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ffr. L27.

«Marburg, Dienstag, 28. September 1875.

L Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: ie Expedition d. Blatte», sowie die Annon»en-Bureaux von LH. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; LH- Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstcin & Bögler in Frankfurt a. M.Berlm, Leip­zig, Köln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

ObecheWe Zcilung.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blatte«, sowie btt Amloncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfutt a. M. -Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- rneyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Soim- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Roch'fche Buchdruckerei) bezogen 2; Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (epi. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Beile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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Exped. d. Oberh. Ztg.

Tagesbericht.

Der Kaiser ist am Sonnabend Abend aus Mecklenburg in Berlin wieder eingetroffen, liebet sein Befinden lauten die Nachrichten durchaus günstig. Gleichwohl wollten die Leibärzte Sonntag in Berathung treten und entscheiden, ob und in wie weit sie dem Kaiser die Reise nach Italien als rath- sam bezeichnen können. Im Hofmarschallamt werden einst­weilen alle Vorbereitungen zu der Reise getroffen, doch sind mdgültige Bestimmungen über das Reiseprogramm und seine rinzelnm Theile, über da« Reisegefoige und über die Orte, än welchen dasselbe sich dem Kaiser anzuschließen haben würde, erst von Baden-Baden aus zu erwarten. Dort be geht die kaiserliche Familie, wie alljährlich, am 30. d. M. dm Geburtstag der Kaiserin.

ES ist der ausgesprochene Wunsch des Kaisers, den Reichs» tag diesmal in Person zu eröffnen, liebet den Tetmin, wir wiedetholen es, ist noch keine Bestimmung getroffen, nnd daher die Angabe, es werde darüber der 29. Oktober herankommen, mindestens verfrüht. Der Bundestath kann sehr bequem bis zum 20. Oktober die dringendsten Arbeiten für dm Reichstag vorbereiten; freilich müffen dann die Vor­lagen zahlreicher ihm zugehen als bisher. Augenblicklich fehlt es den Ausschüffen an jeder wichtigeren Beschäftigung, worüber unverkennbar sich einige Verstimmung geltend macht, zumal manche Bundesbevollmächtigte durch die weite Ent fernung ihrer Heimath zu bleibendem Aufenthalte in Berlin ge- nöthigt sind. Die bundesstaatlichen Minister werben erst zur Reichstags Eröffnung erwartet.

In der Justiz-Commission ist bis zum 4. Oktober eine Pause eingetreten, während welcher eine Sub-Commission Vorschläge für die Verfaffung der Handelsgerichte feststellt. An dem gedachten Tage beginnt die zweite Lesung der Civil- ptozeß otdnung.

Die Prinzen Friedrich Wilhelm und Heinrich, die äl testen Söhne des Kronprinzen, sind am Freitag Abend aus Kaffel in Potsdam eingetroffen, um die Hetbstferien im elterlichen Hause zu verleben.

Der UnterrichtSminister hat entschieden, daß von den auS anderen Regierungsbezirken an Volksschulen versetzten Ele­mentarlehrern in einen Regierungsbezirk, in welchem sich wie dort Elcmentarlehrer Wittwen- und Waisen-Pensionsan ftalten befinden, das Eintrittsgeld bann nicht erhoben werden soll, wenn dieselben in dem früheren Orte bereits einer gleichen Anstalt angehört und ein Eintrittsgeld zu derselben bis zur Höhe des für die Anstalt festgesetzten Betrags ent­richtet haben; beträgt jenes Eintrittsgeld weniger als der Satz in dem Bezirke, nach welchem der Lehrer versetzt worden, so soll nur der Unterschiebsbetrag erhoben werden.

