Sr. 239.
Marburg, Dienstag, 12. October 1875.
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: »je Expedition d. Blatte«, sowie die Annonaen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Köln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
OhcrhtUlhc Jrituiiij.
Anzeigen nimmt entgegen : die E^redittou d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfutt a M.: Jüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen ‘i\ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf». <exl. Bestellgebühr). — Jnserlionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».
Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.
eine gleiche Anzahl von Postinspektoren hier eintreffen, um denselben CursuS durchzumachen.
München, 8. Oct. Der bereit« telegraphisch skizzirte officiöse Artikel über den Oggersheimer Vorfall in der „A. A. Z." lautet wörtlich: „Wir sind in der Lage über den OggerSheimer Vorgang, der in der Presse verschiedentlich dargestellt wurde nachstehende authentische Mit- theilung zu machen. In der zweiten BerfaffungS-Beilage § 79 ist bestimmt: „Zu außerordentlichen kirchlichen Feier lichkeiten, besonders wenn dieselben an Werktagen gehalten werden wollen, muß allezeit die jpecielle königliche Bewilligung erholt werden." Diese Bestimmung wurde durch eine Verordnung vom 20. Juni 1851 dahin abgemildert, daß die geistlichen Behörden bei Anordnung aller nicht gewöhnlichen kirchlichen Feierlichkeiten und Andachten hievon vorgängige Anzeige bei der weltlichen Behörde zu machen und nur in gewissen Fällen die allerhöchste Genehmigung Sr. Majestät oder doch der königlichen Behörden einzuholen verpflichtet sein sollen, daS Erstere unter Anderem, wenn die kirchlichen Oberbehörden zur Vornahme außerordentlicher kirchlicher Feierlichkeiten Geistliche herbeirufen und ermächtigen wollen, welche im Lande nicht reeipirten Orden angehören oder das baierische Jndigenat nicht besitzen. In dem letzteren Falle hat sich Se. Majestät die Entscheidung Vorbehalten. Diese Verordnung wurde bisher anstandslos gehandhabt und ist beispielsweise namentlich in der Pfalz bei den protestantischen Missionsfesten und der Gustav« Adolph-Feier, sowie erst kürzlich bei Abhaltung von Gottesdiensten zur Feier deS Sedan-TageS in Anwendung gekommen. Am 24. September l. I. traf nun ein Bericht der k. Regierung der Pfalz beim Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schul- Angelegenheiten ein, daß „am 3. und 4. Oktober l. I. die Säcular - Feier der katholischen Kirche in Oggersheim in festlicher Weise und in Gegenwart des hochwürdigen Bischofs von Speyer begangen werde", mit Anregung der Frage: „ob nicht wegen des Umstandes, daß die Abhaltung einer Predigt am 4. Oktober l. I. durch den Dom-Decan Dr. Heinrich von Mainz beabsichtigt werde, nach Ziffer 4 der höchsten Entschließung vom 20. Juni 1851 die allerhöchste Genehmigung Sr. Maj. des Königs einzuholen sei". Von einem Vorhaben des Bischofs Freiherrn v. Ketteler, gleichfalls predigen zu wollen, geschieht in diesem Berichte keine Erwähnung. Das k. Cultusministerium stattete hierauf sofort den pflichtgemäßen Bericht an Se. Majestät den König ab und stellte den Antrag, die allerhöchste Genehmigung zur Berufung des Dom-DecanS Dr. Heinrich von Mainz als Festprediger bei der 100 jährigen Jubiläumsfeier in der katholischen Kirche zu Oggersheim nicht zu erteilen. Se. Majestät entschied im Sinne des ministeriellen Antrags, und am 1. Oktober I. I. wurde die bezügliche bereits durch die Presse bekannt gewordene Entschließung
