifestrebe", worin er seine alten Ideen wieder auf» wärmte, bie Unmöglichkeit ber Monarchie im jetzigen Frankreich, bie Nothwendigkeit ber Republik behauptete und ben Einwand widerlegte, die Republik werde Frankreich in Europa ifcliren: ThierS ist der Ansicht, daß das Zeitalter der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten da fei unb die Cabinette mit jeder festen konservativen Regierung Frankreichs zufrieden sein würden. Die Rede hat im Elysse keinen guten Eindruck gemacht und Buffet hat bereits in seinen Blättern daS Plänklerfeuer gegen Thiers eröffnet.
Der General Delatre hat, wie er nach Madrid meldet, den Rest ber carlistischen Danben unter Paraiso gänzlich geschlagen, so daß dieselben in voller Auflösung durch die Grenzgebirge von Aragonien und Katalonien irren. Wie Saballs, ist auch GamuNdi nach Frankreich überge- treten; eine Anzahl anderer namhafter Generäle — außer Dorregaray, welcher selbst eine kriegsgerichtliche Untersuchung wegen seines Verfahrens als Oberbefehlshaber der CeutrumSarmee verlangt hat, seien noch Menbiri, VeluSco unb Mvgrvviegv genannt — stnb von Don Carlos ihrer Posten enthoben, einige auch verhaftet worben. Indessen warten die Regierungstruppen noch immer zu; geschehen ist auf dem Kriegsschauplätze in Navarra seit langet Zeit nichts.
Die brennende Frage des Augenblicks für England, fein Streit mit China, scheint sich gütlich erledigen zu wollen. China hat seinen früheren nebensächlichen Zugeständnissen nun auch diejenigen folgen laffen, auf die es ankommt. In der amtlichen Zeitung ist ein Erlaß erschienen, welcher, wie es scheint, in positiver urb betaiUirter Art sich über bas Recht bet Fremben, in China zu reisen, auSläßt unb die Behörden anweist, sich nach den Verträgen zu richten.
Der König von Dänemark, Gemahlin und Tochter (Thyra) haben sich auf bie Reise nach Englanb gemacht, wo fie bis Anfang December verweilen wollen, um bann mit bet Prinzessin von Wales nach Kopenhagen zutückzukehten.
Scham erglühende Jungsrau nur sprechen konnte, besiegel- ten denselben. Es war ein glücklich liebendes Paar, das für den Augenblick alle äußeren Verhältniffe und gesellschaftliche Convenienz vergessen hatte. Daß der Doctvr Nichts von Dem erwähnte, was et heute au« dem Munde der Fieberkranken vernommen unb waS ihm selbst ja auch noch so vollständig tä hselhaft geblieben war, dürfte sich von selbst verstehen, auch wagte Selma ebensowenig die bangt, ihr fast schon zur Gewißheit geworbene Vermuthung zu berühren, baß ihre Tante ihr um seinetwillen eine Art Eifersucht gutrage, wie hätte sie dieses Geständniß nur über ihre keuschen Lippen bringen sollen? —
Aber sie verhehlte ihm nicht bie Schwierigkeiten, die sich ihrer Beider Wünsche durch den Geldstolz ihrer Angehörigen entgegenstellen würden, daß fie in materieller Beziehung ganz von denselben abhängig sei und daß eS dem- nach jedenfalls einer sorgfältigen und behutsamen Geheimhaltung ihres süßen Geheimniffes bedürfen würbe, doch setzte sie mit einer Entschiedenheit, bie Gerhard heute zum ersten Male an ihr ausfiel unb ihm das unbebingtefte Vertrauen einflößte, hinzu, sie werbe ihre Verwandten nie über ihr Herz bestimmen laffen und fei fest entschlossen, ihm baffelbe zu bewahren, bis die Verhältniffe gestatten würden, daß sie ihm ihre Hand vor dem Altar reiche.
In dieser offenen Aussprache ließ sich, wenn eS auch die Worte nicht sagten, doch finden, daß Selma dem Onkel und ber Tante nicht mit unbedingtem Vertrauen ergeben war. Gewiß fühlte sie Dankbarkeit dafür, daß Jene sie, die arme verlassene Waise, von Jugend auf zu sich genommen, ihr eine vortreffliche Erziehung wie einem eigenen Kinde hatten geben laffen und ihr sogar eine äußerlich glänzende Zukunft in Aussicht stellten, fie begegnete ihnen ja auch immer mit der höchsten Achtung und warmer Theilnahme, die Sorge für die Kranke zeugte auch von aufrichtiger Liebe, — wenn also der wahrhaft kindlichen Pietät noch ein Erforderniß fehlte, eben das hingehende Vertrauen, so konnten daS nut jene selbst verschuldet haben. Für Gerhard war dieses Räthsel nicht so schwer zu lösen,
denn er hatte ja schon lange genug an sich selbst die Erfahrung gemacht, daß auch er seinem Vater nicht die dem Sohnesherzen so natürlichen Empfindungen zuzutragen vermochte, weil dieselben von jeher fo hart zurückgewiesen worben waren; freilich Selma schien der fast elterlichen Zärtlichkeit ihrer Verwandten nicht zu entbehren, aber das Gefühl ber Frauen pflegt ja auch noch zarter zu sein, wie daS der Männer, unb ohne Zweifel fühlte Selma sich doch durch Mancherlei verletzt, was sie nicht aussprechen wollte unb konnte.
Als die beiden Liebenden sich verständigt hatten, schieden sie vorläufig mit innigem Händedruck und dem ersten keuschen Kuffe von einander und während Gerhard glückstrahlend nach Hause eilte, denn ben vorher an bem Bette ber Kranken empfangenen peinlichen Einbruck hatte er vorläufig wieder über den neuen freudevollen verloren, saß Selma wohl nicht weniger glücklich vor jenem Bette unb bewachte, süßen Träumereien Angegeben, ben Schlaf der Patientin.
Gerhard hätte seine Freude in alle Welt hinausrufen mögen, aber durfte sich ja jetzt noch nicht einmal feinem besten Freunde, Alfred Wicscner, aiwertrauen; viel weniger noch kam es ihm in den Sinn, an feinen Vater zu schreiben unb um dessen Segen zu seiner heimlichen Verlobung zu bitten; — er konnte sich ja mit größter Gewißheit Vorhersagen, daß fein Vater eine Herzenswahl von ihm nur billigen würbe, wenn er für sich selbst materielle Vortheile dabei fände, ohnedem hätte er ihn zweifellos mit ber größten Rücksichtslosigkeit verspottet, ihm und Selma vielleicht bie größten Unannehmlichkeiten bereitet.
Noch im Laufe des Vormittags begab sich Gerhard, außer einigen anderen Krankenbesuchen, zu Dr. Mörner und Herrn von Weller, um ihnen Bericht von der günstigen Wendung der Krankheit zu erstatten. Ersterer war offenbar zufrieden damit unb schien ben größten Theil des ärztlichen Verdienstes für sich zu beanspruchen, indem et von guten Rathschlägen redete, die er in ber That seinem jungen College» Nicht im Entferntesten gegeben hatte;