Mr. 21«
Atarburg, Sonntag, 12. September 1875.
X Jahrgang.
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PEfchk Wochkn-Ukbcrficht.
Die Justizcommission deS Reichstags, die seit dem 2. September in Berlin die Vorberathung der Strafprozeßordnung wieder ausgenommen hat, wird allerdings durch die so nahe Eröffnung des baierischcn Landtages einigermaßen bedrängt, da sie sechs ihrer Mitglieder nach München wird entlassen müsien und kaum noch alle ausstehenden wichtigen Streitfragen der Strafprozeßvorlage bis dahin wird erledigen können, die Berathung der Gerichtsverfassungsvorlage also zu vertagen sich jedenfalls genöthigt sehen dürfte. Der Kaiser reiste Donnerstags mit dem Kronprinzen, der Kronprinzessin und anderen Prinzen und Fürstlichkeiten zu den großen Manövern nach Schlesien ab. f
Die Häuser des ungarischen Reform - Reichstags sind noch in den Vorbereitungen zu ihren wichtigen parlamentarischen Arbeiten begriffen. Jndcß die Organe) der großen regierungsfreundlichen Majorität deS Abgeordmtcn- hausc» die kaiserliche Thronrede im Ganzen mit Befriedigung begrüßen, vermiffen die Organe Sennyey's und der conservativen Opposition in den Reform Vorschlägen allen bestimmten Gehalt. Ghyczy ist zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt und die Verhandlungen über die LntwortS-Adreffe werden bald beginnen.
Die Räche der schweizerischen Bundesversammlung sind am Montag (5. Sept.) zusammengetreten und werden fich zunächst mit dem Banknoten- und dem Militärsteuer- gesetz beschäftigen. :
Der Kronprinz von Italien hat sich zumGelehrjen- Eongreß nach Palermo begeben und ist von der Bevölke- «mg mit großem Jubel empfangen worden. Der König hat in Mailand eine große Truppenschau abgehalten. *
Im ständigen Ausschüsse der französischen Natio- nal»Versammlung kam am 2. d. bafl Verfahren des Prä fetten von Lyon, Durros, zur Sprache. Der Minister be» Innern, Buffet, wagte, ihm noch das Wort zu reden, obschon erwiesener Maßen di« strafbarsten Dinge dort vvr- gegangen waren. Auch für das bonapartistische Blatt „Pays" nahm er Partei und fand e» gar nicht so schlimm, daß man diejenigen Deputirten, welche für die republikanische Berfaffuug gestimmt hatten, „Verbrecher" nenne, da ja auch andererseits die Clerikalen als „StaatSverräther" bezeichnet würden. Wenn auch die Republik augenblicklich die anerkannte Staatsform Frankreichs ist, darf man sie doch ganz nach freiem Belieben beschimpfen. Die belgischen Pilger, denen sich der deutsche Graf Stolberg mit einigen 30 Ge «offen augeschloffen hat, sind am 7. d. richtig durch Paris gekommen, um nach Lourdes zu gehen. General Frossard, der ehemalige Gouverneur des kaiserlichen Prinzen und 1870 der erste General, der mit den Preußen (bei Saar drücken) in Berührung kam, ist dieser Tage gestorben.
Vom spanischen Kriegsschauplätze wird gemeldet, daß die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten in Navarra, wo doch schließlich die EntsHetbung fallen muß, in nächster Zeit zu erwarten sei; der Oberbefehlshaber der Nordarmee,
Seinestreich riurS Künstlers.
In einem der rcnommittesten Gasthöfe Prags saß eine fröhliche Männergesellschaft beim Diner. Man feierte den zehnjährigen Bestand eines Spielclubs durch rin Festmahl, zu dem sich auch mehrere Schauspieler de» dortigen Theaters ««gefunden hatten.
