Sfr. 21».
Marburg, Sonnabend, 18. September 1875.
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die «flwMtiw b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureanx von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. TL, Berlin, Leipzig, Eöln io; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
ObtchkUlhc Icilung.
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Au der wirthschastliche« Situation.
Sehr bemerkenSwerth ist ein Artikel der „Post" über die volkSwtrthschaftliche Lage. — Diese« Blatt kommt zu dem Schluß, daß auch auf volkSwirthschaftlichem Gebiet Realpolitik getrieben werden muffe; es dürften dabei Theo- rieen und Doktrinarismus, die in Deutschland vorzugsweise grassiren, nicht den Ausschlag geben, vielmehr sei de. Reichstag berufen, diese Fragen zum Austrage zu bringen. Endlich erklärt dasselbe, daß die Leitung unserer Finanzen und VolkSwirthschaftSpolitik sich in den letzten Jahren nicht aus der Höhe der Zeit befunden hat, und daß andere Bahnen einzuschlagen sind. Diese Erklärung ist bei den Beziehungen der Poft von hoher Bedeutung, sie bestätigt, was schon öfter von uns hervorgehoben ist, daß die Zeil der Nachgiebigkeit gegen die Herren von der Manchester Partei vorüber ist, und in den maßgebenden Kreisen die Ueberzeugung herrscht, daß in Beziehung auf die Wirth- schaftSpolitik nicht länger dem laisser-aller gehuldigt wer. den darf, ohne unsere Industrie und unsere wirthschaftliche Lage überhaupt schwer zu gefährden. Am allerwenigsten ist anzunehmen, daß der Reichskanzler den Rath, der ihm von Seiten der Freihändler gegeben wird, nämlich sich jede» Eingreifens in die gegenwärtige Lage zu enthalten, Folge leisten wird. Fürst Bismarck hat jeder Zeit bewiesen, daß er sich nicht nach der Profesiorenthcorie richtet, sondern im gegebenen Augenblick stets daS Rechte zu ergreifen vermag. Auch in dieser Frage, die in alle Ver- hältnifle so tief eingreift, glauben wir nicht, daß er sich von den Theoretikern wird inS Schlepptau nehmen lassen. Daß die öffentliche Meinung sich von den Freihändlern immer mehr abwendet, kann trotz der gegenteiligen Versicherungen ihrer Organe nicht mehr geleugnet werden. Selbst solche Blätter, welche der Freihandelötheorie nicht geradezu entgegen sind, erkennen eS an, daß es eine Thor- hkit ist, einer Theorie zu Liebe nicht nur unsere Industrie herunter, sondern auch Tausende von Arbeitern an dm Bettelstab zu bringen, und halten es mindestens für gewagt, zur vollständigen Handelssreiheit überzugehen, wäh- rmd sich alle Länder ringS um uns durch den Schutzzoll absperren. Das Verlangen nach einer nationalen Haudels- und WirthschaftSpolitik dringt immer mehr durch, so daß schließlich auch die Regierung dieser berechtigten Forderung nachgeben wird.________________________________________
Tagesbericht
Seit dem 13. d. M. ist die Hauptwehr der deutschen Flotte im Hasen von Kiel wieder vereinigt, nämlich: „König Wilhelm", „Kronprinz", „Kaiser" und „Hansa", die Segel fregatte „Niobe" und die Brigg „Undine", welche am letzten Montag srüh von ihrer Uebungsfahrt nach Amerika zurück gekehrt ist. Die beiden Uebungsschiffe (für Schiffsjungen)
„Musqaito" und „Rover" liegen der Swentniemündung gegenüber. Der Aviso des Geschwaders „Falke" liegt bei der Düsterbrooker Werft, sowie die in Ausrüstung begriffene gedeckte Corveite „Unieta" und daneben die kaiserliche Jacht, zierlich gebaut und mit gelbem Schornstein, die „Grille". Auf dem Geschwader herrscht schon vom frühen Morgen an eifrige Thätigkeit, man bereitet alles für Warnemünde vor.