Die Clerikalen in bet bayerischen Kammer haben aller- bings eine Mehrheit von 2 Stimmen (79 llltr. zu 77 Lib.); aber nach Privatbriesen aus München sinb 2 edle Patrioten außer Stand gesetzt, an den Sitzungen theilzunehmen. Außer» dem hat ein drittes Mitglied ihrer Partei, welches der Reichs- justizcommisston angehört, nach einem Diner bei Julitz, u. b. Linden, einen so schweren Fall gethan, baß ber ver­stauchte Fuß bie Reise nach München nicht gestattet. So­mit steht bie ultramontane Mehrheit der Münchener Kammer auf schwachen Füßen unb man wirb gut thun, nicht mit ben Herten ber „Germania" von den Beschlüssen ber Mün chener Patrioten eine bayerische Miuisterktists zu erwarten und davon die Zukunft des bayerischen und deutschen Vater­landes abhängig zu mache».

Man meldet aus Spanien: Die Königin Isabella hat bei der neuen spanischen Regierung telegraphisch ungefragt, wann sie die Ermächtigung zur Rückkehr erhalten werde; sie wolle sich zwar dem Willen ihres Sohnes fügen, möchte aber als Mutter wissen, wann eS ihr gestattet sein werde, ihren Sohn zu umarmen. Dies, am 21. d. M. eingetroffene Telegramm erregt in offiziellen Kreisen einige Unruhe; man argwöhnt, daß Meglia, päpstlicher Nuntius in Paris, dies erneute Gesuch Seitens bet Königin hervorgetusen habe, damit sie, für den Vatikan Partei nehmen, zunächst auf ben Sturz des liberalen Cabinets hinwirke. Es ist zu er­warten, baß das Ministerium bei feiner Weigerung dem Gesuche zu willfahren, beharren werde.

Aus ber Herzegowina kommen jetzt seltener Weise türkische und aufständische Berichte gleichzeitig an; es hat ein Treffen ftattgefunben, in dem sich bie Türken den Sieg zuschteiden, während die Insurgenten nur erklären, baß von beiden Seiten bie Verluste bebeutenb gewesen.

Deutsche« Reich.

— Berlin, 25. Sept. Die Retchsjustizcommisston hat gestern bie erste Lesung der Strafprozeßordnung beendet. Die Entscheidung über bie babei angeregte Frage, ob wäh» rettb der Sitzungsperiode des Reichstages ober LanbtageS eines EinzelstaateS an einem Mitgliede dieser Körperschaften eine rechtskräftig erkannte Freiheitsstrafe vollstreckt werden dürfe, ist vertagt worben. — In den Ausschüssen beS Bun- besrathes sinb die Beralhungen über die Entwürfe der Brau- und Bölsensteuer beendet, und ist der Beschluß gefaßt, deren unveränderte Annahme beim Plenum des BunbeSrathes zu beantragen. Wie bann aber die Sache im Reichstage aus­genommen werben wirb, ist schwer vorauSzusehen. — In dem in Meseritz verhandelten Schwurgerichtsprozesse wegen des Aufruhres und der Exceffe in Kahme bei ber Excom munication beS Propstes Kick, welche bie klerikale Hetzerei dort hervorgerufen, sind 8 Angeklagte zu 6- bis lOmonat- licher Gefängnißstrafe verurtheilt unb 3 Angeklagte freige- sprachen worben. Gegen einen Angeklagten würbe bie Ber- handlung vertagt. Wie gewöhnlich waren auch diesmal nur die AuSführer, nicht aber bie Anstifter zu erreichen. — Man lheilt auS wohlunterrichteter Quelle mit, baß die zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches für Deutsch­land zusammenberufene Commission von Juristen die Er- klämng abgegeben hat, erst in zwei Jahren zur Vollendung dieses Entwurfes gelangen zu können. — Von allen bei den diesjährigen Manövern Betheiligten wirb einstimmig erklärt, daß das in Blechbüchsen eingekochte Fleisch („Fleisch- Conserven"), womit man bei verschiedenen Truppentheilen Versuche gemacht, sich ganz ausgezeichnet bewährt hat. Der Soldat kann sich damit in wenigen Minuten eine wohl­schmeckende und nahrhafte Mahlzeit bereiten; und selbst ohne weitere Zubereitung ist das in ben Büchsen bereits gekochte Fleisch ganz wohl genießbar. — Man schreibt auS Stettin, daß dem „Vulkan" von der kaiserlichen Admiralität wieder eine ehrenvolle Bestellung zugegangen ist, nämlich die Er­bauung einer eisernen, mit Zinküberzug versehenen gedeckten Korvette von 2500 indicirten Pferdekrästen. Mit dem Lau derselben soll sofort der Anfang gemacht werden; derselbe wird aus der bis jetzt von ber Korvette „Leipzig" innege- habteu Helling vorgenommen werben.

