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Sr. 317.

Markurg, Donnerstag, 16. September 1875.

x Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen:

* dir Expedtti»« d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Äaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Bögler in Krankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Mn rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Olmhrssilchc Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Erudition b. Blattes, sowie die Amwncen-Dureaur von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß. ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

«rscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdrulkerer) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 «art 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). - Jnserttonsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Psa.

__________________________________________Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht

Wir man hört, ist über dir Reise des Kaisers nach Italien noch nicht definitiv beschlofien; kurz vor seiner Abreise nach Schlesien hatten die Aerzte wieder einiges Bedenken, in Beziehung auf daS Befinden des Kaisers gefaßt, und wollen nun wohl abwarten, welchen Einfluß darauf die verschiedenen Manöverstrapatzen haben. Im Falle der Reise, welche übrigens der „Times" nach be­schlofien ist, werden den Kaiser der Reichskanzler und die Feidmar^chälle Moltke und Manteuffel begleiten.

An dem am 22. September vor dem Kaiser auf der Rhede von Warnemünde stattfindenden Flottenmanöver, wer­den zehn vollständig bemannte und armirte Kriegsschiffe theilnehmen; eS befinden sich damnter vier Panzerfregatten ersten Ranges. Die Manöver um Rostock herum werden vom 19—26 September dauern. Das IX. Armeecorps, welche» dieselben vollzieht, zählt 20,000 Mann. ES werden übrigen» sehr viele fremde Offiziere diesen Manöver« bei­wohnen, namentlich Schweden, Dänen und Rufim.

E» soll, wie verlautet, nicht in der Absicht des Reichs- kanzlerS liegen, mit dem AußercourSsetzen der Münzen zu schnell vorgehen zu lafien; für die einzelnen Münzarten sollen besondere Termine festgesetzt werden. Jede gesetzlich noch im Courö befindliche Münze muß auch im Geschäfts- und Privatverkehr zu dem gesetzlich festgestellten Werth angenommen werden; e« ist strafbar, Abzüge zu machen, und braucht Niemand solche anzunehmen. Die Prägung der neuen Münzen im ganzen geht recht schnell vorwärts; in der am 28. August beendeten Woche sind allein für Privatpersonen für 6,113,980 M. Doppelkronen in Berlin geprägt worden.

Unser Berliner —-Correspondent schreibt uns: Folgende hochwichttge Nachricht geht mir soeben aus g utunt e r- richteter Quelle zu: „Bon sreihändlerischer Seite wird der Nachricht, daß die Regierung die wirthschaftliche Lage einer genauen Prüfung unterwerfen, und geeignete Mittel zur Abhilfe de« NvlhstandcS beschließen werde, ein tenden­ziöse« Dementi entgegengesetzt. — Die Sache verhält sich ttotzdem so; der allgemeine Nothstand wird von der Sie- gierung in seiner ganzen Bedeutung gewürdigt, und auch über die Nothwendigkeit der.Abhilfe desselben herrscht allgemeine Uebereinstimmung. ES werden, wie mir positiv verstchett swird, umsafiende Vorbereitungen getroffen, um namentlich der traurigen Lage der Industrie und deS

Arbeiterstandes entgegen zu wirken. Ganz besonders aber sind für hervorragende Geschäftshäuser Kredite bei der SkeichSbauk in Aussicht genommen, um auf diese Weise das allgemeine Vertrauen wieder zu beleben, und auf diesem Wege auch einen neuen Aufschwung in den gegenwärtig so vollständig darnieder liegenden Handel und Verkehr zu bringen. — ES ist nicht anzunehmen, daß die Regierung sich durch die diffentirenden Stimmen der Freihändler von ihrem als nothwendig erkannten Einschreiten wird abhalten lafien, vielmehr außer diesen Maßregeln, die nur für den Moment berechnet sind, auch eine allgemeine Aenderung in der ganzen Handelspolitik eintreten lafien dürfte, um dadurch eine festere Grundlage für daS dauernde Wohlergehen unserer Industrie zu erlangen."

