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Ur. 224.

Marburg, Freitag, 24. September 1875.

x. Jahrgang.

ÄMtigen nimmt entgegen: die eflpetitton d. Blattet, sowie die Amwncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Eöln ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. ic.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendauk, A. Rete» meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „AllufttirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Roch'sche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (ejl. Bestellgebühr). — JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfo. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

91 uf das mit dem 1. October beginnende Quartal- Abonnement der

Bberhessischen Zeitung

mit der Gratis-Beilage

Zllustrittes Sonntagsblatt ersuchen wir die Bestellungen baldigst zu erneuern, da ohne vorherige Bestellung v-on der Post die Fortsetzung nicht geliefert wird. Auf dem Lande kann die Bestellung bei dem Landpostboten gemacht werden.

Exped. d. Oberh. Ztg.

Eine Musterung der deutsche» Seemacht.

Deutschland war durch seine Lage inmitten des Fest­land«» und durch die Gestaltung seiner politischen Verhält­nisse nicht in erster Linie auf da» Bedürsniß einer starken Seemacht hingewiesrn. Während die deutsche Nation ihre Selbstständigkeit und ihren Besitz nach allen Seiten hin gegen da» Anstreben feindlicher Nachbarstädte und fremder Völkerschaften zu vertheidigen hatte, fehlte ihr ein umfassen­de« Küstengebiet und ebenso sehr die unstäte Eroberungs lüft, welche den Unternehmungsgeist seefahrender Völker anstachelt. Auch das allmälige Aufblühen de» Gewerbe- fieißeS und die damit erwachsende Fähisteit, durch See­handel die Quellen des vaterländischen Wohlstandes zu erweitern, fanden zunächst dadurch in angemessener Weise Unterstützung und Befriedigung, daß einzelne heimische Seestädte mit wohlberechntter Unternehmungslust sich der Aufgabe unterzogen, den Welthandel Deutschlands zu ver­mitteln und nach Kräften mit bewaffneter Macht zu vertreten.

Langsam nur brach die Erkenntniß sich Bahn, daß der Besitz einer Kriegsflotte nothwendig sei, um das politische Ansehen und wirthschaftliche Gedeihen eines großen Landes ficherzustellen. Es gehört zu den denkwürdigsten Thatsachen der vaterländischen Geschichte, daß eine solche Erkenntniß schon vor Jahrhunderten gerade im brandeuburgisch-preu- ßischm Staate fruchtbaren Boden fand und daß der hoch- strebende Geist des „Großen Kurfürsten," welcher dem Auf bau und dem WachSthum der Hohenzollernmacht feste Grundlagen gab, auch mit ernster Anstrengung die Her­stellung einer deutschen Seemacht betrieb. Aber in der Ratur der damaligen Verhältnisse lag eS, daß ein solcher Versuch, wie deutlich sich auch darin der weittragende Blick seine« Urheber« offenbart, nicht zu dauernden Schöpfungen führen konnte. DaS deutsche Volk mußte einen überaus schwierigen Entwickelungsgang durchmachen und nur all- tätig den höchsten Ausgaben seine« nationalen Berufes näherttetew; -es mußte in der Vertheidtgung seines Rechtes und seiner Eiahett erst seine Machtstellung zu Lande ge- sichert haben, ehe eS daran gehen konnte, seine Streitkräfte

zur See auf einen achtunggebietenden Stand zu bringen. Deßhalb konnte auch der vor einem Vierteljahrhundert unternommene Anlauf nicht zum Ziele führen. Jedoch blieb das Gefühl wach, daß die Heranbildung einer Kriegs- flotte im engen Zusammenhänge mit der Befestigung der vaterländischen Einheit stehe, und deßhalb hatte die deutsche Nation warme Anerkennung dafür, daß Preußen sich ent­schloß , die Trümmer jene» verunglückten Versuches zu retten und nach Möglichkeit die Grundlage für einen wei­teren Ausbau herzustellen.