an die k. Regierung der Pfalz expebirt. Am 3 Oktober Mittags erhielt der k. Kultusminister Dr. v. Lutz nachfolgendes Telegramm von Seiten des Bischofs Frhrn. von Ketteler von Mainz: „Auf Ersuchen deS P. Guardian bin ich hier eingetroffen, um auf das Franziskusfest heute Abend zu predigen, und erfahre soeben, daß nach einem Schreiben der k. Regierung der Pfalz dazu Genehmigung nachgesucht werden muß. Ich bitte daher Excellenz um die Genehmigung." Darauf gab Hr. v. Lutz folgende telegraphische Antwort: „Ihr Telegramm ist mir um 1Uhr bei Rückkehr von Besuchen zugekommen. Nach Ziffer 4 der Verordnung vorn 20. Juni 1851 wäre die Abhaltung einer Festpredigt durch nichtbaierische Geistliche bei dem Jubiläumsfest in Oggersheim nur nach vorgängiger Genehmigung Sr. Maj. des Königs erlaubt; diese allerhöchste Genehmigung zu erholen, bin ich aber wegen der Kürze der Zeit nicht in der Lage." An dem nämlichen Tage, Abends nach 8 Uhr, kam von demselben Bischof Ketteler folgendes Telegramm in die Hände Sr. Majestät nach Schloß Berg: „Königliche Majestät I Da Exc. der Staatsminister v. Lutz durch eben erhaltenes Telegramm die Ertheilung der Erlaubniß zur Abhaltuneiner Predigt gelegentlich der hundertjährigen Festfeier der Erbauung der hiesigen katholischen Kirche durch Hoch- dero Ahnin, die Hochselige Kurfürstin der Pfalz Elisabeth Augusta, von der Entscheidung Eurer Majestät abhängig macht, so erlaube ich mir unterthänigst, Eure Majestät zu bitten, mir diese Erlaubniß gnädigst gewähren zu wollen." Auf dieses Telegramm ist eine Antwort nicht erfolgt. Dessen ungeachtet hat, wie aus den öffentlichen Blättern hinreichend bekannt ist, Bischof Ketteler die beabsichtigte Predigt gehalten. Als die» durch die Zeitungen zur Kenntniß Sr. Maj. deS Königs kam,Iras Allerhöchstderselbe mehrere Verfügungen und erließ zwei Handschreiben an den k. Kultusminister v. Lutz, von denen da« eine dem ernsten Befremden Ausdruck gab, daß „Bischof Haneberg bei diesem rein baierischen Kirchenfest in so erregter Zeit einem mit den baierischen Verhältnissen wenig bekannten und an dem Streite der Parteien in hervorragender Weise beteiligten Kanzelredner einer fremden Diöcese die Predigt überlassen habe"; das andere mit Beziehung auf die Thatsache, daß Bifchof Haneberg unter Uebernahme der Verantwortung das Auftreten deS Bischofs Ketteler von Mainz als Prediger zugelassen, sich dahin äußerte: „Se. Maj. erblicke in diesem Vorgehen des Bischofs v. Haneberg eine mit der von ihm beschworenen Pflicht des Gehorsams in schroffem Widerspruch stehende Haltung, während die Theilnahme des Bischofs Ketteler an dieser Handlungsweise eine schwere Verletzung jener Rücksichten enthalte, welche ihm daö Verweilen im Laude Sr. Majestät auserlege."
— 9. Oct. Der Adreß-Eutwurf an die Krone lautet: „Indem die neugewählte Kammer der Abgeorvneten dem
Deutsches «eich.
