Sr. SS».
Marburg, Donnerstag, 30. September 1875.
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annon«n-Bureanx von LH. Diettich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Hänfenstem & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip- iig, 66In ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfutt a. M. rc.
ObnhtMk Jritung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Sete» meyer in Berlin; Carl Schüß» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Wetttagen nach Soim» und Ferettagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrirteS SonntagSdlatt" durch die Expedition («och'fche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Seiches 2 Mark 50 Pfg. (eil. Bestellgebühr). - JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa.
Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pfg. berechnet.
Auf das mit dem 1. Oktober beginnende Quartal- C* Abonnement der
Bberhessischen Zeitung
mit der Gratis-Beilage
Mustrirtes Sonntagsklatt ersuchen wir die Bestellungen baldigst zu erneuern, da ohne vorherige Bestellung von der Post die Fortsetzung nicht geliefert wird. Auf dem Lande kann die Bestellung bei dem Landpostboten gemacht werden.
Exped. d. Oberh. Ztg.
Die Gituattou t« der Herzegowina.
Die Mediation in der Herzegowina Seitens der Großmächte scheint entschieden gescheiten zu sein. Wenigstens wird von dort berietet, daß der französische, der englische und russische Consul in Trebinje eingetroffen feien und den Botschaftern berichtet hätten, daß ihre AuSgleichungS- und BersöhnungSmisflon vollständig mißlungen sei. Bon den Consuln Deutschlands, Italiens und Oesterreichs fehlt bisher jede Nachricht, doch ist anzunehmen, daß dieselben keinen besseren Ersolg gehabt haben; so würde also das Gemetzel in der Herzegowina noch eine Weile sortgehen. Die Operationen der Türken scheinen mit großer Flauheit betrieben zu werden, die neuesten Nachrichten lauten sogar entschieden ungünstig für dieselben. Die Insurgenten haben wieder einige Vortheile über die Türken errungen, sd daß von einem Erlöschen des Aufstandes nicht die Rede fein kann. Allerdings ist der Einfluß der Großmächte wirksam genug gewesen, um ben Aufstand in sofern zu lokalisiren, als Serbien and Montenegro, die Anfangs einen Anlauf nahmen, den Insurgenten offen Hilfe zu bringen, sich jetzt darauf beschränken, ihnen nur unter der Hand ihre Sympathien zn beweisen; diese Lokalifirung aberläßt die Frage an und für sich um so weniger, als von keiner Seite (die Türkei selbst natürlich ausgenommen) die Möglichkeit zugelaffen wird, den früheren Status quo wiederherzustellen, jeder größeren Conflagration ist wohl damit vorgebeugt, daß die Großmächte, wie jetzt feststeht, sich in keiner Weise actio engagiren wollen, doch ist immer schwer vorauszusehen, wie sie sich definitiv der Frage selbst gegenüber, sowie hinsichtlich der blrect dabei Betheiligten stellen werden. Deutschland ist dabei natürlich am zurückhaltendsten und kann es, da e» am besten seinen Interessen damit dient, die Regelung dieser Angelegenheit Oesterreich und Rußland über- laffen. Oesterreich, nach einem gewissen Herumtappen nach verschiedenen Richtungen hin, scheint sich jetzt für eine Initia
tive nicht mehr stark genug zu fühlen, da es wohl fühlt, wie schwer es mit den Magyaren zu rechnen hat, vielleicht hat also Rußland das entscheidende Wort zu sprechen.
Tagesbericht.
Das Programm für die Reise Sr. Majestät des Kaisers nach Baden ist wie folgt festgesetzt: Dienstag den 28. von Berlin Abends per Extrazug um 93/^ Uhr; in Köln Mittwoch 6 Uhr 35 Minuten früh. Kaffee und Toilette auf dem Bahnhöfe, nachher Besichtigung der Gartenbau - Ausstellung; Abfahrt von Köln Vormittags 10 Uhr per Extra- zug; Ankunft in Frankfurt 2 Uhr 27 Minuten, Diner in Westendhall und Besichtigung der Ausstellung kunstgewerblicher Gegenstände; Abfahrt von Frankfurt Nachmittags 5 Uhr per Extrazug und Ankunft in Baden Abends 8 Uhr 35 Minuten. Empfang und Begleitung finden auf der Reife nicht statt. — Der „Reichs - Anzeiger" veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung d. d. Rostock, 22. Sept., wonach vom 1. Januar 1876 ab die Goldwährung im ganzen Reichsgebiet in Kraft tritt.
