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X. Jahrgang.

Marburg, Dienstag, 19. October 1875

Mr. aas.

OhtchcMe Zeitung

Deutsches Strich.

seinem Herrn dort erscheint. Alle italienischen Blätter sind

aber ohne weitere Umschweife meinen Borschlag; treten Sie

in die nächste Verbindung mit mir und werden Sie mein

meine Praxis ist so ausgedehnt, daß ich ste nicht immer

einer Differenz zwischen ihr und der preußischen Regierung bezüglich der Heranziehung von Eisenbahnen zu Kommunal- teuern herbeiführen; die großherzoglich sächsische Regierung -at nun den Wunsch ausgesprochen, daß diese Angelegenheit nun doch zur Erledigung kommen möge, und ist der Bericht darüber gegenwärtig von den Ausschüssen für Zoll- und Steuerwesen, und für die Verfassung begonnen.

Seit einiger Zeit waren wenig Nachrichten auS der Herzegowina eingelaufen; jetzt kommen jedoch wieder Mel düngen von verschiedenen Zusammentreffen der feindlichen Truppen; von beiden Seiten schreibt man sich wie gewöhn­lich den Sieg zu, ist aber darin einstimmig, daß diese Zu sammentr essen blutig gewesen, was jedenfalls dafür spricht, daß der Widerstand der Insurgenten heftig und noch keines­wegs gebrochen ist, wie es die türkischen Berichte stets ver­künden. Die Unterhandlungen scheinen demnach auch bis jetzt ohne Erfolg gewesen zu sein. Wiener Nachrichten zu- folge haben die Kretenser einen Aufruf an die bosnischen Insurgenten erlassen, indem ste ihnen ihre Sympathien ver­sichern, und versprechen, die Waffen gegen die Türken _ju ergreifen. — Es wird ferner aus Rom berichtet, der tür­kische Gesandte am italienischen Hofe habe dem Minister des Auswärtigen neuerdings im Namen seiner Regierung wegen des Vorschubs Vorstellungen gemacht, welchen ita­lienische Unterthanen in der Herzegowina den Aufständischen leisten; zu gleicher Zeit hat er um Verhinderung fernerer Zuzüge italienischer Freiwilliger, so wie um Einstellung der Thätigkeit der verschiedenen HülfScomitä's. ES heißt, der Minister habe geantwortet, die italienische Regierung könne und werde nicht auS ihrer bisher beobachteten Weise der Neutralität herausgehen, jene Hülfscomits'S haben übrigens auch nur rein humanitäre Zwecke, und könne man daher nicht auf sie etnwirken.

---- Berlin, 16. Okt. Eine etwas bedenkliche Aende» rung im Gesundheitszustände des Reichskanzlers macht es diesem unmöglich, den Kaiser auf seiner Reise nach Italien zu begleiten; noch im letzten Augenblicke wurden die Aerzte der Ansicht, daß eS für den Fürsten Bismarck rathfamer fei, zurückzubleiben. Ganz Italien wird mit Freuden und hinneigenden Sympathien den Kaiser Wilhelm begrüßen, von dem das Volk fühlt, die Regierung weiß, daß er der natürliche Bundesgenosse, der beste Helfer gegen den ge­meinsamen Feind, den UltramontaniSmuS, ist; dennoch aber ist eS nicht zu leugnen, daß dort wohl etwas zu fehlen scheinen wird, wenn der Staatsmann, der die kaiserliche

bewältigen kann, und in meinem Alter sehnt man sich zu­weilen nach Ruhe. ES ist dies keine selbstständige Stellung, ich weiß wohl, aber, abgesehen davon, daß Sie ja neben­bei immer noch treiben können, was sie wollen, eröffnet ste Ihnen sofort Bekanntschaften; ich biete Ihnen gerade heraus, dafür ein jährliches Saiair von taufend Thalern, quartaliter praenumerando zahlbar. Sind Sie damit einverstanden oder verbietet eS Ihnen vielleicht berechtigter Stolz, so eine Art Famulus des alten DoctorS Mörner zu werden? — Entscheiden Sie sich, wie Sie wollm, — ich nehme es Ihnen nicht übel!"

