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Mr.

Marburg, Sonnabend, 16. October 1875.

x Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatter, sowie die Annoneen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- M ; Haasenstein <L Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln :c; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

ObcrhcUche Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die @xpebition d. Slattes, sowie die Annoncen-Bureaux von (5. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Stete« meyer in Berlin; Carl Schütz« ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt durch die Expedition (Kochfche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«, (exl. Bestellgebühr). - Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

reicher Kandelaber zu erhellen; eS sind deren 150, und dazu bestimmt, die Linien des EingangSbogenS der Gallerie der Loggia-Reale und des Palastes im Hintergründe zu bezeich­nen, sie sind 10 Meter hoch und jeder derselben trägt 150 Gasflammen. Zwei Kandelaber von 15 Meter Höhe wer­den am Palazzo Reale aufgestellt; in der Mitte des Platzes wird das MustkcorpS einen besonderen Balkon haben; wie bei sonstigen Festlichkeiten wird die Gallerie Victor Emanuel erleuchtet und illuminirt, und am zweiten Stock eine zweite Linie von GaSarmen mit 6 Flammen angebracht werden. Das große Concert, welche« zur Ehre des Kaisers auf dem Domplatz statifindet, wird oon'ben städtischen MustkcorpS und von denjenigen deS 3., 7., 8., 48. Infanterieregiments ausgeführt werden. DaS Programm ist: Deutsche Kaiser« Hymne, preußische Nationalhymne; Symphonie auS Rossini's „diebische Elster"; Mercadante „Huldigung an Bellini"; Verdi, zweites Finale auS „Alla"; Donizetti, Symphonie aus der Oper „Polinto"; Meyerbcer, Fackelmarsch; Buchielli, Militärphautasie; Wagner, Chor und Triumphmarsch aus „Tannhäuser"; Mercadante, Ballet aus der Oper „La Regenla". Nicht minder prächtig wird die Parade sein, an welcher 18 Bataillone Linien Infanterie, 4 Bataillone Bersaglieri, 6 Bataillone Alpenjäger, alle Eavallerie-Regi- menter des General-CommandoS von Mailand, 16 Batterien Artillerie, 3 Genie und Pionier«Compagnien, sowie die Zöglinge der Akademie, der Militärschule und des Collegio von Mailand theilnehmen sollen. Der deutsche Consul, Cav. Mack, hat, auf die Anfrage der deutschen Gesandt­schaft in Rom, ob in Mailand eine protestantische Kirche existier, welche Kaiser Wilhelm event. besuchen könne, in Uebereinstimmung mit dem Cav. Tuzier, dem Präsidenten der protestantischen Gemeinde, geantwortet, daß letztere den Kaiser nebst Gefolge mit der größten Freude in der Kirche Via-Montebello empfangen werde.

Tagesbericht.

Die „Nat.-Ztg." erfährt von zuverlässiger Seite, daß der Reichskanzler bei seinem gegenwärtig gesteigert leidenden Zustande und auf die entschiedene Einsprache de« Arztes sich hat entschließen müssen, von der Begleitung deS Kaisers aus dessen italienischer Reise Abstand zu nehmen.

Die Reichsregierung hat soeben eine sehr wichtige Ver­fügung erlasten, durch welche Devtschr, welche sich in Amerika haben naturalistren lasten, demnächst aber infolge längeren als zweijährigen Aufenthalts in Deutschland als auf ihre Naturaliation Verzicht leistend angesehen werden können, nicht mehr wie früher ohne Weiteres zum Militärdienst

heranzuziehen und nach Umständen zwangsweise einzustellen, ondern zunächst durch eine entsprechende Eröffnung vor die Wahl zu stellen seien, entweder in Deutschland zu bleiben, und sich der Militärpflicht zu unterwerfen, oder daS Ge­biet des deutschen Reiches binnen kürzester Frist zu ver- lasten.

Die Artilleriedepots Jülich und Wiesbaden sollen mit Ende dieses JahreS eingehen, und die Depots Wittenberg, Schweidnitz, Graudenz, Minden, Oldenburg, Bitsch und Loyen von dem gedachten Zeitpunkt ab ihre selbstständige Verwaltung abgeben, und in Filialdepots verwandelt werden.