Danzig, 25. Sept. In ber heutigen Provinzial­versammlung ber Gegner ber Schutzzölle, in welcher bie Vertreter von 63 landwirthschaftlichen, kaufmännischen unb gewerblichen Korporationen von Weftpreußen unb zahlreiche Mitglieber der Kaufmannschaft von Königsberg und Stettin anwesend waren, wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: Die unveränderte Ausführung der Bestim­mung des Zvlltarifgesetzes vom 7. Juli 1873, nach welcher bie Eisenzölle vom 1. Januar 1877 aufgehoben sind, ist

I« alten Stift.

Erzählung von Rudolf Scipio. (Fortsetzung).

„O, ich weiß wohl," fuhr ber Rendant mit einer ge­wissen Bitterkeit im Tone fort, „als es bekannt wurde, daß ich mich mit einem Gewehr verwundet habe, da hat Mancher gesagt: ich habe selber Hand an mich gelegt, um mich ans dieser Welt zu schaffen, weil mir vielleicht diese oder jene Schandthat, die man mir andichtet, keine Ruhe gelaßen habe; ich weiß ja zu gut, wie leicht man einen Stein auf Jemanden wirft, besonders wenn er nicht mit allen Andern in ein Horn stößt unb gern seinen eigenen Weg geht, wie ich da« gethan habe. Und wer barnals auch gerade nichts Arge« über mich gesprochen, ber hat'S doch wenigstens bei stch gedacht — Sie auch, Doctor; ich weiß eS, ich habe e» Ihnen damals angesehen nnd nehme eS Ihnen auch nicht übel, denn Sie kannten mich ja nicht ober wenigstens nur von einer Seite, bie nicht sehr für mich sprechen konnte. Den anbern Menschen habe ich's auch nicht übel genommen, wa« sie von jeher über mich gebucht und gesprochen, denn bie kümmern mich ja nicht und können Gott danken, daß sie bafl nicht gelitten haben, was mir auf dem Herzen lag. Die, von denen es einzig mich verdroffen hat, das sind meine Vorgesetzten gewesen, diese hätten mich bester fennen sollen, denn ich habe seit mehr als dreißig Jahren dem Staate al« ein treuer Beamter gedient und im Dienst des Staate» habe ich mein Lebensglück unb meine Seelenruhe geopfert; bennoch hat man mir, als der unglückliche Schuß bekannt wurde, bie Bücher unb die Kaste nachsehen lasten, weil man geglaubt hat, ich fei ein Spitzbube gewesen unb hätte deshalb bie Geschichte angestellt — baS hat mir an bie Seele gegriffen. Doch baS soll nun auch vergessen fein, denn bie Herren Revisoren sinb mit langen Gesichter» wieber abgezogen. Ich habe über Haupt mit dem Allen nichts mehr zu thun, seit mir der Schuß hier ben Abschied gegeben hat,

unb das mußte so kommen, denn bas alte Gewehr, nun, Sie tennen’6 ja, war mir »och von langen Jahren her eine Kugel schuldig.

Der Carabiner, den Sie damals hier vor meinem Bette liegen sahen, gehörte, als ich noch ein Knabe war, unserem Nachbar, dem Amtssecretär Weinholtz. DaS alte Gewehr stammt noch aus dem siebenjährigen Kriege und wurde als ein Familienerbstück im Hause aufgehoben. Der Vater des SecretärS hatte im Jahre 1762 damit in der Schlacht bei Freiberg seinem General das Leben gerettet unb nach dem bald darauf geschloffenen Frieden die Waffe als Andenken mit nach Hause nehmen dürfen.