Mit der Wiedergeburt des Deutschen Reiches war dec Zeitpunkt cingetretcn, wo das Verlangen nach einer streit baren Kriegsflotte seiner Verwirklichung entgegengesührt werden konnte, da fortan die Lösung dieser Aufgabe nicht bloß auf den Beifall der öffentlichen Meinung, sondern auf die thatkrästige Theilnahme einer großen Nation zu rechnen hatte. Bon da ab war das Gelingen des wich­tigen Unternehmens um so mehr gesichert, als die Fürsorge des Kaisers und die Bemühungen der leitenden Behörden darauf gerichtet blieben, eine den Anforderungen der na­tionalen Jntereffm und der nationalen Würde genügende Streitkraft auf dem Meere zu schaffen, aber auch die Grenzen inne zu halten, die naturgemäß den Aufgaben der deutschen Seemacht gezogen sind. Unter diesen Aufgaben steht in erster Linie die Vertheidigung des deutschen See- gebieteS gegen feindliche Unternehmungen; eS gilt dabei, nicht allein die Küsten Deutschlands mit ihren Häfen und Städten gegen unmittelbare Angriffe zu schützen, sondern auch die Nachtheile einer Blokade abzuwehrcn. ES handelt sich ferner um den Schutz der deutschen Ansiedler in über­seeischen Ländern und deS deutschen SeehandelS, der gerade seit Wiederaufrichtung deS Reiches einen hohen Aufschwung genommen hat und nur unter der wirksamen Unterstützung einer Kriegsflotte zur vollen Entwickelung gelangen kann. Schon für diese Zwecke bedarf eS einer nicht unbedeutenden Zahl großer Kriegschiffe, die geeignet sind, in fernen Meeren der nationalen Flagge Achtung zu verschaffen, die Interessen des Deutschen Reiches und seiner Angehörigen nachdrücklich zu vertreten und erforderlichen Falles gegen feindliche «Äschwader einen ernsten Kampf aufzunehmen.

Nach solchen Zielen strebt der im Jahre 1873 ent­worfene FlottengründungSplan, der mit Rücksicht auf die Erfahrungen der jüngsten Zeit angemeffenen Aenderungen unterzogen worden und jetzt nach dec vor Kurzem erfolgten Fertigstellung zweier großer Kriegsschiffe in einem wesent­lichen Theile zum Abschluß gebracht ist. Jetzt ist die Ent­wickelung der deutschen Kriegsflotte auf einem Punkte an- gelangt, wo dieselbe mit Zuversicht auf die Erfüllung ihrer Hohen Aufgaben herantreten kann. Daß sie ihren Pflichten gegen die Nation genügen werde, dafür giebt schon ihre Vergangenheit Bürgschaft; denn wenn die Seestreitkräfte Deutschlands noch nicht in der Lage waren, mit entschei­denden Schlägen in die großen Kämpfe der jüngsten Zeit einzugreifen, so haben sie doch vielfach Gelegenheit gesun­den, ihren Eifer und ihre Hingebung im Dienste des Vater­landes zu bethätigen. Nicht glänzende Erfolge stehen

bisher der deutschen Marine zur Seite, wohl aber ehren­volle Leistungen, die keinen Zweifel darüber laffen, daß sie bestrebt ist, in allen Tugenden kriegerischen Geistes mit dem ruhmvoll bewährten Landheer zu wetteifern.

So erscheint der Augenblick, der für die große Flotten­schau in der Rhede von Warnemünde, dem Außenhafen der altehrwürdigen Hansestadt Rostock, gewählt ist, unter erhebenden Erinnerungen an eine zweihundertjährige Ver­gangenheit und günstigen Aussichten in die Zukunft. Der Kaiser wendet seinen Blick von den Uebungen der in aller Kriegstüchtigkeit erprobten Landtruppen aus die in den Ge­wässern der Ostsee vereinigte Flotte und erkennt mit Be­friedigung das Gelingen de« unter feiner Obhut vorschrei- tenben Werke«, welches die KriegSrüstung Deutschlands durch einen beweglichen Gürtel von Eisenpanzern und Feuer­schlünden zur See ergänzen soll. Die deutsche Flotte aber wird in den ihr entgegengebrachten Zeichen der Theilnahme und de« Vertrauens einen erhöhten Antrieb finden, in allen Kämpfen und Gefahren ihre Schuldigkeit zu thun, um auf dem weiten Meeresgebiet das Ansehen de» Kaisers, das Wohl des Reiches und die Ehr« der deutschen Flagge gegen jede Antastung zu wahren. (Pr.-C.)

