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x. Zhrgaug.

Marburg, Donnerstag, 21. October 1875.

fr. 247

ObcrMcht Jritung

sowie die Amwn»en-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cvln k ; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

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Tagesbericht

Die Ausstellungen des preußischen Staatshaushaltsetats für das Jahr 1876 werden am 1. November beim Finanz Minister zur Vorlage kommen. Es heißt, daß allen be­treffenden Reffortschefs die Weisung zugegangen, ihre Mehr­forderungen möglichst zu beschränken, doch scheint der Finanz Minister geneigt, die Beschränkungen noch auSzudehnen. Die bedeutendsten Mehrsorderungen sollen für die Verwaltung de» CultuS und der Justiz zu erwarten sein.

Dir evangelische General-Synode der älteren Provinzen wird nicht vor Mitte November eröffnet werden. Die Be- rathungen, deren Dauer aus vier Wochen veranschlagt sind, werden im Hrrrenhause stattfinden, und deren gewiß wich- ttgen Ergebniffe dann beim preußischen Landtage zur Vor- läge kommen.

Der Redakteur der „Germania", Gustav Taube, ist gestern srüh verhaftet worden. Der Grund der Verhaftung ist wahrscheinlich die srüher erfolgte Verurtheilung zu 5 Monaten Gefäugniß.

Dir in letzterer Zeit gegen den Bischof von Hildesheim verfügten Geldstrafen erheben sich auf 33,000 Mark.

Die Krisis in Baiern ist in diesem Augenblick noch nicht beendet, nichts über die Wahl eines neuen CabinctS bekannt. Die in der dieser Tage unter dem Vorsitz des Prinzen Luitpold stattgehabten Sitzung des StaatSrathes gefaßten Beschlüffe sind dem König nach Hohenschwangau durch den StaatSrath von Eisenhardt überbracht worden. Eine» aber scheint festzustchen, daß die ultramontane d. h. reichSfrindliche Partei, wenn sie aus die unbedingte Unter­stützung König Ludwig'» rechnet, sich täuscht. ES ist sehr begreiflich, daß ihm die Souveränetät der baicrijchen Krone sehr am Herzen liegt; ebenso gewiß aber ist, daß gegen­wärtig der König im Sinne deS nationalen Bedürfniffes und mit anerkennenüwerther Selbstüberwindung Baiern als Rrichsglied ansteht. Man hatte, aus leichtbegreiflichen Gründen, in ihm die Ansicht Hervorzurusen gesucht, daß er mit einer nationalliberalen Regierung in größerer Ab­hängigkeit von Norddeutschland jein, ein clerikal patriotisches Ministerium von diesem aber größere Concesstonen erlangen würde. E» ist unleugbar, daß in den letzten Tagen viel­fache geheim« und sehr bedeutende Einflüße nach dieser Richtung hin bei dem Könige geltend zu machen gesucht worden; mit welchem Ersolge wird die nächste Zukunft zeigen.

Deutsches »eich.

.. Berlin, 19. Oft. Im Vordergründe der TageS- geschichte steht heute nur ein Ereigniß, die Monarchenzu­