Dem vortrefflichen Rheinwein war gut zugesprochen worden, und der jetzt knallende Schaumwein ließ die sonst schweigsamsten Lippen überströmen von Witzworten und Anecdotm, die, wenn auch schon oft erzählt und gehört, in dieser Stimmung ein homettsche» Gelächter Hervorrufen. Mit wenig Witz und viel Behagen hatte so eben ein kugelrunder, rothhaariger Rittmeister sein Paradepferd, eine uralte Geschichte, die bei ähnlichen Anlässen herhalten mußte, vorgeritten. Da» dankbare Publikum applaudirte, der ge schmeichelt« Erzähler schüttelte sich vor Lachen, so daß sein volles Bäuchlein wackelte, leerte sein Glas und schmunzelte vor Vergnügen, auch etwas zum allgemeinen Besten bei« getragen zu haben.
„Bravo, altes Haus!" tief ein krausköpfiger Student, au» deffen Augen Jugend und Uebermuth leuchttte, dem Rittmeister Beifall zu. „Aber, Du, Wilhelm," wandte er sich zu dem ihm schweigsam gegenüber sitzenden Gaste, „willst denn Du uns gar nicht« zum Besten geben? Du bist ja stumm wie ein Fisch. Ich glaube gar, Du bist eifersüchtig auf den pikanten Vortrag deS Rittmeisters. Komm, stoß' einmal an. Fort mit den Grillen l ES lebe da» schönste- Weib unter der Sonnt, Deine Collegin, Her mtn« I"
Der Angeredete war der Schauspieler Kläger, der verwöhnte Liebling de» Prager Publikums, ein genialer Künstler,
General Quesada, ist schon in dem Lager vor Estella ein- getroffen. “
Während die Untersuchung über den Zusammenstoß zwischen der königlichen Dacht „Alberta" und der Privat- Yacht „Mistletoe" noch in der Schwebe ist, wurde England in der vergangenen Woche durch ein neues Unglück zur See in Aufregung gesetzt. An der irischen Küste bei W cklow versank in der Morgenfrühe vom 2. September das Kriegsschiff „Vanguard", nachdem ein anderes Kriegsschiff, der „Jron Duke", ihm während eines dichten Nebels durch Ausrennen ein Leck beigcbracht hatte, durch welches das Waffer unaufhaltsam eindrang. Beide Schiffe gehörten zu dem in den irischen Gewäffern kreuzenden Reservegeschwader, beide waren Panzerdampfer von ungefähr 6000 Tonnen und mit 14 Kanonen ausgerüstet. Der Zusammenstoß gab ein Bild von einem Seckampfe zwischen ebenbürtigen Gegnern und bewies, daß bei Widderschtffen der Angreifende in einem ganz ungeheuren Vortheil ist.
In Schweden sind augenblicklich die Wahlen zum Reichstag im Gange. Nach dem Gesetz vom 22. Juni 1866, welches die Volksvertretung in zwei Kammern zerlegte, hat die erste Kammer jetzt die Hälfte ihrer Mitglieder, 54 an der Zahl, zu erneuern. Von den kleineren Landelgenthums besitzern haben 5 bereits Platz darin; man glaubt, daß sie es bis auf 25 bringen werden.
Der Kaiser vonRußland und der Herzog von Edin- burg sind von Moskau am 4. d. M. nach Petersburg zn- rückgekehrt. Eben dort ist auch ein Kaschgare, Machmud Jakub, der früher einmal al» Gesandter des KhanS bei der Pforte bestellt war, eingetroffen; da er indessen vor Ausbruch der Revolution in Kokand Kaschgar verlassen, so hat er jedenfalls über diese neueste Wendung der Dinge in Centralasten keine genügende Anweisung und Vollmacht.
Rach Eröffnung der griechischen Kammern ist König Georg nach Korfu gereist, wo et mit seiner Familie die Hcrbstmonate verleben will.
