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x. Jahrgang.

Marburg, Sonnabend, 9. October 1875.

OberheWt Jalung

Deutsche» Reich.

danke, Maß zu halten mit der Soldsteigerung, dagegen s zutragen, daß außer dem Vorsitzenden von PhilippSborn,

gestern in der „Prov.-Corresp." eine so scharfe Beleuchtung erfuhren, beschäftigt die Presse ungemein. Von allen Seiten wird der Unmuth laut, daß die Commission mit ihren Re­sultaten so weit im Rückstände geblieben, und daß zunächst der Reichstag in die Lage kommen werde, über Fortführung und endliche Erledigung der Aufgabe Entschluß zu nehmen. Jedenfalls ist der von der „Prov.-Corresp." in dieser Frage eingenommene Standpunkt von allen Seiten als der rich­tige anerkannt worden. Nur von vereinzelter Seite hat man jenen Artikel so aufgefaßt, als solle dem Reichstage der Rath gegeben werden, der Commission das Mandat nicht zu verlängern, sondern ihre Arbeit durch Plenarbe« rathung zu erledigen. Ein solcher Vorschlag ist aber für objektive Beurtheilcr in der „Prov.-Corresp." nicht zu sta­den. Sie hat keine Vorschläge gemacht, sondern vielmehr jede Initiative dem Reichstage selbst überlasten. Die „Nat.- Ztg." widerräth ein solches Experiment, wie eS der ver- meinrliche Vorschlag der „Prov.-Corresp." wollte, und be- findet sich damit auf dem Standpuukte der „Prov.-Corresp." in dieser Sache, wenn sie nichts Ersprießliches davon er­wartet, daß die begonnene Arbeit unterbrochen und ihre Verwcrthung dadurch unmöglich gemacht wird. — Der Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten hat also abermal» ein AbsetzungSurtheil gesprochen: der Fürstbischof von BreS- lau ist seines Amtes enthoben. Die «enntnißnahme der Verhandlungen muß Jedem klar machen, daß der Spruch der Richter nicht anders fallen konnte, und man muß die Bedeutung dieses Urtheils um so höher anschlagen, da Förster früher eine anscheinend gemäßigte Stellung zum Staate einnahm. UebrigenS muß constatirt werden, daß eine ge­richtliche Verhandlung, die wie diese zum Resultat einer Absetzung führt, nicht mehr geeignet ist, die Ausmerkfamkeit zu erregen, wie in früherer Zeit. Das Publikum wird mit der Zeit gleichgiltig gegen diese Vorgänge, die ihm all- mälig als nothwendige Conscquenz der klerikalen Auflehnung erscheinen. Diese Beobachtung bestätigt mehr und mehr die Ansicht, daß die ruhige und entschlostene Anwendung der Staatsgesctze den Widerstand im klerikalen Lager schließlich

: überwinden werden. — Einen anderen Prozeß anlangend, ! nämlich den des Grafen Arnim, bezweifelt ein hiesige- Blatt i unsere Angabe von neulich, daß die Verhandlungen am 20. , stattfinden werden. Wir wüsten indessen an unserer Mit- , theilung festhaltcn. Auch in Bezug auf diese Affaire ist

Der Schnellzug flog auf einer der Haupt - Eisenbahn- Routen mit rasender Geschwindigkeit seinem nur noch um wenige Starionen entfernten nächsten Ziele zu, der Haupt und Restvenzstadl eine« unserer vielen deutschen Mittel­oder Kleinstaaten.

ES war noch sehr früh am Morgen, im Hochsommer bet- Jahre« 186*, die Sonne seil kaum einer Stunde auf­gegangen, aber man bemerkte leider nicht viel von ihrem goldenen Lichte, denn ein für das Auge undurchdringlicher Nebel hatte sich weit und breit umher ausgebreitet und schlug in großen Tropfen auf die Außenseite dcr Coup« Fenster nieder, welche die Passagiere wohlweislich aufge zogen hatten. Der bei weitem größere Theil der letzteren im ganzen Zuge schlief oder verfuchle wenigstens, bei dieser unerquicklichen Aussicht zu schlafen, die Lebhafteren debat- lirtcn darüber, ob besagter Nebel ein sicheres Vorzeichen großer TageShitze oder unendlich langweiligen RegenS sein

möge.

