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Mr. S2S.

Intrigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte», sowie die Amwncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip. M Cvln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Marburg, Mittwoch, 22. September 1875.

x Jahrgang.

ObcrhcUlhc Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition d. Blatte», sowie die Anuoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M ; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A Stete* meyer in Berlin; Carl Schüß* ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn* und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdrucker ei) bezogen U Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

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Exped. d. Oberh. Ztg.

Eine seltsame Wendung.

In der letzten Zeit hat daS clerikale Element wieder vollstindig in Frankreich die Oberhand gewonnen, alles, was dort vorgeht, wie z. B. das Unterrichtsgesetz, beweist e»; e» sollte demnach scheinen, als wenn nach unserem Cul- turkampf und dem Vorgehen unserer Regierung gegen die Uebergrtffe der katholischen höheren Geistlichkeit die Animo fltit in Frankreich gegen unS sich sehr hätte schärfen müssen. Dem aber ist nicht so; die Sprache ist viel gemäßigter als früher, mit einem Worte, man ist dort „coulanter" gewor­den. Der Grund davon ist nun aber wohl darin zu suchen, daß erstlich der Verlust von Elsaß-Lothringen von der fron- zösischen katholischen Geistlichkeit mit ziemlicher Gleichgültig­keit gesehen worden, weil in jenen Provinzen Protestanten und die sehr zahlreichen Judm ihrem Einfluß den geringsten Spielraum boten und weil sie, mit vollkommen richtigem politischen Takt erkennend, daß Heinrich V. unmöglich ge­worden, sie sich dahin wendet, wo sie noch die meisten Chancen haf, ihre ehemalige Stellung wieder zu gewinnen, d. h. zum Bonapartismus, und nun geht ste von vornherein auf den Gedanken Napoleons ein, mit der Zeit auf irgend eine Weise zu einer Vergrößerung Frankreichs zu gelangen, aber nach einer Seite hin, wo französische Sprache und voller WramontaniSmuS herrschen; und so hofft man, durch die unS gegenüber angenommene neue Haltung unS zu be­wegen, einem derartigen Streben nicht hemmend entgegen- zutreten. Die schmiegsame Feinheit dieser Pattei ist wohl in diesem Thun und Treiben zu erkennen; wie weit ein Erfolg ihr Bemühen krönen wird, ist nicht vorauszusehen, der Versuch aber ist offenbar begonnen.

Tagesbericht

Aus einer Notiz der „Nordd. Allg. Ztg * geht hervor, daß der Reichskanzler den Kaiser nach Mailand begleiten wird, für de» Fall, daß diese schon seit längerer Zeit projectirte Reise zur Ausführung kommen wird.

Das Berliner Stadtgericht hat den verantwortlichen Redactrur der „Germania", Taube, wegen Beleidigung des Fürsten Bismarck und des StaatSministeriumS zu 5 Mo­naten Gefängniß verurtheilt.

Der in diesen Tagen stattgehabte hannöversche Städtc- tag gab unter anderen Beschlüffen folgende Erklärung ab: „Der Städtetag hält durch das Berfahren des LandeS- Consistoriums in der Klapp'schen Wahlangelegenheit daS Patronatsrecht des Magistrats der Stadt Osnabrück und das Wahlrecht der betreffenden lutherischen Gemeinde für gefährdet." Es ist übrigens sichtbar, daß in Hannover die Bewegung gegen die Herrschaft dieses ConststoriumS immer stärker und allgemeiner wird.