In Betreff der außerordentlichen General-Synode für die acht älteren Provinzen der Monarchie, deren Berufung auf Grund des Allerhöchsten Erlasses vom 10. September 1873 behufs des endlichen Aufbaues der evangelischen Kirchen- verfastung in Aussicht genommen ist, haben neuerdings ein. gehende Verhandlungen zwischen dem evangelischen Ober- Kirchenrath und dem Kultusministerium stattgefunden. Nach­dem eine Vereinbarung über den der Versammlung vorzu­legenden Entwurf einer General-Synodal-Ordnung erreicht und eine Reihe anderer Vorarbeiten zum Abschluß gediehen ist, wird der Entwurf nunmehr dem Könige zur Allerhöchsten Genehmigung vorgclegt werden. Sobald diese Genehmigung erfolgt und die landesherrlich zu berufenden Mitglieder der Synode ernannt fein werden, wird der Termin des Zu­sammentritts der Versammlung bestimmt werden. Voraus­sichtlich wird die Berufung im Monat November erfolgen.

Deutsches «eich.

•• Berlin, 14. Oct. Es wird viel darüber gestritten, ob der Minister des Innern feine Absicht, die Reform der Provinzialordnung auf die westlichen Provinzen auSdehnen wird, d. h. eine solche Vorlage in der nächsten LandtagS- Sesston machen wirb. Von diesem Standpunkte aus ist diese Frage überhaupt nicht zu stellen. Dieselbe steht mit der allgemeinen Politik deS Staates im Zusammenhänge und kann daher auch nur nach den leitenden Gesichtspunkten der Letzteren, nicht nach den Special Absichten des RestortS- Minlsters entschieden werden. — Nachdem alle bisherigen Gerüchle über den Militäretat sich als voreilig erwiesen haben, wird jetzt auch von unterrichteter Seite nicht mehr der Nachricht widersprochen, daß die beteiligten Faktoren zu einer Verständigung über den Voranschlag gelangt sind. Man nimmt an, daß die Mehrforderung von der Militär- Verwaltung sich auf unabweisliche Bedürfniste beschränken und einen nur mäßigen Betrag erreichen werden. — Die RevistonS-Novelle des Strafgesetzbuches läßt in der Preste

Zur Kaiserreise.

ES ist jetzt definitiv festgesetzt, daß der feierliche Ein­zug des Kaisers in Mailand vom Bahnhof aus durch die Bia Principe Umberte, Plazza Cavour, Via Palastro, Corso Venezia, Corso Vittorio Emanuele, Plazza del Duomo und Palazzo Reale erfolgen. Aus dem ganzen Wege vom Lahn- Hofe bis zum letztgenannten Platze werden die Truppen der Mailänder Garnison und ein Theil der zur Revue bestimm­ten Mannschaften Spalier bilden. Aßktzer den zur Parade beorderten Truppen ist noch eine starke Abtheilung Cara diniere nach Mailand gesandt worden, um den Sicherheit«- dienst vor und in dem königlichen Palaste, wenn er sich außerhalb deffclben befindet, zu übernehmen. Der Kaiser wird im königlichen Palaste von der Kronprinzessin und von der Herzogin von Genua empfangen werden. Während der Kaisertage wird in Mailand täglich ein deutsches Blatt unter dem Titel: „die deutsche Preffe in und für Italien," erscheinen, welches den Fremden als Führer dienen und sie von allem ihnen Nützlichen in Kenntniß setzen soll. Das königliche Palai« ist im Innern zu Ehren des Kaisers re novirt und kostbar auögeschmückt worden; der große Saal ist mit einer Tapete bekleidet worden, welche allein 50,000 Lire kostete und mit Tausenden von Rosetten in allen Far den besäet ist. Außerdem sind die Treppen und Zimmer durchgehend« mit neuen Beleuchtungsapparaten versehen, aus Genua hat man Blumen und andere Gewächse kommen lassen, um den Ehrenaufgang damit zu schmücken. Gemälde au« allen königlichen Schlössern find nach Mailand zusam- mengetragen worden; die kostbarsten Möbel hat man her­beigeschafft und namentlich aus da« Bett die größte Sorg­falt verwendet; e« ist flandrischer Musselin dazu gebraucht. Au« der berühmten Schäferei, welche Kaiser Ferdinand in Manza angelegt hat, und welche spanische Schafe der besten Race züchtet, ist die feinste Wolle gesponnen worden, um ein besonder« weiche« Lager für den Kaiser zu bereiten. Neben dem ArbeitSkabinet de« Kaiser« ist eine Bibliothek deutscher Autoren aufgestellt; ferner ist eine Telegraphen­leitung nach den Zimmern des Fürsten Bismarck eingerichtet, so daß der Kaiser stets in unmittelbarer Verbindung mit seinem Reichskanzler sein wird. Der General-Telegraphen- Director Cumm. D'ÄmieS hat, in Uebereinkunst mit dem Director der preußischen Telegraphen verfügt, daß vom 17. bis zum 20. d. M. die beiden Telegraphenämter von Berlin und Mailand in directer und fortwährender Communication stehen sollen. DaS Jlluminationspcoject des Cav. Menzoni, welches der Architekt Tori angenommen hat, besteht darin, die Gebäude auf dem Domplatz vermittelst großartiger und