Es verging wohl kein Tag, wo ich nicht im Hause deS Nachbars zu finden gewesen wäre, denn Clärchen, das Töch terchen des Secretärs, ein sanftes, liebes Kind und nur wenig jünger als ich, war meine Spielgefährtin.

Die über dem Schreibtisch beS AmtSsecretärS hängende alte Waffe wurde stets von uns mit einer Art scheuer Ehr­furcht betrachtet, und wenn Clärchevs Vater bei guter Laune war unb unS ein besonderes Vergnügen machen wollte, so erzählte er uns die sich an das Gewehr knüpfende Begeben­heit, der wir immer mit neuem Jntereste lauschten, obgleich mir bie Geschichte vielleicht schon hunbertmal genau in ben» selben Worten gehört hatten.

Mit fünfzehn Jahre» kam ich zu einem Stuber meiner Mutter in bie Lehre, um bie Kaufmannschaft zu erlernen. Ich blieb dort vier Jahre. Als ich nach dieser Zeit zurück- kehrte, war aus dem kleine» Clärchen eine anmuthige Jung­frau geworden, und als wir u»S zum erste» Male wieder begegneten, mußte sie auch wohl merke», daß ich nicht mehr ganz bet kleine Fritz von bamals geblieben fei, denn sie konnte anfangs eben so wenig als ich ben alten Ton wieder» finden.

Ich blieb nun vorläufig in meinem HeimathSorte, wo ich eine Stelle angenommen hatte. | Rasch war die alte

Freundschaft mit Clärchen wieder aufgefrischt unb, ohne baß wir’« uttS sagten, wußten wir bald alle Beide, daß wir un« gut waren. Clärchens Vater hätte nicht ber kluge Manu sein müssen, ber er war, wenn «'s nicht schon nach kurzer Zeit eben so gut gewußt hätte.

Eines SontagS, als ich hinüber kam, war Clärchen angegangen unb ich fand nur ben Amtssecretär.

»ES ist gut, Fritz," sagte er, „baß wir unS allein treffen. Ich habe schon längst einmal mit Dir unter vier Augen sprechen wollen unb ba könne» wirS jetzt abmachen. — Ich werde mich wohl nicht irren, wenn ich annehme, baß Deine Besuche hier weniger mit, als meinem Clärchen gelten, unb wenn ich auch sonst ganz bamit einverstanden bin, daß man eine alte Jugendfreundschast, wie die Eurige, warm hält, so scheint mirS doch, als ob Ihr Beiden über bas, was man unter Fteunbschaft versteht, eigentlich schon so ein wenig hinaus wäret, unb damit bin ich penn offen gesagt, nicht einverstanden, wenigstens vorläufig noch nicht.

„Du bist Kaufmann," fuhr ber Amtssecretär bann weiter zu mir fort, „und um einmal später Dein eigene« Brod zu haben, mußt Du etwas Tüchtiges werben, zumal — nun, ich darf ja hier unter uns wohl davon sprechen — zumal eS mit Deinen Geldmitteln nicht weit her ist. Hier in unserem kleinen Neste, wo ja kein einzige« ordent­liches Geschäft ist, kannst Du eben so wenig etwa« lernen, al« bei Deinem Onkel, ber, glaube ich, selber nicht viel davon versteht.

Wenn Du nach meinem Rathe handeln willst, so gehe noch ein paar Jahre hinan« in die Welt unb sieh Dich in größeren Geschäften um, benn Kaffee unb Zucker ab­wiegen, macht ben Kaufmann »och nicht. Wenn Du bann in einigen Jahren wiebetfommft unb etwa« gesehen unb gelernt hast, unb ich sicher bin, baß Du eine Frau er» nähren kannst, bann sollst Du mir al« Schwiegersohn