Die Nachrichten auS der Herzegowina bitten nichts besonderes; die wichtigste und intereffanteste politische Nach, richt kommt heute aus Rom. Der päpstliche Nuntius am spanischen Hofe soll nämlich angewiesen worden sein, seinen Posten sofort zu verlaffen, wenn die Entschließungen des spanischen Ministeriums über das bereits bekannte Rund­schreiben, die Würde deS päpstlichen Stuhls beeinträchtigten. Seltsam genug ist eS, daß der Papst, mit dem nur wenige Regierungen überhaupt noch diplomatische Beziehungen unterhalten, der spanischen Regierung mit einem derartigen Ultimatum zu drohen sich herauSnimmt. Uebrigens hat der neue spanische Minister des Auswärtigen dem Nuntius erklärt, daß jenes Rundschreiben an die Bischöse unkorrett sei, weil dec Nuntius nur daS Recht habe, mit der Re­gierung selbst über die geistlichen Angeleger beiten zu ver­handeln, unpolitisch, weil sich daraus Drohungen gegen eine Verfassung fanden, welche bis jetzt pur erst i« Ent­würfe bestehe, daher noch nicht Staatsgesetz geworden sei, und nicht der Wahrheit gemäß, weil danach die Unduld­samkeit in religiösen Sachen als traditionell in Spanien dargestellt werde, während bis zu Phil.II. Zeiten selbst Mau> ren und Juden volle Religionsfreiheit hatten, während grade die Unduldsamkeit die Bürgerkriege veranlaßt habe. Die spanische Regierung soll übrigens vollständig ent- schloffen sein, sehr breite Grundlagen für die Aenderung des Concordat» mit Rom zu verlangen, und im Falle eines Nichteingehens daraus, alle Beziehungen mit ihm abzubrechen. Wie sehr ein solcher Schritt die Popularität dre neuen spanischen Regierung erhöhen würde ist selbstverständlich.

Deutsche» Reich.

----- B-rlt«, 21. Sept. Es verlautet, daß in maß- gebenden Kreisen der Plan deö großen Nord Ostsee-Kanal» nicht nur nicht aufgegeben, sondern als besonders wichtig angesehen ist. Die Ausführung deflelben aber wird wohl durch die noch nicht gelöste Frage bedingt, welche Richtung dieser Kanal erhallen solle. Mehrere Directionen sind für ihn in Vorschlag gebracht, — FlenSburg-Lyster Tiefe, Eckernförde-St. • Margarethen, Eckernförde-Brunsbüttel, Eckernförde Husum, Kiel Brunsbüttel, Alstern-Trave, St.- Margarethen-Haßkrug, Kiel-St.. Margarethen, Stövort- Hammelsdorfer See und Flensburg-Hoyer. ES muß nun also herausgestellt werden, welche derselben die möglichst großen Vortheile bei möglichst geringen Kosten gewährt. DaS Handelsministerium hat bereits eine thrilweise, aber sehr sorgfältige Prüfung vornehmen lassen, welche die Un* auSführbarkeit der Linien Eckernförde-Husum und FlenSburg- Hoyer ergeben. In den höheren militärischen Kreisen sieht man als hochwichtig eine direkte Verbindung de« KriegS- hasens von Kiel mit dem zu schaffende» Kanal an; der Ent­scheidung für die Linie K^el-St. Margarethen tritt daher nur daS eine Bedenken entgegen, ob Kiel, bereit» Kriegs- Hafen, und bann also auch Vorhafen des Kanals, noch den Bedingungen der Jnteresien dcS Handels genügen könne. Man ist verschiedener Meinung darüber, ob eS möglich fei zu einer Beseitigung dieses Bedenkens zu gelangen, indem man zu einer Vereinigung des Hauptkanals mit dnigen holsteinischen oder schleSwigschen Hasenplätzen schritte. May berechnet für das ganze Unternehmen, sttbst mit den Be­festigungsarbeiten und der Anlage von ZufluchtShäfen, eine Ausführungsfrist von sechs bis acht Jahren, doch find für den definitiven Beginn noch keine festen Bestimmungen ge­troffen. — In Breslau hat der Oberprästdent nachfolgende CabinetSordre des Kaiser« veröffentlicht: „Ich hab« ans mttner Reise durch die Provinz Schlesien, und insbesondere während meiner Anwesenheit in BreSlau, Fürstenstein, Camenz und Liegnitz so zahlreiche Beweise treuer Liebe und Anhüng. lichkeit aus allen Schichten der Bevölkerung empfangen, daß es meinem bewegten Herzen ein Bedürfniß ist, vor meinem Scheiden aus der Provinz meine Freude hierüber und meinen Dank auszusprechen. Ich beauftrage Sie, dies ben Einwohnern ber Provinz allgemein bekannt zu machen unb denselben gleichzeitig auch mitzutheilen, wie ich mit leb­hafter Befriedigung Kenntniß von der durchweg vorzüg­lichen Aufnahme erhalten habe, welche den Truppen sowohl auf den Märschen, wie in den Kantonnement« zu Theil geworden ist."