Nachdem die Pforte endlich vollen Ernst gemacht und gegen den Aufruhr in der Herzegowina mit der Faust nicht bloß gedroht, sondern dreingeschlagen hat, stnd die Banden flüchtig und ihre Führer unsichtbar geworden. Die türkischen Truppen durchstreifen in allen Richtungen das Land, fast nirgends stoßen sie mehr auf bewaffneten Widerstand; wohl aber kommen von allen Seiten Bittsteller und Gnadeflehende. Die Ruhe scheint somit wieder hergestellt zu fein. Auch sollen sich in Serbien die EinmischungSgelüste abkühlen, seit man dort die Ueberzeugung gewonnen, daß Seitens der christlichen Mächte für den Fall serbischer Einmischung der Pforte ganz freie Hand würde gelassen werden und weiterer Schutz durchaus nicht zu erwarten sei. ES beginnt nunmehr das eigentliche Amt der internationalen Commission, welche in Mostar darüber zu berathen hat, waö für die Befestigung friedlicher Zustände zu thun sei. Server Pascha soll im Namen der Pforte öffentlich verkünden, daß kein Einwohner fernerhin mehr bedrückt und der seine Gewalt
ein vortrefflicher Mensch, ein fröhlicher Gesellschafter, aber — ein verbummeltes Genie. Beim Saft der Reben vergaß Klä,er Zeit und Ewigkeit, und was für ihn noch schlimmer war, zuweilen auch die Theaterproben und Vorstellungen. Der Direttor und feine Kollegen hatten ihm gegenüber einen schweren Stand, da Kläger die tollsten Streiche auf und außer der Bühne begehen durfte, und das Publikum ihm dennoch bei feinem Erscheinen, bei seinem ersten Wotte zujauchzte.
Seit langer Zeit war die gute Laune des Künstlers geschwunden. Familienunglück und die damit verbundenen Schuldm belasteten fein Gemüth. Heut schien er sehr mißgestimmt, er war nüchtern und ernst geblieben inmitten der fröhlichen Gesellschaft, hatte nur nippend Bescheid gegeben auf den Gruß seiner Freunde und Collegen, und ihre Necke- reien über seine Schweigsamkeit gutmüthig belächelt.
Mil diesem Bescheid war sein junger Freund, der Student, (rbet nicht zufrieden.
„Was zum Teufel, Kerl, hast Du vor? Ich fordere Dich auf Pistolen, wenn Du nicht gleich Dein Glas aus trinkst I" rief er aus, und goß das Glas Klägers voll, daß eS überschäumte.
Der vom Wein angefeuerte Nachbar desselben sagte kopfschüttelnd: „Weiß der Himmel, waS in den fröhlichen Menschen schon seit Wochen gefahren ist 1 Er ist nicht mehr zu erkennen. Sagen Sie, fieber Kläger, zum wie vielten Male sehen Sie jetzt auf ihre Uhr? Sie haben ja noch eine gute Stunde Zeit, ehe Sie zum Theater mflffen."
Kläger hatte schweigend sein Glas geleert, und erhob fich jetzt.
„Nmr, bat Habe ich nicht! Es thut mir leib, Ste
mißbrauchende Beamte strengstens bestraft werden soll. Den Irregeleiteten wird Gnade gewährt, die Rädelsführer aber und Aufwiegler werden deö Landes verwiesen.
Die s e r b i s ch e Skupschtina, welche das neue Ministerium mit Hochrufen aus den Fürsten begrüßt hat, sollte am Donnerstag vom Fürsten eröffnet werden. Ihr von der Regierung bestätigter Vorsitzender Kaljewic ist Mitglied der Omladina.
Tagesbericht.
Der Kaiser hat am 7. d. M. die in Berlin auf der Durchreise befindlichen Botschafter in Paris und Petersburg, Fürst Hohenlohe und Prinz Reuß, empfangen. Der erstere kehrt von seiner Besitzung Aussee in Steyermark zurück, letzterer ist bereits wieder nach Petersburg obgereift. Der Empfang der Botschafter bei ihrer Anwesenheit in Berlin ist zwar selbstverständlich, wird aber doch bei der jetzigen politischen Lage mehr bemerkt als sonst, und man legt eine gewiße Bedeutung darauf, daß Fürst Hohenlohe dem Reichskanzler einen Besuch in Varzin macht.