Es sind für das Jahr 1876 220Affefforen aufgeführt, gegen 271, welche der Terminskalender des vorigen Jahres aufweist, und gegen 963, welche im Jahre 1864 in dem damaligen Umfange des preußischen Staates verzeichnet wurden. Aus einem Vergleich des Kalenders mit der preußischen Gerichlsverfaffung ergibt sich, daß gegenwärtig allein in den alten Provinzen 97 etatSmäßige Richterstellen und 9 etatSmäßige Staatsanwaltstellen unbesetzt sind.
Ein neues Verfahren wird in Preußen für die Beschaffung von Mobilmachungspferden in Anwendung gebracht werden. Jede Provinz soll nämlich im Falle einer Mobil machung der Armee oder gewisser Theile derselben, den an Mobilmachungspferden nach den Bestimmungen deS Planes auf sie repartirten Bedarf in natura stellen. Der Gefammt- bedarf wird schon im Frieden auf die einzelnen Kreise oet- theilt. Bei Eintritt einer Mobilmachung wird in jedem Kreise der gestimmte Pferdestand, welcher einstellungspflichtig werden dürfte, gemustert, das nithige (Kontingent ausgehoben, taxirt und aus dem Reichsfonds vergütet.
Aus Odeffa wird geschrieben, daß der erste Betrag der Sammlungen für die Herzegowinischen Insurgenten, im Betrage von 4000 Rubeln, an den russischen Consul in Mostar abgegangen ist.
Zur Bewegung in Serbien bringt „Kelet Nepe" aus Schabatz folgendes Sensattons-Telegramm: „Der Prätendent Peter Karageorgiewich organifirle eine Legion und näherte sich mit derselben durch die Herzegowina und Bosnien der serbischen Grenze. Es ist gewiß, daß die Pforte Karageorgiewich unterstützt, denn dieser hat das Geld von Derwisch Pascha bekommen. Dies ist Thatsache und wirkt beunruhigend. Aus Serbien sind mehrere Getreue zu Karageorgiewich abgegangen; bei der Illoyalität der serbischen Regierung ist Alles zu befürchten." — Die „Presse" schreibt unter dem 14. September: „Heute gestehen auch die sla wischen Blätter ein, daß die bosnischen Insurgenten bei Veliki Strug eine vollständige Niederlage erlitten haben. Wie der „Politik" telegraphisch mitgetheilt wird, wären die Freischaren, nachdem sie Anfangs mit Erfolg gegen die Baschi-Bozuks operirt, schließlich von einer sehr bedeutenden Uebermacht umzingelt und geschlagen worden. DaS betreffende Telegramm beziffert die Verluste der Türken auf 200 Lobte und Verwundete, die der Insurgenten auf 50. UnS geht über dieses Scharmützel nachstehende Correspondenz zu: Alt-Gradisca, 11. September. DaS heute von 11 Uhr
Ei» Wiedersehen.
Novellette von D. ©, (Fortsetzung).
Sie ließ aus den Armen, bog sich zurück; ihre dunkeln Sotten rollten zu beiden Seiten der Stirn, der Halses; in der Rechten hielt sie eine schimmernde, weiße Blume empor. Ihre nachtschwarzen Augen schauten schwärmerisch verzückt, Triumph leuchtete aus ihren Mienen. Die weiße Blume schwankte zwischen beiden, süß berauschender Dust entquoll ihr, den Raum füllend, die Sinne verwirrend.
Und au« dem Nebel tauchten seltsame Formen und Gestaltungen verschwanden wieder. Wie in vollen Strömen zog erhöhte« L den durch Veronikas erweiterte Brust. O, eS ist schön, jung zu fein, mit durstig verlangendem Munde feine schäumende Fluch zu trinken! ES ist wieder wie sonst. „O Gegenwart, o Wonne des Daseins, selige Jugend, ihr seid ja. mein, ihr hattet mich nie verlassen! Verronnen, versunken die düsteru Trugbilder gespenstiger Jahre, vorüber der ängstliche Wahn; kein wogender Ocean, keine Trennung hat Therese von Veronika geschieden! Ich umfaffe dich, du drückst mir dir Hand! Frohe Wirklichkeit, süße Gewißheit! Wie konnten wir nur so lange schlafen, jo verworren träumen in dem allen Thurm!"
