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Sr. L3S.

JRatßutg, Donnerstag, 7. October 1875.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie die Annon»en-Bureaux von Th- Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Stein & Vogler in rt a. M, Berlin, Lcip- [n rc; Rudolf Moffe in'Berlin, Frankfurt a. M. rc.

WcrhcUlhc Jritimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaiix von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Earl Schüß- ler in Hannover; E. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Xoch'fche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf,. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.

Tagesbericht

Während der Anwesenheit in Berlin deS deutschen Ge­sandten am italienischen Hofe hat derselbe Gelegenheit ge­nommen, mit der Redaclion eines namhaften Berliner Blattes in Berührung zu kommen. Die Unterredung des Herrn v. Keudell mit den betreffenden Redacteuren bewegte sich um die diplomatischen Tagesfragen und berührte näher die Reise deS Kaisers nach Italien und deren politische Be­deutung. ES wurde der eminent friedliche Charakter der Zusammenkunft beider Monarchen betont, und die Gründe dafür liegen heute um so bedeutungsvoller vor, weil das Zusammengehen Deutschlands und Italiens in der orien* lalischen Frage außer Zweifel steht. Mit Recht wird daraus hingedeulet, daß die Türkei in Beziehung ans das euro­päische Gleichgewicht eine große Rolle spielt, und daß sich seit langem zu deffen Regulirung angeblich sowohl die West- Mächte als Rußland und Oesterreich anstrengten. Aber jede dieser Mächte hatte ein specielleS und den anderen ent­gegengesetztes Interesse, während Deutschland und Italien schon wegen ihrer politischen Lage ohne selbstische Gedanken nur auf die Erhaltung des europäischen Friedens bedacht sind. Es wird deshalb in den Berliner diplomatischen Kreisen angenommen, daß Fürst Bismarck und der italie­nische Minister der auswärtigen Angelegenheiten Visconti. Venosta sich von Neuem in den Bestrebungen vereinen wer­den, eine Lösung der brennenden Tagessrage im friedlichen Sinne möglich zu machen.

Das OberverwaltungS - Gericht ist am 1. Oktober in Function getreten. Dasselbe soll mit Ausnahme einzelner bestimmter Fälle, iu denen eS als Gericht erster Instanz, oder in Disciplinarsachen als Berufungsinstanz bestellt wird, nur über Fragen des materiellen bezw. des Piozeßverwat- wngSrechts entscheiden. Dem entsprechend wird es im Gegen­sätze zu den Bezirksverwaltungsgerichte», welche auch gewählte Mitglieder «haften, nur aus Berufsbeamten bestehen, welche aus Vorschlag deS Staatsministeriums vom König auf Le­benszeit ernannt werden. Die Mitglieder de» Oberverwal­tungsgerichtes können nur durch Plenarbeschluß des Gerichtes selbst ihre« Amtes und Gehaltes für verlustig erklärt wer« den, wenn sie wegen einer entehrenden Handlung zu einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahre rechtskräftig ver urthcilt sind. Zur Faffung gültiger Beschlüsse ist die Theil- nahme von mindestens 5 Mitgliedern erforderlich. Bis jetzt ist erst die Ernennung deS Geh. Ober-Reg.-Rath Persius zum Präsidenten erfolgt. Die Ernennung d« übrigen Mit- glieder unlerliegt noch der Bnathung deS Staatsministe­riums. Betreffs des obersten VerwaltungSgerichtShvfes ist darauf hingewiesen, daß derselbe nur )ür die vom 1. October

ab anhängig gemachten VerwaltungSsacheu oberste Instanz wird.

