X. Jahrgang.
Marburg, Mittwoch, 13. October 1875.
Sr. 2»O.
WkcheMc Zeitung
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Tagesbericht
Man ist ziemlich gespannt auf den Bericht der Bundes« rathsausschüsse über die Medicinal-Statistik, weil man aus demselben die Gründe zu sehen erwartet, aus welchen man zur Errichtung eines Reichsgesundheitsamtes schreitet. Die Regierung und der Reichstag hatten ein solches schon vor mehreren Jahren gewünscht, während der BundeSrath nicht dafür geneigt war, namentlich weil die Einzelstaaten darin einen Eingriff in ihre Selbstständigkeit erblickten; man ist daher mit Recht begierig, die Ursachen dieses Umschwunges zu erfahren. Jedenfalls wird auf Antrag dec Ausschüsse dem Reichstage in der nächsten Session ein Leichenschauge- setz vorgelegt werden.
Der Militäretat für 1876, deffen Vorlegung an den Bundesrath bevorsteht, weist, wie man erfährt, Mehraus gaben im Betrage von sechs Millionen Mark nach, welche gräßtentheils in Folge bestehender Gesetze beantragt werden.
Die Blätter stellen allerlei Vermulhungen über den Bearbeiter der Vorlage zur Revision des Strafgesetzes auf, und einige derselben behaupteten, Herr von Schelling, der frühere vortragende Rath im Justizministerium, sei mit ihrer Abfassung betraut; diese Angabe ist irrlhümlich. Herr v. Schelling ist schon« seit längerer Zeit aus dem Justiz- Ministerium geschieden, und, nachdem er an der Spitze verschiedener Gerichte gestanden, jetzt Biceprästdent des Ober- Tribunals. , ,,, , i
Die vier Berliner Kreissynoden hielten auf Einladung de» Conflstorium» eine Versammlung unter Vorsitz des Propstes von Berlin, Generalsuperintendent Brückner. Der Hauptgegenstand der Berathung war die Bildung einer definitiven Gesammt- und Kreissynode, welche sich als ein dringendes Erforderniß für Berlin herauSgestellt hat. Außerdem wurdq über die Aufhebung des Parochialzwanges auch für Trauungen und über die Stolgebührenfrage verhandelt. Mit großer Einstimmigkeit wurde die Abschaffung der Stol- gebühren für alle Amtshandlungen, einschließlich der Trauungen beschlossen. Um den Ausfall zu decken, wird man fich wohl zu dem Erlaß einer Kirchensteuer entschließen müssen. Der Nothstand, in welchem die Kirchenverwaltungen Berlins in dem jetzigen UebergangSstadium sich befinden, ist uner- trägltch und erheischt dringende Abhülfe.
Das Elaborat des Abgeordneten Jörg in Baiern, der Adrrßentwurf, ist nun bereits allgemein bekannt. Er übertrifft alles, was jemals in ähnlicher Beziehung geleistet wurde, an Rückstchtslosigkeit und Unverschämtheit. Er de» gnügt sich nicht mit einem Mißtrauensvotum, sondern ent hält eine förmliche Anklage der Minister; eS heißt nämlich in dem Adreßentwurf: „Die gegenwärtige Regierung wollte nicht, daß der Hülferus deS treuen baierijchen Volkes an Ew. Majestät gelange. Mit allen erfindbaren Mitteln gegen den Geist und unbefangen intcrprelirten GcsetzcSbuchitabcn
hat sie das Zustandekommen einer Abgeordnetenkammer zu verhindern gesucht, wie eine solche bei einem unpartheiischen Vollzug der Wahlen sich ergeben haben würde. Die Neuwahlen sind aus Grund der Eintheilung in Wahlkreise vorgenommen, bei welcher nicht Recht und Gerechtigkeit die Hand geführt haben, sondern die Absicht, die wahre Mei nung und Gesinnung der großen Mehrheit des baierischen Volkes zu unterdrücken, desjenigen Volkes, welches unter allen Umständen seine treue Anhänglichkeit bewahrt hat." — Herr Jörg meint, daS Ministerium hätte den Ultra- montanen durch seinen Rücktritt wohl die Nvlhwendigkcit ersparen können, mit dieser Beschwerde den König zu behelligen; da dies aber nicht geschehen ist, so verlange daö Land nach einer anderen Regierung, „die sich Recht und Gerechtigkeit" zum Leitstern nimmt. Er beschuldigt ferner die gegenwärtige Regierung, ein Stück nach dem andern von der baierischen Krone und den Landesgesetzen dahin fallen zu lassen, in einem Interesse, das weit entfernt ist, das allgemeine deutsche zu sein. Klarer und deutlicher kann sich der Herr gegen das deutsche Reich nicht documentiren, als eS in diesen Worten geschehen ist.