Wie man in Betreff des Gesetzentwurfs erfährt, der über die Verpflichtungen der Eisenbahnen gegen die ReichSpost gemacht werden soll, wird die Baden für die Leistungen der StaatSbahnm zu Postdienstzwecken zu gewährende Entschä­digung bis Ende 1879 weitergezahlt werden. Mit dem in Kraft tretenden Gesetz vom 1. Januar 1876 werden die von Baiern und Wüttemberg in dieser Beziehung stattfin­denden Leistungen keine Aenderung erleiden.

Man hatte immer gezweifelt daran, daß Holland sich vollständig und ernstlich der Anwerbungen für den Militär­dienst in seinen Colonien enthalte; so ist dieser Tage in Darmstadt der penstonitte holländische Major Steck unter dem dringenden Verdachte verhaftet worden, diese Anwer­bungen heimlich fottzusehen.

Der Aufstand in der Herzegowina scheint noch ein eigenthümliches Nachspiel in Oesterreich zu finden. Be­kanntlich hatte es Anfangs den Anschein, als ob Oesterreich sich mit aller Kraft in die orientalische Frage hineinwerfen und dort eine Politik der Action nach längerer Lethargie inauguriren wolle. Inzwischen ist eS bei dem guten Willen geblieben, und nichts davon zur Ausführung gekommen. Es läßt sich nicht mehr vertuschen, daß der Dualismus für die Action nach außen hin sehr bedenklich ist, und sich namentlich in dieser Frage als ein großer Hemmschuh be­wiesen hat. Die Deutsch-Oesterreicher mit Ausnahme jener „Weltblätter", welche sich in der türkischen Gesandtschaft Rath erholen, waren nicht abgeneigt, Oesterreichs Einfluß an der unteren Donau auSzudehnen, und Bosnien und die Herzegowina einzuverleiben. Dieser Wunsch stieß aber bei den Magyaren auf entschiedene Hindernifie. Diese wollen

von einer Verstärkung deS slavischen Elements nichts wifien, und bekämpfen die Actionspolttik mit aller Energie. An- drafiy gab dem Drängen seiner Landsleute nach, und lehnte jede Action und jede Ausdehnung deS österreichischen Ge­biets ab. Die Folge davon ist, daß in Oesterreich selbst sich eine große Verstimmung gegen Ungarn Bahn bricht. Man ist schon längst der Hegemonie der Magyaren über­drüssig, und empfindet jetzt ganz besonders die großen Nachtheile, welche die einseitige und kurzsichtige Politik der Ungarn für Oesterreich mit sich bringt. ES ist daher sehr wahrscheinlich, daß schon in den nächsten Delegationen diese Stimmung zum Ausdruck kommen wird, sowie der Versuch gemacht, eine Aenderung in der Verfassung der beiden Länder zu machen. Man erkennt es nämlich jetzt ganz deutlich, daß Oesterreich durch den Dualismus jenen Hemmschuh erhalten hat, der geradezu seine Großmacht- stcllung gefährdet und sein Ansehen in Europa schädigt.

Die Consuln der auswärtigen Mächte werden sich zu den Führern der Insurgenten begeben, um diesen die Ueberzeugung beizubringen, daß sie auf Unterstützung weder von Seiten der auswärtigen Mächte, noch der Donau- fürstenthümer irgend Unterstützung zu erwarten hätten, und dieselben zugleich dringend zu ermahnen, ihre Beschwerden dem türkischen Commissar vorzulegen. Die Consuln Deutschlands, Oesterreichs und Italiens werden von Mostar aus der österreichischen Grenze entlang reifen, während die Consuln Frankreichs, Englands und Rußlands durch das in Aufstand begriffene Gebiet gehen werden. Am Mittwoch oder Donnerstag werden die Consuln in Stolatz mit Ser­ver Pascha zusammentreffen, um diesen von dem Resultat ihrer Bemühungen zu benachrichtigen. Im Falle eine» nicht vollständig genügenden Erfolges dieser Mediation soll Server Pascha den Insurgenten in einer Proklamation Erledigung ihrer Beschwerden versprechen, wenn diese die Waffen bis zu einer gegebenen Frist niederlegen.

Deutsche» «eich.

