Nr. SA«
Marburg, Mittwoch, 20. October 1875.
X. Zhrg«»g.
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Tagesbericht.
Ueber die Reise unseres Kaisers sind folgende Telegramme eingetroffen:
Trient, 18. Oct. Kaiser Wilhelm traf gestern Abend hier ein und ist heute Morgen« 8V2 Uhr bei günstigem Wetter nach Mailand weiter gereist. Der Kaiser wurde aus dem Bahnhofe von einer großen Volksmenge jubelnd begrüßt. — Ala, 18. Oct. Der deutsche Kaiser ist um 91/2 Uhr hier eingetroffen und von dem deutschen Gesandten v. Keudell, den Generalen Cialdini und Balegno und dem Fürsten Giovanelli empfangen worden. Er verweilte hierselbst 10 Minuten. — Bcrona, 18.Oct. Der deutsche Kaiser ist um 10 Uhr 55 Minuten an der Porta- Nuova eingetroffen, wo eine Ehrencompagnie aufgestellt war und die Begrüßung von den Behörden stattfand. Die Weiterreise erfolgte nach einem viertelstündigen Aufenthalte.
Verschiedene Blätter haben Andeutungen und Muth- maßungen über die Gründe gemacht welche den Fürsten Bismarck zum Abstand von der italienischen Reise bewogen haben dürsten. Diese Gründe beruhen durchaus auf Gesundheitsrücksichten. Graf Herbert Bismarck, ältester Sohn des Reichskanzler«, begleitet den Staatsminister v. Bülow nach Mailand.
Infolge de« von der preußischen Regierung dem ver- heiratheten altkatholischen Domherrn SuScynski verliehenen Schutze« im Genüsse seine« Pfründeeinkommens, sieht einer der alckatholtschen Pfarrer in Pforzheim die Cölibatsrage al« gelöst an, und verlangt von der badischen Regierung, daß sie den § 1 de« Kirchengesetzes von 1860, nach welchem fix sich sür verpflichtet erachtet, den CölibatSzwang der katholischen Geistlichen aufrecht zu erhalten, im Sinne der preußischen Verfügung beschränke. Jedenfalls wird die Regierung beim nächsten Landtag in die Lage kommen, sich über ihre Stellung zur CölibatSfrage aussprechen zu muffen.
Dir neuesten Nachrichten aus der Herzegowina lauten durchaus nicht ersreulich sür eine friedliche oder selbst baldige Beendigung de« Conflikte». Man meldet nämlich, daß di« Consuln nicht, wie es die Psorte gewünscht, al« Schluß ihrer Mission ihre Berichte gesondert Server Pascha überreichen, sondern dieselben ihren resp. Regierungen einsenden, damit diese auf Grund der Berichte eine „Ver ständigung" über solche Reformen und Zugeständnisse erzielen können, dir unerläßlich scheinen dürften, um die «ifständischen Diitrikte zu pacificiren und ähnliche Jn- furrectionSauSbrüche künftig zu verhüten. Die Berichte selbst scheinen einstimmig zu erklären, die Pfort^könne,
würde sie selbst dahin gelangen, den Aufstand vollständig zu unterdrücken, zu einer durchgreifenden und dauernden Lösung der Sache nur durch gründliche AdministrationS- Reform in der Herzegowina gelangen, um so mehr, da die Empörung durchaus nicht politischer Natur sei, und nur gegen die Mißbräuche der Verwaltung gerichtet, welche das Land ganz und gar zu Grunde richten. — Die innere Lage und Verwaltung der Türkei selbst erscheint übrigens nach allen Seiten hin sehr traurig. So sollen von fran zösischer Seite bei den Regierungen Englands, Oesterreichs und Italiens Schritte gethan sein, um eine gemeinsame Finanzcontrolle in Konstantinopel auSzuüben, da es keinem Zweifel unterliegt, daß der türkische Staatsbankerott von dortigen Großwürdenträgern, denen er natürlich schon mehrere Tage vorher bekannt war, schamlos auSgebeutet worden, zu noch größerem Schaden der Gläubiger. — Was den Fürsten Nikita von Montenegro betrifft, so hat er sehr gut seine Stellung zu benutzen gewußt, indem er sich von der Psorte seine Neutralität hat durch Conces fronen bezahlen lasten, von denen zwei sehr wichtige, nämlich daß der Hafen von AntivarS den montenegrinischen Schiffen offen steht, und daß er Grenzstreitigkeiten direkt mit den angrenzenden türkischen Behörden verhandeln dürfe, ohne die großen Kosten und den Zeitaufwand, die der frühere Weg über Konstantinopel erheischte. — Fürst Milan von Serbien hat zu seiner Verheirathung die Kaiser von Rußland, Deutschland und Oesterreich gewählt, um durch Vertreter die bei serbischen Hochzeiten gebräuchlichen drei Hauptsunctionen zu übernehmen.
