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Mr. 219.

Marburg, Sonnabend, 23. October 1875.

x. Mw.

Anzeigen nimmt entgegen: Mt «xpeditton d. Blatte», sowie die Annonoen-Bureaux von Th- Diettich & Co. in »assel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M.; Saasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip, zig, Cbln ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc-

WcrhcUihc Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaur von ® L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Iäger'fche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidcndank, A. Rete» rneyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

tKnri* außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JvustrirteS Sonntagößlatt" durch die Expedition (Aoch'sche 4 B u ch d tu d “r e i) fc^en 2 ° »S durch RePostSmte? des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <-xl. Bestellgebühr). - Jnfertionsg.bühr für d.e gespaltene Zelle 10 Pf«.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet._______

König Ludwig vo» Baier» hat wie ein gestern hier eingetroffenes Telegramm meldet, in der gegenwärtigen Krssrs, mit welcher die ultramontane Partei Baiern Heimsucht, die Entscheidung getroffen, indem er den Ministern seine Zufriedenheit mit ihrer bisherigen Geschäftsführung ausgesprochen und den Empfang der Adreß- deputation der Abgeordnetenkammer sowie die Annahme der Adresse abgelehnt hat.

Die verletzende Sprache der Adresse, commentnt durch die maßlosen Jnvectiven während der ihr vorhergegangenen Verhandlung, der Mangel an Ehrfurcht gegen die Person des Königs, welchen die Clerikalen an den Tag legten, während ste angeblich die Rechte der Krone BaiernS wahren wollten, haben diesen Entscheid unvermeidlich gemacht und eS nicht zu der Frage kommen lasten, ob ein Ministerium aus den Reihen der Majorität nicht die Verderblichkeit einer ultramontanen Politik am Eindringlichsten zur Anschauung bringen würde.

Das Verdienst König Ludwig« wird dadurch nicht ge­schmälert. Mit hoher Weisheit und fester Hand hält er dem wilden Ansturm einer Partei gegenüber, welche durch den Mißbrauch der Religion und alle Künste der Agitation di« Mehrheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen gewußt hat, die Politik aufrecht, durch welche er bisher unter strenger Wahrung der Selbstständigkeit BaiernS, die po­litische Einigung Deutschlands, das einträchtige Zusammen gehen der deutschen Regierungen und unter den schwierigsten Umständen den Frieden in seinem Lande zu erhalten be- müht gewesen ist. ~ .

Die KristS ist mit dem Königlichen Entscheid noch nicht beendet. Weitere Schritte mußten demselben folgen, denn ein Forttagen de« Landtages würde unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur daS traurige und schädliche Schauspiel wüster Leidenschaften hervorbrtngen, und so ist denn zu­nächst die Vettagung der Kammer angeordnet worden.

Hoffentlich tritt eine besonnenere Stimmung in den Schichten des baierischen Volkes ein, welche, von unzweifel­hafter Loyalität, nur durch die clerikalen Agitatoren bethört worden find.

Der innere Friede ist, Dank den Bemühungen der Cle­rikalen, dem baierischen Volke verloren gegangen. Ihn wie- derherzustellen ist da- Ziel der Politik des Königs Ludwig, und sein treues und ergebenes Volk wird ihm, wenn es gelingt, dm Schleier von den Augen der bethörten Masten zu reißen, darin stcherlich unterstützen.

Tagesbericht.

Die Reichsjustizkommission hat in ihrer Sitzung vom 21. d. M. die Titel des Gerichtsverfassungs-Gesetzes zum Abschluß gebracht, welche sie zur vorläufigen Berathung bestimmt hatte. Da die Mitglieder auS Bayern, wie man hört, nächsten Montag zurückkehren werden, so hat sich die Justizkommission bis zu diesem Tage vertagt. Dieselbe wird bis zum Zusammentritte des Reichstages die noch unerledigten Punkte der Civilprozeßordnung erledigen. Auch soll die Zwischenzeit zur Vorbesprechung der Mitglieder über einzelne Materien der Gerichtsverfassung benutzt werden.