Von sachkundiger Seite erfahren wir über die letzten Manöver und die dabei angeweudete Taktik Folgendes: Die Bedeutung unserer diesjährigen Manöver liegt nicht blos darin, daß die neue Bewaffnung der Infanterie und Cavallerie zum Abschluß gekommen ist, und zum ersten Male erprobt worden, sondern namentlich darin, daß die diesen Waffen angemessene Taktik zur Anwendung gekommen ist. Das Bestreben, das Heerwesen mit den Anforderungen der modernen KriegSwiffenschaft in Einklang zu bringen, hat sich ganz besonders bei diesen Manöver« gezeigt. Infanterie und Artillerie wetteifetten an Leichtigkeit der Bewegungen mit einander. Wie jetzt das gewöhnliche Tempo der Artillerie bei der Aufstellung und dem Platzwechsel die Carrisre ist, so bei der Infanterie der Laufschritt. Beide Waffengattungen wetteifern gleichfalls in der Schnelligkeit des Feuerns. Die Artillerie, deren Vervollkommung auf den höchsten Grad gediehen ist, nimmt bei der modernen Fechtweise immer gerade die ausschlaggebende Stellung ein. Sie stellt die Verbindung zwischen den einzelnen Jnfanteriecorps her, und während diese fortwährend Deckung suchen, giebt sich diese den Augen deS Feindes Preis, und zieht so die Aufmerksamkeit von der Infanterie ab. Das Infanterie-Gefecht fecunbirt gewissermaßen nur daS Artilleriegefecht, die In- sanierte wird in den Gefechtslinien in dünne Titailleurketten aufgelöst, so daß jeder einzelne Mann auf sich selbst angewiesen ist; daher ist nicht zu verkennen, daß die Infanterie in der Benutzung deS Terrains große Fortschritte gemacht hat. Jede Terrainfalte, jeder Graben, jede Hecke wird be- nutzt, um sich zu schützen, und dem Blick des Feindes zu entziehen. Die SoutienS befinden sich in der Regel 4 bis 500 Schritt hinter der Gefechtslinie, und womöglich hinter einer Deckung, in knieender Stellung, so daß sie jederzeit
schnell in die Feuerlinie hineingezogen werden können. Die früheren gedrängten und tiefen Aufstellungen sind ganz Der» schwunden, und haben einer lockeren Platz gemacht; inbcffen im geeigneten Moment, wenn eine Mafsenwirkung noth- wendig ist, wird die Zusammenziehung mit äußerster Schnelligkeit ausgeführt; übrigens wird selbst in diesem Falle von tiefen Ausstellungen ganz abgesehen, und auch selbst der Sturmangriff mit dem Bajonet nur in Linie gemacht. Was die Cavallerie betrifft, so ist auch bei ihr die leichte Be- weglichkcit bis zur höchsten Vollendung gediehen; auch sie strebt stets nach Deckung, um im geeigneten Moment mit überwältigender Schnelligkeit auf die Infanterie zu stürzen; außerdem ist ihre hohe Bedeutung für die Sondirung deö Terrains, und die RecognoScirung deS Feindes vollauf gewürdigt, und zu der größten Fertigkeit ausgebildet.
Der Militär-Etat wird erst am Ende dieser Woche erscheinen; der Kaiser wird erst noch einige wichtige Bestimmungen darüber treffen. UebrigmS werden noch alle, auf Reichstagsvorlagen bezüglichen Bestimmungen vom Kaiser vor seiner Abreise nach Baden erfolgen. Diese findet am Dienstag statt, die nach Italien aber, jetzt definitiv beschloffen, wird wohl um einige Tage verzögert werden. Ihre ganze Dauer ist auf 12 Tage, der Aufenthalt in Mai» land selbst auf 4 bis 5, bestimmt. Vielleicht dürfte aus dieser Reiseverzögerung auch eine Verspätung der Einberufung deS Reichstage- nach dem 20. Oktober hervorgehen.