Man schreibt^ aus Spanien, e« stehe um San Sebastian binnen Kurzem ein neuer Zusammenstoß zwischen Alphon- fisten und Carlisten bevor, der wahrscheinlich entscheidend für die Sache der letzteren sein würde; man thnt daher von beiden Seiten alles nur mögliche, um sich zu kräftigen und gut vorzubereiten. Doch wenn auch Don Carlo« selbst unerschütterlich in seinem Glauben an den endlichen Erfolg ist, so verliert seine Partei doch diesen Glauben immer mehr, und sängt an, sich sehr nach dem Frieden zu sehum, und namentlich unter de» Führern mag wohl mancher fein, au
den Don Carlo» nicht mehr sehr rechnen darf. Was die Spannung zwischen der Königin Isabella und ihrer Umgebung und den Räthen ihres Sohnes betrifft, so scheint diese immer größer zu werden; die Königin steht in lebhaften Unterhandlungen mit Don Carlos; ste machen sich gegenseitige „Concesstonen," für den Fall, und die Zeit, wo einer oder der andere von ihnen in Spanien herrschen sollten; doch ist wohl schwerlich einzusehen, worauf ste die
Hoffnung auf eine solche Eventualität gerade in diesem Augenblick begründen.
Deutsche, «eich.
•• Berlin, 18. Oct. Der heutige Tag ist für die preußische und deutsche Geschichte ein großer Festtag: Die Geburt des Kronprinzen, die Befreiung drückender Berhält- niffe in Deutschland durch die große Völkerschlacht. Unter diesen Erinnerungen findet heute die Begegnung de« dent- chen Kaisers mit seinem hohen Bundesgenossen jenseits der •Upen statt. Daß Kaiser Wilhelm diesen Tag als einen hochwichtigen betrachtet, zeigt schon die Absicht, in Mailand die beiden Männer antreffen zu wollen, welche an den jüngsten großen Ereignisten in der deutschen Geschichte den hervorragendsten Antheil haben. Daß diese Absicht durch unvorgesehene Störung nicht vollkommen anögeführt werden kann, nimmt ihr nichts von ihrer hohen Bedeutung. — Das Geburtsfest des Kronprinzen feiert derselbe durch ein größere- Fest in seinem eigenen Hause, welches die Minister, hohen Staatsbeamten und Fürstlichkeiten heute aufnimmt. — Der Prozeß Arnim findet Mittwoch 10 Uhr in der höchsten Instanz vor dem Ober-Tribunal statt. Die große Zahl der Gesuche, um Zutritt zu diesen Verhandlungen, wird es nölhig machen, daß einer der großen Sääle des Ober-Tribunals zu diesem Tage hergerichtet wird. — Der bisherige Kreisgerichtsrath Franz Schmidt ist zum Kreisgerichts-Direktor ernannt und hat in Folge dessen sein Mandat zum Abgeordnetenhaus niedergelegt. — Es ist in letzter Zeit behauptet, daß die hiesige Deutsche Eisenbahn- Zeitung diejenigen Anschauungen vertrete, welche auch in neuerer Zeit Fürst Bismarck in der Finanz- und Volk«- wirthschaft habe. Der heutige Artikel der genannten Zeitung, welcher in scharfer Weise gegen Fürst Bismarck geht, giebt die Unrichtigkeit jener Behauptung klar. — Dem Bun» deSrathe ist ein Gesetzentwurf vorgelegt, durch welchen die Beförderung und Beschäftigung polynesischer Arbeiter für straffällig erklärt wird. Mit 6000 Mark • ober der ver- hältuißmäßigen Gefängnißstrase soll Jeder bestraft werden, der der Verordnung, durch welche die Beförderung rc. verboten wird, zuwiderhandelt.