In einem Coup« erster Klasse befanden sich vier Rei­sende, zwei Herren und zwei Damen, jeden Geschlecht« eine ältere und eine jüngere Persönlichkeit. Alt dürften die beiden bejahrteren eigentlich aber wohl nicht genannt wer­den, denn an da« halbe Jahrhundert reichte ihr Lebenslauf noch nicht hinan, wie sich au« den immer noch kräftigen Gestalten und ziemlich frischen GestchtSzügen schließen ließ. Man dürfte auch nicht daran zweifeln, daß man ein Ehe paar vor sich halte, denn ein solches charaktrrifirt sich, be sonder« auf Reisen, meisten« durch eine gegenseitige Non­chalance, die aber doch wieder eine Beimischung von freund­

unter den Mitgliedern, die sich dem Komite angeschlossen laben, eine Anzahl von Generalen, Generalärzten, Abge­ordneten deS Landtags und Reichstag« u. s. w. Dtrectoren au« allen beteiligten Ministerial-Departement« befinden. — Der Stand der Arbeiten der Reichsjustizkommission, die

,# Berlin, 7. Oct. In Bettest der Sitzung dcs Komites, daö gestern zusammentrat, um die Theilnahme für die nächstes Jahr stattfindende internationale Ausstellung zu organistren und deren Verhandlungen vom Kronprinzen in ansprechender Weise eröffnet worden sind, ist heute nach-

seinem Amte erkannt.

Die „Schlesische Zeitung" beleuchtet in ihrem Leitar­tikel die Unterosfiziersrage. Unter den zur Abhilfe des Mangels au Unteroffizieren empfohlenen Mitteln wird die Beförderung der Unterosfiziere zu Osficieren verworfen, ebenfo der Gedanke, ihnen social eine höhere Stellung an­zuweisen. Der Unterosfizier müsse social bleiben, was er ist, oder vielmehr was er war, denn schon die Exemtionen, die man ihm neuerdings eingeräumt hat, entfremden ihn seinem eigentlichen Beruf. Er soll den Mannschaften, Kamerad, Lehrer, Vorgesetzter und Beispiel sein, das er fordere aber eigentlich doch, daß er mit den Rekruten zu­sammen lebt und webt. „Durchgreifend" heißt eS dann »eiter, „kann nur geholfen werden durch einen recht tiefen Griff in den Staatssäckel und durch Eröffnung weiterer Perspectiven sür den, der das auch bei hoher Löhnung harte LooS de« Unterofficier« auf ein Decennium feines Lebens zu wählen bereit ist. Rach beiden Richtungen hin scheint unsere Militärverwaltung im Großen und Ganzen den richtigen Weg eir.schlagen zu wollen. WaS wir eben von den socialen Verhältnissen der Unterosfiziere sagten, läßt erkennen, wie dieselben durch eine, gewisse Höhe deS

Soldes derart verschoben werden würden, daß der eigent­liche Berufszweck verloren gehen müßte. Ein Unteroffizier, der neben seinen anderweitigen Competenzen 100 Mar ! an monatlichem Gehalt bezöge, würde aufhören zu sein, wa« er fein soll. ES ist Häher ein durchaus richtiger Gr­

aus das Verbleiben bei der Fahne eine Prämie zu setzen, die nach Ablauf einer gewissen Dienstzeit ausgezahlt wird. Wie verlautet, will man für eine Dienstzeit von 12 Jahren eine Prämie von 1200 Mark auSwerfen. DaS ist ein gesunder Gedanke, mag er auch in Bezug auf die Bemessung >er Zeit und der Summe noch der Prüfung unterliegen müssen. Nicht minder richtig sei das weitere Projekt, die Vorrechte, welche die Unteroffiziere nach Ablauf einer ge­wissen Zeit bei Anstellung im Civtidienst vor jedem gleich Qualificirten haben sollen, nach Möglichkeit auszudehnen. In dieser Beziehung heißt eS u. A.: „Unsere Volksschule sendet immer bessere Kräfte in die Armee, und in der Armee felbst geschieht in neuerer Zeit sehr Biel, um die­selben fortzubilden. Ein fünf- bis fechsjähriger CurfuS in der winterlichen Regimentöfchule und eine Probe im Feld- webelSdienste reicht der Regel nach aus, um für den Dienst im Registratur-, Calculatur und selbst im Expeditionsfach ausreichend vorzubereiten." UebrigenS behält sich der Verfasser des Artikel vor, in einem weiteren Artikel noch ein anderes Mittel, daS etwas wohlfeiler und vielleicht besser und sicherer zur Lösung der schwebenden Frage füh ren dürfte, vorzuschlagen.