I« alle» Stift.

Erzählung von Rudolf Scipio.

(Fottsetzung).

„Soweit ich ben Rendanten von früher her kenne, kann da» Mädchen seine Tochter gar nicht sein," bemerkte einer der Anwesenden, „denn meine« Wissens ist der Alte nie­mals verhttrathet gewesen. Ich kenne ihn schon seit we­nigsten« zwanzig Jahren. Er stand damals als Steuer- ausseher an der holländischen Grenze, und ich bin während meiner damaligen Geschäftsreisen oft mit ihm in einem Gast­hofe bttm Mittagstisch zusammengetroffen und erinnere mich, daß er damals häufig mit seinem Hagenstolzenthum von ben anderen Gästen aufgezogen wurde, was er allerdings nicht gern zu hören schien. Er war übrigens zu jener Zeit ein munterer, angenehmer Gesellschafter und eine von allen Tischgästen gern gesehene Persönlichkeit. Sein jetziges finstere« Wesen muß er er ft später angenommen haben."

Als Wilberg ziemlich spät am Abend in seine Wohnung znrückkehtte, schien drüben aus dem Stift noch immer ein same« Licht zu ihm herüber, während sonst um diese Zeit dort schon längst Alle« dunkel zu sein pflegte, und als er näher hinsah, entdeckte er auch bald wieder die auf- und abfchrtttende Gestalt des Rendanten. Von dem jungen Mädchen dagegen war nicht« mehr zu fehen.

Unter dem frischen Eindruck besten, was er während beS Tage« beobachtet und gehört, begab er sich zu Ruhe, und wie da« häufig geschieht, hatte flch wahrend des Schlafes die nun entfesselte Phantasie bald de« vorhandenen Stoffes bemächttgt und begann denselben mit ihrem farbenreichen Pinsel auszumalen.

E« waren entsetzliche Dinge, die der Traum ihm in buntem, wirren Durcheinander vorführte: Scenen von Blut und Mord, in benen die unheimliche, finstere Gestalt de« Rendanten unter ben mannigfaltigsten Verwandlungen halb in biefer bald in jener Rolle erschien.

»llmälig erblaßten zwar diese Bilder mehr und mehr, unb e« traten ruhigere und freundlichere Träume an ihre Stelle; doch hatte der Doctvr im Ganzen eine recht schlechte

Nacht gehabt und fühlte stch davon am anderen Morgen noch verstimmt unb am Körper unb Geist wie zerschlagen. Selbst nachbem seine gewöhnlichen Krankenbesuche beendet waren und nun die Zeit herankam, wo er sich vorgenom- men hatte, den versprochenen Besuch im Stift abzustatten, fühlte er sich noch nicht ganz wieder von dem Druck jener Erinnerungen befreit und zog e«, so sehr er sich anfangs auch auf diesen Besuch gefreut hatte, vor, denselben ttnst- weilcn auf einen anderen Tag zu verschieben, da ihm in seiner jetzigen Stimmung die nöthige Unbefangenheit zu einer Unterhaltung mit dem Herrn Rendanten ober besten Tochter fehlte.

