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Mr. 222.

Marburg, Mittwoch, 22. September 1875.

x. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Amwncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M ; Stein & Vogler in rt a. M, Berlin, Leip- In ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

ObnheUlhc Jcilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Ey»edttiou d. Blatte», sowie die Aimoncen-Büreaux von ®. L. Daube & Co. in g:aukfurt a. M.: Jäger'sche uchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Siete- meper in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Soun- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg. lexl. Bestellgebühr). — Jnsertiousgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

91 uf das mit dem 1. Oktober beginnende Quartal- ff* Abonnement der Dberhesstschen Zeitung mit der Gratis-Beilage Zllustrirtes Sonnta-sblaü ersuchen wir die Bestellungen baldigst zu erneuern, da ohne vorherige Bestellung von der Post die Fortsetzung nicht geliefert wird. Auf dem Lande kann die Bestellung bei dem Landpostboten gemacht «erden.

Exped. d. Oberh. Ztg.

Tagesbericht.

Dir „Nordd. Allg. Zlg." bezeichnet die Nachricht von Beratungen des Staatsministeriums über die Aufhebung des Pferdr-AuSfwhe^VerbotS als unrichtig und jeder that- sächlichen Begründung entbehrend.

Der deutsche Gesandte bei der italienischen Regierung, Hr. v. Kendcll, ist aus Ostpreußen wieder in Berlin ein­getroffen. Derselbe ist in der Zwischenzeit nicht, wie meh­rere BlSlter wissen wollten, in Varzin gewesen.

Zu der am120. Oct ober stattfindenden Eröffnung des Reichstages wird, wie officiös berichtet wird, der gesammte Etat pro 1876 gedruckt sein, und kann auf diese Weise den Abgeordneten unausgesetzt zugestellt werden. Die Reichs- regierung ist der Ansicht, daß zwei Monate genügen wer­den, ih« vollständig durchzuberathen.

Die Steuergesetze, welche in letzter Zeit so vielfach be­sprochen worden, und welche die Regierung von Sachsen- Weimar bei dem BundeSrathe in Anregung gebracht hat, werden in den Ausschüssen rasch gefördert; eS ist wahr- schpnUch, daß- ihnen die Zustimmung deS BundeSratheS nichl fehlen wird, und so können sie dem Reichstag gleich bei seinem Zusammentreten zugehen. Die Verdoppelung der Brausteuer, welche in Aussicht genommen ist, wird wohl eine Revision des Brausteuergesetzes vom Jahre 1812 nach sich ziehen. Gegen die Börsensteuer haben die Hansestädte schon von Anfang an protestirt; von anderen und vielfachen Seiten her wird man dieser Steuer gewiß auch weiter ent: gegentreten; überhaupt dürfte sie im Reichstage wohl eine starke Opposition finden.

Um der mißlichen Lage der Inhaber von Actien der rumänischen Eisenbahnen ein Ende zu machen, hat, wie es heißt, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Boe- reSco, beschlossen, den am 29. November zujammentretenden Kammern eine dahin gchende Vorlage zu machen, die ganze

Eisenbahn von Roman nach Vorcerowa mit den dazu ge­hörigen Zweigbahnen für Staatsrechnung zurückzukaufen, da eS nur auf diese Weise möglich werden dürfte, sich den steten Anforderungen der Berliner Gesellschaft zu entziehen. Rumänien» Credit erfordert übrigens, daß ein derartiges, vom Staat garantirtes Unternehmen seine Zinszahlungen nicht einstellt. Er hofft seinen Antrag durchzubringen; der­selbe lautet, alle Schulden der Gesellschaft zu bezahlen und für die Stammaktien einen zu fixirenden Preis zu bieten.

