Sr. 236.
Marburg, Freitag, 8. October 1875.
x. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annon-en-Bureaux von Th. Dietrich & Co in Staffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. 3)1.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M, Berlin, Leipzig, Köln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
(!‘>btrl]rlTifd|r Jrtlung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. vlpttes, sowie die Annoncen-Burcaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.- Jägerische Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
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Tage-bertcht
Die Reise des Kaisers nach Italien wird erst einige Tage später, wie ursprünglich von der „Prov. - Corresp." mitgetheilt wurde, stattfinden. Als Abreisctermin ist der 16. Oktober, Abends 11 Uhr von Baden-Baden jetzt befi nitiv angenommen. Die Reise wird zuerst bis Innsbruck gehen, wo der Kaiser die Nacht vom 17. auf den 18. zu bringen wird; am 18. Nachmittags wird der Kaiser als dann in Mailand eintreffen, wohin König Victor Emanuel, sowie alle Mitglieder des königlichen HauseS, das gesammte Ministerium, Vertreter des Senates und der Kammer und andere Würdenträger des Staates sich zu seinem Empfange begeben. Der deutsche Gesandte, Herr v. Keudell, wird sich gleichfalls bereits mehrere Tage vorher in Mailand rtnfinden und dem Kaiser bis an die Grenze entgegengehen. Die Verschiebung der Reise um einige Tage ist diesmal von italienischer Seite gewünscht worden; die Vorbereitungen zum Empfange einerseits, sowie namentlich die Zusammenziehung eines Armeekorps in und um Mailand haben diesen Ausschub als wünschenöwerth erscheinen lassen; es ist daher von Rom auS der Wunsch in Baden Baden ausgesprochen worden, die Reise erst nach dem 15. Oktober eintreten zu laffen, und so ist nach gegenseitigem Uebereinkommen der 18. Oktober zum Tage der Ankunft gewählt worden.
Die neuesten Nachrichten aus Varzin melden, daß Fürst BiSmarck'S Befinden ein durchaus gutes und genügendes ist, so daß er, trotz aller entgegengesetzten Meldungen, mit dem übrigen Gefolge des Kaisers am 10. d. M. in Baden rintreffen wird. Die von verschiedenen Seiten her gemachten Mittheilungen über ein gegenwärtig stattfindendes Schwanken in der Gesundheit des Reichskanzlers haben nicht die ge ringste Begründung. Der Fürst wird bei seiner Durchreise durch Berlin wahrscheinlich zwei Tage sich im auswärtigen Amt aufhalten, um dort einige unerläßliche Anordnungen zu treffen, e» ist aber nicht wahrscheinlich, daß fich darunter auch die Besetzung der vacanten diplomatischen Posten befindet, welcher der persönliche Vortrag beim Kaiser und deffen Verfügung vorauSgchen wird.
Die in der neuesten Zeit so lebhafte, nach allen Seiten hin geführte DiScusston der volkSwirthschaftlichen Fragen empfiehlt nachfolgende Ueberfichl über die Ein- und Ausfuhr von Cerealien im deutschen Zollgebiet ganz besonderer Beachtung. Während früher die Ausfuhr viel größer als die Einfuhr war, ist die« jetzt umgekehrt. Im ersten Se mester d. I. ist Weizen allein in der Ausfuhr stärker als in der Einfuhr, und auch dieser nur in ziemlich unbedeutender Proportion. Das Berhältniß der Einfuhr zur Ausfuhr war: bei Weizen 4,740,000 : 5,120,000 Ctr, beim Roggen 6,520000 Ctr. : 1,900,000 Ctr., bei der Gerste 1,830,000 Ctr. : 800,000 Ctr., bei dem Hafer 3,080,000: 1,590,000
Ctr., bei Mais 967,000 Ctr. : 185,000 Ctr. Die Mehr-, einfuhr von Roggen, Gerste, Hafer und Mais beträgt! hiernach 8,282,000 Ctr., welcher eine Mindereinfuhr beim' Weizen von 380,000 Ctr. gegenübersteht. Der Grenzverkehr an Kartoffeln ist stets sehr gering, und ergiebt ein Ausfuhrsübergewicht von 58,000 Ctr. gegen die Einfuhr; die Hülsenfrüchte ergeben für die Einfuhr ein Mehr von 86,000 Ctr. An Mehl gingen 1,200,000 Ctr. ein, und nur 1,060,000 Ctr. aus Außerdem wurden noch 619,000 Ctr. Reis eingeführt, von denen nur 3470 Ctr. wieder ins Ausland gingen. Auch für das ganze Jahr vom 1. Juli 1874 bis 1875 stellt sich die Einfuhr zur Ausfuhr günstiger. Es wurden mehr ein- als auSgcfühit an Weizen 20,000 Ctr., an Roggen 11,440,000 Ctr., an Gerste 3,470,000 Ctr., an Hafer 3,530,000 Ctr., an Mais 1,562,000 Ctr., an Reis 1,361,000 Ctr., an Hülsenfrüchten 273,000 Ctr., an Mehl 362,000 Ctr. Bei Kartoff.ln allein ist die Ausfuhr um 1,116,000 Ctr. größer als die Einfuhr.