Für jetzt wollte er sich beßhalb bamit begnügen, feine schöne Nachbarin, wie bisher, nur von seinem Fenster aus zu betrachten. Zu seiner nicht geringen Verwunderung bemerkte er jedoch hier, daß drüben über Nacht eine merk­liche Veränderung vorgegangen war. Die sonst so freund- li<en Fenster sahen kahl unb öde au«; bie weißen Vor­hänge, sowie auch die Blumen waren davon verschwunden und e« schien darnach, als ob da« Zimmer nicht mehr bewohnt werde.

Anfangs dachte Wilberg, daß diese Veränderung nur eine vorübergehende sein könne, indem man ja viellttcht da« Zimmer zum Zwecke einer Reinigung ausgeräumt habe. Als aber auch an den nächsten, sowie überhaupt an allen folgenden Tagen weder Blumen noch Vorhänge wieder erschienen, auch am Abend die Fenster dunkel blieben, un­terlag e« wohl kaum einem Zweifel, daß das Zimmer nicht weiter bewohnt werde.

„Ist der Rendant brüben ausgezogen?" ertunbigte sich Wilberg nach einigen Tagen bei feiner Mithin.

»Ich habe nicht« davon gehört", versetzte diese, — „nun, es wäre gerade {ein Unglück, und meinetwegen mag er hinziehen, wo er will. Aber weshalb glauben Sie da« ?" —

Wilberg erwähnte die teeren Fenster.

»Ach", meinte die Frau, „deshalb braucht er noch nicht ausgewogen zu sein. In dem alten Reste da drüben

giebtS beinahe so viel Stuben wie Tage im Jahre und da wird er sich zur Veränderung wohl ttnrnal auf die andere Seite einquartirt haben."

Seit jenem ersten Besuche de« Doclor« in dem alten Stift war inzwischen eine volle Woche vergangen. Er empfand kaum noch ein besondere« Verlangen, denselben zu wiederholen. Die plötzliche Verlegung des Wohnzimmer« hatte ihn, wenn er e« sich auch nicht recht eingestehen wollte, geärgert, und was ihn besonders dabei verdroß, war eben der Umstand, baß gerabe bie Tochter be« Ren bunten e« gewesen sein mußte, von ber bieser Umzug auS- gegangen war; denn nur sie wußte ja, baß er von seinem Fenster ab unb zu nach jenem Zimmer hinüber sehen konnte, unb e« war kein Zweifel, baß diese« ber Grund jener Maßregel war. — Daß e« nur ein bloßer Zufall gewesen sein könne, der sie glttch am nächsten Tage nach ihrem Gespräche jene« Zimmer meiden ließ, war nicht wohl an­zunehmen.

Die Bewunderung, welche er anfangs für seine schöne Nachbarin gehegt hatte, und welche schon aus dem Punkte gewesen war, stch in eine noch wärmere Empfindung zu verwandeln, war allmälig in ein entschieden feindselige» Gefühl umgeschlagen.

Dessen ungeachtet kam er zuletzt doch zu dem Ent- schlnffe, sttnen angelünbigten Besuch nun erst recht zur Ausführung zu bringen.

Zunächst hatte er denselben ja einmal versprochen unb wollte sich schon au» biefem Grunde einer Unterlassung, bie immerhin eine Art Ungezogenheit gewesen wäre, nicht schuldig machen; bann aber wollte er, wenn jener Umzug mit Rücksicht auf ihn, rin absichtlicher gewesen, dem jungen Mädchen keine Veranlassung geben, glauben ju können, er habe sich baruber geärgert, unb e» so verhindern, daß ste am Ende gar bei ihren Bekannten stch damit über ihn lustig mache. Diesm Triumph sollte sie wenigsten« nicht genießen.

Er. konnte sich eine« bittern Gefühls nicht erwehren al« re jetzt zum zweiten Male den Weg zum alten Stift