Hr. 224.
Marburg, Sonnabend, 25. September 1875.
x. Jahrgang.
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Tagesbericht.
Aus Warnemünde wird unkerm 22. d. M. telegraphirt: feilte Vormittag 10 Uhr begab sich der Kaiser an Bord der „ ©rille* zur Besichtigung des Panzergeschwaders durch die Molen in See, gefolgt von einem Avisoboot, und dem Dampfer „Phönix*, auf welchem sich die fremden Offiziere befanden. Die Pafiagierdampfer „Rostock", „Emilie", „Holsatia* und „Senft-Pilsach", schlofien sich mit zahlreichen Pafiagieren der Jacht an. Bei der Vorbeifahrt der „Grille", welche die Flagge de» Kaisers führte, salutirten sämmtliche Schiffe des Geschwaders; die Raaen waren bemannt. Auf den Molen und am Strande große Menschenmenge.
Aw 1. Oktober beginnen die Herbstmanövers in Rumänien, und die bayerischen Blätter nehmen au» Anlaß dieser Umstände einen sehr kriegerischen Ton an, zu welchem aber durchaus kein Grund ernstlich vorhanden scheint; diese Herbstmanövers finden in Rumänien alljährlich statt, und werden diesmal (bei Krojowa) nur von einem halben Armeecorps abgehalten. Ferner darf man auch darauf Hinweisen, daß gerade in diesem Augenblick der Minister de» Auswärtigen, Boöresco, mit seiner Gemahlin und Tochter eine fünfwöchentliche Urlaubsreife nach Berlin und Paris macht.
Fast alle Blätter richten mit Recht ihre Aufmerksamkeit auf die Halwng der katholischen Geistlichkeit den Schulgesetzen gegenüber. ES ist bei ihr eine beginnende Wendung nicht zu verkennen; die Bischöfe fangen an sich zu fügen. Vorher hatte die ultramontane Partei ermuthigt und mit Hoffnung erfüllt durch das französische Schul- und Unter« richtSgesetz die Absicht auf eine Errichtung höherer Unterrichtsanstalten auf rein katholischer Basis, zuerst in Prag, Krakau, Salzburg und Graz, und dann weiter, hinzuwirken.
Die hohe Geistlichkeit war für diese Ansicht bereits gewonnen, und eine lebhafte Propaganda hatte ganz im geheimen ihren Anfang genommen. Jetzt aber ist bei Bischöfen und Erzbischöfen ein Hinneigen zur Verständigung mit den Absichten der Regierung eingetreten, und jener große Plan dürste wohl verlaffen werden.
Man schreibt aus Schlesien: Das Consistorium für die Provinz Schlesien macht in Betreff der Versäumnifie von geistlichen Trauungen und Taufen bekannt, daß eine bet diesjährigen Kreissynoden den Beschluß gefaßt hat, durch die Geistlichen der Diöcese die Namen der Paare, welche die kirchliche Einsegnung ihrer bürgerlich geschloffenen Ehe nicht nachgesucht, und der Eltern, welche die Taufe ihrer neugeborenen Kinder versäumt hätten, monatlich den Gemeindekirchenräthen mitzutheilen, damit diese durch liebevolle Zusprache und ernste Mahnung die säumigen Gemeindemitglieder im Interesse bet Aufrechterhaltung der kirchlichen Ordnung zur Erfüllung ihrer kirchlichen Pflicht zu bewegen versuchen. Das Consistorium veranlaßt sämmtliche Geistliche derartige Mittheilungen in jeder Monats- sitzung den Gemeindekirchenräthen zu machen.
Man schreibt aus Darmstadt, daß es der dortigen Polizei in der Nacht zum 20. d. Mts. gelungen sei, eine in die Werbungs-Angelegenheit des Major Steck verflochtene Person zu verhaften, welche lange vergeblich gesucht worden, nachdem sie für Steck als Agent gedient.
Wie man weiß, hat eine Verständigung zwischen der deutschen und der französischen Regierung übet die Ausführung des die Diöcefen - Abgrenzung zwischen beiden Reichen betreffenden Artikels VI. des FriedenSvetttageS vom 10. Mai 1871 stattgefunden. Jetzt soll die gemischte Commission, welche auf Grund des Art. 11 der am 11. Dezember 1871 abgeschlossenen Zusatzkonvention zu jenem Ftiedensvetttage, in Straßburg eingesetzt ist, sich damit zu beschäftigen haben, die Theilung des Vermögens und die Regelung der preußischen Interessen, der durch die neue Abgrenzung durchschnittenen Pfarrbezirke votzunehmen.
Der Papst PoSzwinSki befindet sich bereits seit ca. 4 Wochen in Hast wegen Zeugnißverweigerung in Sachen der Excommunication des Propstes Kiek. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft in Graz eine neue Untersuchung gegen ihn eingeleitet wegen Anmaßung bischöflicher Jurisdiction; er soll, wie es heißt, zu Ostern Fastendispense ertheilt haben. In Folge dessen ist er am 18. d. M. gerichtlich vernommen worden; er wurde befragt, wohin er die wegen Ertheilung der Dispense erhaltenen Opfer geschickt habe. Er ersucht den Untersuchungsrichter um Angabe des Namens des Dennuncianten, und an beten Verweigerung lehnte er jede Aussage ab.