»erlitt, 9. Oktober. Der Chef deS MilitärcabinetS General-Major v. Albedyll, ist beim Kaiser in Baden-Baden eingetroffen. — Die Blätter fahren fort, sich mit der Novelle zum Strafgesetzbuch zu beschäftigen, zu deren Verfasser sich, wie eS scheint, Niemand bekennen will. Der politische Theil der vorgefchlagenen Abänderungen wird allgemein getadelt. In Abgeordnetenkreisen ist man entschieden der Meinung, daß dieser Theil der Vorlage vom Reichstage keine Annahme zu erwarten habe. — Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt über den abgefetzten Fürstbischof von Breslau: Von allen preußischen Bischöfen Hal ja nur Dr. Förster allein es gewagt, die päpstliche Bulle zu publiciren, während er wiederum der erste war, seine Mitwirkung zur Ausführung deS Vermögensverwaltungsgesetzes anzuzeigen, und er andererseits in Bezug auf die Bestellung eines Weihbischofs in völlig correcter Weife Anzeige machte. Eben so abweichend von dem Verhalten der anderen Bischöfe ist seine Einlassung auf daS wider ihn erhobene gerichtliche Verfahren, und wenn man einem wegen seiner hohen geistigen Gaben viel gerühmten Prälaten diese Widersprüche gewiß nicht al« eben fogbiele Schwankungen des eigenen Urtheils zur Last legen will, so wird man sie nur als praktische Anwendung jener Lehre betrachten können, welche die Mittel durch den Zweck rechtfertigt. Es ist ja wohl möglich, daß Dr. Förster eine Zeit lang geglaubt hat, einen modus vivendi wenigstens für seine Diöcese herbeizuführen; aber gewiß nur unter der Voraussetzung, daß er die Regierungsorgane zu einer laxen, mit dem Zweck der Gesetzgebung unvereinbaren Praxis werde verleiten können, und daß er zu diesem Zweck sehr gern eine falsche Meinung über seine persönliche Stellung im Kirchenkampf auskommen ließ. In Wahrheit aber ist er, um den ultramontanen Absichten zu dienen, selbst vor der Ungeheuerlichkeit nicht zurückgeschreckt, in dem österreichischen Atitheile seiner Diöcese seine Mitwirkung zur Ausführung von Staatsgesetzen eintreten zu lassen, die er den gleichen Gesetzen im preußischen Antheile verweigerte. — Die Volkszeitung schreibt: Von Interesse für die Eisenzollfrage ist der Umstand, daß der Abg. Dr. Hammacher, der 1873 den sogenannten schntzzöllnerischen Cowpromiß im Reichstag hauptsächlich zu Stande brachte, eine hiesige Bezirks-Vereins- Versammlung benutzt hat, um sich im freihändlerischen Sinne gegen die Wünsche der Eisen-Industriellen zu erklären. — Die 35 Post Inspektoren, welche zur Erlernung deS Tele- graphendiensteS vor acht Wochen hierher berufen waren, wurden am 7. d. vom General-Postdirektor in ihre Hei» math entlassen. Der Zweck dieser Ausbildung ist der, daß nach der Vereinigung der Post- und Telegraphen-Berwaltung die Postinspektoren im Stande sein sollen, auch den Telegraphendienst mit zu beaufsichtigen. Am 15. Oktober wird
Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski. (Fortsetzung).
Inzwischen war signalisirt und telegraphirt worden, und wach Verlauf einer kleinen Stunde etwa langte ein anderer Zug zur Aufnahme der unverletzten und verletzten Reisen, den begleitet von mehreren Aerzttn und Bahnbeamten und besetzt mit zahlreichem Ärbeiterpersonale ein, welches die Bahn möglichst bald wieder fahrbar machen sollte. Jetzt erst sand der Dvctor Zeit, zu seinen alten Reisegenossen zurückzukehren, die er noch fast ganz in derselben Situation fand, wie er sie verlassen hatte.
Der vornehme Herr, wie wir ihn bisher nun einmal genannt haben, befand sich gerade nicht in irgend einem bedenklichen Zustande, aber er klagte über Schmerzen in ober an seinem Kopfe und versicherte, dieselben mochten es ihm unmöglich, die Reise aus der Eisenbahn fortzufetzen, wobei er trotz aller Widerrede auch blieb; es schien, daß er vor diesem Institute eine heillose Angst bekommen hatte. Lieber wollte er nach dem nächsten Dorfe zu Fuß gehen — er hatte nur noch die Rückkehr deS Doctors abgewartet, an dessen Begleitung ihm sehr viel gelegen sein mochte, — um für sich und die Seinigen 6ajelb|t ein Fuhrwerk mit sicheren Räder» und Pferdebeinen auszutreiben zu suchen. Die junge Dame verhielt sich dazu schweigend, die ältere opponirte in einer Weise, die einen Blick in das eheliche Verhältniß des PaareS thun ließ, drang aber diesesmal doch nicht mit ihrem Willen durch, und der Doctor, der bei Jenem nun auf einmal eine persona grata geworden, wurde von ihm dringend um feine Begleitung angegangen.
„Mein werthester Herr Doktor, Sie werden mich nicht verlassen, nicht wahr? — man kann doch immer nicht wissen, ob der Verband sich bis nach •** nicht lösen und meine Wunden wieder aufspringen sollten."
Der junge Arzt versicherte, ei» wenig lächelnd, daß dies unter keinen Umständen zu befürchten fei.