München, 18. Oct. Die Minister werden den vom Staatsrathe berathenen Gesetzentwurf, betreffend die provisorische Forterhebung der Steuern/ den Kammern nicht vorlegen. Die Kammeradreffe ist, früheren Nachrichten entgegen, noch nicht zur Weiterbeföroerung übergeben worden
Auge um Äugt, Zahn um Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.
(Fortsetzung).
Der würdige Mann lächelte ruhig, schenkte sich ein neues Gla« Wein ein, rieb sich die Hände und murmelte [elfe für sich hin:
Sehr gut, fegt gutl der Gimpel ist in das Netz gegangen! — Fran Helene kann mit mit zufrieden fein, benn auf diese Weise werden ihr die geringsten Kosten 6e= reitet’ — wenn ste nachher ein Uebriges anwenden will, ist e« ihre Sache. In diesem Gerhard liegt bei aller Re- nommage ein schwacher, leicht lenkbarer Charakter und vielleicht kann er mir noch einmal gute Dienste leisten, «schade, daß er Wellers Sohn ist I — Das verwickelt die Sache einigermaßen, aber im schlimmsten Falle daß er oder Ander« dahinterkommen sollten, fällt Alle« auf Weller und Man wird nur sagen können, daß Frau Helene und ich «in sehr löbliches Werk an dem jungen Menschen gethan tafren. Wenn diese« tolle Weib nun wirklich Ernst aus btt Sache machen sollte? - ist ihr nicht Alles zuzutrauen ? __Hm, hm, da könnte der junge Bursche.am Ende gar noch mich ausstechen l"
Dr. Mörner machte eine bedenkliche Miene, aber mit mit dem nächsten Glase Burgunder spülte er feine Be» sorgniß wieder hinab und rief lachend:
nein I ich fitze zu fest im Sattel bei den Weller S. __ Wa« würde wohl aus ihnen werden, wenn ich nur ein bedeutungsvolle« Wörtchen über meine Lippen gehen [affen wollte? — freilich, -- e« kostete auch meinen Hals!" — _________
UL
Frau Weller war, etwa acht Tage nach der Ankunft mit den Ihrigen in ***, in die Billa hinauSgezogen, aber ste hatte vorher noch einen großen Triumph gefeiert. Da« schon lange erwartete Adelsdiplom für ihren Gatten war eingetroffen und e« gab nun keinen Herrn und Frau Wel
ler mehr, sondern Herrn und Frau von Weller. Wodurch der Banquier sich diese Standeserhöhung verdient hatte, wurde nicht recht bekannt, durch irgend eine Anlage zur Ritterschaft gewiß nicht; in dem Diplom hieß eS, er habe seinem Landesherrn gute und wichtige Dienste geleistet, und damit war die Sache abgemacht. Der alte Adel reifen» nirte über diese huldvolle Verleihung ihm allein gebührender Privilegien, die in neuerer Zeit allerdings nur auf dem Papiere stehen, der junge Adel, der stch da« Wörtchen „von" in ähnlicher Weise zu verschaffen gewußt hatte, fand eS noch empörender, daß der Banquier Weller damit begnadigt worden, und die Männer aus den höheren Bürgerständen zuckten mitleidig die Achseln, während die Frauen alles Schlimme, was jemals über die Weller« gesagt worden war, um so eifriger hervorzukehren suchten. Im Ganzen erwuchs dem Ehepaar aus dieser Rangerhöhung mehr Nachtheil als Vortheil, aber ste bemerkten ersteren noch nicht und blähten stch in ihrer Eitelkeit noch einmal so weit auf wie bisher.
