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Nr. 333.

Marburg, Dienstag, 5. Oktober 1875.

x Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: Mt EMditivn b. Blatte», sowie die Annomen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfutt a. M, Berlin, Leip­zig, Söln ic; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc-

(OlicrlifOW Znlung.

Anzeigen nimmt entgegen: die ®xpebitton d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.; Jägerssche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlluftrirtes Sonutagödlatt" durch die Crvedition (ftddi’fdit Buchdruckerei) bezogen 25, Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg l-xl Bestlllgebühr). - KMion^Lühr ftr die gespaltene Zle 10 «K

Für m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. '

4n bett nächsten Tagen beginnt in dem unter; gt haltenden Theil unseres Blattes die höchst spannende Original-Novelle

gtugc um Uuge, Zahn um Zahn,

von Stanislaus Graf Grabowski.

Bestellungen auf die „Oberhesi. Zeitung" pr. IV. Quartal werden noch in Marburg von der Expedition, sowie von allen Postanstalten an- genommen.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Die Schrift deS Abgeordnete» v. Kardorffr „Wider den Strom"

nimmt gegenwärtig die öffentliche Meinung im hohen Grade in Anspruch. Alle Blätter, die sich nicht ausschließlich dem Manchesterthum blind ergeben hatten, und mit gewohnter Unfehlbarkeit an ihren Theorien festhalten, behandeln diese hochwichtige Schrift de» freiconservativen Abgeordneten und sehen in derselben einen Umschwung in den wirthschaftlichen Fragen. Da» Geständniß von Kardorff'S, daß er früher selber der Freihandelstheorie ergeben gewesen sei, aber durch die Macht der Thatsachen und die Schriften Carey's sich davon bekehtt habe, wird auf die vielen blinden Nachbeter der unfehlbaren Freihändler ihren Eindruck nicht verfehlen. Bisher pflegten die Manchestermänner immer als Beispiel für ihre Theorie England anzuführen. Um so wichtiger ist e», daß Herr von Kardorff auch diese letzte Illusion gründlich zerstört. Was der Verfaffer darüber sagt, ist so wahr und so wichtig, daß wir eS am liebsten unverkürzt unfern Lesern wieder geben möchten, indeffen können wir die« der Länge wegen doch nur abgekürzt: „Das Ueber- gewicht England« in der Textil- und Eisenindustrie beruht auf folgenden Thatsachen: England hat in seinem coloffalen Colonialbesitze (und Irland wurde bis in die neueste Zeit hierin diesem gleich behandelt) theilS durch direkte Verbote, theil«, wie in Ostindien, durch künstliche Besteuemngssysteme jede Art von Manufaktur- und Jndustriethäligkeit auszu­rotten und zu unterdrücken gewußt, und es verstanden, diese Länder mit einer Bevölkerung von 200 Millionen Seelen zu zwingen, ihre Rohprodukte (z. B. Baumwolle, Indigo n. s. w.) zu den niedrigst denkbaren Preisen zu liefern, und ihnen die Fabrikate aus diesen Rohprodukten umge­kehrt wieder zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen. ES hat auf diese Att, gestützt aus seinen unerschöpflichen Reich- chum an Kohlen und Erzen, Folgendes erreicht: 1) die Concentration eines kapitales für maschinelle Verarbeitung von Rohprodukten zu Fabrikatm, deffen Höhe unseren con- tinentalen Begriffen kaum glaublich erscheint; 2) den Ge­

winn eines immensen sicheren Absatzgebietes für die von ihm erzeugten Fabrikate; 3) einen Vorsprung in der tech­nischen Ausbildung eines durch Generationen geschulten Ar­beiterstammes, und in der stetig fortschreitenden Vervollkom mung der Maschinen selbst, den keine andere Nation der Welt einzuholen vermag.