Gerhard war ganz erstaunt. Wie kam er zu einem so glänzenden Anerbieten, das einen jungen, noch aussichts­losen Arzt blenden mußte, — obenein von diesem Manne, der ihn heute zum ersten Male sah und seine Leistungen noch gar nicht zu beurtheilcn vermochte? — Wieder regte sich das Mißtrauen in ihm, aber die Aussicht, mit einem Schlage eine sorgenlose, vielversprechende Existenz gewonnen zu haben, fiel doch noch schwerer in daS Gewicht. Doctor Mörner schien ersteres zu errathen, denn er kam seiner Ant­wort zuvor:

„Sie wundern sich über mein Anerbieten? — Der Be­weggrund ist ein sehr einfacher, wenn Sie nicht nebenbei gelten laffen wollen, daß Ihre Persönlichkeit und Ihre vorher ausgesprochenen Ansichten mir ein großes persön­liches Vertrauen eingeslöht haben: Frau Weller hat Sie mir auf da- Wärmste empfohlen."

Gerhard schwindelte es fast; ohne einer klaren lieber-

so lange zu verzögern, ste jetzt eben unternommen, um der Welt zu beweisen, daß volle Uebereinstimmung in allen Haupt­fragen der europäischen Politik und der Culturfrage in«- »esondere zwischen Deutschland und Italien herrscht. — In Begleitung des Staatsministers von Bülow, der sich in Innsbruck dem kaiserlichen Gefolge anschließt, befindet sich Graf Herbert v. Bismarck, der älteste Sohn des Fürsten- Reichskanzlers. — Graf Wendt zu Eulenburg, der Ver­lobte der Comteffe Bismarck, der in Varzin am UnterleibS- TyphuS schwer erkrankt war, ist vorgestern in Begleitung deS Regimentsarztes Dr. Struck hier eingetroffen. Sein Befinden hat sich nach der „Post" durch den Luftwechsel bereits bedeutend gebeffert. — Dem BundeSrathe ist ein Gesetzentwurf zu einer Anleihe für die Telegraphenverwal­tung vorgelegt worden; der §. 1 desselben lautet: „Der Reichskanzler wird beauftragt: die zur Bestreitung der ein­maligen Ausgaben der Telegraphenverwaltung für 1876, und zwar zu neuen Anlagen behufs Vermehrung der Tele­graphenverbindungen und zur Errichtung von neuen Tele« graphcnstationen, sowie zur allmählichen Erwerbung von Dienstgebäuden erforderlichen Geldmittel bis zur Höhe von 3,300,000 Mark im Wege de« CreditS flüssig zu machen, und zu diesem Zwecke in dem Nominalbeträge, wie er zur Beschaffung jener Summe erforderlich sein wird, eine ver­zinsliche, nach den Bestimmungen deS Gesetzes vom 19. Juni 1868 zu verwaltende Anleihe aufzunehmen und Schatzan­weisungen auszugeben.

BreSla«, 13. Okt. Infolge der staatlichen Absetzung deS Fürstbischofs Dr. Förster ist, wie die „Schl. Z." heute berichtet, außer dem GeneralvikariatSamt und dem fürst­bischöflichen Consistorium nunmehr auch die Geheime Kanzlei deS FürstbiSthumS aufgelöst worden. Den Beamten ist bei der seitens der geistlichen Behörde erfolgten Auflösung die Mahnung ausgesprochen worden, daß ste ihre Treue gegen die Kirche auch unter der eventuellen staatlichen Verwaltung deS BiSthumS bewähren mögen. Dem CleruS ist durch Rundschreiben dir Mittheilung zugcgangen, daß der Verkehr mit der geistlichen Centralbehörde nunmehr aufgehoben sei. — Unter der Aufschrift: „Merkwürdige Erkundigungen" geht der „Schles. Volkszeitung" auS Oelfe bei Freiburg folgende Mittheilung zu: „An sämmtiiche Pastoren ist seitens des Conststoriums eine Verfügung ergangen, zu berichten, ob in den Parochieen derselben sich Kirchen befinden, die nach der ersten „Reformation" evangelisch geworden, bei der „Wiederreformalion", wie eS in dem qu. Schriftstück heißt, aber in die Hände der Katholiken zurückgegeben wor­den. Ferner, ob diese Kirchen für die Katholiken gegen- ; wärtig entbehrlich seien, und endlich, ob eS wünscheaSwerth ' und nützlich wäre, wenn diese Kirchen wieder in die Hände i der Evangelischen gegeben würden. Ohne besonders auf« ! fällige Nachforschungen zu halten, sollen die Herren Pastoren

Tage-bericht.