Deutsches »eich.
•• Berlin, 11. Oct. In den äußeren Erscheinungen deS Kampfes zwischen Staat und Kirche ist seit kurzer Zeit eine bemerkenswerthe Stille eingetreten, welche zu der Frage Veranlassung giebt, ob man auf einem Ruheoder Wendepunkt angelangt ist. Die „Germania" würde allerdings jene Frage dahin beantworten, daß die Kirche auf dem Felsen Peter so fest gegründet dastehe, daß sie auch ferner um keines Haares Breite von ihrem bisherigen Standpunkte weichen werde. Die Frage hat jedoch einen gewissen festen Anhalt. Man wird einen Ruhepunkt in sofern finden können, als man geneigt ist, einstweilen von weiterm Maßnahmen abzustehen, bis die Wirksamkeit der neuen Legislative sich erprobt hat. Wenn dies auf der Seite der weltlichen Macht zu constatiren sein wird, so wird ebenfalls nicht außer Acht sein zu lassen, daß die Kampflust der Ultramontanen in Abnahme begriffen ist. Wie ruhmredig und siegesgewiß auch die Sprache der ultramontanen Blätter ist, so treten doch mancherlei Anzeichen hervor, welche aus Schwankungen oder Spaltungen in der katholischen Kirche Hinweisen. Die Plänkeleien zwischen den verschiedenen Preßorganen der Partei spielen sich in der Oeffentlichkeit ab und eS ist sogar die Rede, daß ein Theil der katholischen Partei in Berlin eine eigene Zeitung gründen will, um die Alleinherrschasl der Germa nia zu brechen. — Alle Stimmen in der italienischen Presse und alle Vorbereitungen für den Empfang des deutschen Kaiser» auf italienischen Boden lassen deutlich erkennen, daß unsere Bundesgenossen jenseits der Alpen in dem Be
such des Kaisers eine hohe Ehre und einen unzweideutigen Beweis von Freundschaft finden. ES ist deßhalb der Besuch unseres Monarchen in Italien ein unumstößliches Zeichen von politischer Bedeutung. Aus Grund dieser Er- kcnntniß aber zu schließen, daß in Mailand ein Separat- bündniß geschlossen werde, ist sehr gewagt, jedenfalls wird die Entrevue auch den beiderseitigen Staatsmännern Gelegenheit bieten, Aufschluß über wichtige Fragen zu erlangen. — Der Arnim'sche Prozeß wird doch allen anderen Nachrichten zugegen, am 20. October vor dem Obertribunal stattfinden.
