ffr. L28.
Marburg, Mittwoch, 29. September 1875.
x. Jahrgang.
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Tagesbericht.
Der Etat de» Reichs - JnvalidenfondS für das Jahr 1876 ist erschienen. Die Einnahmen unb Ausgaben gleichen sich mit der Summe von 28,828,611 M. auS, im vorigen Etat waren auSgesetzt 28,870,748, mithin weniger 42,137. Die Ausgaben entstehen durch Besoldungen 57,480 und sächlichen Ausgaben 6000, zusammen 63,480. Dazu kommen Zuschuß zu den Kosten der Verwaltung deS ReichS- heere», und zwar für die Bearbeitung der Jnvalidensachen von 1870/71 an Preußen 34,751, an Sachsen 4332, an Württemberg 4440 und an Bayern 11,520, zusammen 55,043. Die Invaliden - Pensionen sind veranschlagt mit 28,710,088, gegen 28,757,048 im Vorjahre, und zwar werden gezahlt in Preußen 22,325,000, in Sachsen 1,247,958, in Württemberg 797,300, in Baiern 4,320,433. Somit betragen die Pensionen bei der Verwaltung des SteichSheereS 28,600,691 gegen 28,739,843 im vorigen Jahre. Bei der Verwaltung der kaiserlichen Marine sollen die Pensionen im Jahre 1876 betragen 19,367, die Einnahme entsteht aus Zinsen mit 25,279,000, gegen 25,753,655 also um 474,655 weniger als im Vorjahre. Dazu kommt ein Eapitalzuschuß mit 3,549,611 gegen 1,117,093, also um 432,518 mehr als im Vorjahre. ES ist bemerkt, daß nach dem gegenwärtigen Capitalbestande und unter Berücksichtigung der etwaigen im Jahre 1875 durch Eapitalzuschuß eintretenden Verminderung der Substanz de» Fonds die Zinseneinnahmen für 1876 rund mit 25,279,000 angestzt worden sind. Gegenüber dem Ge- sammtbedars von 28,828,611 ergibt sich ein Eapitalzuschuß von 3,549,611. — DaS Personal der Verwaltung des Reichs-JnfalidensondS besteht auö einem Vorsitzenden, drei Mitgliedern, vier Bureaubeamten, zwei Kanzleisekretären
Und zwei Unterbeamten. In Preußen werden penstonirt 1081 Feldwebel, Wachtmeister, Oberfeuerwerker re. mit 363,987 M., Sergeanten und Unterofficiere mit 1,402,890, 40 391 Gefreite und Gemeine mit 9,524,415, im Ganzen 46,910 Mann mit 11,291,292 M. Dazu kommen 1662 Offiziere und Acrzte aller Grade (darunter 12 Generale der Infanterie und Cavallerie, 32 General > Lieutenants, 47 General-Major«, 75 Obersten, 100 Oberst-Lieutenants, u. f. w.) mit 4,100,643. Ferner 155 Personen der Militärgeistlichkeit und Verwaltungsämter mit 245,258, die Bewilligung für Hinterbliebene der Oberklasien betragen 498 Wittwcn 489,000, für 838 Kinder 130,175 Mark. An Eltern gefallener rc. Officiere werden in zehn Fällen je 150, jährlich 1500 M. gezahlt. Die Unterstützung von Hinterbliebenen der Oberklasien beträgt sonach für 1346 Köpfe 620,675 M. In den Unterklassen werden 6931 Wiltwen unterstützt mit 1,304,028, 12,387 Kinder (zu 180 und 120 M. jährlich) mit 1,589,598. Ferner 4236 Eltern, zu 126 M. jährlich, mit 233,736. Die Gesammt- summe der Bewilligungen für Hinterbliebme der Unter* Klassen beträgt hiernach in Preußen für 23,455 Personen 3,427,362 M.