Das Obertribunal hat — wie bereits mitgetheilt — die Nichtigkeitsbeschwerde deS Grafen Arnim gegen das Ur- theil zweiter Instanz in allen Punkten verworfen, und bleibt somit das Urtheil des Kammergerichts — neun Monate Gefängniß — bestehen.

AuS Mailand wird gemeldet, daß daselbst während der Anwesenheit des Kaisers politische Conserenzen stattgefunden haben.

Wie der Correspondent der Jndep. Beige wissen will, beabsichtigt die französische Regierung, im Einvernehmen mit der englischen und italienischen, in Konstantinopel auf die Einrichtung einer internationalen Commission zu dringen, welche die Interessen der europäischen Gläubiger wahren soll. An der Spitze derselben würde ein von sämmtlichen Mächten anerkannter, diplomatischer Präsident stehen. In dieser Anerkennung würde, wie der genannte Correspondent bemerkt, eine Unterstützung der Pforte liegen und im Falle die orientalische Frage jemals zu einer Zerstückelung des

türkischen Reiches führe, so würden alle Mächte, denen daraus ein Bvrtheil erwüchse, den Gläubigern der Türkei gegenüber solidarisch verpflichtet sein.

DnttfchkS Strich.

Berit», 21. Oct. Der Kaiser wird am Mittwoch den 27. d. M., AbendS 5 Uhr, in Sagan eintreffen und wahrscheinlich auch am folgenden Tage bis Mittag dort verweilen. Uebrrall werden dort schon Vorbereitungen zu einem würdigen Empfange getroffen. Jn Ohlau wird der Kaiser am 28. d. M., Abends 7 Uhr, aus dem dortigen Bahnhofe zu den diesjährigen Hosjagden eintreffen und, wie im vorigen Jahre, Logis im Ständehause nehmen. Am 30. d. M., Nachmittags 3Vr Uhr, erfolgt die Rück­fahrt nach Berlin. — Dem BundeSrathsauSschuß für die Verfassung, welcher heute seine Berathungen begonnen hat, liegt eS ob, sich über drei Beschlüsse des Reichstages,

nämlich über den in Bezug auf die mecklenburgische Ver- fassungSfrage (Gesetzentwurf wegen der Volksvertretung in den Bundesstaaten), über welche der badische Bevollmäch­tigte, Minister v. Freydorf, referirt, sodann über den Ge­setzentwurf wegen der Diäten der Mitglieder deS Reichs­tages und über den auf Antrag von Haverbecks gefaßten ReichStagSbefchluß wegen Verhaftung eines durch recht», kräftiges Urtheil verurtheilten Abgeordneten während der Session, schlüssig zu machen. — In ärztlichen Kreisen wird gegenwärtig für ein Gesetz zum Schutze der Mineral, quellen gewirkt, und man bezieht sich vabei auf den Vor« gang von Frankreich und Spanien, wo diese Quellen als ein wesentlicher Zweig der öffentlichen Gesundheitspflege den Schutz des Gesetzes genießen. Wenn dieser denselben auch bei unS zu Theil werden sollte, so dürfte die Ange­legenheit wohl am besten durch die Reichsgesetzgcbung ge­ordnet werden, der dann aber auch im allgemeinen Inte­resse Oesterreih-Ungarns beizutreten hätte. Ueber die näheren Modalitäten würden sich zunächst Aerzte und Chemiker zu verständigen haben. — Auf Grund höherer Verfügung sollen die Volksschullehrer zur thätigen Mit­wirkung bei der Volkszählung veranlaßt werden. Es wird dabei daS Vertrauen ausgesprochen, daß die Lehrer mit derselben anerkennenswerthen Bereitwilligkeit wie bei der letzten Volkszählung auch in diesem Jahre nicht allein der eben an ste zu richtenden Aufforderung, den Zähl­commissionen als Mitglieder beizutreten, oder als Zähler wirksam zu sein, Folge leisten, sondern auch ihr Interesse an der Sache namentlich dadurch bethätigen werben, daß sie die Bevölkerung über Zweck und Bedeutung der Volks­zählung, insonderheit über Gegenstand und Absicht der in diesem Jahre zuerst mit der eigentlichen Volkszählung ver­bundenen Aufnahme über dm Gewerbebetrieb, so wie über die Zählungsformulare und Erläuterungen im Einzelnen auszuklären suchen und den Gemeindevorständen bei der Zählung selbst hülfreich zur Seite stehen.