„Ich bin der Banquier Weller in ***/' fuhr der Herr, ihm warm die Hand drückend, fort und warf sich dabei, trotz seines angeblichen Leidens, nicht wenig in die Brust. ,Menn es Ihre kostbare Zeit, verehrter Herr, nur irgend gestatten sollte, sich nicht von uns zu trennen, so würde dies mir und den Meinigen zur größten Beruhigung gereichen und ich mich Ihnen zur größten Dankbarkeit verpflichtet fühlen."
Diese durch die Blume gegebene Andeutung auf ein hübsches Honorar schien bei dem jungen Arzte keinen besonderen Eindruck zu machen, kenn er schwieg noch überlegend; als er aber seitwärts auf die junge Dame blickte und in ihren Augen etwas bemerkte, daS nicht gerade wie eine Bitte auSsah, aber doch jenen Wunsch unterstützte, er- klätte et rasch entschlossen, seine Zeit dränge ihn nicht und er werde e« sich zum Vergnügen machen, die Herrschaften auf dem von ihnen gewählten Wege nach *** zu begleiten, denn dies fei auch daS Endziel feiner Reise.
So wanderten die vier Schicksalsgefährten, sich ihr Gepäck durch dienstwillige und trinkgeldbegierige Bauern nachtragen lassend, zu Fuß nach dem vorerwähnten kleinen Dorfe; der Doctor und die ältere Dame führten den Banquier an beiden Armen, und daS Fräulein ging nebenher.
Wer seine Gefährten waren, wußte der junge Mann nun fo ziemlich, obgleich keine förmliche Vorstellung der Damen erfolgt war; er war für seine Person auch noch nicht dazu gekommen; eS genügte Jenen, daß er Arzt war und ihnen dienlich sein konnte, — für seine Privatverhält- nisse schienen sie kein besonderes Interesse zu empfinden.
Der Banquier sprach unterwegs nur von den «reinigen und sich selbst; danach besaß er ein große« Haus im Arifto- kratenvettel von ***, eine Billa in der Nähe der Stadt
und mußte überhaupt ein sehr reicher und angesehener Mann sein.
Man kam nach dem Dorfe, fand ein passables Frühstück und einen leichten Wagen, der bis zur nächsten Post- station fahren konnte, von wo au« Extrapost zu Gebote stand. Auf diese Weise wurde bann auch die Reise nach der Hauptstadt vollendtt, wo man in den ersten Nachmittagsstunden eintreffen sollte; eS fand sich dabei hinreichende Gelegenheit, nähere Bekanntschaft zu machen und der Banquier sprach mehrmals auS, daß er dieselbe auch in *** fortgesetzt zu sehen wünsche. Er floß jetzt überhaupt von Höflichkeit gegen den jungen Mann über, mochte dem nun ein wirkliches Dankgefühl zu Grunde liegen ober wollte er sich seiner wohlgemeinten Hilfe nur für ben augenblicklichen Bedarf versichern; auch die Damen ließen eS nicht an Freundlichkeiten fehlen und eS war augenscheinlich, daß das Be» nehmen des DoctorS, wie feine ganze Persönlichkeit einen sehr angenehmen Eindruck auf sie machte, was Frap Weller unverhohlener tunbgab wie ihre Nichte, der ihre Jungfräulichkeit natürlich eine vorsichtigere Zurückhaltung vorschrieb.
Es konnte nicht auSbletben, daß jetzt auch die persönlichen Verhältnisse des DoctorS berührt wurden. Ein paarmal war er Daran, sich mit feinem Namen förmlich vorzustellen, aber, wohl nur durch Zufall, fchnitt ihm daS Ehepaar mit feiner lebendigen Unterhaltung jedesmal daS Wott ab; eS schien den Leuten, die immer nicht recht au« einer gewissen Selbstüberhebung herauskamen, einmal Nichts an einem einfachen Namen zu liegen. Sie ließen sich nur so en passant und ohne besonderes Interesse dafür zu ver- rathen, erzählen, daß der junge Arzt, der jetzt nach vollen detcrn Universitätsstudiurn erst seine eigentliche practidrenbe Karriere zu beginnen gedachte, in ber Nähe jener Eisenbahnstation, wo er in ben Zug gestiegen war, bei seinem Vater, einem verabschiedeten uit« verwiitweten Offizier, bet