Man schreibt aus Gibraltar: Ein ziemlich ernstes Ereigniß hat hier stattgefunden. Die Spanier haben in neuerer Zeit ganz besondere Anstrengungen gemacht, die Schmuggelei zu unterdrücken, und nahmen dabei zu verschiedenen Malen, sei es au» Nachlässigkeit, oder sonst irgend wie, gewöhnliche Handelsschiffe mit. Gestern traf die Nachricht ein, daß ein spanischer Zollkutter ein französisches Schiff in briltifchen Gewässern im Schlepptau habe, und ein bewaffnetes brittisches Dampfboot wurde ausgeschickt, ihn zu verfolgen. Es fand beide Schiffe im brittischen Bereiche und nahm sie ins Schlepptau. Der Spanier widersetzte sich der Wegnahme, und machte trotz der wiederholten Warnungen des commandirenden englischen Offiziers, den Versuch, daS Schlepptau zu zerschneiden. Einer von den Spaniern wurde dabei zufällig von dem Dampfboote aus erschoffen, und der Leichnam nach Alge- seriaS gesandt. Die Angelegenheit wird amtlich untersucht. So lautet der englische Bericht. Ganz ander« aber klingt freilich der Spanische: Ein englisches Kanonenboot, aeL ches in Gibraltar stationirt, hat eine Barke, die mit Contre- bande, Tabak und anderen Gegenstände, befrachtet war, den spanischen DonanierS entrißen; ein Douanier wurde durch einen Flintenschuß getöbtet, bie Barke unb bie Douaniers nach Gibraltar gebracht, unb dort erst bie Letzteren entlassen. Die betreffende spanische Behörde hat mit Entschiedenheit hiergegen protestirt, und wird auch die spanische Regierung in London die lebhaftesten Reklamationen gegen
den von dem englischen Schiffe gemachten GewaltSmiß- brauch erheben.
Verschiedene Blätter hatten behauptet, daß bei der Paßrevision in Rußland, französische und englische Reisende im Vergleich der deutschen bevorzugt seien. Da bie Reise nach Rußland» häufig von Deutschen unternommen wird, so scheint eS nicht ohne Wichtigteit, mitzutheilen, was bie mit officiellen Kreisen in Verbindung stehende „Deutsche Petersburger Zeitung" über die, bei den Reisenden aller Länder gleichmäßig an der russischen Grenze vorgenommenen Modus der Paßrevision erklärt: „ES ist wahr, daß die Pässe der russischen Reisenden, unb dann erst die anderer Nationen bei der Paß- resp. Zollrevision abgefertigt werden, jedoch mit gutem Grunde. Jeder Paß wird noch immer bei Hin und Rückfahrt in das Central- Bnch eingetragen. Da nun der Andrang groß, und die Abfertigungszeit eine verhältnißmäßig kurze ist, so ist bet UsuS, bie Pässe, welche zuerst fertig werben, sofort vorzunehmen. Die russischen Pässe haben am Enbe zwei roupirte Blätter, welche Schemas zur Hin» unb Rückreise enthalten. Bei bet Hinreise wird das bezügliche Blatt abgerisien, ein Gleiches geschieht bei der Rückkehr. Hieraus wird wohl leicht ersichtlich, daß diese russischen Pässe bei der Zollrevision zuerst fertig werden, zumal bie abgerissenen Blätter erst nach vollstänbiger Abfertigung ber ganzen Revision in das Controllbuch eingetragen werden. Dann werden die Pläne der nach den weitesten Entfernungen Reisenden vorgenommen, und da dies meist Engländer, Franzosen re. sind, die doch nicht in die Grenzbezirke zu reisen pflegen, so hat die Annahme, daß die Deutschen in dieser Hinsicht benachtheiligt sind, mit Unrecht Platz gegriffen. Kommt es nun ausnahmsweise vor, daß einige Passagiere nicht zur Zeit des Abgangs deS Schnellzuge» abgefertigt und daher zurückbleiben müffen, so sind eS meistens Deutsche, welche nach weniger entfernten Orten reifen, unb ben nach jedem Eilzuge circa 2 Stunden später abgehenden Lokalzug benutzen können, ohne in ihren Geschäften geschädigt zu werden, waS wohl bei ben nach Petersburg, Moskau u. s. w. Reisenden nicht der Fall fein dürfte.