•• Berlin, 14. Sept. Einen großen Theil der Ber­liner Zeitungen füllen die Berichte aus Schlesien über den Empfang und die Anwesenheit des Kaisers in dieser Provinz. Aus allen diesen Kundgebungen gehtunzweifelhaft die treue Anhänglichkeit der Schlesier an den Monarchen hervor — Der Stapellauf der Panzerfregatte „Großer Kurfürst" wird am 17. d.MtS. stattfinden. Den Tausact wird der Groß-

Ei« Wiedersehen.

Rovcllette von D. 6.

„Aber lieb' Großmütterchen, du stehst auch gar nicht meinen hübschen Kranz an 1"

Die kleine Elfriede sagte eS halb schmollend, halb bittend, nachdem sie daS vollendete Gewinde mit ihren weißen Händchen schon minutenlang der sonst so Anthcil- nehmendeu emporgehalten hatte, zu deren Füßen sie auf einem Schemelchen saß.

„Sieh' doch nur einmal her, wie allerliebst l Lauter rothe Tausendschönchen, mit den runden Köpfchen dicht aneinander, und noch dazu wollte ich ihn dir schenken; aber nun, da du gar nicht Acht gibst, will ich ihn selber behalten I"

Die Kleine sprang mit kindlicher Lebhaftigkeit empor, ließ die übrigen Blumen achtlos aus dem Hellen kurzen Kleidchen zur Erde fallen und enteilte in den Garten, die beiden Geschwister aufzusuchen, beten lachende Stimmen man von dem Pavillon ans bald näher, bald entfernter hören konnte.

Heiter und sonnig in der Ernennung des in den Sommer übergehenden Frühjahr« lag der ©arten in der späten Nachmittagsstunde da mit seinem Reichlhum von vielfarbigen Blumenbeeten und schattig grünen Bosquets, zwischen denen drei blühende Kindergesichter dann und wann hervortauchten und verschwanden, während die be­aufsichtigende Bonne sich in ihre Spiele mischte.

Es waren die Kinder der jungem Baronin von Er­bach, welche mit dem ältesten Sohne der Schloßherrin vermählt, die schönen Sommermonate auf dem Landsitze der Schwiegermutter zubringen wollte und schon frühzei­tiger, al» sonst wohl geschehen wäre, sich eingestellt hatte, indem ihr Gatte, auf einer längern Reise abwesend, sie hier aufsuchen und abholen wollte. Einstweilen gefiel sich die Frau in den Annehmlichkeiten bet nach dem Geräusch bet städtischen Wintervergnügungen doppelt wohlthuenden Ungezwungenheit und Stille im Schoo» einer reichen Natur, welche durch ihre reine Luft, ihre schönen Fern- stchten und lvhnmdm Spaziergänge für die etwa mangeln­den Freuden der Geselligkeit Ersatz bieten konnte. Jedoch war man auch nicht genöthigt, gänzlich auf diese zu ver->

zichten. Die gastfreie, edle Besitzerin des Schlosses, Frau Veronika von Erbach, sah und empfing oft Besuch, der sich in die hergebrachte gemüthliche Sitte des Hauses zu schicken verstand, und die Gegenwart ihrer einzigen Tochter Sidonie, ihres jüngsten Kindes, die jetzt allein noch bei der Mutter weilte — die Söhne sprachen nur jezuweilen als erfreuende Gäste vor, — trug nicht am wenigsten dazu bei, den Aufenthalt hier lockend und angenehm er­scheinen zu lafien.