Der Reichs- und Staats-Anzeiger, wie bereits gemeldet, veröffentlichte den von Baden-Baden, 13. Oktober c.datirten Erlaß des Kaisers, welcher den Reichstag auf den 27. d. M. einberuft. Die Reise des Kaisers, di- Krankheit des Reichskanzler«, die Lage der Arbeiten im BundeSrathe, die Justizreformeu und einige andere derartige Ursachen haben diese Verzögerung hervvrgerufen. Es ist aber unmöglich, von der wahrscheinlichen Dauer der Sitzung sich jetzt schon irgendwie eine Vorstellung zu machen, jedenfalls aber wird sie länger werden als man ursprünglich gedacht, da das Programm der Vorlagen sich sehr erweitert hat. Sollten die Justiz-Reformgesetze noch in dieser Session znr Vorlage kommen, so scheint eine Sommer-Session, nach Schluß des preußischen Landtages durchaus nothwendig zu werden. Jedenfalls aber ist Material genug vom BundeSrathe vor­bereitet, um dem Reichstage sofort eine sehr genügende Be- schäftigung zu geben.

ES wird berichtet, daß die meisten Bundesregierungen beschloffen haben, den preußischen Vorschlägen zur Abän­derung deS Strafgesetzbuches, vorbehaltlich der Prüfung im Einzelnen, beizustimmen, insoweit dieselben geeignet scheinen, die socialistische und ultramontane Agitation gegen daS Reich zu bekämpfen. In der nächsten Woche werden die Bera- chungen deS JustizauSschuffeS über diese Vorschläge beginnen.

Mehrfache Fälle sind eingetreten, daß Pfarrer oder Vicare, welche aus der Provinz verwiesen worden, Nachts heimlich in ihre Parochien zurückgekehrt sind, sich dort versteckt ge­halten, und gottesdienstliche Handlungen verrichtet haben. Um diesen Uebertretungen des Gesetzes zu begegnen, ist an- geordnet worden, in den betreffenden Pfarrwohnungen Gen­darmerie einzuquartiren.

Wie verlautet, geht die Reform deS preußischen Me- dicinalwesens jetzt ihrer Verwirklichung entgegen, da der bezügliche Plan bereits der wiffenschaftlichen Deputation für das Midicinalwesen vorliegt und der Geheime Medicinal- rath Professor Dr. Virchow mit der Berichterstattung be-

auf die Probe stellen wollte."

Gerhard war über die plötzliche Veränderung ganz ver­dutzt und begriff nicht im Mindesten, waS sich noch weiter daraus ergeben solle. Doctor Mörner sprach jetzt auf ein­mal ganz anders von dem Berufe und den Pflichten eines SrzteS, er äußerte sehr verständige und gefühlvolle Ansich­ten, und als wollte er den Eindruck deS Mißtrauens, den dies auf den jungen Mann machen konnte, abschwächen, schloß er mit den wirklich aufrichtig und herzlich klingen­den Worten:

„Wollen Sie sich nun wirklich auf meine Freundschaft stützen, Herr College?"

„Sie wiffen, Herr Doctor," erwiderte Gerhard etwas verwirrt, — „daß ich hierher kam, um Ihren gütigen Rath in Anspruch zu nehmen."

„Nun, nun," lachte Doctor Mörner wieder, — „wir haben ja gesehen, welchen Anklang er gefunden hat! — Aber sprechen wir nicht mehr davon, — wir haben uns ja nun verständigt. — Sehen Sie, mein Lieber, ein Theil von Wahrheit lag doch in meinen früheren Worten. Ich selbst habe meine Saniere ähnlich angefangen, und ich sage daffelbe noch heute jedem jungen Kollegen, der sich an mich wendet; hält er es für probat, so mag er t» auf feine eigene Gefahr hin versuchen. —"

Gerhard dachte an seinen Freund Alfred Wiesener.

„ES ist unmöglich!" fuhr der alte Doctor fort, — „daß ich Jedem, für dm ich keinen befonderm Grund habe, mich zu interefsiren, auch mit der That unter die Arme greife; dazu reicht mein kleines Vermögen nicht au-, und

Auge um Auge, Zahn um 8«|u.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski. (Fortsetzung).