Tagesbericht.

Die zuständigen Ausschüsse des BundeSrathS beschäftigen sich mit den neuen Steuerprojekten. Wie die Rat.-Ztg. hört, will der Börsensteuer Entwurf eine fünffache Besteue­rung von Börsengeschäften, und zwar: Schlußscheine und Rechnungen mit 25 Pf., Lombarddarlehne mit Vs pro Mille, inländische Werthpapiere 1/2 pCt. und ausländische Werthpapiere 1/5 PCt. Hamburg soll mindestmS eine Her­absetzung der Steuer für Schlußnoten und Rechnungen von 25 und 10 Pf. beantragt haben und damit vorläufig im Ausschuß durchgedrungen sein.

Die Conferenz der Delegirten deutscher SeehandelS- Plätze ist am Mittwoch in Berlin eröffnet worden. ES waren Vertreter von 20 SeehandelSplätzen zugegen; nun Vorsitzenden wurde Clausen (Bremen) gewählt. Nachdem derselbe die Nothwendigkeit dargethan hatte, den Agitationen der Schutzzöllner entgegenzutreten, gelangte die von der KömgSberger Kaufmannschaft an daS Reichskanzleramt gerichtete und an den Reichstag zu richtende Petiton ein­stimmig zur Annahme; ferner erwählte die Conferenz nach vertraulicher Berathung ein Komitee behufs Einleitung einer freihändlerifchen Agitation.

Die Angelegenheiten in Spanien scheinen sich für die Regierung de« Königs Alfonso definitiv günstiger zu ge­stalten. Mehr ober minder große Detachement« von Car- listen treten fortwährend auf das französische Gebiet über während andererseits die m litärischeu Erfolge der Reglet rungStruppen nicht zu leugnen sind, und die von dem neuen Ministerium eingeschlagene Bahn, auch besondere« wa« die Kirchenpolitik betrifft, durchaus dazu geeignet ist, ihm die Sympathie der Nation zu erwerben. Dazu kommt daß Städte und Land von dem langen Kriege und den daraus hervorgegangenen übermäßigen Abgaben auSgefogen ist, hf

Z» alten Stift.

Erzählung von Rudolf Scipio. (Fortsetzung).

Wie ganz ander« hatte er sich doch diese Begegnung gedachrl Wo war in diesem strahlenden Auge, in diesen freudig erregten Zügen eine fühllose Kälte, die er in seiner grundlos« Verstimmung chr zugetheilt? — Und bann die Gründe, die er dem Umzuge von drüben untergeschoben hatte, und der vermeintliche Triumph über seine Enttäuschung ? — Er schämte sich vor sich selber, wenn er daran dachte, wie er sich künstlich mit solchen Dingen gegen eine ganz Unschuldige aufgeregt habe, während diese selbst, ihrem Vater zur Siebe, sich geduldig in dessen Marotten fügte und ihr trauliches, freundliche« Stübchen mit diesem halb finsteren Raume vertauschte — ober wenn er sich vergegenwärtigte, wie sie drüben gestanden und ihn am Fenster erwartet habe, um ihm ihre genesene Hand hinüber zu ftreden, während er vielleicht gerade grollend ihrer gedacht. O, er hätte diese niedliche kleine Hand, die indessen noch immer sicht bare Spuren jenes Vorfalls trug, dafür an feine Lippen drücken mögen. Da sich da« nun aber doch nicht geschickt hätte, so begnügte er sich damit, einstweilen dieselbe einer genaueren Betrachtung zu unterwerfen, angeblich, um sich zu überzeugen, wie »eit die Heilung schon vorgeschritten sei, wobei er die Hand in leicht verzeihlicher Zerstreutheit geraume Zeit länger in der (einigen hielt, als dieses zur Erreichung seine« angeblichen Zweckes wohl nöthig gewesen fein möchte. Die Vergeßlichkeit des DoctorS war übrigens um so verzeihlicher, als die Unterhaltung mit seiner schönen