In Baiern spitzt sich die Lage der Dinge zu einer akuten zu. Die Ultramontanen wollen ihre zweistimmige Majorität durchaus zu einem Sturm gegen das Mini­sterium benutzen. Es ist in der letzten Sitzung trotz der glänzenden Rede des Abgeordneten von Stauffenberg der Antrag der Ultramontanen auf Erlaß einer Adreffe an den König angenommen, und der Abgeordnete Jörg mit der Abfassung desselben beauftragt worden. Was man von dem Inhalt desselben vernimmt, so wird dieselbe außer einer Beileidsäußcrung über die letzten Todesfälle in der königlichen Familie nichts anderes enthalten, als ein sehr energisches Mißtrauensvotum gegen das Ministerium. Wird diese Adresse, wie eS sehr wahrscheinlich ist, von der Kam mer gebilligt, so ist die Krisis zum Ausbruch gekommen, die zur Folge haben wird, daß die Minister ihre Entlastung nehmen, bann, wird es sich zeigen, ob der König ein ultra- montaneS Ministerium einberusen wird oder nicht, jeden­falls aber die Lage der Dinge sich zeigen. An unv für sich würde der Rücktritt der gegenwärtigen Regierung kein Bedauern erregen können. Schwankend und haltlos nach oben wie nach unten ist ihre seit vier Jahre dauernde Amtsführung wesentlich Schuld an dem jetzigen Zustande der Dinge Baierns. Ohne Fertigkeit dem Könige gegen­über, der mehrfach in wichtige» Angelegenheiten persönlich in die Verwaltung Eingriff; ohne Fertigkeit und muthlos den in der kirchlichen Frage angenommenen Standpunkt zu behaupten; unklar und engherzig zugleich in Betreff der nationalen* Politik, kurz, überall nichts Halbes und nichts Ganzes, das ist der Charakter des gegenwärtigen Mini­steriums. So hätte der Kriegsminister im vorigen Mai die Theilnahme der Münchener Garnison an der Frohn- leichnamSprocession verboten, daraus verordnet nun der König das Gegentheil, daS Ministerium nimmt die Sache ruhig an und bleibt. Der Erzbischof von Bamberg sucht im März 1872 daS Placet der Regierung zur Verkün- digung der Beschlüste deS VaticanS nach; das Ministerium verweigett das Placet, läßt aber wieder stillschweigend hin­gehen, daß der Erzbischof, waS im vollständigsten Wider­spruch mit den Gesetzen des Staates steht, zur Verkündi­gung schreitet. Zu wiederholten Malen vergaß eS Maß­regeln, durch welche die Unabhängigkeit des bürgerlichen Gebietes von kirchlichem Zwang gesichert werden soll, und alles was davon erfolgt, ist die Bereicherung deS deutschen Strafgesetzbuches durch den im Grunde doch mehr wie zweifelhaften Kanzelparagraphen. Die wieverholten For­derungen der liberalen Partei, um Vorlage eines Schulge­

setzes, das auf dem Prinzip der Trennung von Kirche und Schule beruhe, sind Seitens des Ministeriums nur ausweichende Antworten zu Theil geworden, höchstens einige halbe und schwache Maßregeln. Der baierische Justiz­minister war der entschiedenste Gegner, als Lasker im Reichstage die Ausdehnung der ReichScompetenz auf daS gefammte bürgerliche Recht beantragte. Besondere Ge­fahren für das deutsche Reich würden selbst durch ein ulttamontaneS Ministerium nicht erwachsen, denn dasselbe ist bereits zu fest consolidirt; dagegen würde daS Ansehen Baierns im deutschen Reiche vollends erschüttert und sein Einfluß ganz und gar beseitigt werden, und Baiern so allein den Nachtheil einer ultramontanen Reginung zu tragen haben.

Deutsches Reich.