Als Ursache des Ausstandes in der Herzegowina gelten die drückenden Steuern. Die gesammten Abgaben des schlechtest siluirten Familienvaters belaufen sich auf 30 - 40 Ducaten. Ist die Höhe der Steuern an sich schon horrend und un­erschwinglich, so wird die Lage der Rajah noch durch die vielfachen Vexationen verschlimmert, denen dieselben bei Ent richtung der Steuer ausgesetzt sind. Ist Jemand zahlungs unfähig, so wird er auf die fürchterlichste Art so lange miß­handelt, bis er sein letztes Stück Habe verkauft, um seine Steuer entrichten zu können. So wurde Einer im Winter auf einen Baum getrieben, seine Befchuhung mit Waffer gefüllt und über die Nacht in der grimmigsten Kälte halb erfroren belassen, bis Morgens sein Weib die geforderte Summe auftrieb 1 Ein Anderer wurde auf einen Dach­boden gesperrt, während unterhalb naffes Stroh angezündet wurde, dessen Rauch den Betreffenden jeden Moment zu ersticken drohte. Im Uebrigen steht das Morden, Brennen, Prügeln und Mißhandeln auf der Tagesordnung. Ins­besondere sind es auch die Weiber, welche einer Schändung stets ausgesetzt sind. Zumeist citirt dieselben der Türke auf die Robot, und erscheint sie, so wird sie geschändet! Vater ober Gatte dürfen sich nicht rühren, sonst wäre eS um ihr Leben geschehen. Seit dreißig Jahren werden die Zustände der Rajah immer schlechter, im laufenden Jahre aber war die Lage derselben bereits so weit gediehen, daß eine Er­hebung kaum mehr ausbleiben konnte. Zum Schluffe be­fragt, ob sie, im- Falle die Türkei ihnen Versprechungen machen sollte, zurückkehren wollen, erwiderten die Aufstän­dischen, daß sie nur in dem einzigen Falle bereit wären, zurückzukehren, wenn Bosnien unter christliche Herrschaft gelangen würde, wobei eS ihnen einerlei ist, welche der christ- lichen Mächte diese Herrschaft einnehmen würde. Dies — so schließt ein Korrespondent des „Pester Lloyd" feine Aus­führungen — in Kurzem die übereinstimmenden Aussagen der Aufständischen. Daß hier und da wohl auch Ueber- treibungen vorkommen mögen, soll nicht bestritten sein; int Großen und Ganzen entrollt sich uns hier aber dennoch ein derartiges Jammerbild, daß das humane Europa in der That keine bessere Pflicht zu erfüllen hat, als diesen Zu» ständen endlich ein Ende zu machen.

Deutsche» Teich.

•# Berlin, 20. Sept. Die schöne Witterung, welche der Kaiser währmd der Manövertage in Schlesien gehabt, scheint auch für die Dauer des Aufenthalts in Mecklen­burg anzudauern. Se. Majestät hat die Strapatzen, welche die militärischen Hebungen des V. und VI. Armeecorps mit sich gebracht, über alle Erwartungen überstanden. Es ist der Gesundheitszustand des Kaisers ein durchaus be­friedigender, und es ist daher kein Wunder, wenn die Nachrichten über die Reife des Monarchen nach Italien aufs Neue auf die Tagesordnung treten. Wenn einerseits durch die Gesundheitsverhältnisse des Königs diese Absicht, König Victor Emanuel einen Besuch abzustatten, näher gerückt ist, so werden alle bestimmten Angaben über Ab­reise, Dauer der Reise noch in das Reich der Conjuncturen gehören. — Der Minister des Innern, Graf Eulenburg, ist gestern aus Ostende zurückgekehrt und hat die Geschäfte seines Departements heute übernommen. Es werden dem­nächst, wie selbstverständlich, die Vorarbeiten für bett Land­tag in das weitere Stadium gestellt werden und wird dies auch um so eher geschehen können, a!S das Staatsmini­sterium mit Ausnahme deS Fürsten Bismarck alsbald voll- zählig in Berlin versammelt ist. — Wie die Regierungen, sind jetzt auch die Landräthe angewiesen worden, von allen Blättern ihres Kreises, in welchen über die Organisation deS Volksschulwesens durch das zu erwartende Unterrichts- Gesetz Kundgebungen erscheinen, ein Exemplar einzusenden. Dem Vernehmen nach hat der Minister Dr. Falk diese Sammlung angeordnet, weil er von allen wichtigen Mei- nungsäußerungen über jene hochbedeutsame Frage fortlau­fend in Kenntniß erhalten zu werden wünscht. — Die Vorbereitungen zu der am 1. December d. I. stattstnden den Volkszählung und Aufnahme der Gewerbestatistik im deutschen Reiche sind beendet. ES bedarf nun auch der Anweisungen, welche den einzelstaatlichen Behörden von ihren Centralstellen zugehen werden.