Wir steigen die lange Wendeftreppe hinunter, wandeln durch den Garten, den Park. Schwanke Zweige halten sie am Gewände, dunkler Epheu bekleidet die Mauern; Schloß Ormenau thut seine Säle seine traulichen Gemächer auf ---
Sie sitzen einander gegenüber in Theresens Zimmer, mit dem blumenumrankten Fenster, mit den Bildern, die wie alte Bekannte von den Wänden schauen. Ja, eS ist wie sonst, wie immer!
Auch so glücklich, so ssrgenloS, so vertrauend wie Immer) Woher die Schatten auf TheresenS Stirn, dies
gewaltsam strebende Sehnen in Veronikas Busen? Etwas Fremdes schwebt zwischen ihnen, etwas, das stummes Bangen, Zweifel und peinigende Unruhe über sie verhängt, sich zwischen ihre Freude bringt, sie nicht so fröhlich lachen läßt wie sonst. Sind eS die dunkeln Augen Edgar's? Warum folgen sie Veronika, statt Therefen, der ihm verlobten Braut?--
--Wie schimmern sie hell, die Kerzen, im prangenden Feftsaal deS Schlosses, in die Nacht voll schwankender Wipfel, Hangender Wolkengebirge hinein, die der Wind vorüberjagt 1 Drinnen wogt die entfeffelte Lust; wildfröhliche Musik, flatternde Blumengewinde, funkelnde Juwelen, wehende, Helle Gewänder, strahlende Augen, auf- und nievertauchend in des Tanzes phantastischer Verschlingung ! An der Hand des Tänzers schwebt Veronika, aufgelöst in Entzücken; ihre Füße scheinen nicht den Boden zu berühren. Wer ist Er, deffen Arm sie umschlingt, dessen Blicke zu ihr herüberflammen, deffen Äthern heiß ihre Wangen berührt? Edgar, der Verlobte ihrer Freundin! Sie zuckt zusammen; kältendes Weh bringt durch ihre innerste Seele. Mit kühner Hand hat er die Rose von ihrer Brust geraubt, drückt sie an ihre Lippen. Plötzlich, ein bleiches Gesicht, von blondem Haar umrahmt, taucht vor ihr auf. Oswald von Heilmann, sie kennt ihn wohl. Diese Augen, die jetzt so vorwurfsvoll auf sie blicken, dann zornige Blitze auf Edgar schleudern, wie schauten sie einst verstohlen, liebend innig auf ein schönes milde« Mädchenantlitz — Sidonie hieß jene« Mädchen mit den blauen, freundlichen Augen — wie war es nur? — Und die Musik füllt mit rauschendem TonzebrauS zwischen ihr angestrengtes Sinnen; wilder schlingt sich der Reigen, stürmt hinaus zum Saal, über den langen Eorridor, von lodernden Fackeln beleuchtet. Sie schwanken, wehen im Luftzug. Dir Paare tanzen in den Garten, mit seinen
Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags dauernde Treffen zwischen Insurgenten und Türken bei Delikt Strug, eine Stunde von hier, ist für die ersteren zum Vernichtungskampfe geworden. Von den Insurgenten enttarnen nur 15 Mann an das slavonische Ufer unversehrt. Die Anderen sind theil« tobt und verwundet auf dem Kampfplatz geblieben, zum kleineren Theile verwundet über die Save hierher gerettet worden. Die beiden Anführer Ostoja und Pezja, Beide bisher sehr berüchtigte und gefährliche Räuber, blieben tobt in einem Nachen, in welchem sie die Save übersetzen wollten, um das rettende Ufer zu erreichen. Ersterer erhielt die tödtliche Kugel mitten in die Brust, der Letztere in den Rücken in dem Augenblicke, als er au« dem Schiffe an ba« Land springen wollte. Ueber den Verlauf dieses Treffens, über die Zahl der im Kampfe engagirt gewesenen Türken und Insurgenten werde ich noch heute ausführliche Mittheilungen machen; das aber steht fest, daß durch den Tag von Veliki Strug die Jnsurrection im ganzen Nordwesten Bosniens vor der Hand wieder unterdrückt ist."