Frau von Weller war also in ihre Villa gezogen und zwar allein; allerdings wurden auch Zimmer für den Gemahl und ihr« Nichte hergerichtet, aber dieselben sollten darin eigentlich nur als Gäste auftreten; Selma mußte dem Onkel in der Stadt die Wirthschaft führen. Meistentheil« kamen sie erst gegen Abend hinaus und blieben dann zur Nacht.
Selbftverständlich mußte Fran Helme sich bald in ihrem neuaufgefrischten Glanze — sie war ja schon einmal Baronin von Weißenberg gewesen, — alten Freunden und Bekannten zeigen und ihr Umzug nach der Villa gab dazu einen willkommenen Vorwand, es handelte stch wieder um ein ländliche« Fest, für dessen Arrangement ste stch so viel Talent zutraute.
Viele Einladungen ergingen über die ganze Stadt, dieseSmal sogar an den alten Adel, der aber grißtentheil« abfagen ließ, insofern er nicht gute Gründe hatte, es mit dm reichen Weller'S zu halten; ein paar Dutzend Arbeiter aller Genres waren von Morgen bi« Abend in der Villa und deren großem Gartmparkr beschäftigt und hattm manche
Sorge und Verdruß mit den gebieterischen Anordnungen der Dame zu bestehen; in der ganzen Stadt sprach man von Frau von Weller'S bevorstehendem Gartenfeste, und selbst die Zeitungen brachten darüber Notizen.
Zu den Eingeladenen gehörte auch Gerhard von Stürmer. Seit seiner ersten Vistte hatte et Frau Weller nicht wiedergesehen, auch nicht den Banquier und Selma. Von seiner kleinen Reise in die Heimath zurückgekehrt, widmete er stch sofort dem ihm von Dr. Mörner vorgezeichneten Berufe m t dem größten Eifer; derselbe führte ihn in die ersten Häuser der Stadt, und überall wurde er freundlich ausgenommen; wo e« anfänglich noch an vollem Vertrauen zu dem jungen Arzte zu fehlen schien, fand stch daffelbe nach seinen ersten Besuchen, denn fein artige«, bescheidene« und doch feste« Wesen mußte eS erwecken.
Gerhard, der tüchtige Studien in Theorie und Praxi« gemacht hatte, überzeugte sich bald, daß fein Freund Alfred auch über die wissenschaftliche Befähigung Dr. Mörner'« nicht unrichtig geurteilt hatte. Der Letztere theilte ihm in jedem Falle seine Prognose mit, aber nur zu oft fand er, daß dieselbe nicht richtig war, und mußte bann, um seinem eigenen Gewissen zu genügen, eine ganz andere Behandlungsart des Kranken einschlagen, als ihm eigentlich von Jenem vorgeschrieben war. Er hatte Glück und fand immer das Richtige, dabei besaß er aber auch den Tact, sowohl den Patientm wie Dr. Mörner gegenüber sich selbst kein besonderes Verdienst beizumeffen. Schon in den ersten Tagen wurde es ihm klar, daß Mörner eigentlich ein ziemlich un» wiffender Charlatan fei, der eS sich sehr wenig angelegen fein ließ, dm Fortschritten der medicinischen Wissenschaft zu folgen, doch hütete er sich wohl, die« irgendwo merken zu lassen; er fühlte stch dem Doctor zu Danke verpflichtet, und diese« Gefühl deckte in feinem ehrlichen Herzen alle Schwächen de« Manne« zu.
Gerhard war hocherfreut, al« er die Einladung Frau von Weller'S erhielt; er dachte dabei nur au das Wiedersehen Selma'«.
«Fortsetzung folgt.)