*• Berlin, 5. Oct. Die Stellung des Finanzmi­nisters Camphausen soll erschüttert sein, so durchschwirrt e» die Blätter. Solche fromme Wünsche sind nun die Ideen der agitatorischen Schutzzollpartei, die sich in ihren An­schauungen isolirt finden. Sie möchten so zu sage» Himmel und Hölle heraufbeschwören, um das jetzige System der Zölle zu vertheidigen. Aber alle diese Agitation muß ihren Zweck verfehlen, denn so lange der Monarch den leitenden Rächen der Krone und den von diesen vertretenen Ansichten seine Zustimmung ertheilt, muß jede Opposition in sich zer­fallen. — Es sind ebenso die dem deutschen Reiche feind­lichen Elemente, welche jetzt mit Beflissenheit die Mitthei- lung ausstreuen, daß Fürst BiSmarck nicht nach Italien gehen werde, weil er krank sei. ES ist eine Enten-Erfin- dung. Fürst BiSmarck würde selbst, wenn seine Gesundheit nicht ganz normal wäre, seinen Herrn nach Jialien begleiten, weil es eine politische Pflicht deS Staatsmannes ist. — Der umfassende Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung von Bestimmungen des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich und die Ergänzung desselben, ist in den heutigen Zei­tungen zum großen Theile abgedruckt zu finden. Eine Kritik wird wohl nur in solchen Blättern, wie „Frkf. Ztg." rc. gegeben werden, da eS eine Veranlaffung bietet, seinem deutsch feindlichen Wesen Ausdruck zu geben. —Dem Lunde» rathe ist ferner ein Antrag Seitens Bavens, betreffend die Posttaxe für OrtSbriefe, übergeben worden, da dieser Gegen­stand in einzelnen größeren Städten mit den heutigen Porto­bestimmungen nicht im Einklang sieht. — Die Einnahmen der Stadt Berlin werden für das Jahr 1876 in runder Summe mit 26,600,000 Rmk., die Ausgaben mit 34,200,000 Rmk. berechnet, so daß also 8,200,000 Rmk. durch die städtische Einkommensteuer zu decken fein werden. — Die

Z» allen Stift.

Erzählung von Rudolf Scipio.

(Fortsetzung).

Auf'S Neue fuhr eine dunkle Purpurgluth über Clärchen'S Gesicht, während sie in peinlicher Verlegenheit vor sich hinsah.

„Verschweigen Sie mir nichts," bat Wilberg, „bedenken Sie, es handelt sich hier um Ihr Lebensglück, und Ihr Erröthen verräth eS mir — Sie lieben einen Anderen."

Tief« neigte sich Clärchen'S Kopf auf ihre Brust, Thränen verdunkelten ihren Blick, aber sie blieb stumm.

„Ich will nicht weiter in Sie bringen/' sprach Wilberg „und es Ihnen überlassen, mir Ihr Geheimniß freiwillig anzuvertrauen, wenn Sie es für nöthig halten; denn ich bin überzeugt, daß Sie Ihre Liebe keinem Unwürdigen ge­schenkt haben."

Jetzt endlich schlug Clärchen ihre Augen zu ihm auf, und e» lag in ihrem Blick ein so stolzes, strahlendes Lächeln und ein solch« Ausdruck verwunderten Staunens über Wil- berg's Frage, daß dies« saft fürchtete, Clärchen dadurch beleidigt zu haben.

„Sie wissen, Clärchen," sprach er in herzlichem Tone, „daß Niemand an Ihrem Glück mehr Bntheil nehmen kann, als ich, und eS ist nicht sowohl der Vormund, der üb« Ihr Glück zu wachen hat, als ein alter treuer Freund, der jetzt vor Ihnen steht und den Ihr Schicksal mehr berührt, al« Sie glauben; drshalb dürfen Sie mir, wenn nicht ganz besondere Gründe Sie abhalten, immerhin wohl sagen, von wem jene Briefe sind."

Einen Augenblick schien daS junge Mädchen zu zaudern, dann zog sie aus den Falten ihres Kleides ein zusammen­gefaltetes Stück Papier, welche» dort, zunächst ihrem Herzen, verborgen gewesen war und reichte dasselbe mit zitternden Fingern Wilberg hin.

„Darf ich öffnen?" fragte dieser. Clärchen antwortete Sicht; doch auch ohne ihre weitere Genehmigung abzuwar­ten, haft« er auch bereit» das Blatt entfaltet; und kaum

wagte er feinen Augen zu trauen, denn er erkannte — seine eigenen Schriftzüge.

„Clärchen!" klang es leise von seinen Lippen; dann schlang « seinen Arm um ihre Gestalt, und fie ließ e» willig zu, daß er sie an seine Brust zog, an der sie ihr glühendes Gesicht verbarg.

In der Nähe hörte man jetzt das Rollen eines Wagen» „Was soll ich ihm nun sagen?" fragte Wilberg launig. „Du wirst e» am besten wissen," flüsterte Clärchen verschämt.