Der Verein deutscher Eisen- und Stahlindustriellen, dessen Vorstand und Bureau sich in Berlin befindet, hat den Mitgliedern des Reichstages eine ausführliche Denkschrift über die gegenwärtige Lage ihrer Industriezweige unter besonderem Hinblick auf die Zollverhältniffe zugehen lassen. Das Schriftstück schließt mit der Ankündigung, daß der Verein an den Reichstags eine Petition richten wird, in welcher die Suspendirung des Beschlusses von 1873 (Aus- Hebung der Eisenzölle vom 1. Januar 1877 an) „für mehrere Jahre, jedenfalls aber bis zur Wiederkehr günstigerer Verhältnisse" verlangt werden soll. Gleichzeitig wünscht der Verein, daß von Seiten der Rcichöregierung und der Einzelstaaten eine Enquete über die Lage der Eisenindustrie, über die Ursachen der gegenwärtigen mißlichen Verhältnisse derselben, und die zur Abhülfe günstigsten Wege vorge- nommcn werde; das Schlußpetitum ist dem übrigen Inhalt dieser Denkschrift nach, als ein sehr bescheidenes zu bezeichn nen; da es nur auf Beibehaltung unserer so sehr geringfügigen Eisenzölle hingeht, während die angeführten Gründe einen Antrag auf ein strengeres Schutzzollsystem erwarten ließen.
Aus Serbien wird nunmehr officiell gemeldet, daß das Ministerium Ristic seine Entlastung gegeben und wahrscheinlich durch ein konservatives Ministerium werde ersetzt werden. Unter großer Hoffnung der Actionspartei war das omladistische Ministerium vor wenigen Wochen an das Ruder der Geschäfte gelangt. Die Träume der Großserbcn schienen der Verwirklichung nahe, aber keiner derselben sollte sich erfüllen. Die Partei dieses Ministeriums war bereit, die Pläne derselben auf das bereitwilligste zu unterstützen; die Großmächte setzten sich jedoch jedem unbedachten Schritte Serbiens auf das Energischste entgegen.
Deutsche- «eich.