Rostock, 19. September. Von dem herrlichsten Wetter begünstigt, traf heute Nachmittag 51/4 Uhr der Kaiser auf dem Bahnhofe bei Rostock ein. Schon auf feiner ganzen Fahrt waren alle Bahnhöfe in Mecklenburg festlich decorirt, und überall eine große Menschenmenge versammelt, die den Kaiser enthusiastisch begrüßte. Der Zug selbst war mit Blumen und Guirlanden geschmückt. Aus dem reich ge­schmückten Bahnhose wurde der Kaiser von dem Großher- zog von Mecklenburg und den mecklenburgischen Prinzen empfangen; allen weiteren officiellen Empfang hatte er sich »erbeten. Bei seinem Austritt aus dem Bahnhose schallte ihm der begeisterte Jubelruf der Menge ertgegen, die alle umliegenden Plätze besetzt hatte, während von den Kirch- thürmen alle Glocken läuteten. Auf beiden Seiten de« Wege« flatterten Flaggen in den deutschen und mecklenbur-

I« alte* Stift.

Erzählung von Rudolf Scipio. (Fortsetzung).

So sehr Wilberg, besten Jntereste für seine schöne Nach­barin mit jedem Tage zunahm, sich auch bemühte, mit dem alten Rendanten bekannt zu werden, so wollte ihm das durchaus nicht gelingen. Der alte Herr lebte sehr einge­zogen und schien den Verkehr mit anderen Menschen eben nicht besonders zu lieben. Seine Brummigkeit und sein bärbeißiges Wesen, besten Schilderung die Hauswirthin des DoctorS durchaus nicht etwa übertrieben hatte, waren in der Stadt saft sprichwörtlich geworden; im Uebrigen aber wußte Niemand etwas Nachtheiliges über den Alten zu sagen, der den Doctor seiner schönen Tochter wegen einiger­maßen interesstrte. Was allen Bemühungen Wilberg'S nicht gelang — seinen Nachbarn in dem alten Stift aHmälig näher zu kommen — wurde endlich durch einen Zufall auf sehr einfache Weise vermittelt.

„Ach du lieber Himmel, ist denn der Herr Doctor nicht zu Hause?" hörte er eines schönen Morgens, als er eben von dem Besuche der wenigen Patienten zurückkehrte, die ihm sein Glück im Laufe der Zeit doch endlich zugeführt hatte, eine Fr»uenstimrne unten im Hause rufen.

„Ei, freilich," tönte die Stimme seiner Hauswirthin dagegen, „der Herr Doctor ist eben aus der Stadt wieder nach Hause gekommen, er wohnt oben, rechts, wo die schwarze Tafel an der Thüre hängt; aber was ist denn passirt?"

Doch die alte Frau war schon hinaufgetrippelt und bei dem Doctor eingetreten. „Ach, guten Morgen, Herr Doctor, Gott sei Dank, daß Sie da sind 1 Sie möchten doch gleich einmal zu unserm Fräulein kommen. Der Herr Medicinal- rath ist ausgefahren und der Herr Doctor Bernhard war auch nicht mehr zu Hause, und das Fräulein hat sich die

ganze Hand so arg zerquetscht, daß man'S gar nicht mit ansehen kann. Der eine Finger ist ratsch ab. Ach du meine Güte, so ein Unglück zu erleben — das arme Kind l"

„Aber wer ist denn eigentlich Ihr Fräulein, wenn man fragen darf?" versetzte der Doctor, der sich eben nicht be sonders dadurch geschmeichelt fühlte, daß man ihn nur quasi als Lückenbüßer für den Herrn Medicinalrath und seine sonstigen College« zu benutzen schien.