Dieser Hypertrophie der industriellen Entwickelung Eng­lands gegenüber ist eine Concurrenz anderer Jndustrieen unmöglich, und es sind leere Windbeuteleien, wenn unsere Fabrikanten selbst unter Umständen das große Wort führen, und sich für concurrenzfähig ausgeben. Einzelne Speciali- täten, z. B. die Krupp'schen Kanonen oder Fabrikate, zu denen besonderer Geschmack in Mustern und Zeichnungen gehört, werden auch beim radikalen Freihandel England gegenüber ihren Markt zu behaupten wiffen; im großen Massenbedarf der gewöhnlichen Fabrikate in Zeug und Eisen ist jede Industrie der englischen gegenüber geliefert, sobald ihr nicht durch — wenn auch nur mäßige — Schutzzölle wenigstens die Möglichkeit gegeben ist, sich auf dem inlän­dischen Markte behaupten zu können. Wenn man nach­forscht, mit welchem Uebermuth und welcher Rücksichtslosig­keit England seine Capitalübermacht jederzeit zur Geltung gebracht hat; wie englische Fabrikanten-Affociationen es sich wiederholt hunderttausende von Pfunden kosten ließen, um durch stetiges Unterbieten der Preise eine kontinentale Con currenz zu ruiniren; so muß man zu der Ueberzeugung gelangen, daß auf diesen Gebieten der Wettkampf jedes an­deren Landes mit England des eines halbwüchsigen Knaben gegen einen Athleten von Profession ist.

Denn die Möglichkeit billiger Produktion beruht für eine jede nicht, wie Minister Camphausen wähnt, auf billigen Arbeitslöhnen, sondern hauptsächlich: 1) Aus der Massen­produktion ; 2) auf der Sicherheit des Absatzgebietes (Marktes) für den größten Theil der fabricirten Waare; 3) auf der möglichst vottheilhaften Erwerbung des Rohmaterials.

In allen diesen Punkten aber ist England uns über­legen. Was Maffenproduktion anbelangt, so walzt dort, nach einer kürzlich in den Zeitungen erschienenen Notiz, ein einziges Eisen-Werk in einer Woche so viel Schienen, als große deutsche Werke innerhalb eines Jahres fertig stellen können und die Textilindustrie von Leeds und Manchester verhält sich zu unserer Industrie, wo sie am großartigsten getrieben wird, ungefähr wie der Chimboraffo zum Berliner Kreuzberg. — Was die Sicherheit des Absatzes und die Größe des Marktes betrifft, so beherrscht England das ge­waltige Gebiet seiner Colonien ziemlich unumschränkt, der billige Waflertransport gibt ihm überall einen Vorzug, den kein anderes Land der Welt in ähnlicher Weise besitzt. Das Rohmaterial endlich kauft England für seine Textilindustrie größtentheils aus erster Hand, während andere Nationen erst auf die Spesen des Zwischenhandels angewiesen find.

„Wenn eine Nation ungestraft eine Mißregierung ihrer Colonien durch Generationen fortsetzen könnte, wie England ste in Ostindien geführt, wo ein schlimmerer Druck aus den niederen Volksklaffen lastet als selbst auf den Unglück- lichen RajahS der Türkei, die jetzt in der Herzegowina den verzweifelten Versuch ihrer Befreiung machen; — wenn eine Nation, nur um die finkenden Erträge de« indischen Reiches zu heben, ungestraft einen so abscheulichen Krieg beginnen dürfte, wie seiner Zeit England den Krieg gegen China um dort die Opium-Einfuhr zu erzwingen —; wmn eine Nation ungestraft mit heuchlerischen Phrasen den Frei­handel allen Nationen predigen und selbst durchaus pro­tektionistische Politik, wo ihr eigenes Jntereffe eS verlangt, treiben durfte, ohne selbst durch eine solche Politik Schaden zu leiden, so würde man in der That an der Gerechtigkeit der Weltordnung irre werden muffen. *

Diese Darlegung ist so treffend und die Läge Englands so erschöpfend, daß die Freihändler diesen Thatsachen gegen­über einen schweren Stand haben werden, und ihre Un- fehlbarkeit dadurch einen bedeutenden Stoß bekommt.

Deutsches »eich.