*• Berlin, 6. Oct. Unter dem Protektorat des Kronprinzen ist heute eine Versammlung rinberufen, welche den Zweck hat, ein Deutsches Comite für die im Jahre 1876 in Brüssel stattfindende internationale Ausstellung für Gesundheitspflege und Rettungswesen zu constituiren. Zu dieser Versammlung sind zahlreiche Einladungen an die auf humanitärem Gebiete bewährten Kräfte in den verschiedenen deutschen Staaten und an namhafte Vertreter der in dem Ausstellungsprogramm vorgesehenen Specialfächer ergangen und haben allseits bereitwilliges Entgegenkommen gefunden. Bon Preußen höre ich die Herren: Generale von Etzel und v. VoigtS-Rheetz, Excell. PhilippS- born, Dr. Gneist, Dr. Virchow, Präs, von Hermann, Dr. Dechent, von Holleben als Mitglieder nennen. — Die Reise des Kaisers nach Italien, ist um einige Tage, wie man hört zum 16. Oktober, verschoben. ES soll hier gleich bemerkt werden, daß irgend welche Vorgänge von Bedeutung diese Hinausschiebung der Reise nicht veranlaßt haben. Ebenso wird die Mittheilung von einem längeren Aufenthalte des Kaisers in Oberitalien sehr der Bestätigung bedürfen, in hiesigen unterrichteten Kreisen ist hier- von nichts kckannt. — Mit dem 10. Oktober d. I. ist auf Grund des Gesetzes vom 26. März 1875 die Thei- lung des Kreises Conitz in die Kreise Conitz und Tüchel ins Leben gerufen und mit der commiffarischen Verwaltung des Landrathsamtes zu Tüchel ist der Graf KönigSmark zu Cownitz betraut worden. — Es ist anzunchmen, daß Fürst Bismarck auf seiner Durchreise nach Bade» ein paar Tage in Berlin im Auswärtigen Amte verweilen wird, um einige wichtige Anordnungen zu treffen, wenn auch nicht die Besetzung der vacanten diplomatischen Posten mit einbegriffen sein wird. Diese wird erst auf persönlichen Vortrag bei Sr. Majestät erfolgen. — Die handelspolitische Frage beschäftigt die Preffe und die beteiligten Kreise auch heute noch im hohen Grade. Wenn man je- doch annimmt, daß AuSlaffungen der „Nordd. Allg. Zta." und der „Post", welche diese Blätter in den letzten Tagen hatten, als Kundgebungen in Regierungskreisen gelten sollten, so wird man fehlgehen. Diese Auslassungen sind Kundgebungen privater Natur und laffen durchaus keinen Schluß auf den Stand ter Regierung zu.
Gotha, 4. Oct. Der hier tagende „Deutsche Frauentag" hat sich bald die Aufmerksamkeit und das Interesse der hiesigen Frauenwelt und einer erklecklichen Anzahl Vertreter des stärkeren Geschlechts erobert. Nachdem Sonnabend Abends eine Vorversammlung und gestern Vormittags eine Berathung im engeren Kreise stattgefun- den, wurde gestern Nachmittag um 3 Uhr die erste Versammlung gehalten. Vaal und Galerien waren dicht be-
Z» alte» Stift.
Erzählung von Rudolf Scipio.
(Schluß.)
Bald war Wilberg wieder an der Stelle angelangt, wo Clärchen seiner harrte.
„Ich danke Gott", sprach diese, als Wilberg ihr den Gruß und Glückwunsch LinckeS überbrachte, „daß er mich bewahrt hat, an ihm und mir ein solches Unrecht zu begehen, und ich wünsche, daß er bei einer Anderen daS Glück finden möge, welches er bei mir vielleicht vergebens gesucht hätte.
„Aber wie konntest Du auch an unS allen Dreien so grausam handeln?" versetzte Wilberg mit halb zärtlichem, halb vorwurfsvollem Tone, indem crClärchenS Arm nahm, um den Rückweg anzutreten. „Wenn Du gewußt hättest, wie weh Du mir damit gethan, Du würdest Lincke nie mals die Erlaubniß gegeben haben, um meine Einwilligung zu Eurer Verlobung zu bitten.