Wilberg schritt dem Wagen entgegen und stellte sich, sobald er denselben erreicht hatte, dem darin Sitzenden, seinem Reisegefährten von gestnn, vor, und eS schien, als ob der junge Gutsbesitzer bei Nennung von Wilberg's Namen erschrecke, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer ängstlichen Spannung, mit der er den Doctor betrachtete.

„Ich habe die Ihnen gegenüber mir sehr peinliche Aufgabe," sprach Wilberg, „Ihnen mittheilen zu müssen, daß ein unvorhergesehener Vorfall eS mir unmöglich macht, meine von Ihnen erbetene Genehmigung zu «theilen. Ich bin Ihnen bis hierher entgegen gegangen, um Ihnen die­ses unter vier Augen zu eröffnen. Die Veranlassung zu dieser noch im letzten Augenblicke eingetretenen seltsamen Wendung muß ich mir Vorbehalten, Ihnen von Hause aus schriftlich auseinander zu setzen. Für heute müssen Sie sich mit der Versicherung begnügen, daß Ihre Person da­mit in durchaus keinem Zusammenhänge stehl und ich, wenn eben nicht andere Gründe mich bestimmt hätten, nach dem, wo» mir von Ihnen bekannt ist, keinen Augenblick Anstand genommen haben würde, mein Mündel mit vo em Vertrauen unter Ihren Schutz zu stellen."

„Ich weide Ihnen die Mühe deS Schreibens ersparen können," versetzte der GutSSefitzer mit einem wehfliüchigen Lächeln, „denn ich glaube das von Ihnen «wähnte Er- eigniß mit ziemlicher Sicherheit zu errathen. Ich war bisher in dem Glauben, daß der von Clärchen häufig erwähnte Doctor Wilberg ein alt« Herr fei, nun aber,

wo ich Sie vor mir sehe, vermag ich die schwärmerische Verehrung, die Clärchen ihrem Vormunde zollte und auch noch manche« Andere, mir bisher Unerklärliche, zu begrei­fen, und wenn ich Ihr G,sicht sehe, so sagt mir dessen Ausdruck alle» Uebrige. — Nun, cS hat wohl nicht sein sollen, und da e« mir nicht beschieden gewesen ist, der Glückliche zu sein, so lassen Sie mich denn Ihnen hiermit meinen Wunsch für Ihr beiderseitige« Glück barbringen; und nun leben Sie wohl und bringen Sie Clärchen mei­nen letzten Gruß." Damit reichte er Wilberg die Hand, wandte sein Gefährt und trat den Heimweg an.

(Schluß folgt.)

— Bekannt ist die Grausamkeit der römischen Schau­spiele; man würde sich jedoch irren, wenn man glaubte, daß das damalige Publikum kein Gefühl für Menschlichkeit gehabt hätte. Dieselben Menschen, deren Blick mit Ergötzen aus der Arena ruhte, wenn ihr Sand von Menschenblut gnithet war, machten da« Theater von Beifallsrufen er­schüttern, wenn der berühmte Ver« des Terentiu« von d« Brüderlichkeit aller Menschen ovrgetragen wurde. Al« der Senat den Mörder eine« Patriziers nicht entdecken konnte und den Beschluß faßte, seine vier Sclaven zu tödten, er­hob sich das Volk in offenem Aufstande gegen diesen Ur- theilSspruch. Zur Zeit de« Augunus fiel da« Volk über den Ritter Erixo auf dem Forum her, weil er seinen Sohn zu Tode gegeißelt hatte, und nur mit Mühe gelang e«, ihn lebendig den feindlichen Händen zu entreißen. Der ältere Cato enthob einen Senator feiner Würde, weil er eine Hinrichtung zu einer solchen Stunde anberaumte, daß seine Geliebte sich de« Trauerspiele« «freuen konnte. Sogar im Amphitheater stoßen wir auf gewisse Spuren eine« milderen Geistes. Da« Volk beklagte sich, daß DrusuS ein zu sicht- bare« Vergnügen an dem Anblicke de« Blute» nahm, daß Caligula zu gierig war, den Tod zu beobachten, überhäufte aber den Jüngling C-racalla mit Beifallsrufen, al» er bei der Hinrichtung von Verbrechern Thränen vergoß. Zu den