Nach einer im ReichSeisenbahnamte aufgestellten Utber» sicht waren am 1. August d. I. auf ben bentschen Eisenbahnen (excl. Bayern) in Geltung: 105 Lokaltarise, 421 VerbanbS- unb direkte Personentarife, 440 Verbands und direkte Gütertarife, 429 Spezialtarife für einzelne Transportgegenstände, z. B. 43 für Getreide-Mehl, 170 für Kohlen u. f. w. Summa: 1375 Tarife.
E» heißt, daß im Anschluß an die Provinzialordnung Seitens der preußischen Regierung beim nächsten Landtage ein Gesetzentwurf zur Vorlage kommen werde, wodurch den Bezirks- und Provinzialräthen der größte Theil der Geschäfte übertragen werden soll, mit welchen bis jetzt die Regierungen betraut sind.
Der Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten wird im Laufe des nächsten Monats mit dem gegen den Fürstbischof von BreSlau und den Bischof von Münster eingeleiteten Absetzungsverfahren sich zu beschäsligen haben. Der Termin gegen den ersteren ist auf den 6. Oktober anberaumt. Nach dem Vorgänge des Grafen LedochowSki und des Dr. Conrad Martin, welche die Competenz des Gerichtshofs nicht anerkannten, wird wahrscheinlich auch Dr. Förster die Vettheidigung vor dem Gerichtshöfe ablehnen, und in contumacium gegen sich verhandeln laffen. Nach dem Beispiel deS Fürstbischofs von Breslau scheint auch der Bischof von Münster sich dauernd von Preußen entfernt zu halten, da er nach Beendigung seines CarlSbader Aufent-
Z« alle» Stift.
Erzählung von Rudolf Scipio. (Fortsetzung).
Mir lief rS bei dieser Unterhaltung bald warm, bald kalt über ben Rücken. Ich wünschte mich weit weg unb doch fühlte ich mich wieder festgehalten, um kein Wort zu verlieren. Ich hatte bis jetzt keine Ahnung von etwas ^Derartigem gehabt und die darauf zielenden Sticheleien meiner Kameraden deshalb auch nicht verstanden und für dumme Scherze gehalten. Nun aber mußte ich mir sagen, daß da» Gehörte nach dem, was ich selbst bisher wahrgenommen, ohne e» mir erklären zu können, nur zu viel für sich habe.
Sobald es unbemerkt geschehen konnte, verließ ich den Saal und eilte auf die dunkle Straße hinaus. Monate lang hatte ich der, mir von allen Seiten zu Theil gewordenen Geringschätzung getrotzt, weil ich ihren wahren Grund nicht gekannt; jetzt würde ich mich vor Jedem ge- schämt haben, der mir begegnet wäre. Ich begriff nun mit einem Male die Aufmerksamkeit CölestineS, auf die ich bisher so stolz gewesen, begriff jetzt die seltsamen Blicke, mit denen sie mir schon so häufig, seit dem ersten Tage, an dem ich da» HauS ihres Vaters betreten, begegnet war. Anstatt also, wie ich bisher geglaubt, durch mein eigene» Streben unb da» Wohlwollen des Generals mich emporgearbeitet zu habens war ich nichts gewesen, als ein Werkzeug in ihrer Hand, um ihre Laune oder Leidenschaft zu befriedigen.
Ich sah ein, daß ich hier, wo ich dem ewigen Spott und der VeraLttmg meiner Kameraden ausgesetzt gewesen fein würde, nicht länger bleiben könne. Am liebsten hätte ich meine Uniform, die mir jetzt zum Eckel war, von mir geworfen und wäre wieder zum Schreibpult zurückgekehrt,
doch das ging nicht so rasch. Ich mußte auf jeden Fall meine Dienstzeit zunächst aushalten. DaS Einzige, was ich thun konnte, war, daß ich ein Gesuch um Versetzung zu einem anderen Regimente eimeichte; dieses ging denn auch schon am nächsten Morgen ab.