— ©erlitt, 2. Oct. Gestern ist in der Plenarsitzung des Bundesraths die Vorlage über die Revision des Straf- gesetzbuches osficiell angekündigt und dem Justizausschuß überwiesen worden. Der Entwurf ist bereits gedruckt, und soll demnächst veröffentlicht werden. ES werden in demselben theilS die Lücken des Strafgesetzbuches ergänzt, theilS werden Abänderungen herheigeführt, welche durch die gemachten Erfahrungen geboten scheinen. — Das Muster­schutzgesetz liegt gleichfalls jetzt dem Bundesrathe vor. Daffelbe erscheint als Ergebniß der im letzten Frühjahr hier stattgehabten Enquete über den Musterschutz, und ist nach den Vorschlägen der bei diesem Verfahren betheiligt gewesenen ProfefforS Dambach (bekanntlich einer Autori­tät für die Materie) abgefaßt worden. Der Entwurf be­handelt den Schutz der Kunstwerke, Muster und Modelle, sowie der Photographieen in drei verschiedenen Gesetzent- würfen, die nach denselben Grundsätzen gestaltet sind. Da­nach wird das EigenthumSrecht den Urhebern zugesprochen, Nachbildungen ohne Zustimmung deS Urhebers sind ver- boten. Kunstwerke werden während der Lebensdauer de« Verfettigers und 30 Jahre nach ihrem Tode, Muster, Mo­delle und Photographieen 5 Jahre lang geschützt. Die Muster müssen in ein besonderes Musterregister eingetragen werden, welches die seit Führung deS Handelsregisters be­auftragte Gerichtsbehörde zu führen hat. — Die Provin­ziallandtage verschiedener Provinzen sind bereits zusammen­getreten; dagegen wird der Provinzial- und Communal- Landtag der Kurmarck um» Niederlausitz noch ein Mal am 15. November in seiner alten Zusammensetzung zu­

Z« alte» Stift.

Erzählung von Rudolf Scipio. (Fortsetzung).

Meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht. Es war Clirchen, die ich so lange vergebens gesucht, um sie nun hier im Sarge endlich zu finden.

„Sie hatte schon gekränkelt," bemerkte die Alte, „und al« sie da« Unglück mit ihrem Manne hörte, hat sie sich so erschreckt, daß es bald mit ihr zu Ende war."

Was die Arme gelitten, ehe sie zur ewigen Ruhe ein- gegangm war, stand in deutlichen Zügen auf ihrem abge- härmten Gesichte geschrieben, und ich mußte mir sagen, daß ich e« gewesen, der nicht nur an ihrem Schicksale, sondern auch an ihrem frühen Tode die größte Schuld getragen. Dmch mich war ihrem Herzen, wenn auch unabsichtlich, der erste herbe Schmerz, der ihr Leben getrübt hatte, be- rrittt; ich war die Ursache jahrelangen Kummers für sie gewesen, und ich hatte ihr dann zuletzt durch die von meiner Hand vollbrachte Tödtung des Mannes, an deffen Seite die von aller Welt Verlaffene Schutz gefunden, noch selbst den Todesstreich versetzt.

Ich zürnte fast dem Schicksal, welches den Pascher in jener Nacht verhindert, mir zuvor zu kommen und mir aus feinem alten Rohre die Kugel zuzusenden, die Clärchen'S Later wohl schon längst für mich bestimmt hatte.

Lange stand ich so in schmerzliche Gedankm versunken da und schaute auf die mir einst so vertrauten und noch immer theueren Züge der Todten nieder. Ich vermochte Mich noch nicht an den Gedanken zu gewöhnen, daß Clärchen Mm, wo ich ste endlich gefunden, mir auf ewig entriffen fei. Immer war e« mir, als ob sie noch einmal die Augen öffnen mufft, um mir wenigstens zu sagen, daß ste mir all das viAe Weh, welches daö Schicksal ihr durch mich zu- gesügt und unter dem ich ja nicht minder al« sie gelitten,

vergeben habe; doch der Tod gab seine Beute nicht wieder heraus.