„Ein Wagniß?" fuhr Doctor Mömer fast heftig auf, und dabei lachte er doch wieder recht gutmüthig über daS ganze breite Gesicht. „Mein lieber Herr College, man macht heutzutage Nichts mehr ohne Reklame, und ich kann Sie versichern, daß, wenn ich es noch nothwendig hätte, mir Praxi» zu erwerben, ich ein paar große Flaschen mit grün und roth gefärbtem Waffer an meine Fenster stellen und daraus schreiben würde: „DaS wahre Lebens - Elixir für Alle, die irgendwo Schmerzen haben und hundert Jahre alt werden wollen" — oder etwas AehnlicheS. Aber. Sie können dann von den Leuten, besonders der höheren Stände, nicht verlangen, daß sie zu Ihnen in den viertm Stock hinaussteigen; so hoch sie auch sonst die Nasen tragen mögen, erheben sich dieselben doch selten über eine elegante Beletage, und das kleine Publikum bringt nicht genug ein, wiewohl man eS für den Anfang auch benutzen kann."

Doctor Mörner raisonnirte noch eine Weile in diesem Tone fort, der das Gefühl seines jungen Kollegen empörte, und Gerhard mußte sich auf die Lippen beißen, um dies nicht geradezu auszusprechen. Er drängte die beschämende Erwiderung, die er Jenem hätte zu Theil werden lasten können, daß er seinen Beruf doch in einer anderen Weise ausgefaßt habe, als der von einer melkenden Kuh, gewalt­sam zurück und entgegnete nur, et verstehe sich nicht aus da« Schuldenmachen und besitze nicht den Muth, ein Rifico zu übernehmen.

Doctor Mörner lachte dazu, verstand ihn aber wohl, denn heimlich betrachtete er ihn mit nicht allzu freundlichen Blicken.

DaS find höchst ehrenwerthe Grundsätze, mein junger Freund," begann er daraus, einen ganz salbungsvollen Ton

Unreigen nimmt entgegen: Vie Expedition d. Blatte«, sowie dir Annoneen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasensteiu & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Mn rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

annehmend, und legte Mester und Gabel bei Seite, um ich habe in früherer Zeit, wo ich noch vertrauensvoller war, Gerhard warm die Hand zu drücken; — „Sie nöthigen manchen Undank geerntet. Jetzt hören und überlegen Sie mir nicht allein Achtung für Sie ab, sondern erhöhen auch ' ' .....c

meine Freundschaft. Nehmen Sie eS mir nicht übel, wenn

ich Ihnen gestehe, daß ich Sie eigentlich nur ein wenig Vertreter in Fällen, die ich Ihnen speciell zuweisen werde;

Anzeigen nimmt entgegen: die E^edittou d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaur von 0. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sch« Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank. A- Stete» ♦ rneyer in Berlin; Carl Schliß-

ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

ffitfcbeint täalich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchenttichen Berlage „Jllii striktes ^"""tagSblatt durch dre Srpedrtron (Kochsche Buchdruckerei) bezogen 2% Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«, lexl. Bestellgebühr). — JnserttonSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf«.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet. ———___

austragt sein soll.

Die Osnabrücker BezirkS-Synode ist sehr energisch gegen da« Hannoversche Kirchen-Regiment aufgetreten; ste hat mit allen Stimmen (eine ausgenommen) beschlosten, bei der LandeS-Synode zu beantragen, „sie wolle, im Anschluß an eine demnächst dem Kaiser zu überreichende Petition, mit allen Kräften dahin wirken, daß ein durchgreifender Wechsel in den Persönlichkeiten des LandeSconsistoriumS stattfinde." Einstimmig wurde ein zweiter Antrag angenommen, dahin gehend, die LandeS-Synode möge streben, daß die kirchliche - -------------

Gesetzgebung für die Provinz Hannover einer zeitgemäßen Politik so hoch gehoben, so fest durchgesuhrt, nicht mit Revision und Abänderung unterzogen werde. seinem Herrn dort erscheint. Alle italienischen Blätter sind

Die großherzoglich sächsische Regierung hatte im vorigen darüber einig, daß wenn auch vielleicht andere al« rein Jahre beantragt, der Bundesrath möge die Entscheidung gesundheitliche Gründe daran Schuld gewesen, diese Reise