„Verzeihe mir," bat Clärchen, „ich weiß jetzt selbst kaum, wie ich dazu gekommen bin; aber roenn Du an jenem Tage in mein Herz hättest sehen können, so würdest Du denselben Schmerz darin gefunden haben, der heute mein Ver- räther wurde. Meine Siebe zu Dir ist so alt, als diese kleine Narbe hier an meinem Finger, den Tu mir damals verbandest, und sie ist von da an mit jedem Tage größer geworden. Je mehr ich mir aber meiner Liebe zu Dir bewußt wurde, um so ängstlicher war ich bemüht, dieselbe vor Dir zu verbergen; denn ich hielt es, nachdem ich Dich näher kennen gelernt, für unmöglich, daß Du, der Du in allen- Dingen so hoch über mir einfältigem Mädchen standest, so daß ich trotz meiner Liebe doch nur mit einer ge- wiffen ängstlichen Scheu zu Dir oufsah, je meine Liebe erwidern könntest. Wenn mir aber auch diese Hoffnung fehlte, so konnte ich Dich doch alle Tage sehen und in Deiner
Nähe fein, und war schon damit glücklich und zufrieden. Als aber später die Zeit kam, wo ich Dich verlaffen mußte, bedurfte eS einer doppelten Anstrengung, um Dir im Augenblicke des Abschiedes mein Hecz nicht zu verrathen; denn zu dem Schmerz der Trennung kam die Furcht, daß Du mich nun bald ganz vergeffen würdest. Zu meiner Freude bewiesen mir jedoch bald Deine Briefe, daß ich mich hierin wenigstens getäuscht habe, und sie waren bald mein größter Schatz und fast die einzigen Lichtpunkte in meinem oft recht traurigen Leben, da man mich hier deutlich genug fühlen ließ, daß man lieber gesehen, wenn ich da geblieben wäre, woher ich gekommen. Im letzten Winter wurde ich mit Lincke bekannt und er bot mir bald darauf seine Hand an. Lange war ich zweifelhaft, was ich thun solle. Er war ein Mann, dem ich, wenn ich ihn auch nicht liebte, doch meine Achtung nicht versagen konnte. Bei meinem Alleinstehen in der Welt fühlte ich, daß ich den Schritt einmal ja doch werde thun müssen, hatte aber nicht den Muth, über mein Schicksal zu entscheiden und verwies ihn deshalb an Dich. Ich wußte, daß Du Nichts thun würdest, als was zu meinem Besten gereiche. Deinem Ausspruche wollte ich mich fügen und ihn für meine Bestimmung halten. Mein Schicksal mochte dann, dachte ich, werden wie es wolle, kam es doch von Dir. Wohl wußte ich, als ich Dich gestern kommen sah, daß es sich nun erfüllen müsse, aber im Augenblick des Wiedersehens überwog die Seligkeit, Dich wieder in meiner Nähe zu haben, alle die trüben Gedanken, die sich außerdem an Dein Kommen knüpften. Mit jeder Minute aber, die wir länger zusammen waren und vie Dich der Abreise und mich der ewige» Trennung von Dir entgegen führte, fühlte ich, wie die Last, die Dein Gemüth drückte, größer wurde; doch erst der äußerste Sa.-merz in dem Augenblicke, als ich Lincke's Wagen erkannte, und der mich alles vergessen ließ, machte es mög sich, daß ich mich Dir verrieih. Du kennst meine Beweg
gründe und die Eindrücke, unter denen ich gehandelt. Ich selbst fühle jetzt, wo der Alp, der so lange auf meiner Seele lag, von mir gewichen ist und ich wieder klar zu urtheilen vermag, daß ich vielfach gefehlt; aber selbst auf die Gefahr hin, daß Du mit mir unzufrieden bist, mußtest Du Alle» erfahren."
„lind ich danke Dir für diese Offenheit, wegen deren ich Dich noch mehr lieben würde, wenn dieses möglich wäre. Tas Schicksal hat uns Leiden übel milgespielt; doch ich hoffe, daß nun, wo der Schleier, welcher nur bisher tückisch unser Gluck verbarg, gehoben ist, die Zukunft um so Heller und freundlicher fein wird."
Der Wunsch, mit welchem der alte Renvant feine müden Augen geschloffen, ist in Erfüllung gegangen. Alljährlich an seinem Todestage kann man Clärchen an Wilbcrg's Arme nach seinem Grabe wandern sehen, und die dem kleinen Hügel entsprießenden Blumen lassen erkennen, daß eine sorgsame Hand mit Liebe ihrer wartet. Sie verkünde» ihm die Vergebung, nach der sein vom Schicksal so schwer ae- prüsteS Herz sich hier hoffend gesehnt.
Literarische-.
Ferie»tr»««e. Ein Märchenkranz von Heinrich Simbach (Verlag von Mitscher & Röstell in Berlin.)
Diese Märchen eines sonst auf anderen geistigen ®e« bieten und unter anderem Namen schaffenden Mannes sind weniger für Kinder als für Erwachsene bestimmt. Der Verfasser weiß ebenso anmuthig und originell zu erfinden, ?? mtLjeincHl $umcr zu erzählen, auch entbehrt feine feiner Phantastegebilde eine« ernsten sittlichen Kernes und einer finnigen Grundidee. Alle diese Eigenschaften werden das hübsch auSgestattete und billige Buch gewiß bald zu einem Liebling namentlich der Frauenwelt machen.