Aus der anstoßenden Stube hörte man jetzt das Weinen eines kleinen Kindes. Ich verstand den Laut. Es mußte Clärchen'S Kind sein; und wenn auch sie mir auf meine stumme Bitte keine Antwort mehr geben konnte, so war doch das Kind da, um meine Hülfe, deren die Mutter nicht mehr bedurfte, von jetzt an in Anspmch zu nehmen und mir dann vielleicht einst an ihrer Stelle die Vergebung und den Segen der Todten zu bringen. Ihm sollte von jetzt an alle Liebe, die bisher der Gefährtin meiner Jugend ge­hört hatte, gewidmet sein.

Noch am Abend deffelben Tages wurden Clärchen'S irdische Reste zur Ruhe bestattet. Ich begleitete ihren Sarg auf dem Wege zum Friedhof; neben mir schritten einige wild auösehcnde Gestalten, wahrscheinlich die Gefährtm ihres Mannes.

Mein Wunsch, Clärchen'S Kind, ein Mädchen von etwa zwei Jahren, zu mir zu nehmen, erfuhr keinen Widerspruch; denn es sand sich Niemand, der auf das Kind Ansprüche erhoben hätte; man war froh, es auf diese Weise los zu werden.

Ich werde kaum nöthig haben, beizufügen, daß jenes Kind, welches, wie seine Mutter, den Namen Clara trug, daffetbe ist, welches Sie bisher hier als meine Tochter kann-' ten. Außer dem Namen hat sie die Züge und das Wesen ihrer verstorbenen Mutter geerbt, und oft, wenn ich das Kind ansehe, ist eS mir, als ob ihre Mutter vor mir stände.

Ich wurde bald, nachdem ich das Kind zu mir genom­men, auf'S Neue versetzt und kam dann schließlich hierher. Clärchen hat niemals etwas von ihren Eltern erfahren; sie hält mich für ihren Vater, und seit ste bei mit ist, habe ich auch mich daran gewöhnt, sie al« meine Tochter zu betrachten. Das Srfühl der Einsamkeit, unter dem ich

früher gelitten, hat damit nun zwar aufgehört, dennoch habe ich keine Ruhe finden können, weil ich fortwährend in der Besorgniß schwebte, daß Clärchen einmal daS Ge- heimniß ihrer Herkunft entdecken und ihre Liebe zu ihrem vermeintlichen Vater stch dann in Haß gegen den Mörder ihrer Eltern verwandeln möchte.

Ich habe ste deshalb von jeder Berührung mit anderen Menschen möglichst fern zu halten gesucht, und da« ist auch der Grund, weshalb ich Ihren erstm Besuch hier nicht gern sah und ein weiteres Bekanntwerden zwischen Clärchen und Ihnen zu verhindern suchte.

Als Sie damals zuerst hier gewesen waren, um Clär- chens Finger zu verbinden, merkte ich, daß das Mädchen mehr Jntereffe für den neuen Nachbar zeigte, al« man das sonst bei ihr gewohnt war. Clärchen hatte mir außer­dem mitgetheilt, daß Sie am andern Tage wiederkommen würden, daß aber Ihr Besuch dann blos ein nachbarlicher sein sollte, und als ich dann am Abend nach jenem Vor­fall, der mir durch das dabei gesehene Blut die Erinnerung an jene Hcrbstnacht in der Eifel und damit meine ganze Vergangenheit wieder vor die Seele gerufen hatte, von meinen Gedanken gequält einsam im Zimmer umherging, sah ich Sie drüben an Ihrem Fenster stehen und glaubte bemerkt zu haben, daß Sie längere Zeit aufmerksam zu uns herüber blickten. Ich schloß daraus, daß der Eindruck Ihrer Begegnung mit Clärchen ein gegenscittger fei, und Sie werden jetzt selbst begreifen, was eine solche Entdeckung für mich zu bedeuten hatte. Nicht allein, daß ich da« Kind dadurch aus meiner Nähe zu verlieren befürchten mußte, daö hätte ich allenfalls noch leichter erttagen und mich ClärchenS wegen darin gefunden, aber schrecklicher als das war mir der Gedanke, daß Clärchen dann noch, wendig über ihr Verhättniß zu mir aufgeklätt werden unb sich gattz von mir lo-fagen würde,