sammenkunft in Mailand. ES liegen bis jetzt zwar allein telegraphische Nachrichten über die Begrüßung deS Kaisers vor, sie melden aber alle, daß der Empfang voller Wärme und Herzlichkeit gewesen. Und in der Thal, auch jenseits der Alpen wird sowohl die hehre Persönlichkeit, welche an der Spitze deS deutschen Reiches steht, als auch die Freund­schaft zwischen Deutschland und Italien dem vollen Werthe nach geschätzt. Die noch vor Kurzem obwaltenden Besorg- niffe, eS werde die Erscheinung deS Kaisers in Mailand nicht von der hervorragenden Wirkung begleitet sein, als wenn Rom daS Reiseziel gebildet hätte und die Bedeutung der Monarchenbegegnung würde durch das Nichterscheinen deS Fürsten Bismarck abgeschwächt, sie alle sind jetzt durch die Thatsache des begeisterten Empfanges zugleich wider­legt. Aber eS liegt auch allerdings ein welthistorisches Ereigniß vor, denn diese Begrüßung erfolgt, nachdem beide Länder, Italien und Deutschland, ihre Selbstständigkeit erlangt und sich dabei treu zur Seite gestanden haben. Das Bedauern, daß Fürst Bismarck durch Krankheit ver- hindert ist, diese festlichrn Stunden zu theilen, ist darum nicht minder groß und berechtigt, wenn auch dies unglück­liche, zufällige Hinderniß ein so wichtiges Ereigniß nicht zu trüben im Stande ist. Erfreulich ist die Uebereinstim- mung, mit welcher der kaiserliche Besuch in Mailand auch in der gesammten auswärtigen Presse gewürdigt wird. Selbst die französischen Blätter sind hierbei nicht ausge­schlossen, wenn man die chauvinistischen und ultramontanen Blätter selbstverständlich abrechnet. Das Journal des De- batö erkennt eS an, daß die italienische und deutsche Preffe in dieser Zusammenkunft einen Beweis für Erhaltung des Friedens erblicke. DaS Journal hält diese Ansicht nicht allein sür richtig, sondern fügt ausdrücklich hinzu, daß eS diese Deutung mit aufrichtiger Genugthuung empfange, und daß Frankreich sich einer solchen Friedensliga voll­kommen und aufrichtig anschließe. Da» offiziöse Organ der französtschen Regierung schließt mit der Bemerkung, daß Frankreich in Betreff der Orientspolitik den Bestre­bungen folge, welche durch die drei Kaiser im Einvernehmen mit Italien kundgegebcn sei.

Stuttgart, 19. Oct. Der „Schwäb. Merkur" be­richtet aus Hohenzollern, das Gesammtergebniß der Wahl- männerwahl laße den Sieg der Liberalen erwarten.

Mauchen, 18. Oct. Der König hat sich von Hohen­schwangau, wo er der Feier deS Geburtsfestes der Königin- Mutter in die Vorderriß und von da nach dem Lindenhof begeben. — Wie wir vernehmen, wird der Landtag künf­tigen Mittwoch oder Donnerstag mit Rücksicht auf die be­

vorstehende Eröffnung deS Reichstags vertagt. Eine Vor­lage von Noth-Gefetzen ist von der Staats-Regierung nicht beabsichtigt, da sie zu Neujahr den Landtag wieder einbe­rufen zu können hofft. — Ueber die Entscheidung des Königs auf das vom Gejammt-Ministerium eingereichte EntlaffungS-Gesuch circuliren die verschiedensten Gerüchte; officiell ist nichts bekannt. Es ist mit Sicherheit anzu- nehmen, daß temporisirt, und eine Entscheidung erst wäh­rend der Vertagung getroffen werden wird. — Auf das vom Direktorium der Kammer der Abgeordneten an den Oberst-Ceremonien-Meister gestellte Ansuchen um Vermitt­lung einer Audienz bei dem König, wobei die Kammer« Adreffe von einer Deputation überreicht werden soll, ist eine Antwort noch immer nicht erfolgt. — Man ist auf die Entwickelung, welche die Kammer-Affaire zwischen dem Cultusminister v. Lutz und dem Bischof Senestrey von Regensburg nehmen wird, allgemein gespannt. Bekanntlich hat Herr v. Lutz bei der Adreß-Debatte auf den entschiede­nen telegraphischen „Protest deS Bischofs Senestrey die Quelle feiner Mittheilung über deffen Wahl »Schreiben hochachtbar genannt und den Bischof von Regensburg gleichsam als Lügner bezeichnet. Nun fordert, wie der klerikale „Volksfreund" meldet, der anonymen Quelle des Hrn. v Lutz gegenüber „der ganze Klerus" der Diöcese Regensburg, daß der Minister Zeit, Ort und Personen nenne oder daS ganze Actenstück publicire. In der That findet sich bereits in der „Amb. Volks Zig." folgende Er­klärung zweier Decane: „Zu der vom Hrn. CultuSminister Dr. v. Lutz jüngst in der Kammer gemachten Behauptung, daß der Herr Bischof von Regensburg aus Anlaß der Landtags-Wahlen besondere Weisungen an den KleruS seiner Diöcese erlaßen haben, erklären die Unterzeichneten frei und ungezwungen im Namen und Auftrage deS Seelsorger- Klerus von Amberg und Sulzbach, daß weder ihnen noch den übrigen hiesigen Priestern solche Weisungen zugegangen seien." — BemerkenSwerth ist gleichzeitig die Thatsache, daß heute daS bekannte „Bayer. Vaterland" den Justiz­minister Dr. v. Fäustle über den Schellen-König heraus- streicht und ihn, obgleich er stets als der fortgeschrittenste unter den Ministern gekennzeichnet wurde, als einen Mann bezeichnet, der in der Verwaltung seines ReflortS dm Partei-Standpunkt nicht kenne, sondern gleiches Maß und Gewicht auch für den Gegner seiner politischen Gesinnung habe. Dr. v. Fäustle sei „ein Ehrenmann im eminentesten Sinne", weil er nämlich dem Dr. Sigl im Nürnberger Zellen Gefängniß alle denkbarm Erleichterungen gewährte. Ebendarum erscheint dem sonst so unerbittlichen „Bayer.