Leon Gambetta ist in Begleitung seines Sekretairs in Wien angekommen, und im Hotel „Munsch" abgestiegen; er beabsichtigt einen mehrtägigen Aufenthalt, um alle Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Vor zehn Jahren ist er schon einmal in Wien gewesen.
Alle den englischen Blättern von der südlichm Donau her zugehenden Nachrichten scheinen darauf hin zu gehen, daß weder den von der türkischen Regierung versprochenen Reformen, noch den PacificattonS Bemühungen der Consuln großer Erfolg vorauSzusehen sei, um so mehr, da die Insurgenten wohl an Servet Pascha unbewilligbare Fordemngen richten dürften, wenn gar sie nicht ablehnten, mit diesem überhaupt in Verbindung zu treten. Von beiden Seiten sucht man nach Stütze und Hülfe, um den Kampf mit einigem Erfolge verlängern zu können; die Animosität zwischen der Türket und Serbien scheint sich auch zu machen. Ohne den Einfluß der Großmächte wäre es wohl längst auch da zu offenem Bruche gekommen.
Deutsche- Reich.
•• Berlin, 23. Sept. Es finden sich in den Zeitungen verschiedene Angaben über den Termin der Reichs« tagseröffnung; in letzter Zeit will man die Motive für eine spätere Einberufung des Reichstages als den 20. Oktober darin finden, daß der BundeSrath erst vollkommen feine Arbeiten in das Stadium der Erledigung gebracht haben müsse. Es können alle diese Notizen als unzuverlässig bezeichnet werden, indem an eine Bestimmung des Termins noch gar nicht gedacht ist. In die Waagschale für die Festsetzung desselben würde aber eher als die bezeichneten Motive zu erachten fein: Die eventuelle Reise des Kaisers nach Italien, die Beratungen der Justizkommission. — Neber die betreffenden Verhandlungen der Ausschüsse des BundeS- ratheS übet die Börsensteuer sind bereit» mancherlei Anden- hingen in die Oeffentlichkeit gebtungen. Bevor ein auf amtlicher Quelle beruhendes Etgebniß nicht vorliegt, wird man jene Mitteilungen für voreilig betrachten können, da die Acten über dieses Thema noch keinenfalls geschlossen sind. ES ist ebenso ein Bedenken der Nachricht, daß der Militäretat bereits definitiv festgestellt sei, entgegen zu setzen. — Die Angelegenheit der Rumänischen Eisenbahnen hat in der letzten Zeit vielfach die Börse sowohl als auch die Presse beschäftigt. Den Anlaß hat die Thatsache gegeben, daß gegen die Mitglieder des AuffichtsratheS der rumänischen Eisemahn - Gesellschaft eine Dennnciation eingegangen ist, welche zur Folge gehabt, daß die Staatsanwaltschaft sich veranlaßt sah, Ermittelungen übet den Thatbestanb einzuleiten und sich zu diesem Zwecke die Büchet bet Gesellschaft »erlegen ließ. Alle übrigen Angaben entstammen der Po-
3* alten Stift.
Erzählung von Rudolf Scipio. (Fortsetzung).
Wie zur Bestätigung seiner Wotte brach bann auch fast in ben nächsten Augenblicken schon das Gewitter mit aller Macht loS. Blitz folgte auf Blitz, und der Donner bitte nicht auf zu rollen. Dazu goß der Regen in Strömen herab und Wilberg hatte schon nach wenigen Minuten keinen trockenen Faden mehr an sich. Allen Anderen, selbst denen, welche Schirme aufgespannt hatten, schien es nicht besser zu gehen, denn der Regen wat zugleich von einem heftigen Sturme begleitet, in welchem ein Schirm wenig oder gar keinen Nutzen gewährte. Der tiefliegende Weg hatte sich in einen See verwandelt und Wilberg bebauerte besonders die zahlreichen, beten Toilette aufs Fürchterlichste zugerichtet wat. Erst als man bie Stabt fast erreicht hatte, begann bad Unwetter allmälig nachzulassen unb verzog sich bann eben so rasch, als es gekommen.
Der Renbant war bisher schweigend neben seinem Begleiter hetgeschritten, und der Doctor, dessen Gedanken augenblicklich ganz wo anders weilten, hatte ihn dabei nicht unterbrochen. Bei Wilbergs Wohnung angekommen, zog bet Renbant seinen Hut, sprach dem Doctor seinen Dank au« unb empfahl sich.
So war denn auch dieses Zusammentreffen wieder vorüber gegangen, ohne eine weitere Bekanntschaft anzubahnen, unb Wilberg vermochte sich nach ben nun schon mehrmals erfahrenen Zurückweisungen nicht zu einem abermaligen Besuche bei bem alten Rendanten zu entschließen, da ihm ein solcher möglicher Weise al« eine Zudringlichkeit hätte aufgelegt werden können.