Giseuach 10. Oct. Der diesjährige social-politische Congreß tritt unter eigenthümlichen Umständen zusammen. Wie bereits bekannt geworden, sind schon seit mehreren Taxen Dr. Rud. Meyer und Herr RodbertuS, also die Träger einer Richtung, die als „social-conservativ" bezeichnet werden mag, hier anwesend und haben in der Local- Presse unzweideutig zu verstehen gegeben, daß sie den Versuch beabsichtigen, den Congreß zur Abänderung seiner Tagesordnung und zur Befassung mit den obschwebenden handelspolitischen Tagesfragen zu veranlassen, sowie, daß sie als Beauftragte res Reichskanzlers zu gelten hätten (?). Wage- ner's Erscheinen wurde gleichfalls angekündigl. Andererseits sind auch Vertreter der Agrarier - Partei, vor Allem M. A. Niendorf, eingetroffen; ebenso Sonnemann und der ultramontane Frhr. Dael v. Köth aus Rheinhessen. Dagegen scheint eine starke Beschickung des Kongresses durch die Industriellen nicht in Aussicht zu stehen. Heute Morgen hielt der Ausschuß Sitzung, um über das iunezuhaltende Verfahren Beschluß zu fassen. — Der von den Herren Dr. Rud. Meyer und RodbertuS beim social politischen Congreß emgebrachte, aber von diesem bei Seite geschobene Antrag hinsichtlich der Industrial Krisis lautete nach der „C. L." folgendermaßen: „Der Congreß wolle beschließen: In Er- wägung, daß die jetzt herrschende wirthschastliche KrisiS handgreiflich sowohl an Intensität als an Ausbreitung zu- nimmt; in Erwägung ferner, daß die bisher getroffenen oder in Voranschlag gebrachten Maßregeln als Palliativ- Mittel eine Besserung nicht in Aussicht stellen; in Erwägung drittens, daß bei der weiteren Behandlung der wirthjchast- lichen Krisis das Wohl und Interesse der Arbeiter nicht minder, als das der Unternehmer in'S Auge gefaßt werden muß; in Erwägung endlich, daß in der gegenwärtigen Lage des Weltmarktes eine fernere Zögerung unser Vaterland mit den ernstesten Gefahren bedroht: dem Herrn Reichskanzler das Ersuchen auszusprechen, der deutschen Industrie, sowie den bei derselben betheiligten Unternehmern und Arbeitern sowohl nach Innen wie nach Außen denjenigen Schutz zu gewähren, bezw. zu verschaffen, weicher in Anerkennung deS WcrtheS der Arbeit und der eigenartigen Stellung der deutschen Industrie als das alleinige Mittel erscheint, unsere in Frage gestellte Concurrenzfähigkeit aus
Ange *m Auge, Zahn um Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowstr. (Fortsetzung).
Er wußte auch noch ganz gut, daß zwischen ihr und seinem Vater nie eine vollständige Harmonie geherrscht hatte; die Eindrücke mancher stürmischen Scene waren, wenigstens in schwachen Umriffen, in seiner Seele geblieben. Der Vater war barsch und streng, liebte es, das rauhe Soldatenwesen und den Commandoton herauszukehren, obgleich er mr Ge- legenheit gefunden hatte, einen wirklichen Feldzug mitzumachen und eine höhere militärische Stellung einzunehmen: die wahrscheinlich erzwungene Zurückgezogenheit von seinem ursprünglichen Berufe befriedigte ihn nicht, das Leben auf dem Lande war ihm zuwider, und mürrisch schloß er sich von seiner nächsten Umgebung ab. Um die kleine Winh- jchaft kümmerte er sich wenig und überließ deren Leitung, nach dem Tode seiner Frau, fast gänzlich einem alten Diener, der ehemals als Soldat bei ihm Bursche gewesen war; jrüher war er, häufig von Hause abwesend, um Zerstreuung zu suchen, — und Gerhard hatte nur zu sehr Grund, zu argwöhnen, daß die« bei Flasche, Würjeln und Karten geschehen, — seil einer Reihe von Jahren aber machte ihm da» Podagra viel zu schaffen, und nun saß er, gewöhnlich in übelster Laune, zu Hause, rauchte während des ganzen Tages und fluchte gewaltig über fein Schicksal und Alles, was ihm gerade in den Weg kam.
Das war keine gemüthliche Häuslichkeit, zumal das ehemalige Treiben des alten Herrn — er zählte erst wenig über fünfzig Jahre, sah aber schon fast wie ein Greis aus, — ihm auch noch Schulden auf den Hal» geladen hatte, welche schwer auf die kleine Wirthschast fielen; durch sein abstoßendes Wesen hatte er eS auch dahin gebracht, daß ihm seine Nachbarn und alten Bekannten gern aus dem Wege gingen.
schwerlichkeiten, die der frohe Jugendstnn indessen tragen half, bis zum promovirten Arzte gebracht; überschwänglichen Lebensgenüssen war er dabei nicht ergeben gewesen, denn der Herr Vater hielt ihn in puncto pecuniae immer sehr knapp und schrieb ihm fast in jedem der fchr seltenen Briefe, wenn er etwa Schulden machen wollte, so möge er auch dafür sorgen, sie selbst zu bezahlen, — und Gerhard wußte, daß dieS ernst gemeint sei. Er machte also lieber keine Schulden und lernte sich hübsch einzuschränken.