Wie die „Wes. Ztg." erfährt, hat die spanische Re gierung auf daS bekannte herausfordernde Circular deS päpstlichen Nuntius in Madrid, Cardinals Simeoni, an die spanische Geistlichkeit durch eine Depesche an den päpst­lichen Stuhl geantwortet, in welchem dasselbe einer sehr eingehenden Besprechung unterzogen wird und die Ansprüche des Nuntius zurückgewiesen werden. Im Vatikan sol das Vorgehen deS Nuntius keineswegs gebilligt worden sein. Ein Ausgleich zwischen der Curie und der spanischen Regierung sei daher zu erwarten. Die in einem Tele­gramme aus Rom, welche« auch In die deutsche Presse Eingang gefunden hat, enthaltene Drohung, daß Cardinal Antonelli eine Note deS Ministerpräsidenten Canovas dell' Castillo, in welchem die Aufrechterhaltung des ConcordateS versprochen worden sei, demnächst veröffentlichen werde, wird dem genannten Blatt als gegenstandslos bezeichnet, da eine derartige Note des Herrn Canovas überhaupt nicht existire.

Tagesbericht

Zu dem Prozeß gegen den Fürstbischof Dr. Förster ist noch zu bemerken, daß derselbe am 30. September eine Bertheidigungschrift eingereicht hatte, die auch in ihren wesentlichen Momenten von dem Referenten Kannegießer mitgetheilt wurde, Die Verhandlungen selbst boten nichts Neues. Der Gerichtshof entschied dahin, daß, abge- sehen von dem Verhalten dc« Angeklagten vor Erlaß der Maigesetze feststehe, daß er sich nach Erlaß derselben vielfach gegen die Bestimmungen der Gesetze vergangen habe. Er verstieß gegen § 9, invem er den staatlichen Commissarien den Zutritt zu den geistlichen Anstalten ver­weigerte; gegen § 15 durch die vielfachen selbstständigen Anstellungen von Geistlichen, gegen § 18 durch die Nicht- Wiederbesetzung der erledigten Pfarrämter. Durch die 93er« öffentlichung der Encykiika sowie durch den Fastenhirten­bries vom Jahre 1874 sei öffentlich zum Ungehorsam gegen die Staatsgesetze aufgefordert worden. Aus allen diesen Gründen wurde auf Grund deS § 24 de« Gesetzes vom 12. Mai 1874 aus Entfernung des Angeschuldigten aus

Auge um Auge, Zahn um Sah«.

Original-Novelle von Stanislaus Graf Grabowski.*)

Anzeigen nimmt entgegen: die wöeMtton d. Blatte«, sowie die Annvncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'schc Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Stete« meyer in Berlin; Carl Schaß« ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

8nWfltn nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte«, („mit die Annonren-Bureaur wn Th. Dietrich & Co. in Saffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; S" lein & Segler in rto- M, Berlin, Leip- In rc; Rudolf Meße Berlin, Frankfurt a. M. rc.

* Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechneU^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^

Der Mann oder Herr — letzterer Titel kommt ohne I Zweifel Jedem zu, der auf der Eisenbahn erster Klasse | fahren kann, vornehm gekleidet ist und mit Ostentation einige Ordensbänder im Knopfloche und eine starke goldene Uhr- < kette mit Berlocques trägt, — schlief nicht und rauchte nicht, hatte sich aber mit Schultern und Kopf in eine Ecke ge- \ lehnt, die Kniee weit von sich gestreckt und drehte einen 1 Daumen um den anderen, wie jener berühmte Holländer, > der auf die indiskrete Frage, ob er sich mit dieser Maui- j pulation denn immer unterhalten könne, phlegmatisch er- 1 widerte: „Manchmal mache ich eS auch so!" — und nun den linken Daumen um den rechten, statt den rechten um i den linken zu drehen anfing.