Auge um Auge, Sahn um Zahn.

Original-Novelle von Etanislau« Graf Grabowski. (Fortsetzung).

„So so l nun da muß eS freilich dabei bleiben," sagte der Doctor mit eigenthümlichem Lächeln. „ES ist wohl ein sehr liebenswürdiger junger Mann, mein Herr College?"

„Er kam mir wenigstens so vor."

„Nun, dann werde ich ihm zunächst denselben guten Rath geben, wie dem jungen College« Dr. Alfred Wiesener, von dem ich Ihnen bereits vorübergehend sprach; wenn man ein hübsche« Gesicht und gewandte Tournure hat, kommt man auf diese Weise in unserem Stande am besten svrt, wenn mau nicht ehe» kopfüber untergeht."

Dr. Mörner sprach die letzten Worte so höhmsch und dabei lauernd au«, daß eS leicht verständlich wurde, er vermuthe, der Dame sei e« gerade an diesem Kopsüber- Uniergange seine« Schutzbefohlenen gelegen.

„O nein!" rief sie lebhaft, — „Sie mißverstehen mich, lieber Freund! — Ich interefsire mich in der Thal für den Doctor von Stürmer und wünsche, daß er (Saniere hier in *** mache. Ich habe Nicht« gegen Ihren guten Rath uno dessen Ausführung, will aber nicht, daß der junge Mensch dabei Schaden nehme. Ueberhaupt steht er zu solide, ich möchte sagen: stolz, an«, als daß er sich so ohne Weitere«, wie Ihr leichtfertiger Doctor Wiesener in einen unergründlichen Strudel stürzen dürfte. Ich will ihm indessen die Mittel liefern, in gleicher oder noch ele­ganterer Weise auszutreten; vor der Hand braucht er aber nicht zu erfahren, daß sie von mir kommen, dazu sollen Sie eben der Vermittler sein."

Frau Wellner sprach wieder ziemlich leidenschaftlich, und dem braven Doctor und Hausfreunde, der ste schon so lange kannte, mochte dabei ein neue« Licht aufgehen; sein Gesicht wurde ein wenig länger, dennoch flog ein etwa« boshafte« Lächeln über seine Züge. Indessen begnügte er sich, zu sagen:

„Wie Eie wünschen, meine Gnädigste; ich bin immer

Ihr gehorsamster Diener. Wo werde ich den jungen Mann kennen lernen?"

„In den nächsten Tagen schon, in unserem Hause. Ueberlegen Sie bi« dahin, wie wir ihm unsere Unterstützung zukommen lassen können, ohne ihn zu verletzen."

„Nun, nun, wie könnte die« unter solchen Umständen zu befürchten fein? — Das ist wahrhaftig der Anfang einer Gartiere, um den ich meinen jungen College« benei­den könnte l"

„Scherzen Sie nicht so boshaft, Doctor!" meinte die Dame, mit dem Finger drohend.