Ange um Augr, Zahn um Zahn.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowslr. (Fortsetzung).

Da» große Fest begann mit einem Dejeuner dinatoire, uud e» fanden sich dazu wohl gegen hundert Personen ein. Man hörte glänzende Namen und sah glänzende Toiletten, uud als der junge Arzt in diesen Kreis trat, sühlte er eine Art von Befangenheit. Sein Auge suchte zuerst Selma von Wildenbrück und sand dieselbe auch, aber das junge Mädchen war noch mit anderen gesellschaftlichen Pflichten beschäftigt, als daß eS ihn sogleich bemerkt hätte.

Dagegen kam ihm Frau von Weller sogleich entgegen und begrüßte ihn in beinahe auffallender Weise wie einen alten lieben Freund; «S kam ihm b.inahe vor, als gelte er hier für eine Hauptperson, uud die verwunderten, neu gierigen Blicke mancher Anderen entgingen ihm nicht. End- lich sand er auch Gelegenheit, sich Selma zu nähern, aber hier wurden seine Erwartungm weniger brsriedigt; das junge Mädchen zeigte sich unter den Augen der großen Gesellschaft schüchtern und zurückhaltend, und dennoch glaubte er einen innigen Ton herauSzusühlen, der ihm warm an da» Herz drang und ihn beglückte.

Bei Tische saß er zwar nicht an der Seite, aber ganz in der Nähe Frau von WellcrS, die sehr häufig in der liebenswürdigsten Weise das Wort an ihn richtete und gegen die Uebrigen feine Verdienste bei dem Eisenbahn- Abenteuer saft überschwänglich hervorhob; von allen Seiten überhäufte man ihn mit Komplimenten.

Nach aufgehobener Tafel wurde in dem Garten und Parke, der für diese Gelegenheit besonders auSgeschmückt «ar und wo ein in dichtem Laube verborgenes MusikcorpS roncertrirte, promenirt; für die junge Welt waren länd­liche Spiele arrangirt worden, ein großer Theil der älteren ließ eS sich auch in der freien Natur nicht nehmen, sich an die Kartentische zu setzen. Herr v. Weller zechte in einem Gartenpavillon mit seinen alten Bekannten, bä­umtet auch Dr. Mörner, und eS wurden hier sehr lebhastc Toaste ausgebracht, später konnte man auch das Rollen

von Würfeln und Klimpern von Geld vernehmen; Frau Helme mied nur diesen Pavillon, sonst war sie überall und machte die liebenswürdigste Wirthin. Sehr jugendlich gekleidet, nahm sie auch an den Spielen der jungen Leute Antheil und zeigte eine fast ausgelassene Laune; es waren mehrere junge Männer, elegante Cavaliere und Officiere, da, die ihr förmlich den Hof machten, ober entschieden be­vorzugte sie wieder Gerhard, so daß er selbst dadurch fast in Verlegenheit gesetzt wurde und manche andere dazu die Nasen rümpften.