Unser heutiger Passagier war aber, nach seiner Phy­siognomie zu urtheilen, entschieden kein Holländer, sondern ! ein ,.gewöhnlicher" Deutscher; obgleich er als solcher auch recht wohlbehäbig und stillvergnügt aussah, spiegelte sich doch die sprichwörtliche deutsche Gemüthlichkeit nicht gerade in seinem Gesichte ab, im Gegenlheil hatte dasselbe mit seinen scharfen, wenn auch keineswegs unschönen Zügen und den vornehm herabblickenden Augen, in denen doch wieder zuweilen eine gewisse Unsicherheit lag, nicht allzuviel An sprechendes und Vertrauenerweckendes. Ueber der hohen, aber der ganzen Gesichtsform angemessen, schmalen Stirn erhob sich ein Toups noch recht reichen aschblonden HaareS, das erst sehr wenig in daS Graue spielte, ebenso wie der Cotelettenbart, welcher die sonst glattrasirten Wangen be.

den jungen Mann, dcr eine Reisetasche in der Hand trug fast hineingeschoben und dabei geäußert:

„Hier hinein, mein Herr 1, Es ist zwar erste Klaffe, aber der ganze Zug ist schon überfüllt!"

Daraus ließ sich also entnehmen, daß dieser neue Pas« sagier sich nur im Besitze eines Billeis zweiter ober dritter Klasse befand, und dies setzte ihn in den Augen deS älteren Herrn wahrscheinlich tief herab, trotzdem der junge Manu gerade nicht auSsah, al« ob er nicht auch erster Klasse fahren gekonnt, wenn er gewollt hätte.

Jedenfalls war er sehr anständig und sorgsam, wenn auch nicht mit der Eleganz, die nach Effect hascht, gekleidet; Figur und Antlitz waren empfehlend, und sein ganzes Be- nehmen bewies, daß er deS fogenannten guten gesellschaft­lichen ToneS nicht ermangelte. Bei seinem Eintritte in das Coups hatte er sich gegen die bereits anwesende Ge­sellschaft verbeugt, halblaut ein paar Worte der Entschul­digung gesagt, und alS dieselben keine Erwiderung fanden, sich ruhig in die Ecke niedergelassen, die der be« anderen Herrn gerade am weitesten entfernt war; dessen hochmüthige Musterung schien er auch nicht weiter zu beachten.

Um nun von den beiden weiblichen Reisenden zu sprechen, so hatte die Eine, die ältere, in der wir die Gattin be« vornehmen Herrn vermutheten, sich, von einer bunten Reise­decke umhüllt, auf einem der gepolsterten Sitze sür zwei Personen der Länge nach ausgestreckt und schien zu schlafen oder schlief wirklich.

Sie war wohl nur um wenige Jahre jünger wie ihr Gatte, konnte aber immer noch für eine imposante Dame gelten, deren einst wahrscheinlich blendende Schönheit frei« lich schon durch die Jahre eingebüßt hatte, aber doch noch immer auffallen mußte. — Eine Brünette mit zartem wei­ßem Teint — möglicherweise hatte die Kunst der Toilette jetzt dabei »och ein wenig nachgeholfen, — sein und regel­mäßig in allen Zügen, hielt sie die Lider mit den langen dunkeln Wimpern zwar zur Zeit über den Augen ge­schlossen, aber der neue Passagier hatte, als er nothge-

grenjte.

In dem Blicke dieses Herrn, den er durch ein in Gold gefaßte« Binocle nicht vollkommen zu maskiren vermochte, spiegelte sich zur Zeit gerade sehr auffällig jener erwähnte vornehme, fan verachtungsvolle Stolz und galt ohne Zweifel .......... ... — „ dem jüngeren Manne, welcher erst auf der letzten Station schafrlichem ober gewohnheitsmäßigem Interesse zu haben xj^gestiegen war, mochte Letzterer nun durch diese Störung allein seinen Unwillen auf'sich gezogen haben oder wurde er nicht als ebenbürtiger Mitreisender betrachtet. Der Schaff- • ncr hatte nämlich dort eiligst die Wagenthür aufgerissen,

pflegt.

*) Unberechtigter Nachdruck verboten.

' Dre Machen.