i AlS et nun mit feiner Doktor-Promotion in der Tasche znrückkehtte, sand et noch Alles beim Alten; sein Vater meinte, er möge den Wisch, den er ihm verlegen wollte, nur lieber wieder einstecken und nach Belieben quacksalbern. Mit diesem väterlichen Segen hatte sich Gerhard nun auf den Weg gemacht, um in *** sein Glück zu versuchen, wo er wenigstens auf den Rath und die Unterstützung eines braven UnivetsilätSgenossen rechnen zu dürfen glaubte, der sich dort bereits eine mäßige Praxis erworben hatte.
Zu ihm lenkte er jetzt auch zuerst sei: e Schritte; er war begierig, wie er den alten Freund finden möge, dem' bis dahin das Glück auch nie besonders zu lächeln schien, und außerdem ziemlich niedergeschlagen, wenn er an seine eigenen Aussichten dachte. Wenn ihm auch wirklich die Protection der angesehenen Banquietfamilie ertheilt werden sollte, so sträubte fich in seinem Innern doch eine Stimme dagegen, derselben zuviel zu vertrauen, fie überhaupt nur anzunehmen, aber was blieb ihm eigentlich übrig, als das erste beste Brett zu ergreifen, das ihn über den Ocean seiner ExistenzauSstchten vielleicht jorttragen konnte? —
Und bann, wie schon gesagt, flüsterte ihm wieder eine andere Stimme, die von den Lippen der Nichte des Paares zu kommen schien, so schmeichelnde Hoffnungen zu, — nicht für die gewöhnliche materielle Existenz, sondern für sein Herz, das, wahr und wahrhaftig, noch nie ein Frauenhssh
Um den einzigen Sohn bekümmerte er sich herzlich wenig und war nur, wenn der aussichtslose Junge wilde Streiche beging, was ja einmal im lebendigen Knabenblute zu liegen pflegt, mit strengen Strafen schnell bei der Hand; dabei lies auch manche Ungerechtigkeit mit unter und von einer vertrauensvollen Zuneigung zwischen Sohn und Vater konnte nicht die Rede sein.
Gerhard verließ in feinem neunten Jahre gern das väterliche Haus, um aus ein Gymnasium gebracht zu werden, aber nicht in dem näher liegenden, sondern in einer, anderen kleineren Stadt; er wurde daselbst unter die sogenannten Alumnen gesteckt, die Zöglinge, welche neben dem wissenschaftlichen Unterrichte Wohnung und Kost erhielten, und sand sich dabei nicht zum Besten, waS sein leibliches Wohlbefinden anbetraf; aber diese strenge und entbehrungsvolle Zucht gereichte ihm dennoch zum Nutzen: seine Lehrer und Erzieher waren bald außerordentlich mit ihm zufrieden.
Während eines Zeitraumes von fast zehn Jahren, bis er ein sehr glänzendes Abiturienten-Examen ablegte, sah er die Heimath nur drei- ober viermal und fand daselbst bei seinem Vater auch nur eine so kühle Aufnahme, daß er sich nicht nach ihr zurücksehnte; fein lebhafter Wunsch, einmal die Hauptstadt zu sehen, wurde ihm nie erfüllt, und wenn er nur darauf hindeutete, gerieth sein Vater in einen Zorn, der ihm geradezu unbegreiflich blieb.
Nachher ging er auf verschiedene Universitäten und wid mete sich aus eigener Neigung dem Studium der Medicin; sein Herr Papa meinte dazu, es sei ihm ganz gleichgiltig, । was er werden wolle, wenn er sich nur einmal selbstständig durch das Leben zu bringen wüßte, der Mediciner tauge ebenso wenig wie der Jurist und beide zusammen wären doch wenigstens immer noch besser wie der Theologe; von der Militär-Carritzre wollte er nun gar nichts mehr wissen.
So hatte eö Gerhard von Stürmer unter manchen Be«