Patientin bald eine derartig interessante war, daß auch diese eS völlig vergessen zu haben schien, ihre Hand nach vollen deter ärztlicher Besichtigung auS der de« DoctorS zurück­zuziehen, in welcher sie ja als halbe ReconvaleSceniin ohne Zweifel auch am besten aufgehoben war.

Erst das Geräusch näher kommender Schritte, welche die Ankunft des Rendanten verkündeten, erinnerten die bei­den jungen Leute daran, daß die ärztliche Confultation längst zu Ende fei.

Der Rendant schien nicht in demselben Maße, wie seine Tochter, über den Besuch des DoctorS erfreut zu fein. Seine Begrüßung war kalt und förmlich und fein Gesicht sah womöglich noch düsterer und mürrischer auS, als sonst.

Wilberg fühlte sich unter dm Blicken de« Alten höchst unbehaglich und entfernte sich deshalb nach wenigen Mi> nuten. Der Rendant begleitete ihn bi« zur Treppe, wo Beide sich mit einer gegenseitigen stummen Verbeugung empfahlen.

Damit war nun, wie Wilberg sehr wohl einsah, vor­läufig wieder jede Verbindung mit den Bewohnern de» alten Stifts abgeschnitten, wa« ihn mehr schmerzte, als er das vor einer Viertelstunde für möglich gehalten hätte

Vergebens zerbrach sich Wilberg Tag für Tag den Kopf, um ein Mittel ausfindig zu machen, wie er Clara einmal wieder sehen und sprechen könne, und er war überzeugt, daß auch sie sich darüber freuen werde. Seine Wohnung war ihm fast ganz durch den Umzug verleidet worden, denn stets hatte er jetzt die leeren Fenster vor Augen, deren An­blick ihn nur an seine Nachbarin erinnerte, ohne daß es

hm vergönnt gewesen wäre, diese selbst zu sehen. Er sah schließlich ein, daß er, wie auch da« erste Mal, auf einen glücksichen Zufall seine einzige Hoffnung setzen müsse, der zwar vorläufig noch einige Zeit auf sich warten ließ, schließ, sich aber, wie der Doctor gehofft hatte, doch eintrat.

Der Mai »ar inzwischen in’« Land gekommen und draußen in Wald und Feld Alle« grün geworden. Bei schönem Wetter und besonders an Sonn- und Feiertagen zogen Schaaren von Spaziergängern aus den Thoren, um sich draußen an einem der vielen, rings um die Stadt zer­streut liegenden Bergnügungsorte nach den Mühen der Werk­tagsarbeit einmal zu erholen und zu zerstreuen.

Wilberg hatte bisher, wenn er nicht gerade hinaus mußte au« Rücksicht auf etwa vorkommende plötzliche ErkrankungS- fälle, auch bei dem schönsten Wetter feine Wohnung noch niemals zu Derartigen Ausflügen zu verlassen gewagt, und sogar der zweite Pfingsttag, wo sich am Nachmittag eine förmliche Völkerwanderung auS allen Thoren ergoß, würde ihn, so verführerisch Der prächtige Sonnenschein auch lockte, seiner Gewohnheit nicht untreu gemacht haben, wenn nicht ein besondere« Ereigniß ihn veranlaßt hätte, heute einmal eine Ausnahme von der Regel zu machen.

„Ra, Herr Doctor, wollen Sie denn heute nicht auch einmal hinaus?" fragte ihn seine Wirthin, als sie ihm nach Tifche den Kaffee auf fein Zimmer brachte; „alle Welt ist ja heute auSgeflogm. Denken Sie sich nur einmal, als A t>ot^r unten am Fenster stehe, geht sogar der alte Brummbär dort drüben au8 der Burg mit dem Fräulein