München, 19. Oct. Heute wurde unS die Ueber- raschung eines neuen Zwischenfalls zu Theil. Schon ge­stern erschien ein Zeitungsartikel, der die unglückselige Rede des Ministers v. Fäustle mit seinem damaligen Unwohl­sein in Verbindung brachte. Diese Entschuldigung klang verspätet und unglaubhaft; denn der Herr Minister hatte sicher und gewandt, wie immer, und auch nach einem wohl- durchdachten Plane gesprochen. Der langen Rede kurzer Sinn war der: ehedem war ich liberal, jetzt bin ich e« nimmer, als bayerischer Minister arbeitete ich in Partiku-

«uge mm «Ufte, Zahn um Zahn.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski. (Fortsetzung).

Selma wollte keine bezahlte sremde Wärterin zu ihrer Tante lassen; sie strengte in der nothwenbigen Pflege sich selbst über Gebühr an, und Gerhard mußte sie warnend darauf aufmerksam machen; er sprach auch zu ihrem Onkel davon; der Banquier bezeigte indessen, wenn auch aus anderem Grunde, durchaus keine Lust, seine im Fieber liegende Gattin einer Dienerin oder Krankenwärterin von Beruf anzuvertrauen; sonderbar unstät und ängstlich in dieser Beziehung, Übernahm er selbst eine Nachtwache, be- stand dabei aber so schlecht, daß et die Wiederholung wohl aufgeben mußte. Er hatte hierbei seine Frau, indem er selbst eingeschlasen, arg vernachlässigt, und ihr Zustand verschlimmerte sich dadurch bedeutend.

Die« entging weder dem Doctor noch Selma; Letztere bestand nun umsomehr darauf, Alles auf sich zu nehmen, aber ihre körperlichen Kräfte reichten dafür nicht auS. Eine» Abends — e« war gerade der Zeitpunkt der Krisis, in welcher bei der Patientin das Fieber am bösesten wü- thete, — gelang e« Gerhard mit Mühe, ste zu bestimmen, daß sie aus einige Stunden die Ruhe suchte, und dafür versprach er, selbst bei der Kranken Wache zu haltm. Der Banquier wußte nichts davon.

Frau Helene phantafirte ohne jedes Bewußtsein ärger wie je. In dem eleganten, nur durch eine mattbrennende Lampe erhellten Krankenzimmer saß Gerhard an ihrem Lager und nahm, um den Puls zu fühlen, ost ihre bren­nende Hand in die f einige. Er fühlte Mitleid mit der Schwerleidenden, hatte aber noch allen Grund, den besten Ausgang der Krankheit zu erwarten.

Plötzlich zuckte et selbst in banger Unruhe zusammen; über die Lippen der Kranken gingen Worte, die ihn eigen? thümlich beunruhigen mußten, obgleich sie durchaus in kei­nem Zusammenhänge standen, welcher ein richtiges Ver- ständniß ermöglichte, und Überdies kamen ste ja aus dem Munde einer von wilden Phantasiebildern heimgesuchten Kranke«,

„Anton, Du mußt Dich von Carola trennen I Ich will es l"

Gerhard wußte, daß seine Mutter den Namen Carola geführt hatte; sein Vater nannte ihn nie wieder, wie er überhaupt nicht von seiner verstorbenen Mutter sprechen wollte, aber er selbst erinnerte sich dieses ihm so iheuren Namens noch recht gut, der bei uns zu Lande gerade nicht häufig vorkommt; derselbe machte einen tiefen Eindruck aus ihn, wiewohl er noch weit davon entfernt war, irgend eine Beziehung zwischen seiner Mutter und Frau von Weller vorauszusetzen, ja nur für möglich zu halten.