Etwa vierzehn Tage mochten feit jenem Nachmittage vergangen fein, al« Wilberg eines Morgens brüben im alten Stift einen Schuß fallen hörte. Wenige Minuten später tarn auch bie alte Magd des Rendanten angelaufen
und bat ihn, schleunigst hinüber zu kommen, da sich ihr Herr mit einem Gewehre schwer verletzt habe.
Wilberg fand ben alten angelleibet in seiner noch von Pulverbarnpf erfüllten Stube auf bem Bette liegen. Nicht weit bavon am Fußboben erblickte er ein kurzes, seltsam geformte« Gewehr, eine Art Karabiner. Clara war um ben Vater beschäftigt unb bemühte sich, das aus einer Bruftwunde hervordringende Blut zu stillen.
Das Gest/t des Rendanten war todtenblaß, doch der frühere Ausdruck desselben, hatte einer ruhigen, fast heiteren Miene Platz gemacht.
„Ihre Kunst wirb wohl bei mir nicht mehr viel helfen," äußerte er beim Anblick be« Doctor« mit einem matten Lächeln, „das alte Ding hat noch besser geschossen als ich buchte."
Wilberg untersuchte die Wunbe unb fanb, daß der mit einer Kugel geladene Schuß in der Nähe der Schulter in bie Brust gegangen war. Nicht ohne große Mühe gelang es, sowohl die Kugel, als auch verschiedene Zeugsetzm, welche von derselben weit in ben Schußkanal gedrängt waren, daraus zu entfernen. Der Rendant ertrug die ohne Zweifel mit dieser Operation verbundenen, sehr heftigen Schmerzen mit der größten Standhaftigkeit.
Die Wunde war, wie bet Doctor bem Neubauten unb dessen von der größten Angst gefolterten Tochter versichern konnte, keine btreft lebensgefährliche, erforderte aber eine sehr vorsichtige Pflege, unb die Heilung konnte im günstigsten Falle Monate in Anspruch nehmen.
„Sagen Sie einmal, Doctor," fragte der Rmdant, als Clara für kurze Zeit das Zimmer verlassen hatte, „glauben Sie wohl, daß wir starke« Wundfieber zu erwarten haben?"
„Das läßt sich im Voraus unmöglich genau bestimmen," versetzte Wilberg, „ganz ohne Fieber wird es freilich wohl nicht abgehen. Es läßt sich auch bem nicht vorbeugen, ba da« Fieber gleichsam mit zu brat Heilungsprozeß gehört und beßhalb ruhig ertragen werden muß."
„Wie lange pflegt beim baS Fieber anzuhalten?" fragte ber Renbant, bet sich ganz besonders hierfür zu interesstren schien, „unb wie halb glauben Sie wohl, daß eS sich entstellen wirb?"
„Auch barüber kann ich Ihnen nichts Bestimmtes sagen. Es kann noch diese Nacht kommen; vielleicht auch erst morgen; doch Sie scheinen größere Besorguiß deßhalb zu hegen, als nölhig ist. Sie werden sich doch nicht vor ein wenig Fieber fürchten! Sie denken sich das wahrscheinlich viel schlimmer, als es in Wirklichkeit ist."
Dem Rendanten schien mit diesem Tröste indessen wenig geholfen zu fein. Mit einem tiefen Seufzer wandte er da« Gesicht ab und versank in finsteres Schweigen.
Wilberg hatte inzwischen ben Verband angelegt und »erließ, ohne ben Alten weiter zu stören, ba« Zimmer. Draußen ertheilte er Clara bie nöthigen Anweisungen in Betreff ber Pflege be« Verwundeten unb trug ihr auf, wenn ba« zu erwartende Wundfieber fich vielleicht schon im Laufe ber Nacht einstellen solle, ihn rufen zu lassen, im anderen Falle werde er erst am nächsten Morgen wiederkommen.
Bisher war er im Dunkel über bie eigentliche Veranlassung zu bem Schüsse geblieben, unb ba sein erster Gedanke ber gewesen, daß ein Selbstmordversuch vorliege so hatte er sich gescheut, weiter zu forschen. Durch Clara erfuhr er nun einige nähere Umstände, die ihm aQerbing« auch jetzt noch Manches unaufgeklätt ließen.
Der Renbant war einige Zeit allein in bem Zimmer gewesen, unb al« Clara zu ihm hereintrat, hatte et vor feinem Gewehrschranke gestanden unb sich an dem alten Garabiner zu schaffen gemacht. Er schien, wie Clara glaubte, ihre Anwesenheit anfangs nicht bemerkt zu haben, wa« um fo mehr wahrscheinlich war, al« er überhaupt schwer hörte. Plötzlich hatte et fich umgesehen, war, wie sie bemerkt zu haben glaubte, heftig erschreckt zusammengefahren unb in demselben Augenblicke hatte sich der Schuß entladen,