„Ach so, ja, — Fräulein Clärchen, die Tochter des Herrn Rendanten Bär drüben im alten Stift", berichtete die alte Magd in athemloser, ängstlicher Eile.

Wohl noch nie hatte sich der Doctor so rasch zum AuS- gehen fertig gemacht, als diesmal. In drei Sätzen war er die Treppe hinunter und dann ging’» im Sturmschritt über die Straße, daß die alte Magd weiter hinter ihm zurückblieb.

Als er das alte Stift erreicht hatte, schritt er, ohne sich unten im Hause länger aufzuhalten, rasch die Treppe hinauf und klopfte dort an die erste beste Thüre an.

„Das Bureau ist unten im Hause, Herr —", donnerte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und als er sich erschreckt umsah, erblickte er in der gegenüberliegenden Thüre die hohe Gestalt des alten Rendanten, der ihn mit grimmigen Blicken maß.

Wilberg wurde unwillkürlich an die Beschreibung seiner Wirthi» erinnert. „Ich danke Ihnen," versetzte er lächelnd, „doch man hat mich zu einer Patientin gerufen und ich hoffte, dieselbe hier oben zu finden."

„Zu einer Patientin? — Das muß ein Jrrthum fein; und wer find Sie denn überhaupt?"

„Der Herr Medicinalrath waren nicht mehr zu Hause und der Herr Doctor Bernhard auch nicht," berichtete die inzwischen ebenfalls herangekommene alte Magd, „und da

habe ich den jungen Herrn Doctor gerufen, der gleich hier vorn an der Ecke wohnt."

„Aber wa» soll denn das Alles überhaupt?" fragte der Rendant erschrocken, „ich weiß ja gar nicht, daß Jemand krank ist, — doch nicht gar meine Tochter?"

„Ach du lieber Himmel", klagte die Alte, „da» Fräulein hatte mir'» ja strenge verboten, daß der Herr Rmdant Nichts davon wissen sollte; Fräulein Clärchen hat sich die Hand an der schweren Kellerthüre geklemmmt, und sitzt drin in ihrer Stube und macht Umschläge darauf."

„Bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Doctor", versetzte der Rendant. „Ich habe von Allem nicht da» Geringste gewußt, haben Sie die Güte und treten Sie näher!"

Damit führte er Wilberg in das diesem schon von seinem Fenster her bekannte Zimmer.

Die Pattentin, in der der Doctor sogleich die schöne Blumenpflegerin erkannte, ruhte mit bleichem Gesicht in einem Lehnsessel und kühlte die verletzte Hand in einem Gefäß mit Waffer, welches von Blut gerölhet war. Man konnte ihr ansehen, daß sie heftige Schmerzen litt.

Bei der Untersuchung der Wunde ergab sich indessen, daß e» die alte Magd stark übertrieben hatte. Der Fin­ger, welcher nach ihrer Versicherung „ratsch ab" sein sollte, befand sich noch hübsch an seiner richtigen Stelle, und die ganze Verletzung, wenn sie auch immerhin recht schmerzhaft fein mochte, war durchaus nicht von Bedeutung.

„Gott sei Dank", sagte der Rendant mit einem erleich­ternden Seufzer, „nun kann ich doch mit Ruhe wieder an meine Arbeit gehen."

„Sie müssen den Vater mtschuldigen", bemerkte das junge Mädchen, sobald der Alte da» Zimmer verlassen hatte, „seine Arbeit wird e» wohl weniger ' fein, was ihn von hier wegtrieb. Er kann nicht