So saßen denn die drei Damen, Großmutter, Schwie­gertochter und Tochter in dem mit geschmackvoller Aus­stattung versehenen, mit Gruppen herrlicher Blattpflanzen und prächtiger Blumen anmuthig ausgeschmückten Pavillon, defien Glasthürm nach dem Gatten zu geöffnet standen. Sie waren mit verschiedenen leichten Handarbeiten be­schäftigt; ein eleganter Tisch neben ihnen trug Bücher und Broschsiren, während die Düfte des herannahenden Abends zu ihnen hereinzogen. Ein junger Mann, ihnen gegen­über, lehnte mit der vertraulichen Stellung eines Haus- freundes im Sessel. Er schien vorgelesen zu haben; seine Hand blätterte noch mechanisch in einem jener schimmern- ben Büchet, die so gut zu Blumen und Wohlgerüchen und all den zierlichen Kleinigkeiten auf einen Damentifch paffen. Ihm zunächst faß die Herrin des Hauses, über die Mit- tagslinie des Lebens hinaus, aber durch den warmen Aus­druck ihrer Züge, welche durch blaue, glänzende Augen belebt wurden, durch schöngeformte Hände und die anmu chige, mehr kleine als große Figur, die gewöhnlich jugend­licher erscheinen läßt, als noch immer eine gefällige Er­scheinung. Wenn der Blick von ihr zu der blühenden Tochter flog, konnte man die Aehnlichkeit nicht verkennen, und vielleicht stellte der junge Herr von Heilrnann eine solche Vergleichung an; nur waren dabei seine Blicke schon minutenlang auf Sidoniens Zügen haften geblieben, wobei seine sonst friedlichen, hellgrauen älugen ein ganz beson dereS Feuer und Leben gewannen. Vielleicht bemerkte nut d» Schwiegertochter der Baronin, Clementine, die in Schauen versunkene Richtung.

Ein leise», schalkhaftes Lächeln spielte um ihre Lippen und sie wendete sich halb seitwärts, um das junge Mädchen zu beobachten. Diese» jedoch schien unter ben langen Wim

pern hervor nur auf die bunte Stickerei in ihren Händm zu schauen und die Mutter hatte, augenscheinlich in Ge­danken mit etwas anderem beschäftigt, der Lectüre von An­fang an nur eine äußerliche Aufmerksamkeit zugewendet. Ihre sonst offenen, frmndlichen Züge hatten einen Aus- druck peinlicher Spannung angenommen, welche sich je länger je mehr zu steigern schien, obgleich die köstliche Ruhe des schönen Abends zu beschaulichem Genüsse, zu süßer Träu­merei einzuladen begehtte. Mit einem tiefgeholten Seufzer der Ungeduld erhob sie sich jetzt vom Sessel und schritt rasch der Pforte des hochgelegenen Gartens zu, welche eine Uebersicht auf die Landstraße frei ließ, um, wie sie feit einigen Tagen schon oft gtthan, in die Ferne zu spähen, soweit dies die von Baumgruppen und Häusern freundlich belebte Gegend gestattete. *

Mit umdüstettem Blick stand die Sinnende, in Warten und Schauen verloren, die Stirn an das Gitter von Eisen­guß gelehnt, lange Zeit. Nicht die staubige Landstraße, das heitere, schimmernde Land der Jugend, durch lebendige Erinnerungen, die ein Brief wieder wach gerufen, herauf- beschworm, log vor ihr, lockend ouSgebreitet, von all dem süßen Zauber umsponnen, der auf dem Verlorenen, dem Unwiederbringlichen ruht. Sie sah sich wieder in die däm­mernde Ferne, in schöne, längst entschwundene Tage versetzt, mit der geliebten Jugendgespielin vereinigt. Der schalkhaft lächelnde Blick Therestens, ihre dunkeln Locken, der Helle Klang ihrer Stimme, die schlanke Gestalt mit den raschen, graziösen Bewegungen tauchten vor ihrem inneren Schauen empor. Sie selbst, blond und träumerisch, Hingebung im blauen Auge, hing an dem Arm der Feurigen, Anmuthigen glücklich, sie gefunden zu haben, in deren warmer Freund- schaft das Verlangen des schon jung vereinsamten, nach Liebe dürstenden Herzens so reiche Befriedigung sand. Sie freuten sich, sie trauerten zusammen; sie tauschten wieder die Ergüsse des ersten, staunenden Jubels übet all da» Große und Schöne in der Welt, das ihren frischen Sinnen sich aufthat; in holder Schwärmerei ergossen sich die Seelen ineinander, unzertrennlich, Eins in ihrer Liebe. Die früh verwaiste, bei Verwandten lebende Veronika theilte ohne Erröthen den Reichthum, ten Glanz, wovon Therese um­ringt war, welche, von mütterlicher Seite aus der schönen