Nach einer längeren Pause flüsterte die Kranke wieder in ihrem FieberparoxiSmuS:

„Gieb mir daS Pulver, Anton, — Du bist zu feige l — ES ist ja nur ein Schlafpulver und wird ihm wohl- thun! — , , .,

„Siehst Du, nun sind wir sie beide los, mein hetßge- siebter Anton! — doch wie bleich Du bist!_ — Du bist kein ganzer Mann, wie dieser Lieutenant Stürmer —*

Der Doctor fuhr noch bestürzter aus und ließ die Hand der Kranken unwillkürlich los; Frau Helene schwieg wieder; der Name seine« Vaters? — in dieser Wortverbindung? ES überlief ihn eisig kalt. Wie kam es, daß diese Frau so bald hintereinander, doch wohl in einer gewissen Ge­dankenverbindung die Namen seiner Mutter und seines Vater« genannt hatte? — Ja, den letzteren hatte sie wohl aus seinen eigenen Mittheilungen behalten. Er lauschte dennoch so aufmerksam, so angstvoll; eS wax ihm, al« müßte sich ihm ein großes Geheimniß enthüllen, das schon immer drückend auf ihm gelegen hatte, — und doch war dies heule die erste Ahnung davon.

Frau Helene sprach nichts weiter; sie schien wieder einige Minuten ruhigen Schlafes zu haben. Dann fuhr sie auf einmal, die Augen weit öffnend und sich gewaltsam in die Höhe richtend, laut fort, — oder eS war wohl auch keine Fortsetzung deS früheren Traume« mehr:

„Selma, mein liebes, gutes Kind, klage Deine Mutter nicht an! — Warum zürnst Du mir, die Du doch selbst vor dem Abgrund« der Sünde stehst? — Arme«, arme«

Mädchen, Du bist ja unschuldig, — Du ahnst nicht, daß er Dein Bruder ist--"

Gerhard sprang fast entsetzt auf. Es wirbelte ihm im Kopfe, und er war nahe daran, seine ärztliche Pflicht ver­gessend, die kranke Frau rauh anzugreifen und gebieterisch von ihr eine Ausklärung ihrer Worte zu verlangen, aber er beherrschte sich doch noch und murmelte nur, die Stirn sich reibend:

„Thorheiten, Phaniasien,deS Fieber«! — Weiß Gott, ich habe noch viel in meinem Berufe zu lernen I*

Von da ab phantafirte Frau von Weller nicht mehr laut; sie fand Überhaupt einen ruhigeren Schlaf und Ger­hard konnte sich jetzt mit Gewißheit sagen, daß die eigent­liche Krisi« glücklich überstanden sei. Umsomehr sühlte er sich in seinem Innern beunruhigt, und die düstere tobten» stille Umgebung trug ohne Zweifel nicht wenig dazu bei, daß sich vor seiner Seele auch die dunkelsten Bilder auf» rollten.

Er erinnerte sich jetzt wieder, wie der Banquier er­schrocken gewesen war, al« er seinen Namen kennen lernte, der auffälligen Theilnahme, die ihm nachher in diesem Hause und von dem mit demselben so innig befreundeten Doctor Mörner zu Theil geworden, der ungünstigen Aeußerungen Alsred'S über diese drei Personen; wie kam Frau von Weller in ihren krankhaften Phantasien zu dem Namen seines Vaters und seiner Mutter? — waS endlich — und die« interesstrte ihn am meisten, — warf sie Selma vor, die sie sogar ihre Tochter genannt hatte? — Wer sollte der Bruder deS jungen Mädchen sein? —

Das Alles wirrte ihm bunt durcheinander im Kopfe, aber wie ließ sich da auch ein Zusammenhang finden, der nur einigermaßen Wahrscheinlichkeit gewann? —

Der Rest der Nacht verging ihm unter solchen aufregen­den Betrachtungen, und als Selma mit Anbruch deS Tages ihn wieder abzulösen kam, war er noch so verstimmt und verwirrt, daß es ihr auffallen mußte; sie schob diesen un­gewöhnlichen Zustand indessen wohl auf die Anstrengung, der er sich durch die Nachtwache unterzogen halte.

l Fortsetzung folgt.)