Ganz im Gegensätze zu ihrer Tante zeigte Fräulein Selma sich sehr still und hielt sich meistens an die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft; eS wurde Gerhard kaum möglich, in ihre Nähe zu gelangen, und wenn er das Wort an sie richtete, antwortete sie ihm noch einsilbiger und zurückhaltender, wie eS vor der Tafel geschehen war; — und dann bemerkte er doch wieder, wie ihre Blicke sich heimlich oft auf ihn richteten, besonders wmn er genöihigt war, die Conversatiou mit ihrer Tante, die er nicht suchte, zu führen, und e» schien ihm, als liege darin em Anflug von Mißbilligung, ja selbst von Sorge.

Welches ihm noch nicht klar gewordene Mißverständniß lag zwischen ihnen? — Wenn sie wirklich, wie er ja schon voraussetzen zu dürfen glaubte, ein Interesse für ihn hegte, so konnte es ihr doch nur lieb sein, daß Frau von Weller ihm Wohlwollen erwieS, freute er sich deßelbea doch auch bloS um ihretwillen.

In den späteren Abendstunden wurde getanzt, zuerst auf einem im ©arten errichteten, reich mit Blumen bekränzten Podium, dann, als die Kühle der Nacht eintrat, in einem glänzend becorirten Saale der Villa; die zwischen beiden Theilen liegende Pause füllte ein brillantes Feuerwerk aus, und Garten und Park strahlten noch spät in die Nacht hinein in beinahe märchenhaster Illumination.

Gerhard würde gar nicht gewagt haben, Frau v. Weller zu engagiren, da auf diese Ehre so viel andere äußerlich höher stehende Persönlichkeitm und ältere Bekannte von ihr wohl näheren Anspruch erheben durften; er wandte sich

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an Selma, «hielt aber die Antwort, sie habe schon einige Aufforderungen abgeschlagen und werde gar nicht tanzen, theilS weil sie sich wirklich nicht ganz wohl fühlte, theilS weil sie noch andere Pflichten für die Gäste zu «füllen habe. Jndeßen lag in dieser Zurückweisung durchaus nichts Verletzendes, die fünften Augen schienen sogar um Verzei­hung zu bitten und auszusprechen, sie dürfe eben keine andere Antwort geben.

Dn junge Arzt war dennoch verstimmt wordm; er nahm sich vor, ebenfalls nicht zu tanzen, und gogr sich mög­lichst weit unter die Zuschauer des heiteren Vergnügens zurück. Die» half ihm aber Nichts; Dr. Mörn«, d« roh- glänzenden Gesichtes und nicht mehr ganz sicheren Schrittes für eine Weile den Zechpavillon verlaßen hatte, fand ihn doch h«aus und legte die Hand ziemlich schwer auf feine Schult« mit den Worten:

„Ei, ei, mein Lieber, Sie dürfen hi« nicht als bloße Dekoration bienen 1 — ober sollten Sie der eblen Kunst Terpstchoren'S wirklich so ganz abhold sein?"

Gerhard antwortete verlegen, daß « sonst wohl ganz gerne tanze, sich ober schon einen Korb geholt habe und zu wenig Bekanntschaft unter den anderen Damen besitze. Dr. Mörner sah ihn scharf an, als er aus eine direkte Frage vernahm, Selma von Wildenbrück habe den Tanz ausgeschlagen, und bann rief er schnell ganz munter:

„Das ist keine genügende Entschuldigung für Sie, College! — ich will Ihnen jede tanzfähige Dame in diesem Cirkel vorstellen, aber zuerst haben Sie eine Höflichkeitspflicht zu erfüllen; langen Sie mit Frau v. Weller!"

„Ich glaube kaum, daß eine solche Bitte günstige Auf­nahme finden würde, da hier so viele Andere —"

»Was? Hat Ihnen Frau von Weller nicht heute schon genügend bewiesen, daß Sie von ihr zu den besten Freun­den des Hauses gezählt »erben? — Im Vertrauen gesagt, komme ich eben gerade um ihretwillen zu Ihnen, sie hat mir ihre Verwunderung ausgesprochen, daß Sie sie ganz vergeßen zu haben scheinen und mich autoriflrt, Ihnen diesen Wink zu geben. Es ist eine charmante Frau, und