Deutsche» Reich. '
— Berlin, 16. Sept. Es ist jetzt endlich soweit gekommen, daß das Aeltesten Collegium der Berliner Börse sich genöthigt sieht, gegen die Exceffe welche dort vorkommen einzuschreiten. Vor einigen Tagen wurde nämlich oet Herausgeber der Berliner Börsenzeitung, wegen eines Artikels in jenem Blatte unter Gebrüll und Gejohle aus der Börse herauSgedrängt. Dieses Benehmen des Bodensatzes der Börse hat die allgemeinste Indignation hervorgerufen; das Treiben der Börse hat ohnedies in der letzten Zeit zu den ernstesten Betrachtungen Veranlassung gegeben. Man wird immer mehr davon überzeugt, daß die Börse in ihrer Entartung eine Eiterbeule unseres StaatSlebenö ist, die an dem Mark unseres Wohlstandes zehrt, und durch die betrügerischen Manipulationen, welche sich dort allmählich eingebürge.t haben, unser ganzes Geschäftsleben unterminiren. Erst vor kurzem hat daS Organ der Regierung, die „Prov. Correfp." in ernster Weise die Noth- wendigkcit einer Pacifieation der Börse dargelegt. Nach den letzten Vorgängen tritt diese Forderung mit evidenter Nothwendigkeit hervor; eS kann nicht mehr geleugnet werden daß sich an der Berliner Börse ein widerliche« Jobberthum breit macht, daS mit dem niedrigsten Pöbel an Rohheit wetieifc.t. Bon diesen der Börse zur Unehre gereichenden Existenzen läßt sich leider der bessere Theil förmlich terrori- firen, so daß man nur noch mit Verachtung von diesem widerlichen Treiben der Börse spricht. Von allen Seiten wirb daher im Jntereffe des Handelsstandeü selbst gefordert, daß sich die Börse von diesem Elemente befreie, und eine radikale Säuberung vornehme. DaS Aeltesten Collegium hat die Macht dazu, e« ist nur die Frage, ob eS düstern Ähaumpartieen, seinen farblosen Blumenbeeten, dem meitote» sich dehnenden Wege. Sie tanzen, an den Händen gftaßi sich haltend, wie getragen von Klängen. Alle «este sind mit farbigen Lampen behangen, die im Winde schaukeln und zitternde Hclle verbreiten. Die lange Reihe von Gestalten löst sich, zertheilt sich in Gruppen — hin und wieder Gelächter — einzelne, rufende Töne der Musik.
Still und einsam ist e« unter den Zweigen geworden; Veronika wandelt allein im Mondschein, ahnende« Bangen füllt ihr die Brust. Rosen glühen zwischen dem Laub her- vor, hauchen schwüle Düfte. An dem vollblühendsten Beete steht die Gestalt eine« Greises, seitwärts gewendet; feine weißen dünnen Haare wehen im Wind, ©ein Kops ist gesenkt, er verschränkt die Hände über ben Griff seines Stabes, stammelt abgebrochene Klagen; große, schwere Thränen rinnen über seine gefurchten Wangen.
„Was ist dir, alter Mann?" Sie näherte sich ihm, berührte seine Schulter. „Sage mir, was dich kränkt mein Mitgefühl soll dich trösten!" '
Er wendet unwillig, fast zürnend das Gesicht ihr zu. „Mitgefühl, Trost?" grollt er in sich hinein. „Junges Mädchen, was weißt du! Kannst du ihn fassen, den Schmerz eine« Vater«, einer Mutter über ein verlorenes Kind?* —
Und achtlos wendet er sich tiefer hinein in's Gebüsch; der gebrochene Laut seiner Klage, wie er im bitteren Herzeleid einen Namen ruft, bringt noch fern zu ihr.
Zwei Gestalten eilen seitwärts durch da» Dickicht vor- Über, immer schnelleren Schrittes. Athemlos folgte Veronika von weitem. Lähmende Angst hemmt den Fuß; sie will hinzustürzen, wehren, flehen und kann nur die Hände ringen. Sie Hirt die zornigen, lauten Stimmen der Männer — da — geradeaus thut sich ein freier Platz, eine Lichtung de« Parkes auf; die Beiden stehen sich hadernd, kampfbereit