„Nein, es ist mein voller Ernst; aber wa« wird der Herr Gemahl dazu sagen?"

„O, das kann doch nicht »eiter in Betracht kommen! — Aber lassen wir nun diese« Thema fallen, und erzählen Sie mir lieber die neuesten Klatschereien au« unserer Stadt!"

Doctor Mörner schien sich hierbei ganz auf seinem Felde zu befinden und wußte recht pikante Geschichten vor- zubringen, womit zuweilen freilich die ärztliche DiscretionS« Pflicht arg verletzt wurde; seine aufmerksame Zuhörerin amüstrte sich köstlich darüber.

Der Doctor blieb zum Abendessen, da« er für seine Person noch mit einigen Flaschen Bordeaux begleitete, und war vortrefflicher Laune. Einmal sah' er auch nach dem kranken Herrn Weller, fand denselben aber tief schlafend und war über den pünktlichen, freilich etwa« zu raschen Verbrauch seiner Medicin sehr erfreut.

Auch Fräulein Selma von Wildenbrück mußte bei Tische erscheinen, — man möge sich erinnern, daß ste für die Nichte Frau Weller« galt, die« auch selbst glaubte, da« Ehepaar Im vertraulichen Gespräche sie aber seine leibliche Tochter genannt hatte.

Dem jungen Mädchen mochte die Gesellschaft Doctor Mörner's nicht gerade behagen, obgleich derselbe sich ihr gegenüber ganz besonders liebenswürdig zu zeigen versuchte; sie war im Ganzen sehr still, und eigentlich wurde sie von Fran Weller auch noch wie ein halbe« Kind behandelt, in­dessen nicht gänzlich ohne mütterliche Zärtlichkeit, die sie,

wenn auch gewissermaßen nicht ohne alle Scheu, zu erwie- dern schien. In Gegenwart de« jungen Mädchens waren die beiden Andern übrigens vorsichtiger in ihrer Unter­haltung.

Am andern Morgen fühlte sich der Banquier wirklich wieder wohl genug, um sich von seinem Lager zu erheben und sich um das Geschäft zu bekümmern, da« ihm gerade nicht schwere Pflichten und Mühen auferlegte. Im Ganzen war er noch immer Lebemann geblieben, hatte eine Menge freigeftnnte Bekannte in der Stadt und vergnügte sich gern mit ihnen in den Weinhäufern und anderweitig gentleman« lite. Seine Gattin, die im Hanse das Scepter führte, wandte Nichts dagegen ein, trug überhaupt schon seit einer ziemlich langen Reihe von Jahren eine Art von Gleich­gültigkeit gegen ihren Mann zur Schau, ohne daß man indessen von offenen Streitigkeiten zwischen ihnen zu er­zählen wußte. Frau Weller liebte eS sehr, einen Schwarm männlicher Verehrer um sich zu habe«, wen« sie öffentlich auftrat, — man flüsterte sich darüber sogar manche kleine Scandalgeschichte in die Ohren, — und ihr Gemahl be­kümmerte sich seinerseits wieder nicht viel darum. In dieser Beziehung war die goldene Zeit längst vorüber, welche ein leidenschaftlich liebendes Paar zusammengesührt und mehrere Jahre hindurch beglückt hatte.

Wie schon gesagt, besaß die Familie außer dem großen Hanse in der Stadt, das sich mancher fürstlichen Wohnung an die Seite stellen durfte, vor dem Thore noch ein rei­zendes Landhaus, in dem sie zur Sommerzeit residirte, mit Ausschluß der üblichen Badereise, von der man auch jetzt gerade zurückgekehrt war. Frau Helene hatte diese Billa, ganz nach eigenem Geschmacke und Angabe, kurz vor dem Tode ihres ersten Mannes erbauen lassen, und damals sagte man, der Buchhalter Weller verkehre, da sein Chef selten die Stadt verließ, dort draußen mehr, als unbedingt noth- wendig erscheinen konnte. In dieser Villa war der alte Baron von Weißenburg auch gestorben.

Ungeachtet dieser sich daran knüpfenden Erinnerung diente fie Frau Weller jetzt noch al« cm Ort, der ausschließlich