Ich zog mich noch mehr von meinen Kameraden zurück und lebte, da ich jetzt auch daS HauS des Generals mied, ganz wie ein Einsiedler.
Etwa drei ober vier Tage nach bem Abgänge meines Gesuches ließ mich ber General zu sich rufen. Ich hatte bas voraus gesehen unb wußte, was er wollte.
„Guten Morgen, mein lieber Bär," begann er in feiner alten, freundlichen Weife, „nehmen Sie Platz. Haben sich ja fo lange nicht bei mir sehen laffen — sehen etwas blaß aus; boch nicht krank gewesen? Aber ä propos, man hat mir heute ein Versetzungsgesuch von Ihnen vorgelegt unb ich kann unmöglich beulen, baß das Ihr Ernst ist."
„Mein vollkommener Ernst, Excellenz. — Gewisse Gründe, über die ich mich nicht gut aussprechen kann —"
„DaS heißt, die Sie nicht gern hier hineinschreiben wollten — nun ja, war am Ende auch nicht nöthig, aber mir können Sie dieselben doch mittheilen, denn eben, um Ihre Gründe kennen zu lernen, habe ich Sie zu mir bitten laffen. Sie wissen, daß ich Antheil an Ihnen nehme, und daß es also nicht etwa einfache Neugier ist, waS wich dazu veranlaßt.
„Ich bin mir vollkommen bewußt", entgegnete ich ihm, „wie viel ich Ihrer Güte schulde, und es schmerzt mich deshalb, daß ich Ihnen nicht mit der Offenheit entgegen» treten kann, die Sie ein Recht haben von mir zu verlangen; doch es ist eine Ehrmsache, die mir selbst Ihnen gegenüber Schweigen gebietet*
„Sie machen mich wahrhaftig neugierig — aber freilich, wenn eS so ist. bann muß ich schon zufrieden sein. Halb und halb kann ich mir's inbcffen wohl benten. Die jungen Herren von Abel wollen ben bürgerlichen Kameraden nicht so recht für voll ansehen — leibet eine alte Geschichte. Jst's mir boch seiner Zeit nicht viel bester gegangen. Aber wenn es baS ist, bann glauben Sie nicht, baß eS Ihnen bei einem anbern Regiment bester gehen wirb. Sinb alle mit einer Sauce begossen, die jungen Herren, besonders bei der Kavallerie, und Sie kommen da am Ende gar au» dem Regen in die Traufe, denn hier kann ich bisweilen noch einmal als Blitzableiter für Sie auftreten, dort aber nicht. Wenn Sie es aber einmal nicht anders wollen, fo mag es fein; ich hoffe inbcffen, baß wir Sie halb roieber hier sehen."
Kurze Zeit baraus würbe ich in eine entfernte Garnison versetzt; aber, wie bet General gesagt hatte, so ging eS unb ich fanb es in meiner neuen Umgebung um kein Haar bester als zuvor, woran alletbingS ber Umstand wohl mit Schuld tragen mochte, daß ber über mich umgehende Klatsch mir auch in meine neue Garnison nachfolgte.
DaS lange ersehnte Avancement wat endlich gekommen: ich trug die Epauletten; aber in ber traurigen Stimmung, welche mich fortwährenb beherrschte, fühlte ich mich wenig zu einer Reise in bie Heimath aufgelegt unb ließ ein volles Jahr darüber vergehen. Was mich noch besonders von ber Reise abhielt, wat ein gewisses Gefühl von Scham, bem AmtSsectetär gegenüber ; denn dieser hatte ja, wenn er auch den ganzen Umfang meines Mißgeschickes nicht ahnen konnte, schon damals, als et mir jenen Brief schrieb, votauSgesehen, was mir blühen werde, und ich hatte mich leider zu spät überzeugt, wie sehr er damals Recht gehabt. v
Da eine inzwischen von mir erbetene abermalige Per«