Eine sehr bedeutende Schwierigkeit hat sich bei den vorläufigen Verhandlungen, welche die Eonsularcommission mit den Insurgenten der Herzegowina vorzunehmen hat, herausgestellt. Die türkische Regierung nämlich verweigert jede Concessivn, so lange bie Aufständischen nicht bie Waffen niebergelegt haben, bie Insurgenten dagegen bestehen darauf, fest unter den Waffen zu bleiben, biS sie vollständig darüber aufgeklärt sind, wie weit diese Eon» cessionen gehen werden, unb welche ©arantieen ihnen für
Z» dien Stift.
Erzählung von Rudolf vcipio.
(Fortsetzung).
Ich theilte, da meine Mutter inzwischen gestorben war, meinem Vormunde den Plan mit unb wußte ihm Alles so überzeugend auseinander zu setzen, daß er sich mit meinem Vorhaben einverstanden erklärte. Gleichzeitig mit dem Briefe, worin er mir seine Genehmigung anzeigte, traf aber auch ein Schreiben des Amtssekretärs bei mir ein, der wahrscheinlich durch meinen Vormund Kenntniß von der Sache bekommen hatte unb mir ganz entschieden abrieth.
„Bleibe bei Deinem bisherigen jBernfe," schrieb er unter Ander«, „unb lasse Dich nicht burch eine Laune Deiner Eitelkeit verleiten, in einen Stand zu treten, ber Dich vielleicht augenblicklich mit seinem äußern Glanze blendet, Dir aber später nur bittere Täuschungen bringen bürste. Als Kaufmann wirst Du jcberzeit in ber Welt bie Stellung einnehmen, die Du Dir durch Deine Thätig> feit unb Deine Kenntnisse selbst auweijest; als Soldat aber wirst Du trotz aller Anstrengungen niemals ein Gleicher unter Gleichen sein, denn man wirb bort weniger fragen, was Du leistest, als vielmehr wer unb woher Du bist."
In meinem Herzen mußte ich auch bieSmal bem alten guten Nachbar Recht geben, und ich war schon nahe daran, seinem Rathe zu folgen, da aber fiel mir wieder ein, daß ja ber General früher genau in benfelben Verhältnissen gestanden, unb wo« er erreicht hatte, warum sollte mir bas zu erreichen unmöglich sein? Längere Zeit staub ich nnschlüffig hin unb her, bi« meine Eitelkeit bie mir in bem neuen Berufe bie prächtigsten Lustschlösser vorzauberte, endlich den Sieg bavontrug. Ich erklärte mich dem General gegenüber bereit, seinen Vorschlag anzunehmen, unb schon am nächste» Tage würbe ich von meiner Dienst IciRung abgelöst unb auf die königliche Kriegsschule com-
manbirt, auS ber ich nach vollendetem CursuS als Cornel wieder zurückkehrte.
Der General hatte mich während meiner Studirzeit nicht aus den Augen verloren, sondern sich, wie ich wußte, mehrmals nach mir erkundigen lassen, auch konnte ich bei mehr als einer Gelegenheit bemerken, daß er mir, wo eS ging, die Hand über den Kops hielt.