Die Regelung der Verhältniffe zwischen der Reichspost und den Privateisenbahn-Gesellschaften wird den Gegenstand eines Gesetzentwurfs bilden, welcher noch in dieser Session vor den Reichstag kommen dürfte. Die Post nimmt nämlich das Recht für sich in Anspruch, daß ihr Bries- und Paketverkehr von den Lahnen gratis befördert werden. Die Privatbahnen haben schon vor längerer Zeit erklärt, daß sie bei ihren geringen Gewinnerträgniffen diese Verpflichtung nicht auch noch auf sich nehmen und laßen könnten. Die Einstellung von Postwaggons verursache einen so erheblichen Kostenaufwand, daß sie eine Entschädigung dafür beanspruchen müßten. Ans Grund dieser Beschwerden ist ein Gesetzentwurf unter Mitwirkung deS Generalpostamts ausgearbeitet und den Bundesregierungen bereits mitgetheilt worden. Die Annahme deßelben im Bundesrath ist gesichert und auch im Reichstage dürfte die Vorlage auf keine Schwierigkeiten stoßen.
Der CultuSminister hat die Provinzial - Schulcollegten durch einen Circularerlaß aufgefordert, den Direktoren und Lehrern an höheren Lehranstalten die Mittheilung über das Stattfinden von öffentlichen Prozessionen an Lehrer und Schüler, sowie die Betheiligung der Anstalten als solche an ihnen, und das Einnehmen bestimmter Stellen in denselben zu untersagen.
In Betreff der Jagdgesetzgebung stehen sehr wichtig« Reformgesetze für die nächste Session d«S Landtage« in Aussicht. Die Vorbereitungen dazu sind im Ministerium für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten seit längerer Zeit begonnen. Doch wird man sich dabei sehr schwierigen Fragen gegenüber finden, an deren gesetzmäßiger Regelung frühere Versuche schon gescheitert sind. ES ist, wenn auch niemals öffentlich ausgesprochen, doch ziemlich allgemein bekannt, daß die Meinungsverschiedenheit über das Jagdgesetz, welche zwischen dem früheren landwirthschastliche Mnister Grafen Königsmarck und dem Fürsten Bismar^ verlaßen zu müßen, mein lieber Herr von Z., aber heute gilt eS pünktlich sein, meine Zeit ist um.
Der Student erhob sich, und machte Miene, ihn zurück zu halten.
„Laß mich Karl," sagte der Künstler. „Heute ist der Tell; ich muß zu Anfang deS Stücke« im Theater sein, und nüchtern dazu. Du weißt, wenn ich ein paar Gläser getrunken habe" ...
„Dann hat bet Löwe Blut geleckt, dann fitzest Du bei der Flasche fest! — Unsinn I Du wirst den Geßler nicht halb so gut spielen, wenn Du nüchtern bist. Nimm bein GlaS. ES lebe di« SchauspeilerkunstI Nun, wird« bald?" — Nur zu gern that der Künstler diesem Toast Bescheid, dem alle Gäste lärmend bestimmten.
„Aber jetzt laßt mich, Kinder," sagte Kläger, sich abermals erhebend. „Ich habe keine Zeit zu verlieren. Einem so seltenen Gaste wie HendrichS muß ich ba« Opfer Eurer Gesellschaft bringen.
Aber umsonst! Von allen Seiten wurde et bestürmt zu bleiben. Ein« Stunde verrann, und Kläger, der aus'« Neue Platz genommen, und dem Champagner kräftig zugesprochen halte, war er in heiterster Stimmung.
Ein älterer Schauspieler, ein Freund Klägers trat eilig ins Zimmer. „WoS willst Du Fernando so trüb und bleich, Du bringst mir traurige Mährl" bettamirte der Künstler vom Wein erregt.
„Um Gotteswillen komm, eS ist die höchste Zeit, ich gehe jetzt, und habe im vierten Act erst zu thun. Es ist sechs Uhr!"
Er stand auf, trank hastig ein GlaS Waßer und wollte gehen.