Ich war seit dem Tode meiner Mutter noch nicht in meiner Heimath gewesen und wollte mich nun auch nicht dort sehen laffen, bevor ich die Epauletten bekommen haben würde, wa« ja nicht mehr lange dauern konnte. Ich lebte inzwischen still unb zurückgezogen; besonders suchte ich mich so viel als möglich von meinen Kameraden fern zu halten. Diese waren sämmtlich die Söhne reicher Adeliger und meine Verhältnisse erlaubten mir nicht, ihre zum Theil sehr kostspieligen Vergnügen mitzumachen. Ich sühlte mich indeffen auch wenig zu ihnen hingezogen, denn von meiner Armuth abgesehen, ließen sie mich bei jeder Gelegenheit fühlen, daß ich der einzige Bürgerliche unter ihnen sei.
Doch vielleicht würde man mir, dieses noch verziehen haben, hätten nicht die mir häufig durch meinen Beschützer zu Theil gewordenen Bevorzugungen immer wieder aus'« Neue den Groll und Neid meiner Kameraden hervorgerufen. Besonders war eS ein Stein deS Anstoßes, daß ich mehrmals von dem General eine Einladung zu Gesellschaften bekommen hatte, zu denen, außer mir, nur Officiere geladen waren. Nach solchen GesellschaftSabenden wollten die kleinlichen Bosheiten und Ungezogenheiten der Heber müthigen kein Ende nehmen.
Mehrmals war ich auch zu dem engeren Familienkreise des Generals gezogen, wobei ich mit dessen Tochter bekannt wurde, die mir mit gleicher Freundschaft und Herzlichkeit entgegenkam, al« ihr Vater.
Bei meinem einsamen zurückgezogenen Leben und gegenüber ben vielfachen Anfeindungen meiner Kameraden empfand sch dfe Aufmerksamkeit, welche die vielumworb^e, schöne
Cölestine mir schenkte, um so dankbarer, unb ich vermochte mich in ihrer Gesellschaft leicht über bie mir sonst so häufig zu Theil werbenden Zurücksetzungen zu triften, ©alb begann ich, burch Cölestine dazu veranlaßt, auch außer ben GesellschaftSabenben im Hause beS Generals zu verkehren. Ich musicirte ynd fang mit ihr, begleitete sie auf ihren Spazierritten unb fühlte mich allmälig bort wie im Hause.
So kam ber Winter heran und ber General öffnete bie Saison mit einem Ball, welchen er bem Offizierskorps ber verfchiebenen in der Garnison stehenden Regimenter gab. Diesmal waren auch meine Collegen, die Fähnriche, geladen unb in ihrem besten Wichs erschienen.
AIS ich kam, war die Gesellschaft bereits zahlreich versammelt und ich mischte mich unbemerkt unter eine nahe an der Thür stehende Gruppe meiner Kameraden, die sich damit unterhielten, die anwesenden Damen einer kritischen Musterung zu unterwerfen. Cölestine mit ihrer stolzen königlichen Gestalt, die durch eine ausgesuchte Toilette noch mehr gehoben wurde, war nicht die am wenigsten Beachtete.
„Wahrhaftig, famoses Mädel," näselte mein Vordermann seinem Nachbar zu, „und eine Haltung — magnifiquel“
„Wenn sie nut nicht so verteufelt stolz unb spröde wäre," bemerkte ber Andere ärgerlich.
„Ah, hat Sie also auch wohl schon einmal ablaufen laffen, wie? — Doch trösten Sie sich, mon eher, Sie sinb nicht ber Erste, bem das passirt. Ist ober Alles nur Schein unb kommt lediglich darauf an, daß man'S richtig anfängt. Sehen Sie sich zum Beispiel diesen Bär an. Kann den Kerl sonst nicht auöstehen, doch da« gehört nicht hierher, können darum doch etwas von ihm lernen, denn sehen Sie, Kamerad, ber versteht sie zu behandeln."
„Man sagt das allerdings, aber ich habe bie ganze Geschichte mehr für eine Erfindung und einen Scherz gehalten."
„Scherz?" — Den Teufel auch; Alles buchstäblich wahr, jage ich Ihnen. Allbekannte Geschichte, war schon